Lola rennt
Tom Tykwer - Franka Potente, Moritz Bleibtreu
Das Leben ist das Ergebnis einer endlosen Kette von Zufällen. Jeder einzelne Tag könnte in unzähligen Variationen verlaufen, doch nur eine davon wird Wirklichkeit. Von all den anderen Möglichkeiten bleibt uns meist nur eine vage Ahnung. Schon unsere eigene Existenz beruht auf Zufall. Wäre vor dem Moment unserer Zeugung auch nur eine Kleinigkeit anders geschehen, gäbe es uns nicht. Gleichzeitig beeinflusst jeder Mensch mit seinem Leben das Leben anderer Menschen, die wiederum auf weitere Menschen einwirken. Alles hängt miteinander zusammen, oft ohne dass wir es bemerken.
Genau von diesen Möglichkeiten erzählt
Lola rennt. Dass ausgerechnet Lolas Geschichte erzählt wird, wirkt dabei fast selbst wie ein Zufall. Gleich zu Beginn wird sie gewissermaßen aus einer anonymen Menschenmenge herausgelöst. Genauso gut hätte der Film von Frau Jäger, Herrn Meier oder irgendeinem anderen Berliner handeln können.
Es ist ein heißer Sommertag in Berlin. Manni hat einen fatalen Fehler gemacht. Als Geldkurier eines Gangsters verliert er in der U Bahn eine Tasche mit 100.000 Mark. Wenn er das Geld nicht innerhalb von zwanzig Minuten auftreibt, ist er so gut wie tot. In seiner Panik ruft er seine Freundin Lola an. Lola liebt Manni bedingungslos und macht sich sofort auf den Weg, um ihm zu helfen. Ihre einzige Hoffnung ist ihr Vater, ein Bankdirektor.
Dreimal läuft Lola durch Berlin und dreimal entwickelt sich alles anders. Jede dieser Variationen entsteht aus einer scheinbar unbedeutenden Begegnung im Treppenhaus, als Lola an einem Jungen mit seinem Hund vorbeikommt. Dieser kleine Moment verändert jedes Mal den weiteren Verlauf der Geschichte. Lola begegnet denselben Menschen mal ein paar Sekunden früher, mal ein paar Sekunden später. Dadurch verschieben sich plötzlich ganze Ereignisketten. Nicht nur Lolas Schicksal verändert sich, sondern auch das Leben der Menschen, denen sie begegnet. Besonders originell sind die kurzen Fotosequenzen, in denen man einen Blick auf die Zukunft dieser Nebenfiguren bekommt. Mit wenigen Bildern erzählt Tykwer ganze Lebensgeschichten.
Parallel zu den Möglichkeiten des Lebens zeigt der Film auch die Möglichkeiten des Kinos. Unterschiedliche Stilmittel werden miteinander vermischt, ohne dass es jemals beliebig wirkt. 35 mm Film, Videoaufnahmen, Zeichentrick, Zeitlupe, Zeitraffer, Schwarzweiß und Farbe greifen ineinander und erzeugen einen ganz eigenen Rhythmus.
Die Dynamik des Films ist beeindruckend. Die Schnitte sind schnell, manchmal geradezu atemlos. Unterstützt wird das Ganze von einem treibenden Techno Soundtrack, der perfekt mit den Bildern harmoniert. Selten passen Musik und Film so gut zusammen wie hier. Das Keuchen von Lola, das Echo ihrer Schritte und ihr ständiger Vorwärtsdrang spiegeln sich direkt in den Beats wider. Während man Franka Potente durch die Straßen Berlins rennen sieht, entsteht fast automatisch das Bedürfnis, selbst loszulaufen. Der Film entwickelt eine Energie, die einen komplett mitzieht.
Auch die Besetzung ist hervorragend. Moritz Bleibtreu macht Mannis Angst und Verzweiflung jederzeit glaubwürdig. Franka Potente verleiht Lola genau die richtige Mischung aus Entschlossenheit, Verletzlichkeit und Kraft. Ihre Liebe zu Manni wirkt echt und genau deshalb fiebert man bei jedem neuen Durchlauf wieder mit.
Ich kenne kaum einen anderen deutschen Film, der mich so mitgerissen hat wie
Lola rennt. Der Film ist spannend, stilistisch mutig und gleichzeitig überraschend klug. Wer sich für die kleinen Zufälle interessiert, die über unser Leben entscheiden können, und wer mit schnellem Tempo und Techno etwas anfangen kann, wird hier ein echtes Highlight des deutschen Kinos entdecken.