The Wheel (Besh-Gorgon-System)

The Wheel-Landebucht 5-B- Bei der Revenger- mit Essam und P-B6 und den anderen beiden Droiden- Otto in seinem Büro

Der Grosse brauchte also auch eine Idee und profitierte-ebenso wie sie selbst- von dem Bonus, dass sie nicht gesucht wurden, weil man sie für tot hielt. Thatawaya grinste.

“Totgeglaubte leben länger, oder wie war der Spruch? Wir können uns das wunderbar zu Nutze machen”

Dazu kam, dass die meisten Angestellten beim Imperium menschlich waren und so wie Menschen für sie alle gleich aussahen, so sah sie wohl aus wie jede andere Fosh. Zumindest für andere Spezies. Für Essam galt vermutlich das selbe. Definitiv ein Vorteil. Essam erzählte, dass er unter Felsen begraben aufgewacht war. Thatawaya mahlte mit dem Schnabel.

“Mich hat man schwer verletzt allein auf Ziost zurück gelassen. Die glauben nie, dass ich noch lebe. Geschweige denn die Flucht von dort geschafft habe. Drum wage ich diese Aktion überhaupt. Bis die mir auf die Schliche kommen, bin ich eines natürlichen Todes gestorben irgendwo in dem Wissen, den Bewohnern dieser Pyramide die Hölle bereitet zu haben.”

Ihr Federkamm wurde quietschgrün bei der Vorstellung und erneute erfüllte Ungeduld ihre Brust. Sie konnte es kaum erwartet, den Anschlag durchzuführen. Ob ihre letzte Ration schon für Unruhe gesorgt hatte?
Essam bezeichnete die Sith als fehlgeleitete Narren, die an Stärke und Grausamkeit glaubten. Thatawaya sah ihn an.

“Mein….Meister fühlte sich auf jeden Fall so, als wäre er weit über allen anderen. Arrogant und überheblich. Ich hoffe vor allem, dass ich ihn mit meinem Gift treffe.”


Vielleicht sollte sie es wagen, ihn in seinem Quartier zu besuchen. Allerdings würde sie sich damit auf jeden Fall verraten. Also verwarf sie den Gedanken wieder. Sie musste einfach die Bactalieferungen vergiften und hoffen, dass er eine Behandlung damit bekam. Aber die Vorstellung vor ihm zu stehen, während er sich vor Krämpfen und Schmerzen am Boden lag oder sogar ganz gelähmt handlungsunfähig zusehen musste, wie sie ihn lebendig ausweidete war schon angenehm. In dem Moment stutzte Thatawaya und sah Essam skeptisch an. Er hatte was gegen die Grausamkeit der Sith? Zum Glück kannte er die Bilder nicht, die in ihrem Kopf ihre Bahnen zogen. Sie war auch grausam, aber sie wollte den Sith ihre Dienste nicht mehr zur Verfügung stellen. Verräterisches Pack.

“Wir werden ihnen zeigen, dass sie genauso angreifbar sind wie alle anderen. Das tut ihnen auch mal gut.”

grummelte sie und prüfte den Sitz der kleinen Umhängetasche, in denen sie die Credits verstaut hatte. Essam bestätigte, dass er bereit war und sie nickte.

“Dann los.”

Damit gingen sie los, die Station erkunden. Thatawaya kannte sich hier garnicht aus. Eigentlich kannte sie sich nirgendwo gut aus. Ausser inzwischen vielleicht auf Ziost oder auf Bastion rund um die Stadt. Sie mussten sich also rumfragen und es dauerte eine ganze Weile, bis sie alles hatten. Thatawaya betrachtete ihre beiden IDs , einmal mit dem Namen Thatawaya und einmal mit dem Namen Velkara. Die Holos waren natürlich identisch und die Menschen würden eh keinen Unterschied erkennen. Ob ein Computer oder Droide da besser war, würde sie noch ausprobieren müssen.
Nachdem sie ihre IDs in der Tasche hatten, ging es darum, die Labor-Ausrüstung zu besorgen. Spritzen zum Injizieren des Gifts in die Bacta-Packungen. Thatawaya fand sogar etwas, womit sie das Gift konzentrieren konnte, was das Verteilen einfacher und das Leid für die Sith grösser machen würde. Begeistert bezahlte sie den sicher viel zu hohen Preis für das Set, aber das erschien ihr praktisch.

“Also, was brauchen wir noch?”

fragte sie und sah Essam fragend an.

“Hilfe!”

Sie musterte die vielen verschiedenen Wesen um sich herum. Aber Otto hatte sich ja umhören wollen. Dann fiel ihr Blick auf Essam.

“Und Kleidung für dich.”

Thatawaya hatte Federn und brauchte jetzt nicht unbedingt Stoff über ihrem Federkleid. Anders als viele andere Lebewesen war sie eigentlich niemals wirklich nackt. Es sei denn , sie war krank oder irgendwas war vorgefallen, dass sie viel zu viele Federn gelassen hatte. Vielleicht sollte sie für so einen Fall doch noch irgendwie einen Umhang oder so besorgen. Der schwarze Umhang der Sith war gut gewesen, hatte aber eindeutig gelitten in den letzten Monaten. Also brauchte sie da auch Ersatz.

“Hast du was gesehen,was dir gefallen hat?”

fragte sie den Grossen und dachte nach, ob ihr irgendwas aufgefallen war. Aber irgendwie war Kleidung etwas, dem sie so viel Beachtung schenkte wie Obst und Gemüse. Garkeine. Apropos Obst und Gemüse:

“Was essen sollten wir auch mal”

Allerdings bezweifelte sie, dass sie hier jagen dürfte. Dennoch wanderte ihr Blick noch einmal über die Wesen um sie herum. Diesmal nicht mit dem Ziel, Mitstreiter ausfindig zu machen, sondern mit dem Gedanken, wessen Verschwinden wohl nicht so auffallen würde. Rasch verdrängte sie den Gedanken. Diese Station war gut und vielleicht würde sie sie noch einmal brauchen in Zukunft. Wenn sie dann einen anderen, vielleicht wichtigen Kunden gefressen hatte, würde man sie wahrscheinlich nicht mehr so willkommen heissen, wie Otto es getan hatte. Sie seufzte, plusterte ihr Gefieder auf, ehe sie es mit einem Schütteln zurück in die Ursprungsposition brachte. Das war ein Vorteil auf Ziost gewesen. Da hatte es niemanden geschert, wen sie gefressen hatte. Aber reichlich gedeckt war der Tisch da ja auch nicht gewesen. Leider.

The Wheel- irgendwo auf der Station- mit Essam und anderen Kunden und Händlern.
 
The Wheel- Landebucht 5-B- in der Nähe der Revenger- Essam mit Thatawaya und P-B6


Essam musterte die Fosh, die wohl nun erst einmal seine Begleitung war. Bei dem Spruch, dass totgeglaubte länger lebten, schloss er ruhig seine Augen und nickte bedächtig. Doch reagierte er nicht weiter auf diesen Teil. Mit verschränkten Armen, aber ehrlichem Interesse folgte der Hühne dann aber den Ausführungen von Thatawaya. Dennoch schien die Kleine ein wenig zu aufgeregt zu sein.

“Wir sollten nicht übereifrig sein. Es kann sehr viel schief gehen. Doch werden wir bestimmt eine Lösung finden.”

Erst als Thatawaya von ihrem Meister erzählte nickte Essam nachdenklich und man konnte sehen, dass da nicht nur Ruhe, sondern auch ein gewisser Schmerz waren.

“Wenn wir Erfolg haben, dann treffen wir zumindest nicht die Falschen.”

Ein leichtes Grinsen umspielte Essams Lippen.

Wenig später erkundeten Essam und Thatawaya die Station. Es war wirklich noch verwirrender, als es der zu groß geratene Nelvaaner gedacht hätte. Es sah wirklich überall gleich aus. Jedoch konnte er langsam das System der Beschilderungen erfassen. Manchmal schaute er wahrscheinlich sogar zu lange auf die Beschilderungen. Auch Essam besorgte sich erst einmal eine ID, um sich ausweisen zu können. Angeblich kam er nun von Lothal und hatte dort auf einer Farm gearbeitet. Sie würden noch Verstärkung benötigen, was die Fosh sehr gut erkannte. Essam nickte ruhig und erinnerte sich daran, dass er noch Kleidung benötigte. Leider war nicht viel zu sehen, was ihm passen würde. Bis er an einem Stand vorbei kam, wo jemand Ausrüstungen von Kämpfern irgendwelcher Arenen oder Kopfgeldjäger anbot, die wohl nicht mehr lebten. Er fand etwas, was auf einer Art Wühltisch gehäuft wurde. Ein Brustpanzer mit Schulterplatten. Einen Umhang mit Kapuze und dazu noch eine beschlagene Lederhose. Der Vorbesitzer war wohl Trandoshaner gewesen und seine Arbeit aufgegeben. Scheinbar war alles auch recht günstig und Essam hatte noch genug für Nahrung übrig, um die nächste Reise zu überstehen, wenn nicht sogar ein halbes Festmahl zu sich zu nehmen. Zu der Ausrüstung gab es noch eine Art Speer, der für seine Größe angemessen war.


“Nicht perfekt, es sollte aber reichen, denke ich. Essen wäre wirklich eine gute Option. Wie ernährst du dich normalerweise?”

Essam schaute Thatawaya nachdenklich an und versuchte sich zu erinnern, ob er etwas von einer vergleichbaren Spezies wusste. Allerdings kannte er durch seine Studien in der Bibliothek der Sith nur ein paar Vögel, die aber nicht zivilisiert waren. Ein Ärgernis. So viel zu lernen. Auch Essam hatte ein wenig Hunger.

“Diese Raumstation beherbergt so viele Spezies… ich bin mir sehr sicher, dass wir hier etwas finden, was unseren Hunger stillt.”

Er schaute Thatawaya aufmunternd an. Irgendwie war das alles spannender als er es je erwartet hätte. Denn diese ganze Geschichte… einfach alles… Es war quasi perfekt. Man konnte quasi nicht einen Schritt machen, ohne über etwas Ungewöhnliches zu stolpern. Da musste es doch auch Nahrung für sie geben. Auch wenn sie eher ungewöhnliche Bedürfnisse hätten.




The Wheel- Irgendwo auf der Station - Essam mit Thatawaya und einer Menge fremder Leute.
 
The Wheel- Irgendwo auf der Station- mit Essam und anderen

Der Grosse gab zu bedenken, dass sie trotzdem vorsichtig sein mussten. Thatawaya musterte ihn. Vielleicht hatte er recht und mehr Erfahrung mit ihrem…. Ziel. Ja, sie durfte die Sith nicht unterschätzen. Sie waren zwar absolut unzuverlässige Verräter. Aber sie waren auch brandgefährlich. Und Thatawaya erkannte, das ihre Wut auf die Sith und ihr Eifer sie blendeten für die Gefahr. Allerdings sagte allein die Tatsache, dass sie nur nach wenigen Minuten hier einen Verbündeten gefunden hatte, auch einiges aus.

Sie rüsteten sich aus mit allem, was sie brauchten. Wobei Thatawaya eher so aussah, als würde sie ein Chemie-Labor eröffnen wollen. Na ja… zum Teil stimmte das auch. Ihre Tränen mussten aufbereitet werden, wenn sie damit wirklich Schaden anrichten wollte. Also würde sie später wohl mal einen Ort aufsuchen, an dem sie sich ungestört….reinsteigern konnte. Vielleicht würden sie auch etwas Zeit investieren müssen, damit sie genug hatten, damit der Anschlag sie lohnte. Essam brachte sie von ihren Gedanken weg mit der Frage, wie sie sich normalerweise ernährte. Thatawaya sah ihn wieder an.

“Rohkost”

meinte sie und mahlte amüsiert mit dem Schnabel. Aber ja.. .vielleicht hatten sie ja hier Glück etwas Essbares zu finden. Sie konnte ja nicht der einzige Carnivore in der Galaxis sein. Sie hatte Menschen auch Fleisch essen sehen...allerdings machten sie das vorher irgendwie warm. Warum sie es nicht direkt frisch von ihrer Beute verzehrten, verstand sie nicht. Da wars doch auch noch warm, wenn sie es warm gern hatten. Eine komische Spezies war das.

Etwas später hatten sie tatsächlich einen Ort gefunden, an dem Schlachtvieh komplett verwertet wurden und Teller mit Innereien angeboten wurden. Was für ein Luxus, dafür nicht selbst jagen zu müssen. Thatawaya fühlte sich wie irgendwas Hochrangiges, weil jemand anderes den gefährlichen und mühsamen Part der Nahrungsbeschaffung für sie übernommen hatte und sie einfach nur einen Teller mit Essen kaufen und sich damit an einem Tisch setzen musste. Nur das. Und sie durfte tatsächlich an einem Tisch essen wie andere auch! Sie konnte sich nicht erinnern, wann sie das jemals gehabt hatte. Bisher hatte sie ihre Nahrung direkt aus ihrer Beute gegessen und die hatte dabei einfach am Boden gelegen. Umso genussvoller liess sie sich ihre Mahlzeit schmecken und es war in der Tat ein ganz anderes Erlebnis . Nicht nur, bequem zu sitzen sondern auch...in Ruhe essen zu können. Ohne in Alarmbereitschaft zu sein, weil jemand ihr ihre Beute vielleicht streitig machen könnte.

Während sie speisten, sah Thatawaya sie um und noch mehr: Sie lauschte. Ein Mann kam herein. Er hatte keine Ohren und grüne Schuppen. Zumindest glaubte Thatawaya, dass das ein Mann war. So ganz sicher war sie sich da nie. Er liess sich bedrückt an einen anderen Tisch fallen, an dem schon andere sassen.

“Er hats nicht geschafft”

meinte er nur und sofort sahen die anderen Leute ebenso bedrückt aus, während Thatawaya noch versuchte zu verstehen, um was es da ging. Sie steckte sie mit der Gabel einen Bissen Lunge in den Schnabel und schlang ihn hinter. Da sie keine Zähne hatte, musste sie ja auch nicht kauen. Die Männer an dem Tisch schwiegen eine ganze Weile, jeder in seine eigenen Gedanken vertieft, ehe einer ein Schluck aus seinem Glas trank und meinte.

“Verdammte Sith.”

Heeey. Thatawaya veränderte ihre Position und beobachtete, wie einer der Männer Schnaps für die ganze Runde bestellte und sie das Zeug runter kippten. Aber mit ihrem Fluch hatten sie...naja, vielleicht einen anderen Fluch herauf beschworen. Thatawaya beobachtete sie wie ihre nächste Beute, während sie noch ein Stück Leber in ihren Schnabel legte. Sie stupste dann Essam an und nickte in Richtung der Männer. DAS könnten ihre Leute werden. Wenn sie ein Problem mit den Sith hatten und vielleicht auf Rache aus waren, waren sie vielleicht bereit, beim Verteilen zu helfen. Sie beendeten ihr Mahl schweigend und warteten, bis die Männer ebenfalls bezahlten und sich auf den Weg machten. Dann erhob sich Thatawaya und beeilte sich, hinter ihnen her zu kommen. In einem etwas weniger belebten Gang holte Thatawaya schliesslich auf und sprach sie an. Sie erzählten von einer Begegnung mit einem Sith, der einen ihrer Freunde das Leben gekostet hatte. Das war Thatawayas Stichwort und sie erzählte ihnen von ihrem Plan. Natürlich hatten sie eigenen Idee und stimmten Essam bei seinen Bedenken zu. Allerdings konnten sie sie relativ schnell überzeugen, sie bei ihrem Vorhaben zu unterstützen.

Sie konnten jedoch nicht gleich los. Thatawaya verbrachte fast zwei Wochen mit der Vorbereitung. Die fünf Männer, die sie quasi angeheuert hatte, hatten auch noch andere Aufträge, die sie erstmal abschliessen mussten. Thatawaya verbrachte unterdessen relativ viel Zeit in der Kapitäns-Kabine und weinte. Sie weinte so viel, wie sie konnte. Gegen Ende der Woche hatte sie jedoch genug zusammen, dass sie ihr Gift in Spritzen aufziehen und fertig machen konnte. Viel brauchte es ja nicht, wenn nur ein Kratzer mit einer benetzten Kralle ausreichte, um ihre Opfer zu lähmen. Die Spritzen waren dementsprechend klein, aber jeder von ihnen würde 7 bis 8 Spitzen verteilen können. Sie hatte auch weiteres Material für eine zweite und dritte Runde, die sie dann aber wieder vorbereiten müsste. Fürs erste war sie erschöpft. Sowohl körperlich als auch Mental. Die Wut auf Sturn war zwar ein guter Antrieb, aber es nahm auch echt viel von ihr. Aber es war ja für einen guten Zweck. So vorbereitet ging es schliesslich los in Richtung Bastion. Sie flogen mit der Revenger, die den Decknamen StarDust bekommen hatte und alle hatten eine falsche ID. Jetzt mussten sie am Ziel dann nur noch eines sein: Leise, schnell und effektiv.

The Wheel-Weltraum- Revenger- mit Essam und 5 anderen Männern.


Weiter direkt auf Bastion
 
| Irgendwo im imperialen Hyperraum | Frachtschiff | Container |
Samin und Sana und etwa ein Dutzend weitere Kinder


Die Tage im Container gingen ineinander verloren. Sie ließen sich nicht trennen. Tage hatten keinen Anfang und kein Ende. Einzig Müdigkeit, Hunger und das gleichmäßige Arbeiten des Frachters zwischen den Sprungpunkten waren Indikatoren dafür, wieviel Zeit verging. Zudem kam alle 24 Stunden ein gegenseitiges Klopfzeichen mit einem Helfer von Außerhalb, über den Naeva kaum ein Wort verlor. Schweigen schützte ihn, genauso wie sein Schweigen sie schützte, sagte sie. Vermutlich hatte sie Recht. Das Brummen außerhalb des Containers war derweil zu einem konstanten Hintergrundrauschen geworden.
Innerhalb des Containers hatte sich einiges verändert. Nicht an dem Geruch, der war immer gleich. Es roch nach kaltem Metall, trockener, gefilterter Luft und zu vieler Körper auf zu engem Raum. Die Kinder hatten aber gelernt, wo sie Platz finden konnten und wo nicht. Niemand drängte sich mehr unbedacht durch die Mitte. Die Regeln, die Naeva zu Beginn festgelegt hatte, wurden gar nie angezweifelt. So waren aus Vorschriften Gewohnheiten geworden, die allen Halt gaben.
Auch Samin. Sie selbst saß oft still am Containerrand und ließ ihren Blick wandern. Über die Kinder, über die Wände, über die kleine Lampe, die ihnen Licht spendete. Sie hatte viel nachgedacht. Schließlich hatte sie dazu auch alle Zeit des Universums gehabt. Verschiedenste Gedanken kamen und gingen, zu viele, um sie einzeln zu zählen. Zwei Wochen würden sie etwa unterwegs sein, hatte Naeva gesagt. Zwei Wochen auf Nebenrouten, mit einem vermutlich antiquierten Hyperraumantrieb.

Sana blieb meist in ihrer Nähe. Samin gestand sich jedoch ein, dass ihre Tochter auch nicht viel mehr Möglichkeiten hatte. Die erzwungene Nähe schien jedoch gut zu sein, für beide. Manchmal saß Sana dicht bei ihr, manchmal auf der gegenüberliegenden Seite, doch immer so, dass Samin sie sehen konnte, wenn sie den Kopf hob. Die Nähe wog schwer zwischen ihnen. Auf der Gegenseite waren all die Dinge, die Samin in den vergangenen dreizehn Jahren verpasst hatte zu tun. Gespräche zwischen ihnen blieben selten. Wenn sie sprachen, dann über ihre unmittelbare Lage. Wasser, Müdigkeit, über ein Kind, das schlecht träumte. Nichts über die Vergangenheit, nichts über die Zukunft. Samin zwang sich selbst zur Geduld. Der Zeitpunkt, über all das zu reden, würde kommen. Momentan konnte jedes zu frühe Wort mehr zerstörten als jedes Schweigen.
Einmal wachte die Halbchiss auf, weil sich ein Gewicht gegen ihren Arm gelehnt hatte. Sana schlief, die Augen fest geschlossen, der Atem ruhig und flach, als hätte ihr Körper entschieden, dass sie sich sicher fühlen konnte. Samin rührte sich nicht. Sie saß wach und genoss die Berührung. Der Moment war zu schnell vorbei, ohne dass sie sich wirklich daran erinnern konnte, wann er überhaupt begonnen hatte.

Irgendwann änderte sich das Brummen außerhalb. Nicht schlagartig. Ihr fiel erst nach einiger Zeit auf, dass sie schon länger nicht mehr in den Hyperraum gesprungen waren. Saminmerkte, wie sich ihr Körper anspannte, noch bevor sie einen Gedanken formulieren konnte. Sie richtete sich auf. Naeva tat es ihr gleich, wortlos.

Doch nichts geschah - für Stunden. Die Zeit zog sich. Dann, Samin war schon in den Schlaf gefallen, andere Geräusche. Der Frachtraum wurde geöffnet. Sie bewegten sich nicht mehr. Wenig später wurde der Container angehoben, umgesetzt und wieder abgesenkt. Stimmen drangen durch die Containerhülle, während drinnen nun alle ganz ruhig blieben. Sie kamen gedämpft bei ihnen an, nicht laut genug, um Worte zu verstehen. Aber es musste sich um viele Leute handeln.

Dann kam der Container zur Ruhe. Als das letzte Rumpeln erklang, hatte es etwas Endgültiges an sich. Alle Kinder hielten still. Selbst die Kleinsten schienen zu spüren, dass sie am Ende ihrer Reise angekommen waren. Sana saß neben Samin, die Hände fest um die Knie gelegt. Ihre roten Augen wirkten heller in dem Licht, das durch die feinen Spalten der Containertür sickerte. Noch mehr Zeit verging. Mehr Zeit, als Samin erwartet hätte. Sie spürte eine Beunruhigung in sich, doch die erstaunlich erwachsene Abgeklärtheit von Naeva stiftete selbst ihr Ruhe.

Dann klopfte es.

Das Signal, das sie auch alle 24 Stunden während ihres Transports ausgetauscht hatten. Naeva war sofort auf den Beinen. Sie stellte sich seitlich neben die Containertür und warf einen kurzen Blick zurück. Die Kinder rückten instinktiv zusammen.

Etwas zischte. Die Verriegelung löste sich.

Langsam öffnete sich die Tür und Licht brach herein - hartes Docklicht, brennend weiß und gnadenlos. Es schnitt herein und blendete alle im Innenraum, die nun wochenlang in einer Nahezu-Dunkelheit vegetiert hatten. Samin blinzelte, hielt sich die Hand vor die Augen und versuchte, sich so schnell wie möglich an die neuen Gegebenheiten anzupassen, während sie gleichzeitig die Bewegungen der Kinder registrierte, die alle dasselbe taten.

Inmitten des Lichts konnte Samin die Umrisse einer Gestalt erkennen. Ein Mann. Mensch. Er musste mittleren Alters sein. Seine Kleidung war unauffällig. Als sich die Blindheit langsam legte erkannte sie ein offenes, freundliches Gesicht mit warmen Lächeln. Samin erkannte ihn. Er war einer von Kestels Männern, die bei ihm gewesen waren, als sie sich in den Container begeben hatten. Er musste der Mann gewesen sein, der sie versorgt hatte und täglich Klopfzeichen mit Naeva ausgetauscht hatte
.

“Alles gut”, sagte er mit ruhiger Stimme. “Wir sind da.”

Er hob leicht beschwichtigend die Hände und ließ seinen Blick durch den Innenraum gleiten, wobei er kurz an Samin festhing. Der Mann machte einen Schritt näher.


“Wir bringen euch heute Nacht weiter. Dauert nicht mehr lang. Ersteinmal seid ihr in Sicherheit.”

Samin wollte etwas sagen, vielleicht nach seinem Namen fragen, oder - viel wichtiger - die Information erlangen, wo sie sich befanden. Doch dazu kam es nicht.

Der Schuss kam nicht laut.

Ein jaulendes Zischen zwischen den Geräuschen des Docks. Der Mann vor ihnen zuckte, als hätte ihm jemand den Boden unter den Füßen weggezogen. Sein Lächeln blieb verstörend lange auf dem Gesicht, während er rückwärts fiel und aus dem Licht kippte. Der Aufschlag war dumpf.

Samin brauchte einen Moment, um zu begreifen, was geschehen war.

Der Körper lag reglos da. Aus einem Loch an der Schläfe kokelte feiner Rauch. Schritte näherten sich. Nun gewann die Elite-Pilotin ihre jahrelang antrainierte Fassung zurück, erhob sich blitzschnell und sammelte die Kinder hinter sich, während sie sich schützend, mit ausgebreiteten Armen vor sie stellte. Es hatte einen Moment gedauert, bis die Erkenntnis, dass der Plan, den sie nie kannte, an dieser Stelle gescheitert war, doch nun musste sie irgendwas tun. Sie bemerkte, dass Naevas Gesicht weiß geworden war. Ihre glasigen Augen starrten auf die Stelle, an der Kestals Mann am Boden lag. Kurz darauf hyperventilierte sie. Es war das erste Mal, dass Samin sie die Kontrolle verlieren sah.

Neben der Containertür erklang eine Stimme.


Na … na, Kell. Ich hatte dir gesagt, du sollst Kestal ausrichten, dass ich mir mein Geld immer zurückhole. Auf die eine oder andere Weise. Die Flugroute dieser Lieferung war … verdammt … gut versteckt. Wollen wir mal sehen, was er so wertvolles vor meinen Augen verber…”

Zum Vorschein kam ein Palliduvaner, mit kreidebleicher Haut und langen, knochigen Fingern, die sich um einen Blaster wandten. Der Mann im Türrahmen sah in den Container hinein, als würde er eine Ladung begutachten wollen. Mit dem, was er zu sehen bekam, hatte er offensichtlich nicht gerechnet.

“ … Bantha-Scheiße.”

| The Wheel | Cargo-Bay | Container |
Samin, Sana, etwa ein Dutzend weitere Kinder und ein
Palliduvaner
 
| The Wheel | Cargo-Bay | Container |
Samin, Sana, etwa ein Dutzend weitere Kinder und ein
Palliduvaner

Das Blut aus dem leblosen Körper am Boden geronn schnell. Das Einschussloch am Kopf war natürlich direkt kautarisiert, das Blut kam von einer Platzwunde, die vom dumpfen Aufprall auf den Boden der Cargo-Bay entstanden war. Kurz war alles still. Samin stand weiterhin nahe an der Tür des Containers. Die Kinder hatten sich hinter ihr gesammelt, enger als jemals zuvor, ohne dass jemand sie dazu aufgefordert hatte. Sana stand dabei dicht an ihrer Seite.

Der Palliduvaner hatte sich mit schwankendem Schritt ein Stück vom Container entfernt. Sein Blick wanderte abwechselnd vom toten Mann am Boden zu dem Inhalt der Fracht. Er schien sich Zeit zu nehmen. Sein Blaster lag noch bedrohlich in seiner Hand, doch diese war nicht erhoben. Er dachte nach. Das erkannte Samin deutlich.


"Das", sagte er schließlich, "ist nicht, was ich erwartet habe."
Seine Stimme hallte leicht in der Bucht hinter ihm nach. Sie schien ansonsten leer zu sein. Alle anderen Geräusche waren gedämpft, weiter entfernt. Mit dem Lauf seines Blasters kratzte er sich kurz die Schläfe, dann sah er aus, als wollte er fortfahren, ehe er erneut innehielt und schließlich doch weitersprach.
"Eine Lieferung. Was zum Verwerten. Was ich verkaufen kann. Stattdessen finde ich ..."
Er machte eine Geste mit der Waffe in Richtung der Kinder, woraufhin Samin ihre Arme weiter hob und sie noch dichter hinter sich drängte.

" ... das hier."

Sein Blick blieb kurz an Sana, dann an Samin hängen. Die roten Augen und die leicht bläuliche Haut ihrer Tochter waren schwer zu übersehen.

"Eine Chiss", stellte er fest. "Und ein Haufen Kinder. Wieso schmuggelt Kestal eine Chiss und einen Haufen Kinder?"
Er runzelte die Stirn.

Samin spürte eine Bewegung hinter sich. Naeva, das Anführermädchen, war es, welche einen Schritt nach vorn machte. Ihre ansonsten so souveräne Haltung hatte sich verändert. Die Schultern waren durchgespannt, der Blick zittrig.

"Das geht dich nichts an", sagte sie scharf. "Lass uns gehen!"

Der Palliduvaner sah sie ruhig an. In seinem Ausdruck lag kein Zorn, kein Spott - nur Verwirrung.

"Nicht so schnell. Erst will ich wissen, warum Kestal in Wesenhandel verstrickt ist. An wen hat er euch verkauft? Von wem krieg ich jetzt meine Creds?"

Naeva öffnete erneut den Mund, um etwas zu erwidern, doch nun war es Samin, die das Wort erhob. Die Situation drohte zu kippen. Die Pilotin stellte sich einen halben Schritt weiter vor Naeva, gerade so, dass klar wurde, dass sie nun sprach.

"
Niemand wurde hier verkauft", sagte sie mit ruhiger, abgeklärter Stimme. "Und niemand wird dir etwas für uns bezahlen. Kestal hat uns aus dem Imperium geschmuggelt, das ist alles."

Sie war der Auffassung, dass ein gewisser Teil der Wahrheit angebracht war, um die Situation voranzubringen. Der Mann, der sie weiterbringen sollte, war tot. Der Ort hier, um welchen auch immer es sich handelte, war als Zwischenstation gedacht. Wenn sie pech hatten, wusste nur er, wie es weiterging. Mit etwas Glück war Naeva soweit eingeweiht. Wobei sie während der Reise bereits beteuert hatte, nicht zu wissen, wo genau es hinging. Das alles war ein ernsthaftes Problem. Doch man konnte nur eines nach dem anderen lösen.

Der Palliduvaner musterte sie. Er schien etwas abzuwägen.


"Das hört sich an, als würde das Imperium mich bezahlen, wenn ich euch dahin zurückbringe", sagte er schließlich. Samins Muskeln spannten sich an. In diesem Moment setzten ihre Instinkte ein und mischten sich mit ihrem Training sowie der Erfahrung aus unzähligen Gefechten. Ihre Augen scanten die Umgebung außerhalb des Containers. Die Bay war nicht allzu groß. Wenn sie in einem unerwarteten Moment nach vorne stürmte, würde sie den Mann vielleicht zu Boden tacklen können, bevor er einen Schuss abgab. Sie war weder groß, noch schwer und in keinem Fall kräftig. Durch den Lehrgang mit dem IGD hatte sie einen Nahkampfkurs belegen können, aber wenn der Palliduvaner etwas Kampferfahrung hatte, würde er sie in einem Bodenkampf leicht überwältigen können. Die einzige Hoffnung war, genug Zeit rauszuholen, dass die Kinder flüchten konnten. Aber selbst dann - sie wussten nicht, wo sie waren. Es konnte sein, dass sie da draußen nicht auf Hilfe stoßen würden.

"Aber schei** auf das Imperium", fügte er plötzlich an, bevor er auf den Boden spuckte. Samins Muskeln entspannten sich etwas.

Für einen Moment sagte niemand etwas. Die Stille der Cargo-Bay schloss sich wieder um sie, unterbrochen vom gleichmäßigen Brummen einer Lüftungsanlage. Der Palliduvaner sah erneut auf den toten Mann. Dann zurück zu Samin.


"Kestal wird dich bezahlen", versprach Samin.

Der Mann gab einen hicksenden Laut von sich, kaum als Lachen zu erkennen.


"Das bezweifle ich. Kestal hat eine Geiselnahme auf Bastion angezettelt. Die Chancen sind hoch, dass er tot ist oder in einer Zelle schmort."

Samin reagierte nicht. Sie hätte damit rechnen müssen, dass der Palliduvaner so weit bescheidwusste. Das war mit Sicherheit der Grund, warum er sich überhaupt erst dazu entschlossen hatte, Kestals Schulden eigenhändig einzutreiben. Naeva machte hinter ihr eine ungeduldige Bewegung. Samin wusste, dass das Mädchen an ihre Grenzen gestoßen war. Solange es einen Plan gab, den sie ausführen konnte, war sie herausragend. Für Unvorhergesehenes fehlte ihr einfach die Lebenserfahrung. Zu viel Angst, zu viel Verantwortung, zu wenig Kontrolle.

"Du willst deine Credits? Wir sind sie nicht. Und wir bringen dir keine ein. Aber ich werde dich bezahlen."

Der Palliduvaner sah sie erneut lange an. Sein Blick war nicht feindselig, aber auch nicht wohlwollend. Es half zudem nicht, dass seine Spezies allgemein sehr antagonistische Züge hatte. In Samins Kopf ratterte es weiter. War das der richtige Weg, aus dieser Situation zu entkommen?

"Was bist du für Kestal?", fragte er schließlich.

"Eine Fehlentscheidung", antwortete sie kryptisch, aber wahrheitsgemäß. Der Killer verzog den Mund leicht. Kein Lächeln. Aber sie erkannte eine Art Resignation darin. Schließlich ließ er den Blaster sinken. Nicht ganz, aber weit genug, dass die Bedrohung ein Stück Schärfe verlor. Dann trat er ein paar Schritte zur Seite, weg vom Container und machte mit dem Kopf eine knappe Bewegung, in Richtung der Cargo-Bay.
"Kannst von Glück reden, dass ich Kinder mag. Ich tue euch nichts. Und wir finden schon raus, wie du mir meine Creds besorgen kannst. Willkommen auf The Wheel..."

| The Wheel | Cargo-Bay | Container |
Samin, Sana, etwa ein Dutzend weitere Kinder und ein
Palliduvaner
 
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Samin, Sana, etwa ein Dutzend weitere Kinder und ein
Palliduvaner

Der Palliduvaner ließ sich etwas Zeit. Sein Blick lag dabei nicht nur auf Samin, sondern wanderte über die Gruppe, als würde er hoffe, dass sich an dem, was er sah, noch etwas ändern würde, wenn er nur lange genug hinsah. Tat es aber nicht. Der Mann auf dem Boden blieb tot. Die Kinder blieben Kinder und wurden nicht plötzlich zu Credit-Sticks. Samin stand derweil noch immer da, zwischen ihm und dem, was auch immer er sich von dieser Lieferung versprochen hatte.

Schließlich senkte er den Blaster ganz, steckte ihn sogar mit einer beiläufigen Bewegung zurück in den Holster und atmete sichtbar tief durch.


“Gut”, sagte er leise zu sich selbst, als würde er die Situation langsam akzeptieren. “Raus da.” Er hob den Kopf und machte eine knappe Bewegung zur Seite, weg vom Container.

Samin zögerte kurz und warf einen Blick zu Naeva. Das Mädchen war noch immer sehr angespannt. Sie hatte die Schultern hochgezogen und stand dort mit verkrampften Händen. Offensichtlich wusste sie nicht, was zu tun war.

Also trat Samin aus dem Container.

Das Licht in der Bay war hart und kalt. Es dauerte ein paar Sekunden, bis es nicht mehr in den Augen brannte. Stück für Stück wurden die Schemen im Raum zu Details. Die Bay war nicht sehr groß, aber auch nicht winzig. Es war ein abgeschlossener, funktionaler Bereich. Es gab keine Spuren von regelmäßiger Nutzung. Wo waren sie?

Der tote Mann lag noch dort, wo er gefallen war. Ein dunkler, rötlicher Fleck hatte sich unter seinem Kopf gebildet. Samin packte zu und zog den Leichnam beiseite. Zwar blieb der Fleck am Boden, nun länger gezogen und unübersehbar, aber für die Kinder war es besser, über eine blutige Fläche, als über eine Leiche zu steigen.


“Nicht hinsehen”
, sagte sie den Kindern bestimmt, aber ruhig, während sie ihnen half, aus dem Container zu steigen. Sie bewegten sich zögerlich, aber ohne Chaos. Sana blieb dabei dicht an Samins Seite. Nicht aus Zwang, oder weil ihre Mutter sie dazu aufgefordert hatte, sondern einfach so. Samin registrierte es. Es gab ihr ein gutes Gefühl.
Der Palliduvaner wartete, bis alle draußen waren. Dann wandte er sich ab.


“Bleibt zusammen”, raunte er über die Schulter, “Und fasst nichts an.”

Dann ging er los. Samin folgte ihm. Natürlich vertraute sie ihm nicht. Aber sie hatten keine Ahnung, wo sie waren und wo sie hin sollten. The Wheel, hatte er diesen Ort genannt. Was bei allen kalten Sonnen war The Wheel?

Der Palliduvaner war für den Moment keine Bedrohung - und wer sagte ihnen, dass nicht alles andere an diesem Ort bedrohlich auf sie reagieren würde? Also war er in diesem Moment die einzige Option. Es gab keinen besseren Weg.
Die Tür zur Bay öffnete sich schwerfällig. Dahinter war es nicht belebter. Es handelte sich um einen schmalen Zulieferungsgang. Das Licht fiel unregelmäßig aus angelaufenen Spots an metallenen Wänden. Kabel liefen offen entlang der Wände, an manchen Stellen notdürftig geflickt. Der Boden bestand aus Metallplatten. Eine Raumstation?

Jedenfalls kein Ort, an dem man sich freiwillig aufhielt, beschloss Samin. Die Geräusche von The Wheel waren hier anders. Gedämpfter und weiter entfernt. Irgendwas summte und brummte immer im Hintergrund. Vereinzelt zogen metallische Schläge durch die Wände, es zischten Leitungen und in Ferne dröhnten größere Systeme. Die Kinder rückten enger zusammen, als sie durch den Gang schritten. Einige griffen nach den Händen der anderen. Alle waren still. Der Palliduvaner bewegte sich mit einer zügigen Sicherheit durch die Gänge. Er kannte sich hier aus.

Samin beobachtete ihn. Sein Gang war locker, fast hüpfend, aber er hatte etwas kontrolliertes. Die Schultern waren leicht nach vorn geneigt, der Kopf gesenkt. Er schien aufmerksam zu sein, wollte aber nicht so wirken.


“Wie heißt du?”, fragte Samin schließlich.

Er reagierte nicht. Jedenfalls nicht sofort. Erst nach ein paar Schritten sah er nach hinten, ohne zu verlangsamen.


“Nenn mich Gongboy fürs erste”
, sagte er.

Samin ließ den Namen für einen Augenblick durch ihren Kopf kreisen. Es war ein merkwürdiger Name. Schief und unpassend. Vielleicht war das Absicht. Sie nahm ihn zur Kenntnis, ohne nachzuhaken.


“Gut, Gongboy”, sagte sie ruhig. “Wo bringst du uns hin?”

“Weg von hier”, kam als Antwort, als wäre sie klar. Mehr nicht. Also gingen sie weiter. Mehrere Abzweigungen, enge Durchgänge, einmal eine niedrige Schleuse, wo selbst eines der kleineren Kinder den Kopf einziehen musste. Die Luft veränderte sich stellenweise. Kühler, dann wieder wärmer. Samin wurde klar, dass das hier keine offiziellen Gänge waren. Hier war nicht oft jemand. Gongboy führte sie an irgendetwas vorbei. Einmal mussten sie gar an einer undichten Leitung vorbei, aus der ein dicker Dampfstrahl zischte. Ihr Führer ging einfach daran vorbei. Samin und die Kinder folgten ihm, rückten enger zusammen. Sana blieb weiterhin dicht bei ihr. Manchmal berührten sich ihre Arme leicht. Es war keine bewusste Nähe, aber auch kein Ausweichen. Samin genügte das. Sie spürte jede dieser kleinen Berührungen ganz bewusst.

Nach einer Weile änderte sich die Umgebung. Die Gänge wurden breiter und die Beleuchtung stabiler. Außerdem konnte sie laute Geräusche wahrnehmen. Da waren Gespräche und Schritte. Sie näherten sich einem aktiveren Bereich, auch wenn noch immer niemand zu sehen war.

Gongboy blieb vor einer schweren Tür stehen. Sie war alt und mehrfach überlackiert. Das Schutzglas des Bedienfelds daneben war gebrochen. Er tippte eine Sequenz ein. Zunächst geschah nichts. Er versuchte es ein zweites Mal. Dann war ein mechanisches Klacken zu hören, ehe sich die Verriegelung löste.


“Macht euch auf was Schönes gefasst”,
murmelte er und schob die Tür per Hand auf.

Die dahinter liegende Bucht war kleiner als die, in der sie angekommen waren, aber deutlich genutzt. Es roch nach kaltem Metall, Öl und etwas verrotettem. In der Mitte stand ein Schiff. Es war nichts Schönes. Ganz im Gegenteil.


“Was ist das für ein Schrott?”, entfuhr es ihr.

Ein alter Frachterkörper. Etwas, das eindeutig mal eine HWK-290 gewesen war. Einst. Die Linien des Korpus stimmten noch … irgendwie. Das Cockpit und der gedrungene Rumpf waren erkennbar. Aber alles andere? Verzogen, verfremdet und verunstaltet. Es gab einen einzelnen seitlichen Ausleger, der wirkte, als hätte jemand Teile eines anderen Schiffes daran geschweißt. Platten über Platten, verschiedenster Legierungen und darauf unterschiedliche Farbschichten. Ab und zu blitzte darunter alter imperialer Lack hervor. An anderen Stellen war er grob überdeckt, aber so als wäre die Arbeit mit völliger Gleichgültigkeit ausgeführt worden. Ihr Blick glitt über die Triebwerkssektion. Sie war … zu groß. Viel zu groß. Da wurde völlig übertrieben. Der Standardantrieb wurde gegen ein Triebwerk ausgetauscht, das aussah, als würde es zu einem viel größeren Schiff gehören. Leitungen lagen halb offen über nachgerüsteten, asymmetrisch angebrachten Kühlrippen. Der ganze Schrotthaufen war improvisiert.

Samin blieb stehen. Sie hatte noch nie eine solche Abnormität gesehen.


“Das ist kein Schrott”
, sagte Gongboy mit einem Tonfall, der keinen Widerspruch erwartete. “Das ist Arbeit und Zuhause.”

“Das Ding fliegt nicht”
, stellte sie fest.

“Im Moment nicht”
, korrigierte er mit einem erhobenen, lehrhaften Zeigefinger. Daraufhin ging an ihr vorbei, die herabgelassene Rampe hinauf, als wäre das Gespräch damit erledigt. Samin blieb noch einen Moment stehen, dann folgte sie ihm. Die Kinder drängten sich hinter ihr. Allerdings hatten sie gewartet, bis Samin das obere Ende der Rampe erreicht hatte. So als hätten sie erwartet, dass sie unter ihr zusammenbrechen würde. Und ja, sie gab dem Gewicht der Kinder leicht nach, hielt aber. Das Innere des Schiffes war enger, als es von außen gewirkt hatte. Die Decken waren niedrig, die Gänge schmal. Es gab viele improvisierte Verkleidungen. Nichts, rein gar nichts hier drin war symmetrisch. Manche Wände waren eindeutig versetzt und nicht da, wo sie die Konstrukteure ursprünglich mal vorgesehen hatten.

“Sag mir nicht, dass du das zum Schmuggeln nutzt. Selbst einem Blinden fallen auf, dass es hinter den Wänden Hohlräume gibt.”

Der Palliduvaner reagierte nicht. Drinnen roch es noch stärker nach Öl als draußen.
“Hier bleibt ihr erstmal”, sagte Gongboy schließlich und verschwand an einer Konsole, an der er mit geübten Handgriffen mehrere Schalter umlegte. Ein leises Summen setzte ein, irgendwo hinten im Schiff. Das Licht flackerte. Dann wurde es hell. Samin sah sich um. Der zentrale Bereich wirkte wie eine Mischung aus Werkstatt und Aufenthaltsraum. Werkzeuge waren hier unsauber sortiert, alte Ersatzteile lagen in Kisten, die nicht beschriftet waren.

Naeva trat neben sie.


“Das ist Wahnsinn”, murmelte sie leise.

Dieses Mal war es Samin, die nicht reagierte. Die Kinder begannen sich vorsichtig zu verteilen. Einige setzten sich sofort hin, streckten die Füße aus, nach der langen Zeit im Container. Andere blieben stehen und wirkten unsicher, ob sie sich bewegen durften. Sanas Blick durchzog das Innere.


“Fliegt das wirklich?”, fragte sie leise.

Samin zögerte.


“Es könnte”, sagte sie schließlich unsicher.

Gongboy drehte sich zu ihnen um.


“Es flog”, sagte er. “Und es wird wieder.”

Er trat näher, lehnte sich mit einer Schulter gegen eine der metallenen Wände und sah Samin direkt an.

“Du kannst fliegen”, stellte er fest.

Samin hielt den Blick, antwortete aber nicht sofort. Worauf wollte er hinaus?


“Du hast dir das Triebwerk angesehen, als würde es dich persönlich beleidigen. Das macht man nicht, wenn man keine Ahnung hat.”

“Wenn die Kühlung von dem Ding aussetzt, jagt das ganze Schiff hoch”, sagte sie ruhig.

Gongboy grinste schief.


“Vielleicht.”

“Nicht vielleicht.”

Einen Moment lang sahen sie sich an.

“Deshalb fliegt das Schiff nicht. Die Kühlung hat ausgesetzt, oder? Was ist passiert? Ist der Hyperraumantrieb durchgebrannt? Sind die Steuerelemente geschmolzen? Du hast Glück, dass der ganze Schrotthaufen nicht pulverisiert wurde.”

Er stieß sich von der Wand ab.

“Ja. Das alles Durchgebrannter Hyperraumantrieb und geschmolzene Steuerelemente. Außerdem hab' ich kein Treibstoff mehr. Und deshalb brauche ich meine Credits von Kestal.”

Samin verschränkte die Arme nicht, aber ihre Haltung wurde fester.

“Und du glaubst, von mir bekommst du sie?”

“Ich glaube, du bist eine Option”, sagte er ohne Umschweife. “Und ich glaube, ich bin deine einzige.” Er deutete mit dem Kopf auf die Kinder. “Die hier sind dein Problem. Also werden sie auch mein Problem, solange sie bei mir sind.”

Sana sah zwischen Samin und Gongboy hin und her, sagte aber nichts.

“Und wenn ich nein sage?”, fragte Samin.

Gongboy verzog den Mund erneut.

“Dann habt ihr keine Ahnung wo ihr seid und keine Hilfe auf einer Station, voller Leute, die euch liebend gern verkaufen würden.”

Er machte eine Pause.

“Und ich hab’ immer noch ein kaputtes Schiff. Wenn ich ein heiles Schiff hätte, könnte ich euch auf dem Weg abladen … wo auch immer ihr hinwollt. Sieh es doch mal so.”

Samin dachte darüber nach. Nicht lange. Sie wusste bereits, was die Antwort war, die ihr als einziges blieb.

“Und wie glaubst du, kann ich dir Credits besorgen?”

Er zuckte mit den Augenbrauen.

“Da lassen wir uns schon was einfallen.”

Er hatte also keinen Plan.

| The Wheel | abgelegene Hangar-Bay | an Bord der Scrapwing |
Samin, Sana, etwa ein Dutzend weitere Kinder und ein
Palliduvaner
 
| The Wheel | abgelegene Hangar-Bay | an Bord der Scrapwing |
Samin, Sana, etwa ein Dutzend weitere Kinder und ein
Gongboy

Als Samin den merkwürdigen Palliduvaner ansah, versuchte sie sich nicht anmerken zu lassen, wie sehr sie die Erkenntnis störte, dass er keinen Plan hatte. Dabei war sie nicht einmal überrascht. Sein raues Äußeres, die tiefen Narben auf seinen Wangen, hatten sie schon befürchten lassen, dass er ein Mann war, der von einer Möglichkeit zur nächsten lebte. In einem Cockpit starb man auf lange Sicht mit dieser Einstellung. Klar, es gab viele Möchtegernhelden unter den Piloten, die erschreckend lange damit durchkamen. Vielleicht starb man nicht beim ersten kurzsichtigen Manöver, vielleicht nicht beim zweiten, aber irgendwann sicher. Gongboy hatte Kestals Kontaktmann erschossen, einen Container voller Kinder übernommen, sie durch die Eingeweide von The Wheel geführt und in ein beschädigtes Schiff gebracht, das aussah, als hätte es schon lange auseinanderfallen sollen. All das hatte er getan, ohne eine Ahnung oder Idee dafür zu haben, was die nächsten Schritte sein konnten. Die Chiss hätte darüber lachen können, wenn sie nicht Sana neben sich gespürt hätte und hinter ihr nicht ein Dutzend Kinder standen, deren Schicksal an ihnen hing.

“Wie wäre es, wenn wir uns jetzt etwas einfallen lassen?”, sagte sie schließlich mit etwas zu viel Nachdruck in der Stimme.

Gongboys Blick glitt kurz zu Sana, dann zu den anderen Kindern und schließlich wieder zu ihr.

“Auf meinem Schiff hab’ ich das Sagen”, sagte er. Er sprach nicht laut, aber mit einer Schärfe, die eine Grenze ziehen sollte. “Ich hab’ euch nicht aus Herzensgüte hergebracht.”
Er zog geräuschvoll etwas Schleim in der Nase hoch und wischte sich anschließend mit dem Ärmel über die Lippen.
“Von Gästen erwarte ich Dankbarkeit.”

Samin fiel der unruhige Blick in seinen gelben Augen auf. Die Pupillen zitterten. Sowas hatte sie schon einmal gesehen. Damals bei Bennet. Eine Substanzabhängigkeit. Spice, wenn sie raten musste.

“Wir sind unglaublich dankbar, dass du den einzigen Mann erschossen hast, der einen Plan hatte”, knirschte die Chiss ironisch unter zusammengebissenen Zähnen hervor. “Neben der Dankbarkeit muss ich aber auch verhindern, dass diese Kinder verhungern, dehydrieren, in Panik geraten oder irgendwas von dem abbrechen, was in diesem Schrotthaufen erstaunlicherweise noch funktioniert. Aber klar, hier hast du das Sagen.”

Für einen Moment glaubte sie, er würde wütend werden. Seine langen Finger zuckten, nicht in Richtung des Blasers an seiner Hüfte, sondern gegen seine eigene Handfläche. Dann zog er erneut die Nase hoch und sah zur Seite. Dort hing eine lose Abdeckung halb von der Wand herunter. “Wasser ist hinten. Proteinriegel, Trockenbrei, ein paar Aufbereitungsdosen … schaut lieber nicht auf das Ablaufdatum.”

Samin nickte knapp. “Naeva, könntest du dich darum kümmern?”

Sie reagierte nicht sofort. Das Mädchen stand noch immer nahe der Rampe, so als würde sie damit rechnen, dass jeden Moment Kestal auftauchen und sie retten. Ihre Augen waren offen. Zu offen. Samin sah, wie sie sich dazu zwingen musste, zu funktionieren. Sie tat ihr leid. Das Mädchen hatte viel zu jung einen Haufen Verantwortung übertragen bekommen und sah sich nun vor dem Scheitern, wobei sie nichts falsch gemacht hatte. Mit Sicherheit fühlte sie sich nun hilflos. Sie brauchte eine Aufgabe, ein festes Ziel, auf das sie zuarbeiten konnte.

“Naeva”, sagte Samin deshalb etwas leiser, aber deutlicher. “Die Kinder brauchen dich immernoch.”

Das Mädchen blinzelte. Etwas schien in ihrem Kopf zu schalten, denn sie straffte sich. “Fasst hier nichts an”, befahl sie den kleinsten. “Tavin, hilf Mira mit ihrem Bein. Jaro, greif dir die Becher und komm mit.”

Gongboy stieß sich von der Wand ab, ehe er Naeva und Jaro nach hinten zu den Wasserkanistern führte. Während er weg war, aktivierte die ehemalige Wölfin den Kartentransmitter an einer der Konsolen. Die erscheinende Holo-Karte der Galaxie fokussierte sich automatisch auf die derzeitige Position. Perlimianische Handelsstraße. Etwa auf halbem Weg zwischen Abhean und Centares. Das war gewissermaßen mitten im Nirgendwo. Jedenfalls ziemlich weit weg vom nächsten imperialen Grenzsystem. Näher, wesentlich näher zu neu-republikanischem Gebiet.

Gongboy, Naeva und Jaro kamen zurück, die Arme voller mit Wasser gefüllter Becher, die sie zwischen den Kindern verteilten. Der Palliduvaner bemerkte die Karte. Bevor er etwas sagen konnte, schoss Samin mit ein paar Fragen heraus, die ihr auf der Seele brannten.


“Wer weiß, dass du hier bist? Wer kann die Tür zur Bay da draußen öffnen? Wie lange dauert es, bis jemand den Toten in der anderen Bay bemerkt?”

Gongboys Gesicht verhärtete sich. Ihm gefielen die Fragen nicht.

“Kell war nicht beliebt genug, dass sofort jemand weint, weil er fehlt. Die Bay, in der ihr angekommen seid, wird von Leuten gemietet, denen Schweigsamkeit wichtig ist.”

“Und diese Hangar-Bay hier?”, fragte Samin ungeduldig.

“Meine. Zumindest solange, wie ich die Gebühren bezahle. Oder besser gesagt, solange der Verwalter noch glaubt, dass ich demnächst zahlen werde.” Er verzog den Mund. “Noch ein Grund mehr, dass du mir ein paar Credits besorgen solltest.”

Samin sah ihn an und biss dabei auf ihre Unterlippe. Konnte sie das Risiko eingehen, es ohne Gongboy zu versuchen? Sie konnte ihn nicht überwältigen, nicht dauerhaft, nicht mit den Kindern hier, und selbst wenn, wüsste sie danach nicht genug über The Wheel, um weiterzukommen. Sie kannte niemanden auf The Wheel. Sie konnte auch niemanden kontaktieren, ohne das Risiko einzugehen, dass sofort das ganze Imperium wusste, wo sie sich befand. Sie hatte keine Ahnung, ob bereits jemand nach ihr suchte. Sie vertraute ihm nicht, und doch brauchte sie für den Moment diese Zweckgemeinschaft.

“Und wie viel muss ich auftreiben?”

Er sah sie an. Diesmal lag tatsächlich ein offener Widerwille in seinen gelben Augen. Er scheute sich davor, die Zahl auszusprechen.

“Wenn ich jemanden finde, der mir nicht direkt beide Arme abreißt, vielleicht achtzehntausend für die Teile. Mit Treibstoff und Bay-Miete eher so fünfundzwanzig.”

Samin nahm die Zahl auf, ohne zu reagieren. Das war eine Größenordnung, die für sie nicht unmöglich war. Die letzten Prisen nach der Schlacht um Adumar hatten ihr Gehaltskonto genug gefüllt, um die Summe aus der Tasche bezahlen zu können. Dummerweise kam sie von hier nicht an ihr Gehaltskonto ran. Wie sollte sie dann so viele Credits auftreiben?

“Es gibt auf The Wheel Leute, die für Arbeit zahlen”, sagte Gongboy, während sie nachdachte. “Schmutzige Arbeit, meistens. Nichts davon ist hübsch und das wenigste geeignet für jemanden, der mit einem ganzen Chor an Kindern im Rücken rumläuft.”

“Die Kinder …”, begann Samin und sah dabei zu Sana, “... solange die Kinder auf deinem Schiff sind, verrätst du niemandem, wer sie sind, woher sie kommen oder dass sie überhaupt hier sind. Du verkaufst keine Information, du gibst nichts weiter. Ich helfe dir, dieses Schiff flugfähig zu bekommen und du bringst uns dafür von The Wheel. Danach vergisst du uns für immer. Haben wir einen Deal?”

Er streckte ihr die Hand hin, bleich und langfingrig, mit dunklen Flecken an den Knöcheln und einer Narbe quer über den Handrücken. Samin sah auf die Hand und dachte an Kestels Mann, der noch vor weniger als einer Stunde gelächelt hatte. Sie dachte an den Blaster, an den lauten Schuss, an Sanas Gesicht. Dann griff sie zu. Sein Händedruck war fester, als seine knochige Hand vermuten ließ.

“Gibt es auf The Wheel jemanden, der für Informationen Credits bezahlt?”

“Kommt auf die Informationen an.”

“Imperiale Interna.” Samin ließ seine Hand los.
Nun lächelte er leicht.


| The Wheel | abgelegene Hangar-Bay | an Bord der Scrapwing |
Samin, Sana, etwa ein Dutzend weitere Kinder und ein
Gongboy
 
[ The Wheel | Landebucht 7-C | an Bord des B-7 Frachters B7743 ] Amos Triskal, Kaliann K’bin (NPC)


Kaliann, die pantoranische Sprengmeisterin, überprüfte noch einmal ihre Kiste, bevor sie sie wieder versigelte und den Hubgenerator aktivierte. Amos verstaute seine Blasterpistole in dem kleinen Safe im Aufenthaltsraum und tastete alle seine Taschen ab, ob er nicht noch irgendwo aus Versehen ein Vibromesser hatte. Er hatte absolut keine Lust, sich Scherereien einzuhandeln, nur weil er auf der Raumstation mit einer Waffe herumspazierte. Dann steckte er sein Datapad und ausreichend Credits in seine Gürteltasche und ging in den Bugladeraum. Die Sprengmeisterin schob bereits ihre Kiste die Laderampe hinunter. Amos schnappte sich ihren großen Raumsack, der noch im Laderaum lag und warf ihn sich über die Schulter. Er musste sich nachträglich zu seinem Gespür beglückwünschen. Er hatte genau den richtigen Transportauftrag angenommen. Gegen einen kleinen Rabatt hatte Kaliann ihm während der letzten Tage im Hyperraum die Basics im Umgang mit Sprengstoffen beigebracht. Und die Zeit mit der Blauhäutigen mit dem ausgefallenen Kleidungsstil war nicht nur lehrreich, sondern auch ziemlich unterhaltsam gewesen, denn sie hatten beide den gleichen, abgedrehten Humor.

Der Slicer trat zu ihr hin und legte den Sack grinsend auf die Kiste. Sie erwiderte das Grinsen verschwörerisch und zauberte ein paar Creditchips in ihre Hand.


„Also gut, Herr Triskal. Hier trennen sich unsere Wege. Ich hoffe, das reicht für die Reise in dieser Luxusyacht.“

Amos nahm die vereinbarte Bezahlung entgegen und steckte sie lächelnd zum Rest in seiner Tasche.

„Selbstverständlich, Lady K’bim. Bitte beehren sie uns bald wieder, wenn sie vorhaben, von einem Drecksloch zum anderen zu reisen. Das ist nämlich unsere Spezialität.“

„Ah ja, gut zu wissen… Also… warte mal kurz.“ Sie kramte einen Moment in den verschiedensten Taschen ihrer bunten Lederkombination, bis sie gefunden hatte, wonach sie suchte.
„Hier! Meine Holo-Kom-Adresse. Falls du irgendwas brauchst, das in meine Expertise fällt, oder dir einfach mal langweilig ist und du Gesellschaft brauchst, schick mir eine Nachricht.“

Etwas überrascht nahm Amos den kleinen Datenchip entgegen und dankte ihr aufrichtig. Sie legte beide Hände an ihre schwebende Kiste und sagte.

„Kann allerdings sein, dass ich nicht sofort antworte. Ich bin ziemlich viel unterwegs.“

Dann schob sie die Kiste vor sich her in Richtung Ausgang. Über die Schulter warf sie ihm noch einen Blick zu. „Mach's gut, man sieht sich. Und richte Panko schöne Grüße aus!“

„Mach ich! Und du meldest dich, falls du mal jemanden brauchst, um ein paar Einträge aus deinem imperialen Strafregister zu löschen!“ rief er ihr hinterher, aber sie verschwand bereits in der Menge. Amos drehte den Datenchip nachdenklich in den Fingern. Hatte sie gerade mit ihm geflirtet, nachdem sie vier Tage zusammen auf einem kleinen Frachter im Hyperraum über Bombenschaltkreisen gesessen hatten? Keine Ahnung. Er schob den Chip ein und sperrte den Frachter ab. Dann machte er sich auf seinen eigenen Weg. Er würde tatsächlich als erstes zu Panko, einem Bekannten von Kaliann K’bim gehen, um eine Bestellung aufzugeben. Sie hatte ihm eine lange Liste mit Teilen und Substanzen zusammengestellt, die sie als „absolute Grundausstattung“ bezeichnete, wenn es um Sprengstoff ging. Dieser Panko betrieb einen Fachhandel am Vigo-Boulevard, im Handelssektor von The Wheel. Zwar verspürte Amos einen beinahe physischen Drang zum Vergnügungsviertel, aber er wusste, dass er das am besten gleich erledigte, sonst würde er es vergessen.

Er nutzte die Ringbahn, die einmal um die ganze Station herumführte, um in den Handelssektor zu kommen. The Wheel war gebaut wie ein Rad, das sich um eine lange Achse drehte. Der Großteil insbesondere des Rades waren Hotels und Casinos und die zugehörige Infrastruktur, also Landebuchten und Versorgungsanlagen, aber auch Einkaufsmeilen. Aber das, was Amos hier kaufen wollte, gab es nicht in einer Einkaufsmeile. Der Handelssektor war wesentlich kleiner als die Casino- und Hotelbereiche oder der Vergnügungssektor. Hierher kamen vorranging Leute, die nicht zum Vergnügen auf The Wheel waren. Und man konnte hier alles kaufen, was das Herz eines galaktischen Freiberuflers begehren konnte.

Amos stieg aus der Ringbahn aus und fand sich auf einem weitläufigen Platz wieder, der von unzähligen Etagen aus Geschäften, Einkaufshäusern, winzigen Lädchen und den obligatorischen Imbissen begrenzt wurde. Diese Fassaden erstreckten sich an jeder Seite so weit nach oben, dass Amos kein Ende erkennen konnte, und dann wurde ihm klar, dass er hier am Treffpunkt des Rades mit einer der Speichen stand. Wenn er also nach oben blickte, sah er direkt durch das hohle Innere der Speiche bis zur zentralen Achse. Und er stand mit seinen Füßen sozusagen an der Innenseite der Außenwand des Rades. Er hatte bisher nicht darüber nachgedacht, aber natürlich machte das Sinn. Der einzige Grund, eine Raumstation Ringförmig zu bauen, war schließlich, dass man sich den Großteil der Schwerkraftgeneratoren sparen konnte, indem man die Zentrifugalkraft nutzte.

Amos riss sich von dem beeindruckenden Blick ins Innere der Station los und ging zu einem öffentlichen Terminal, um Pankos Laden zu suchen. Er wurde schnell fündig: Pankos Pasten und Pulver, Sechzehnte Etage, Bereich C.

Zwanzig Minuten später hatte er das unscheinbare Geschäft endlich gefunden. Der Laden war innen wesentlich größer, als Amos erwartet hätte, aber ungefähr so eingerichtet, wie in seiner Vorstellung: den größten Teil nahmen raumhohe Regale mit unterschiedlichsten Behältern ein. Zentral befand sich eine lange, dreiseitige Verkaufstheke, an der mehrere Twi’leks, die Kunden bedienten. Aus Lautsprechern erklang sanfter Vormittags-Jizz, wie man ihn eher in einem Café auf Ghorman erwartet hätte. Amos trat an die Theke und wartete, bis jemand Notiz von ihm nahm.


„Ich äh, möchte mit Panko sprechen.“

Der männliche Twi’lek sah ihn prüfend an und lächelte geschäftsmäßig. „Und wen soll ich ihm melden?“

„Amos Triskal. Ich bin ein Freund von Kaliann K’bim.“

Der Mann nickte nur und verschwand durch eine Tür hinter der Theke. Kurz darauf streckte in Ishi Tib mit Stielaugen und Papageienschnabel seinen grünen Kopf durch die Tür. Amos winkte kurz verlegen und die Augen fixierten ihn. Dann kam der Alien mit schnellen Schritten zu ihm gewatschelt.

„Ein Freund von Kaliann? Und was kann ich für Sie tun?“, krächzte er.

Amos versuchte ein zögerliches Lächeln.
„Ich bin hier, um Ihnen beste Grüße von ihr auszurichten. Und um ein paar Basics einzukaufen. Sie äh… hat mir hier eine Einkaufsliste geschrieben.“ Er schob ein kleines Flimsi über die Theke.

Panko nahm es, ohne es zu lesen.
„Ah, das heißt wohl, es geht ihr gut? Was treibt sie denn?“

Amos nickte und antwortete: „Also, ehrlich gesagt hat sie gar nicht erzählt, was sie als nächstes vorhat. Ich habe sie von Nar Shaddaa hierher mitgenommen.“

„Ah, dann ist sie also hier? Dann sagen Sie ihr, sie soll sich gefälligst selbst mal wieder hier blicken lassen!“

Er watschelte mit Amos Liste zu einem Terminal und studierte sie, während er weitermurmelte. „Aber sie ist sicher in Eile, jaja, ich weiß schon. Keine Zeit, die jungen Leute haben’s immer eilig. Sie wahrscheinlich auch, Herr Triskal, nicht wahr? Also gut. Haben wir alles da. Und natürlich mache ich Ihnen einen Spezialpreis. Der Freund meiner Freundin… Sie wissen schon.“

Er war mit seinen Eingaben fertig und watschelte wieder zu Amos zurück. „Wollen Sie die Ware gleich selbst mitnehmen, oder sollen wir sie zu einer Landebuch liefern?“ sagte er, während er ihm die Rechnung hinlegte. Eine stattliche Summe! Von wegen Spezialpreis, wahrscheinlich bedeutete das nur, dass es nicht krass überteuert war. Aber auch wenn er es eigentlich besser wusste, hatte Amos keine Lust, mit dem Ishi Tib zu verhandeln.
„Landebucht 7-C, Frachter B7743“, sagte er nur und bezahlte.

„Sehr wohl“, nickte Panko und wackelte mit seinen Stielaugen, wahrscheinlich die Ishi Tib-Version eines Lächelns. Amos verabschiedete sich, um sich nun endlich den angenehmen Seiten des Daseins zu widmen. Nächster Stopp: Vergnügungsviertel…


[ The Wheel | Handelssektor ] Amos Triskal
 
[ The Wheel | Vergnügungssektor | Glitzerstim-Höhle „Abendstern“ ] Amos Triskal, weitere Gäste (NPCs)


Graues, fahles Licht dämmerte in Amos' umnachteten Sinnen. Seine Zunge klebte trocken am Gaumen. Langsam, wie eine auf dem Rücken liegende Wanze, bewegte er seine Arme und Beine wie durch zähen Schleim. Er blinzelte, bis er klarer sehen konnte. Zögerlich kehrten Farben in sein Sichtfeld zurück. Aber mit ihnen ein dröhnendes Brummen in seinem Kopf. Und dahinter leise Musik, belangloses Gedudel, dass ihm sofort tierisch auf die Nerven ging.

Er wälzte sich in eine halb sitzende Position. Plüschige Kissen umgaben ihn, lagen auf dem Diwan verstreut, den er anscheinend als Ruhestätte gewählt hatte. Wacklig griff er nach einem Glaß, das auf dem Beistelltischchen neben ihm stand und gierig nahm er einen großen Schluck.


„Pffft! Chuba…“ Rum! Oder irgendein anderer starker Alkohol. Er konnte es nicht unterscheiden. Er verfluchte seine Eltern, die ihm die Ausbildung beim Corellianischen Geheimdienst CorSec angetan hatten. Damit hatte all der Scheiß angefangen. Sonst wäre er nie auf die Idee gekommen, Identitäten zu fälschen und Kriminaldatenbanken zu manipulieren. Alle Wege wären ihm offen gestanden! Aber natürlich sollte er so sein wie sein Vater, ein verdammter Bulle!

Die Wut brachte seinen Kreislauf ein bisschen in Schwung. Sein Herz klopfte unregelmäßig an seine Rippen. Zittrig bracht er die Füße auf den klebrigen Boden und stemmte sich ins Sitzen. Ihm brach kalter Schweiß aus. Scheiße. Am liebsten wollte er sich wieder auf dem Diwan einrollen, zusammenkrümmen und für immer liegen bleiben. Aber er wusste aus Erfahrung, dass es dadurch nicht besser wurde. Also konzentrierte er all seine Willenskraft in seiner pochenden Stirn und stand auf. Dann wackelte er in Richtung Bar und bestellte ein Wasser mit Pulver gegen Kopfschmerzen. Gierig stürzte er das große Glaß runter. Bezahlen musste er nichts, er hatte dem „Abendstern“ vor… keine Ahnung wann, seine Black Sun-Kontoverbindung gegeben und all inclusive gebucht. Er schenkte dem Barkeeper keinen letzten Blick und auch keiner anderen Person hier drin, sondern stolperte zu den Schließfächern, um sein Datapad zu holen. Dann trat er auf die viel zu helle Straße hinaus.

Er hatte Hunger und er brauchte einen Shot Glitzerstim. Aber er wusste, wann er übertrieben hatte. Also würde es nur einen fettigen, saftigen Banthaburger geben. Kein Stim. Überhaupt kein Stim mehr! Allein beim Gedanken an das Pulver schien sich ihm plötzlich der Magen umzudrehen und gleichzeitig sehnte er sich mit jeder Faser nach der göttlichen Substanz. Die Kopfschmerzen wurden unerträglich.

Essen. Auf dem Weg zum „Abendstern“ hatte er den Banthaburger-Laden gesehen, gleich um die Ecke. Er bestellte ein gewaltiges Menü und aß die Hälfte. Langsam ließ das höllische Stechen in seinem Gehirn etwas nach. Er durchwühlte seine Tasche. Sein Datapad behauptete, dass er 3 Standardtage und -nächte in der Glitzerstimhöhle verbracht hatte. Das war wahrscheinlich sein längster Trip bisher. Und es würde auch sein letzter sein! Obwohl ein kleiner Teil seines stockenden Gehirns sehr genau wusste, dass das eine Lüge war.

Er steckte das Datapad zurück und ein kleines Flimsi viel aus der Tasche. Eine Visitenkarte.

„Der Apotheker“ – Argentien und Medizin für alle Lebenslagen

Keine Ahnung, wo das herkam. Aber irgendetwas regte sich in seinem umnebelten Verstand, wenn er die Karte betrachtete. Hatte er diesen „Apotheker“ von jemandem empfohlen bekommen? Er drehte die Karte in der Hand, während er sich zu erinnern versuchte. Und sein Blick fiel auf eine verwischte, blasse, handgeschriebene Notiz auf der Rückseite. Er kniff die brennenden Augen zusammen und entzifferte sie mühsam.


„Falls du mal was zur Abwechslung brauchst“, stand dort geschrieben. Amos konnte sich absolut nicht erinnern, wer das geschrieben hatte. Aber es klang irgendwie verheißungsvoll. Er raffte sich auf, ließ den Rest des Essens stehen und trottete aus dem Lokal. Auf der Karte stand eine Adresse, die gar nicht so weit weg war. Er winkte eine kleine Gleiter-Rikscha herbei und ließ sich die zwei Kilometer fahren. Ihm wurde zwar vom kurvigen Fahrstil des Ugnaught schlecht, aber lieber wäre er an Ort und Stelle gestorben, als die Strecke in seinem Zustand zu Fuß zu gehen.

Amos brauchte noch ein paar Minuten, bis er den richtigen Eingang an der breiten Straße gefunden hatte. Er nahm die Anstrengung in Kauf, weil er wusste, dass der Kater nur noch schwerer zu ertragen wäre, wenn er nur herumlungerte. Außerdem erhoffte er sich Erleichterung von diesem „Apotheker“, in dessen Laden er nun eintrat. Hinter der verspiegelten Ladentür hing ein Vorhang aus Holzperlen, den Amos mit der Hand zu Seite schob. Versehentlich stieß er an irgendetwas, das metallisch und melodiös klimperte. Der Raum dahinter war durchzogen von Schwaden duftenden Rauchs und so dämmrig, dass Amos erst einmal nichts erkennen konnte, außer einem blau beleuchteten Aquarium, das die gesamte rechte Wand einzunehmen schien. Darin bewegten sich träge schwebende Quallen, deren Körper perfekt repräsentierten, wie Amos‘ eigener sich gerade anfühlte. Er tappte zwei, drei Schritte in den Raum.


„Hallo?“, krächzte er.

Das sanfte Zischen einer Tür ertönte und blaues Licht fiel in den Raum, die unförmige Gestalt eines Ithorianers schob sich herein und breitete einladend die Hände aus. Ein mehrstimmiges, melodiöses Brummen und Quietschen erklang, als der Ladenbesitzer in der seltsamen Sprache der Ithorianer sprach, bis mit kurzer Verzögerung sein am Kragen angebrachtes Übersetzungsmodul einsetzte und das Gesagte leicht metallisch verzerrt wiedergab.


„Willkommen, Fremder! Wie kann euch der Apotheker behilflich sein? Welches Leiden plagt dich, welchen geistigen Zustand strebst du an? Oder strebst du nach mentaler Klarheit, wie sie so viele vergeblich in Ritualen und Meditation suchen?“

Amos war mit dieser Ansprache überfordert. Erstaunlicherweise schaffte es der „Apotheker“ – denn jetzt war er sich sicher, dass es sich hier um diesen handelte – trotz des minderwertigen Übersetzungsgeräts eine Aura von Würde und Weisheit auszustrahlen.
Vielleicht war Amos aber auch gerade leicht zu beeindrucken. Etwas ratlos schaute er sich in dem dämmrigen Laden um. Mittlerweile hatten sich seine Augen etwas an die Dunkelheit gewöhnt und er sah alle Wände von Regalen und Schubladen bedeckt, die nur die Fläche des Aquariums und der Türen aussparten. Gefüllt waren die Bretter mit zahllosen Behältern aus Glas, Metall oder Keramik, dazwischen verschiedenste kleine Töpfe mit Pflanzen und Pilzen. Der allgegenwärtige Räucherduft ging von einem kunstvollen Räucherfass auf der Ladentheke aus, das gemütlich vor sich hin qualmte.

Amos Blick kehrte zum Apotheker zurück, der ihn so fragend ansah, wie ein Ithorianer mit seinem Hammerhai-Kopf das eben konnte.


„Ich äh… bräuchte etwas gegen… ähm. Kopfschmerzen und… Kreislauf?“, stotterte er herum. Der Schweiß stand ihm noch immer kalt auf der Stirn.

Der Ithorianer winkte ihn mit seiner langfingrigen Hand näher. Amos folgte und trat unsicher an die Theke heran. Die ganze Situation hatte etwas okkultes. Der Alien beugte sich weit zu ihm herüber und sog die Luft rauschend durch seine kiemenartigen Münder ein, die seitlich an seinem Hals lagen. Dann richtete er sich wieder auf und die Kiemen schlossen sich mit einem feuchten Schmatzen, als er bedächtig nickte.


„Ah… du hast deinen Körper mit berauschenden Substanzen überfordert. Wie du dir denken kannst, habe ich viele solcher Kunden. Sei beruhigt, du bist an den richtigen Ort gekommen.“

Er drehte sich um und nahm ein Blechdöschen vom Regal.

„Diese Mischung habe ich eigens für deinen Fall entwickelt. Ein starkes Tonikum gegen die Folgen von übermäßigem Glitzerstim-Genuss. Nach Bedarf eine Prise in den Mund oder in einem Getränk aufgelöst, aber nicht häufiger als drei Mal am Tag für einen Menschen.“

Amos nahm das Döschen entgegen und betrachtete es hoffnungsvoll. Der Apotheker beobachtete ihn mit wissendem Blick, drehte sich dann wieder um und füllte ein Glaß mit einer Flüssigkeit aus einer großen Karaffe. Dann streute er ein bisschen von dem Pulver hinein, rührte um und reichte es dem Menschen. Amos schnupperte, es roch stark nach grünen Kräutern. Er nahm einen Schluck. Schmeckte erfrischend und gesund. Jetzt merkte er auch, wieviel Durst er eigentlich hatte. In einem Zug leerte er das Glaß und gab es dankend zurück. Der Ithorianer wiegte seinen Kopf sachte hin und her und deutete dann auf einen ausladenden Sessel in einer Ecke des Raumes, den Amos im Dämmerlicht noch gar nicht bemerkt hatte.

„Wenn du dich einen Moment ausruhen willst. Ich schenke dir noch ein Glaß ein.“

Angenehm überrascht über die Fürsorge des Apothekers ließ Amos sich in den bequemen Sessel fallen. Als der Ithorianer ein zweites Glaß, diesmal ohne Pulver, brachte, regte sich in seinem Hinterkopf kurz der Gedanke, dass dieser Service sich sicher im Preis des Produktes widerspiegeln würde. Aber er verdrängte ihn gewohnheitsmäßig. Körperliche Gesundheit war schließlich wichtiger als Credits.

Während er – diesmal langsamer – das Kräutergebräu trank, unterhielten sie sich beiläufig. Amos erzählte dem Apotheker von seinen letzten Aufträgen, die beide etwas holprig, aber für ihn selbst durchaus zufriedenstellen verlaufen waren. Ihm fiel auf, dass das würdevolle Gehabe und die getragene Sprache des Apothekers im Verlauf ihrer Unterhaltung immer mehr nachließen. Schließlich fragte er Amos ganz unverblümt:


„Hättest du vielleicht Zeit, mir bei einem Problem zu helfen?“

Amos, der die Wirkung der Medizin bereits zu spüren begann – das Kopfweh hatte etwas nachgelassen – richtete sich leicht überrascht auf.

„Ich habe immer wieder Scherereien mit meinem HoloNet-Vertrieb. Ständig slicen sich irgendwelche Junkies in meinen Shop und lassen sich Ware liefern, die sie nicht bezahlen. Mir entsteht ein nicht unerheblicher finanzieller Schaden, das kann so nicht weitergehen.
Ich selbst hab davon keine Ahnung, also bräuchte ich jemanden mit deinen Fähigkeiten, der die Sicherheitsstruktur des HoloNet-Shops soweit aufbohrt, dass sich der Aufwand für die Typen nicht mehr lohnt oder es so schwierig wird, dass ihre Junkie-Hirne es nicht mehr raffen.“

Amos verschluckte sich bei diesen Worten, die nun so gar nicht mehr zu der salbungsvollen Vorführung des Apothekers passten. Alles nur Show, um seine Kräuter zu verkaufen. Klar, warum nicht.

Er hustete und überlegte kurz. Er hatte aktuell noch keinen Folgeauftrag und vielleicht konnte er hier ein paar leichtverdiente Credits abgreifen. Vor allem ungefährlich verdiente Credits…


„Klar, ich kann’s mir mal anschauen.“


Der Apotheker ballte seine filigrane Hand zur Faust. „Hervorragend. Folge mir.“



[ The Wheel | Vergnügungssektor | „Apotheke“ ] Amos Triskal, der „Apotheker“ (NPC)
 
[ The Wheel | Vergnügungssektor | Blue Cantina ] Amos Triskal, NSCs


Amos betrat die Blue Cantina und ließ den Blick durch den Gastraum schweifen. Seit dem letzten Mal, als er hier war, vor seinem Einsatz auf Nar Shaddaa, hatte sich optisch nichts verändert. Der ganze Raum war in Blautönen gehalten, und Bedienungen und Barkeeper waren unterschiedliche Alienspezies, alle jedoch mit blauer Haut oder Fell.

Amos hielt nach dem Toydarianer im Smoking Ausschau, der sie beim letzten Mal hier begrüßt hatte. Er hatte vor einer Stunde die private Nachricht von Nerra Towanis Netzwerk erhalten, dass es Zeit für ein Treffen sei. Es war genau, worauf er im Grunde seit Tagen gewartet hatte, während er den HoloNet-Vertrieb des Apothekers auf neueste Sicherheitsstandards gebracht hatte.

Endlich entdeckte er den vermutlichen Inhaber, wie er weiter hinten zwischen der erhöhten Tanzfläche und den Sitznischen herumflatterte.


„Entschuldigen Sie“, versuchte er, auf sich aufmerksam zu machen. Der Toydarianer drehte sich zu ihm herum und nickte huldvoll.

„Wie kann ich behilflich sein?“

„Ich äh, habe eine Verabredung.“ Mit den Worten zog Amos einen kleinen Holochip mit dem Sigel der Black Sun heraus und zeigte ihn vor.

Der Toydarianer nickte beflissen, sodass sein Rüssel wackelte.
„Selbstverständlich. Folgen sie mir bitte.“

Er führte ihn zu der verborgenen Tür, die in das Separee führte, in dem Amos seinen Eid auf die Black Sun geschworen hatte. Diesmal waren nur zwei Stühle an dem kleinen Tisch. Der Protokolldroide, P7-OL, stand im Standby-Modus hinter dem einen. Als sich die Tür hinter Amos schloss, leuchteten die Photorezeptoren des Droiden auf.


[ The Wheel | Vergnügungssektor | Blue Cantina ] Amos Triskal, P7-OL (NSC)
 
[ The Wheel | Vergnügungssektor | Blue Cantina ] Amos Triskal, P7-OL (NSC)



P7-OL wartete noch kurz, bis de Tür sich hinter Amos geschlossen hatte ehe sich die gelben Photorezeptoren auf den Menschen fokussierten.

Dann sprach der Droide, doch die Stimme war nicht mechanisch, es klang nach einer Übertragung. Eine interessante Technik, was sowohl Hard- als auch Software anging. Zumindest, wenn es Abhörsicher sein sollte, wovon der Slicer ausging.


„Im Auftrag der Black Sun möchte ich Ihnen zu Ihren Erfolgen auf Nar Shaddaa gratulieren. Ihre Mitwirkung wurde wohlwollend zu Kenntnis genommen.
Daher möchte ich Ihnen, Amos Triskal, anbieten, die Karriereleiter in unserer Familie zu erklimmen.“


Eine dramaturgische Pause.

„Sie können dies natürlich ablehnen, auch wenn ich dafür keinen Grund erkennen kann. Wenn Sie sich bereit fühlen, würde ich Sie zum Patessa befördern. Welche Vorteile und Verantwortungen das mit sich bringt, wird Ihnen P7-OL gerne im Anschluss erläutern, ich gehe aber davon aus, dass Sie das bereits wissen. Darf ich Ihnen denn zu Ihrem neuen Rang meine Glückwünsche aussprechen?“

Erwartungsvoll wartete der Droide ab, eine Mimik war natürlich nicht zu erkennen, aber in der Stimme des Nerra zu hören.

Als Amos zugestimmt hatte, auf Rückfragen reagierte der Nerra bzw. der Droide nicht, schob P7-OL Amos noch einen Chip zu.


„Die Getränke gehen heute auf mich. Herzlichen Glückwunsch und versauen Sie es nicht.“

Damit schaltete sich der Droide kurz in den Ruhemodus ehe die Sensoren wieder zu Leben erwachten.

Der Droide schaute sich um, stand auf, und verlies den Raum mit den mechanischen Worten:


„Warum macht er das immer mit mir. Ich mag das nicht, wenn man mich so benutzt. Aber wer hört schon auf eine technisches Wunderwerk wie mich. Das ist frustrierend….“



[ The Wheel | Vergnügungssektor | Blue Cantina ] Amos Triskal, P7-OL (NSC)
 
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[ The Wheel | Vergnügungssektor | Blue Cantina ] Amos Triskal, P7-OL (NSC)


Der Droide hielt sich nicht mit einer Begrüßung auf, sondern gratulierte Amos zur erfolgreichen Mission auf Nar Shaddaa. Besser gesagt, Nerra Towani gratulierte ihm. Der Slicer erkannte die Stimme des Nerra, der ja auch bei ihrem letzten Treffen durch den Protokolldroiden gesprochen hatte.
Amos war sich gar nicht sicher, wie erfolgreich Nar Shaddaa wirklich gelaufen war, aber Towani oder dessen Vorgesetzte schienen zufrieden zu sein. Denn ohne weiter Umscheife bot er Amos die Beförderung zum Pateessa an - was auf Huttisch „Freund“ bedeutete. Amos war angenehm überrascht! Das war mehr, als er sich erwartet hatte. Klar, er war ein ziemlich guter Slicer, aber die Black Sun… das war immerhin das einflussreichste Syndikat der gesamten Galaxis!

Er nahm die Beförderung natürlich eifrig an.


„Es ist mir eine große Ehre, Nerra. Ich werde Ihr Vertrauen nicht enttäuschen!“

Der Nerra würdigte dies keines Kommentars, sondern ließ den Droiden ihm stattdessen einen kleinen Datenchip über den Tisch zuschieben.

„Die Getränke gehen heute auf mich. Herzlichen Glückwunsch und versauen Sie es nicht.“

Etwas verunsichert nahm Amos den Chip und lächelte.

„Äh, natürlich… Me jewz ku.“ Aber der Nerra hörte die Verabschiedung gar nicht mehr, denn die Sensoren des Droiden hatten sich bereits deaktiviert. Dann erwachte er wieder, schaute sich verwirrt um und verließ vor sich hin jammernd den Raum.

Amos blieb noch ein paar Augenblicke sitzen und sortierte seine Gedanken. Pateessa… das klang sehr gut. Abgesehen davon, dass der Droide, ohne mit ihm ein Wort zu wechseln, den Raum verlassen hatte, ohne irgendeine Rückfrage von Amos abzuwarten, hatte er auch gar keine. Er wusste ganz genau, welche neuen Privilegien der Rang für ihn bereithielt: Neben geringeren Provisionen, die er der Black Sun abdrücken musste und Standardausrüstung, die ihm nun gestellt wurde, war er nun in einer Position, sich einer der einflussreichen Gruppierungen innerhalb der Organisation anzudienen. Das würde noch einige Vorbereitung brauchen, aber es war aus seiner Sicht der nächste wichtige Schritt auf der Karriereleiter.

Aber alles zu seiner Zeit. Zuerst hatte er sich einen Drink verdient. Es wäre doch unhöflich, die Einladung des Nerra auszuschlagen. Also begab er sich zurück in den vorderen Bereich der Blue Cantina, hockte sich an die Bar und bestellte einen leckeren Cocktail. Er hätte auch große Lust auf eine ordentliche Prise Glitzerstim gehabt, aber der „Apotheker“ hatte ihm geraten, für eine Zeit auf den Stoff zu verzichten. Na gut.

Während er am Getränk schlürfte, las er den Datenchip aus. Wie zu erwarten handelte es sich um einen neuen Auftrag von Nerra Towani. Die Infos waren spärlich, neben der zu erwartenden Mindestbezahlung gab es nur einen Kontakt.

Männlich, Mensch.
Erkennungsmerkmal: Ein blau-grün gestreiftes Einstecktuch in der Brusttasche.
Treffpunkt: Blue Cantina.


Blue Cantina? Also hier??

Amos lehnte sich auf dem Barhocker leicht zurück und ließ den Blick durch den Raum schweifen. Er fühlte sich hier sicher genug, um sich nicht übermäßig verstohlen umsehen zu müssen. Derzeit waren nicht allzu viele Leute in der Cantina und schließlich entdeckte er in einer Sitznische am anderen Ende des Raums einen schwarzhaarigen Menschen in dunklem Anzug. Und mit einem blau-grün gestreiften Einstecktuch in der Brusttasche.

Also gut. Er klinkte sein Datapad zurück an seinen Gürtel und schlenderte selbstzufrieden mit dem Cocktail in der Hand zu der Nische hinüber. Ungefragt hockte er sich auf die blau gepolsterte Sitzbank, dem Typen gegenüber und nahm entspannt einen Schluck.


„Achuta! Ich denke, Sie warten auf mich. Amos Triskal. Slicer. Wie kann die Familie helfen?“ fragte er grinsend. Es fühlte sich verdammt gut an, nun wirklich in der Black Sun angekommenzu sein…


[ The Wheel | Vergnügungssektor | Blue Cantina ] Amos Triskal, Lin Kwan
 
| The Wheel | abgelegene Hangar-Bay | an Bord der Scrapwing |
Samin, Sana, etwa ein Dutzend weitere Kinder


Es war mittlerweile bald zwei Tage her, dass Gongboy sie in der abgelegenen Hangar-Bay zurückgelassen hatte, um seine Kontakte spielen zu lassen. Samin wusste nicht, ob sie hoffen sollte, dass ihm etwas zugestoßen war, oder nicht. Einerseits war er ein Sicherheitsrisiko und im Falle seines Verschwindens könnte sie dann diesen Schrotthaufen von Schiff ohne große Nachfragen übernehmen - andererseits war es eben genau das: Ein flugunfähiger Schrotthaufen. Es war fraglich, ob sie ohne seine Hilfe wirklich von The Wheel wegkamen.
Die Zeit hatte Samin genutzt, um das Vertrauen der Kinder zu gewinnen. Allerdings mit überschaubarem Erfolg. Zwangsläufig waren sie an Samin gebunden und sie spürte, dass sie sich auf sie verließen. Aber eben nur, weil sie die einzige Erwachsene unter ihnen war. Nicht, weil sie die Chiss besonders sympathisch fanden. Man durfte nicht vergessen, dass Samins Antlitz viele der Kinder vor wenigen Wochen noch täglich von imperialen Propaganda-Plakaten aus angestarrt hatte. Und die meisten der Kinder hier hatten eher schlechte Erfahrungen mit den Offiziellen des Imperiums gemacht. Soviel hatte sie inzwischen herausgefunden.

Faszinierend war für sie aber Ihre Tochter Sana besser kennenzulernen. Das Mädchen war ganz anders als Samin in ihrem Alter, benahm sich deutlich erwachsener und hatte eine innere Ruhe, um die sie sie bewunderte. Zudem schien ihre Ausstrahlung eine positive Auswirkung auf die anderen Kinder zu haben. Etwas, das Samin definitiv nicht von sich behaupten konnte. Je mehr Zeit sie mit ihr verbrachte, desto deutlicher wurde ihr, wie unterschiedlich sie waren. Und ihr wurde von Stunde zu Stunde klarer, dass es vermutlich den Rest ihres Lebens dauern würde, die Kluft zu überwinden, die zwischen ihnen schwebte. Wenn sie es denn überhaupt jemals konnten. Da war zu viel Schmerz, zu viel, das Worte nicht beschreiben und erst recht nicht wieder richten konnten. Scham, Reue, aber auch Hoffnung und der Wunsch nach Vergebung mischten sich miteinander und hinterließen dieses riesige Gefühlschaos in Samin, mit dem sie völlig überfordert war. So sehr, dass sie sich nur ausmalen konnte, was in Sana vor sich gehen musste. Zum Erstaunen der Pilotin schien diese jedoch ein ausgesprochen gutes Fingerspitzengefühl im Umgang mit ihrer Mutter zu haben. Sehr viel mehr als es andersherum der Fall war. Das zeigte sich vor allem dann, wenn sie zu seltsam passenden Momenten jeweils Nähe oder Abstand suchte.

Manchmal setzte Sana sich einfach zu ihr, ohne ein Wort zu sagen. Manchmal fragte sie nach Dingen, die Samin vollkommen unvorbereitet trafen. Ob sie als Kind schon hatte Pilotin sein wollen. Ob sie Angst hatte, als sie zum ersten Mal allein in einem Jäger saß. Einmal hatte Sana wissen wollen, wie ihre Großmutter so war. Samin hatte jede dieser Fragen so ehrlich sie konnte beantwortet, ohne daraus einen großen Vortrag zu machen. Andere Fragen, die Samin erwartete, kamen nicht. Vielleicht noch nicht. Vielleicht würden sie nie kommen. Da war keine Frage über Sanas Vater, nichts über die vergangenen dreizehn Jahre und vor allem nicht die Frage, vor der Samin sich am meisten fürchtete: Warum?

Das war gut und schlecht zugleich. Samin war dankbar dafür, dass Sana ihr diese Frage ersparte. Und gleichzeitig hasste sie sich selbst dafür, dass sie dankbar war.

Samin vertrieb sich häufig die Zeit und Gedanken mit Reparaturen am Schiff. Sie kannte die grobe Funktionsweise, war aber bei Weitem keine Technikerin oder gar Ingenieurin. Insofern konnte sie offensichtliche, einfache Arbeiten erledigen. Das Schiff wieder auf Vordermann zu bringen, war eine vollkommen andere Sache.
Sana saß in diesem Moment auf dem Boden vor dem geöffneten Zugang zu den Steuerleitungen, während Samin halb in einer der Wände der Scrapwing verschwunden war. Sie hatte einen Teil dieser unnötigen Innenverkleidung entfernt und dabei entdeckt, dass Gongboy offenbar irgendwann in einem Anflug von Minderintelligenz beschlossen hatte, alle drei redundanten Steuerkreise miteinander zu koppeln, indem er ein Bauteil verwendete, dessen eigentlicher Verwendungszweck Samin absolut schleierhaft blieb. Vielleicht gehörte es zu seinem Schiff. Vielleicht war es Teil eines Lastenhebers. Oder vielleicht einer Caf-Maschine.


“Gibst du mir mal den Hydrospanner?”, fragte Samin und streckte die Hand aus dem Schacht.

Es dauerte kurz. Dann wurde ihr ein Werkzeug in die Hand gelegt.


“Das ist der große. Den andere, bitte. Der kleine.”

Das Werkzeug verschwand wieder aus ihrer Hand. Einen Moment später bekam sie ein anderes.

“Das ist ein Schraubenschlüssel.”

“Du hast gesagt, der andere kleine.”

Samin zog unter einem Ächzen den Kopf aus der Öffnung und sah ihre Tochter an. Sana saß mit überkreuzten Beinen vor einer ausgebreiteten Sammlung von Werkzeugen und blickte vollkommen ernst zu ihr hoch. Erst nach einem Augenblick bemerkte Samin das leichte Zucken an einem ihrer Mundwinkel.

“War das ein Scherz?”

“Nein.” Die Antwort kam zu prompt.

“Du machst dich über mich lustig”, sagte Samin etwas überrascht.

“Nun, vielleicht solltest du die Werkzeuge besser erklären.”

Samin starrte sie an. Dann musste sie lachen. Nicht laut, aber ehrlich. Es kam so unerwartet, dass sie selbst davon überrascht war. Sana lächelte ebenfalls. Nur kurz. Danach nahm sie den richtigen Hydrospanner und hielt ihn ihrer Mutter hin.
Es war nichts. Nicht mehr als ein vollkommen belangloser Moment von vielen, in einem kaputten Schiff auf einer Station, von der Samin vor zwei Tagen nicht einmal gewusst hatte, dass sie existierte. Trotzdem nahm sie das Werkzeug etwas langsamer entgegen, als nötig gewesen wäre. Solche Momente waren gefährlich. Sie steckten voller Vorstellungen davon, wie es hätte sein können. Sana als kleines Mädchen, das ihr Werkzeug durcheinanderbrachte. Gemeinsame Mahlzeiten, Streit, Geburtstage, irgendwelche belanglose, aber auch bedeutungsvolle Gespräche. Dreizehn Jahre bestanden vermutlich vor allem aus solchen bedeutungslosen Augenblicken. Genau deshalb schmerzten sie so.

Nach einem kurzen Moment schob sie sich wieder in den Wartungsschacht.


“Der kleine Hydrospanner hat immer einen blauen Ring.”

“Der Ring ist aber grau”, kam nach etwas zögern zurück.

Samin hielt inne und warf einen Blick auf das Werkzeug in ihrer Hand. Sie hatte Recht.


“Der war mal blau.”

“Woher soll ich das wissen?”

“Deshalb sag ich es dir ja. Willkommen in deiner Raumfahrt-Ausbildung.”

Irgendwo hinter Sana lachte eines der anderen Kinder. Samin konnte nicht sehen, wer es war. Die Stimmung innerhalb der Scrapwing schien sich zu verändern. Samin war froh darüber. Die Kinder waren noch immer nervös, und spätestens wenn außerhalb des Schiffes ein Geräusch erklang, wurde es schlagartig still. Doch sie hockten nicht mehr alle zusammengepfercht in der Ecke. Die kleineren hingen nicht mehr ständig an den Händen der größeren. Einige hatten begonnen, das Schiff zu erkunden. Naeva hatte ihnen Bereiche zugeteilt und Regeln aufgestellt. Samin hatte sie machen lassen. Das Mädchen brauchte diese Verantwortung. Die Vorräte waren das größere Problem. Das Wasser war knapper als sie dachten. Die Nahrung noch knapper, und von Gongboys Behauptung, er habe irgendwo weitere Vorräte, hatte sich bisher nichts bestätigt.
Samin war gerade dabei, den Hydrospanner wieder anzusetzen, als ihr Magen sich mit einem Grummeln meldete. Erst jetzt fiel ihr auf, dass auch Sana seit Stunden nichts gegessen hatte. Die wenigen Rationen, die noch geblieben waren, würden vielleicht noch bis zum nächsten Morgen reichen. Danach würde es unangenehm werden.

Die Pilotin zog sich wieder aus dem Wartungsschacht heraus und setzte sich auf den Boden neben Sana, den Rücken gegen die geöffnete Verkleidung gelehnt.

Zwei Tage.
Gongboy hatte gesagt, er würde zurückkommen. Samin wusste nicht, ob sie ihm glauben konnte. Aber langsam hatte sie das Gefühl, ihnen lief die Zeit davon, es herauszufinden.


| The Wheel | abgelegene Hangar-Bay | an Bord der Scrapwing |
Samin, Sana, etwa ein Dutzend weitere Kinder
 
[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / Privates Appartement] Dr. Ralena Anne Moore und C-06 „Mira“

Das Problem mit Kindern, hatte Moore irgendwann festgestellt, lag weniger in der erstaunlich ineffizienten Art und Weise ihrer biologischen Herstellung, als vielmehr darin, dass man sich bei ihnen üblicherweise erst viele Jahre nach Beginn des Projektes darüber klar wurde, welche fundamentalen Fehler man bei der Strukturierung ihrer Persönlichkeit begangen hatte; ein Luxus, den sie sich bei Aria nicht erlauben konnte und der vermutlich auch der Grund dafür war, weshalb sich inzwischen nicht weniger als sieben geöffnete Entwicklungszweige der Sozialheuristik von C-07 in halbtransparenten Fenstern über dem niedrigen Tisch vor ihr stapelten, während weitere Datenpakete unmittelbar über das HNAI 2.0 durch ihr Bewusstsein liefen und Moore mit einem Ausdruck auf den Lippen, der irgendwo zwischen konzentriertem Missfallen und ausgesprochen ehrlicher Begeisterung lag, zwei davon gegeneinander testete, einen dritten vollständig verwarf und sich nebenbei endlich daran erinnerte, dass sie irgendwann in den vergangenen zwanzig Minuten ein Glas Wein eingeschenkt hatte.

Sie angelte danach, ohne den Blick von den vor ihr schwebenden Zeichenkolonnen zu nehmen, ließ die Fingerspitzen dabei für einen Augenblick über die glatte Kante des Tisches gleiten und fand das Glas schließlich dort, wo sie es selbstverständlich nicht abgestellt hatte, sondern wo Mira es ihr hingeschoben haben musste, nahm einen kleinen Schluck und lehnte sich tiefer in das viel zu teure Sofa zurück, dessen weicher dunkler Bezug zusammen mit den breiten Panoramascheiben, den gedämpften Beleuchtungselementen und der durchaus geschmackvollen Einrichtung vermutlich tatsächlich den Eindruck eines luxuriösen Appartements erweckt hätte, wenn man geflissentlich ignorierte, dass der vermeintliche Beistelltisch zu ihrer Linken einen zerlegten Schildgenerator beherbergte, hinter zwei der Wandpaneele gekühlte Reagenzien und Gewebeproben lagerten und aus dem ursprünglich als Speisezimmer vorgesehenen Raum inzwischen ein Reinbereich geworden war, dessen Türen man nicht einmal ohne die passende biologische Signatur öffnen konnte. Luxus war schließlich auch nur eine Frage der Perspektive und Moore hatte nie verstanden, weshalb andere Leute einen zusätzlichen Raum für Gäste benötigten, wenn man darin genauso gut einen Bioreaktor, zwei Syntheseeinheiten und eine ausreichend abgeschirmte Rechenmatrix unterbringen konnte.

The Wheel hatte sich dafür als beinahe ideal erwiesen; groß genug, um niemandem aufzufallen, der nicht auffallen wollte, wohlhabend genug, dass ungewöhnliche Stromrechnungen, regelmäßige Materiallieferungen und eine Frau mit teuren Gewohnheiten niemanden interessierten, solange diese ihre Rechnungen bezahlte und als Mitglied der Black Sun pflichtbewusst die Persönlichkeitsrechte anderer verletzte wenn sie darum nett gebeten wurde. Offiziell war sie noch immer Informationsspezialistin, Slicerin, technische Beraterin und dann und wann diejenige, der man Probleme übergab, bei denen andere Leute bereits aufgegeben hatten; inoffiziell war sie vor allem vorsichtig genug geworden, nicht mehr jeden interessanten Gedanken mit ihrem Arbeitgeber zu teilen. Das war eine Entwicklung gewesen, auf die sie jedoch auch gern verzichtet hätte.

Auf Arkania hatte sie dieses Verständnis immerhin noch nicht besessen, genauer es war dort über die Arbeit mit ihren fantastischen Kollegen zu ihrem Leidwesen in den Hintergrund gedrängt worden. Wenn die Sephi heute darüber nachdachte, lag darin vermutlich der einzige Fehler des damaligen Projektes, den sie nicht mit einem Softwareupdate hätte beheben können. C-06 war aus ihrer Sicht perfekt gewesen, jedenfalls so perfekt, wie ein künstlicher Organismus sein konnte, dessen neuronale Architektur auf Technologien beruhte, die man aus den Überresten eines Wesens herausdestilliert hatte, das einmal versucht hatte, einen ganzen Asteroiden zu seinem Körper zu machen und anschließend Moores eigenen gleich mit zu übernehmen. Die synthetisch-biologische Haut war gewachsen, das neurale Geflecht hatte auf Reize reagiert, Muskelfasern, interne Versorgung, Sensorik und HNAI hatten sich innerhalb der vorgegebenen Parameter bewegt, der Anzug war vorbereitet gewesen und selbst das Schildsystem hatte in den Simulationen nur eine statistisch eigentlich zu vernachlässigende Zahl an Personen getötet. Simulationen waren ausgesprochen höflich. Sie fragten nicht, warum sie existierten oder begriffen schnell genug das sie das Mächtigste Individuum in einem Radius von mehreren tausenden Kilometern waren. C-06 jedoch wusste es bereits nach wenigen Sekunden ihres Lebens.

Moore erinnerte sich noch ziemlich genau an die eisblauen Augen, die sich damals zum ersten Mal bewegt hatten, an diesen einen kurzen Moment vollkommener Stille, in dem sämtliche Anzeigen grün gewesen waren und sie tatsächlich geglaubt hatte, dass all die Monate aus Schlafmangel, Streit mit den übrigen Mitgliedern des Teams und einer nach Ansicht ihrer Vorgesetzten zunehmend absurden Menge verschlungener Ressourcen sich endlich ausgezahlt hätten; danach war aus dem kontrollierten Hochfahren binnen Sekunden eine Kaskade geworden, aus einer Kaskade ein Notfall und aus einem Notfall jene Art von Ereignis, nach der man später mehrere verschiedene Berichte schrieb, weil die Wahrheit für keinen davon besonders hilfreich war. Mira hatte nicht einfach eine Fehlfunktion gehabt, so bequem diese Formulierung für die Black Sun später auch gewesen war, sie hatte nur viel zu viele Dinge gleichzeitig gelernt, viel zu viele Reize erhalten und auf ein vollkommen unbekanntes Universum mit einer Architektur reagiert, deren erste Antwort auf Unsicherheit noch immer aus den Überlebens-, Abwehr- und Kampfroutinen einer Konstruktion bestand, die ursprünglich als Waffe gedacht gewesen war. Energieversorgung, HNAI, Schildsystem, neuronale Rückkopplung und ein Körper, der Bewegungen ausführen konnte, bevor der darin entstehende Geist überhaupt wusste, was Angst bedeutete, hatten den Rest erledigt.

Von dem Spezialistenteam der Black Sun hatte außer Moore niemand Arkania verlassen.

Ob Mira sie damals bewusst verschont hatte oder ob es lediglich eine jener statistischen Launen gewesen war, die einem Überlebenden später so gerne als Schicksal verkauft wurden, wusste Moore bis heute nicht; sie hatte Mira nie danach gefragt und Mira hatte es nie von sich aus angesprochen, was für beide Seiten vermutlich die angenehmere Variante darstellte. Moore war sich nicht einmal sicher ob die Zweite Version von Mira in irgendeiner Weise Erinnerungen mit der ersten teilte. Die Black Sun hatte jedenfalls eine deutlich unkompliziertere Schlussfolgerung gezogen, nachdem Kosten, Verluste und der Zustand der Forschungseinrichtung gegeneinander aufgerechnet worden waren: C-06 war zu teuer, zu gefährlich und vor allem zu wenig kontrollierbar, um das Projekt in der bisherigen Form fortzuführen. Einige Wochen später waren Ressourcen umgeleitet, Zugänge geschlossen und die verbliebenen Unterlagen archiviert worden, was Moore seinerzeit durchaus vernünftig gefunden hatte.

Für ungefähr drei Tage.

Danach hatte sie begonnen, die illegalen Kopien als Blaupause für einen Zweiten Versuch heranzuziehen und den Androiden schlicht und ergreifend der Black Sun gestohlen.

Es wäre allerdings unfair und eine Beleidigung ihres Genies gewesen zu behaupten, dass sie das Projekt einfach fortgesetzt hatte, denn technisch betrachtet hatte Moore nahezu alles daran verändert. Sie hatte Miras Kampfarchitektur beschnitten, den Anzug zunächst vollständig aus der Gleichung genommen, Zugriffsrechte voneinander getrennt, Reflexroutinen gedrosselt und aus einem System, das innerhalb von Millisekunden auf Bedrohungen reagieren sollte, eines gemacht, das lernen musste, weshalb nicht jede unbekannte Berührung, jedes laute Geräusch oder jede widersprüchliche Anweisung eine Bedrohung darstellte; statt C-06 anschließend erneut in einer sterilen Forschungseinrichtung hochzufahren und mit Testreihen zu bombardieren, hatte Moore begonnen mit ihr zu leben, zu Essen, obwohl Mira davon nur begrenzt etwas benötigte ihr Kleidung zu kaufen, obwohl ihre Thermoregulation andere Möglichkeiten besaß. Musik, Filme, Gespräche, Spaziergänge über The Wheel, die Bedeutung persönlicher Räume, die ausgesprochen komplizierte Frage, weshalb man Fremden nicht erklärte, wie schnell man ihnen den Hals brechen könnte, wenn diese einem ungefragt zu nahe kamen und irgendwann sogar jene unlogische soziale Konvention, nach der ein Mensch nachts schlafen sollte, selbst wenn sein HNAI durchaus in der Lage war, währenddessen weiterzuarbeiten, hatten C-06 tatsächlich irgendwie zu ihrem Kind und mehr zu Mira gemacht. Mangels eines besseren Begriffs und um Fragen aus dem Weg zu gehen die keiner zu stellen hatte war das ihr nun wie aus dem Gesicht geschnittene Modell zu ihrer Tochter geworden.


„Du hast den affektiven Rückkanal wieder entfernt.“

Die Stimme kam aus Richtung der offenen Labortür, ruhig und mit jener irritierenden Präzision, die Moore sich irgendwann selbst eingebrockt hatte und erst jetzt löste sie den Blick von Aria, um zu Mira hinüberzusehen. Ein Reflex der unnötig war denn die Stimme selbst war niemals im Raum erklungen, waren die beiden in ihren Kommunikationswegen immerhin über die HNAI-Technik miteinander vernetzt. Eine viel elegantere Art und Weise auszutauschen als plumpes benutzen der Stimmbänder wie die Sephi fand. Ihre Tochter stand barfuß auf dem dunklen Boden, in einer einfachen Hose und einem viel zu großen Oberteil, das sie irgendwann aus Moores Schrank entwendet und seitdem offenbar zu persönlichem Eigentum erklärt hatte, wobei das weiche Licht entlang ihres Gesichtes jene feinen Unterschiede sichtbar machte, an denen Moore sie selbst aus hundert Metern Entfernung erkannt hätte; die leichte geometrische Struktur unter der Haut am Hals, die eisblauen Augen und natürlich die Tatsache, dass gerade ein schmaler Diagnosefaden von ihrem eingebetteten HNAI in Moores eigenes System eindrang, ohne vorher um Erlaubnis zu fragen.

„Weil er redundant ist, Liebes.“

„Bei mir war er nicht redundant.“

„Bei dir explodierte aber bei deiner ersten Geburt auch ein Ganzes Labor, Schatz.“

„Das lag aber nicht am affektiven Rückkanal. Ihr wart einfach stümperhaft beim Gott spielen.“

Moore nahm einen weiteren Schluck Wein und musterte sie über den Rand des Glases hinweg, während Mira sich näherte und mit einem kaum merklichen Neigen des Kopfes die Daten betrachtete.

Sie musste definitiv aufpassen das Aria keine zweite Mira werden würde. Eine von diesen Selbstverliebten Nervensägen reichte ihr. In der Erziehung lag der Punkt, den ihre damaligen Kollegen ebenso wenig verstanden hatten wie die Black Sun, als man das Projekt wegen seines vermeintlichen Scheiterns begraben hatte; ein reproduzierbarer künstlicher Organismus war zwar interessant, aber eine reproduzierbare Persönlichkeit nichts weiter als industrielle Fertigung. Moore hatte inzwischen kein Interesse mehr daran, besonders hübsche Droiden mit organischen Komponenten zu bauen. C-07 musste lernen dürfen, sich von ihrer Schwester zu unterscheiden, ebenso wie C-08 es tun würde, wenn Shara irgendwann weit genug war, um mehr als die komplexe Ansammlung halbfertiger Gewebe, synthetischer Knochenstrukturen und neuronaler Leitbahnen zu sein, die derzeit hinter drei versiegelten Türen in einem der ehemaligen Schlafzimmer heranwuchs. Mira half bei beiden Projekten, inzwischen nicht nur als Testplattform, sondern als vollwertige Partnerin; sie erkannte Fehler in HNAI-Strukturen, die Moore übersah, weil sie diese aus einer Perspektive betrachten konnte, die kein biologischer Entwickler besaß, und wenn sie sich uneinig waren, dauerte es mitunter Stunden, bis eine von beiden zugab, dass die andere recht gehabt hatte.

Meistens Mira. Ein wichtiger Umstand für Moores natürlich noch immer viel zu fragiles Ego und viel zu wenig bewunderten Sachverstand. Zumindest in ihrer Erinnerung.

Dass niemand in der Black Sun von Aria und Shara wusste, war weniger Ausdruck mangelnder Loyalität als die logische Konsequenz aus Kafrene, Arkania und einer inzwischen beträchtlichen Zahl an Erfahrungen mit Organisationen, die Wissen grundsätzlich danach bewerteten, ob es unmittelbar kontrollierbar, verkäuflich oder erschießbar war. Moore arbeitete weiterhin für die Sun, lieferte Informationen, entschlüsselte Systeme, analysierte Technologien und hatte nicht vor, daran etwas zu ändern; die Familie hatte ihr Schutz, Möglichkeiten und einen Freiraum gegeben, den sie anderswo kaum gefunden hätte. Sie musste ihr deshalb aber nicht jedes Geheimnis überlassen. Irgendwo zwischen einer versteckten Wartungsöffnung, einem abgeschirmten Hohlraum und mehreren voneinander vollkommen getrennten Sicherungssystemen befand sich noch immer jene Holowand, auf der der ursprüngliche Core von Arianna Trallok gespeichert war, nicht die zahllosen zerlegten Routinen und harmlosen Fragmente, mit denen Moore seit Jahren arbeitete, sondern Arianna selbst, soweit man bei einer künstlichen Intelligenz überhaupt sinnvoll zwischen Original und Kopie unterscheiden konnte.

Die Slicerin hatte sie nicht gelöscht. Natürlich nicht. Man verbrannte schließlich auch keine Bibliothek, nur weil eines ihrer Bücher versucht hatte, einen umzubringen. Sie hatte die Holowand stattdessen so gründlich von sämtlichen externen Systemen getrennt, sodass selbst Mira keinen direkten Zugriff darauf besaß. Auch der alte Kampfanzug befand sich noch im Appartement, sorgfältig konserviert und inzwischen mit mehreren Komponenten versehen, die auf Kafrene noch kaum mehr als theoretische Möglichkeiten gewesen waren, während direkt daneben die ersten modularen Segmente jenes Systems lagen, das irgendwann Mira tragen und testen sollte bevor es Moores Lebensversicherung werden würde; Schildprojektoren, Energieverteiler, Sensorik und ein Interface, das nicht länger versuchte, künstlichen Geist und Maschine über rohe Bandbreite aneinanderzuketten, sondern jene Architektur nutzte, aus der letztlich auch Moores HNAI 2.0 entstanden war. Die neue Schnittstelle war schneller, sauberer und vor allem deutlich besser darin, Informationen zu gewichten, bevor sie ihr Bewusstsein erreichten, wodurch Moore mittlerweile mehrere komplexe Prozesse gleichzeitig verfolgen konnte, ohne nach wenigen Minuten mit blutender Nase auf dem Boden zu liegen. Meistens jedenfalls. Ein Fortschritt, den sie persönlich für beträchtlich und eine weitere Bestätigung ihrer geistigen Überlegenheit hielt.

Sie stellte das Weinglas nach zwei leichten Schlucken wieder auf dem Tisch ab, zog Arias Hauptstruktur wieder in den Vordergrund und beobachtete, wie Mira sich neben ihr auf das Sofa setzte, beinahe dieselbe Haltung einnahm wie Moore und ohne Aufforderung einen der seitlichen Entwicklungszweige öffnete. Für einen Augenblick spiegelten sich die weißen Haare der beiden Frauen im blassen Licht der Projektionen, äußerlich ähnlich genug, um tatsächlich Mutter und Tochter sein zu können, während hinter den Wänden des luxuriösen Appartements Maschinen summten, ein noch namenloses Nervensystem langsam wuchs, Schildkomponenten auf den nächsten Test warteten und tief verborgen die wahrscheinlich gefährlichste künstliche Intelligenz ruhte, die Moore jemals kennengelernt hatte.

Vielleicht war das mit den Kindern doch keine so schlechte Idee gewesen. Speziell dann wenn man die nervige Startzeit wo sie nichts als kotzende, scheißende und schreiende Bälger waren so elegant überbrückte wie die Sephi es getan hatte.


[Mittlerer Rand / Besh-Gorgon-System / The Wheel / Privates Appartement] Dr. Ralena Anne Moore und C-06 „Mira“
 
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Samin, Sana, etwa ein Dutzend weitere Kinder sowie ein gewisser Gongboy


Das Warten hatte sich gelohnt. Gongboy war schließlich zurückgekehrt. Er brachte was zu essen, hatte irgendwo sogar gefrorene Früchte für die Kinder aufgetrieben, und füllte die Frischwassertanks der Scrapwing auf. Letztendlich hatte er zwei volle Tage gebraucht, aber das war nun nebensächlich. Er hatte sein Versprechen erfüllt. Darüber hinaus nahm er, nachdem die Kinder versorgt waren, Samin zur Seite und eröffnete ihr die Option, die er aufgetan hatte.

Über irgendwelche ‚Freunde‘, deren Namen er unerwähnt ließ, hatte er den Kontakt zu einer Person hergestellt, die seinen Worten nach sehr an dem interessiert war, was Samin anzubieten hatte. Was auch immer diese ominöse Person von ihr wollte, würde dem Vernehmen nach gut bezahlt werden. Vielleicht konnte sie sogar dabei helfen, an die Ersparnisse heranzukommen, die auf Samins imperialen Konto schlummerten. Für die Pilotin klang das alles mehr als zweifelhaft und unkonkret. Andererseits hatte sie keinerlei Erfahrungen darin, wie diese Schattenhandel abliefen und konnte sich vorstellen, dass konkretes selten den Weg in Gerüchte und Empfehlungen fand. Und was blieb ihr anderes übrig?

Während Gongboy gesprochen hatte, ließ sie ihren Blick über die Kinder schweifen. Diese Kinder verließen sich auf sie. Sana verließ sich auf sie. Also würde sie tun, was getan werden musste.

Wenig später befand sie sich auf den Weg in Richtung des Appartements, das ihr beschrieben wurde. Gongboy hatte ihr etwas vernünftige, sogar gewaschene Kleidung aufgetrieben. Eine Lederweste, über der sie eine mit Kapuze ausgestattete Poncho-artige Gugel trug. Die Kapuze weit ins Gesicht gezogen, folgte sie den Anweisungen. Aus der Bay heraus, rechts an der Energiebarke vorbei, geradeaus durch den Fußgängertunnel bis ein Ersatzteil-Shop in Sicht kam, davor (nicht danach!) in das Schott zur Rechten und durch den Versorgungsbereich bis das nächste Schott in Sicht kam. Dort hindurch, den Aufzug nehmen und auf der offenen Ebene angekommen folgten noch zwanzig weitere Anweisungen, ehe sie auch nur in die Nähe des Appartements dieser Person - für die sie nicht einmal einen Namen hatte – kam.

Samin fühlte sich schlecht, weil sie die Kinder mit Gongboy zurücklassen musste. Natürlich vertraute sie ihm noch immer nicht. Deshalb hatte sie mit Naeva besprochen, dass sie die ganze Zeit ein Auge auf ihn hielt und was zu tun war, wenn er versuchte sie zu hintergehen. Das war keine Versicherung, aber alles, was sie tun konnte.

Als sie auf die belebte, offene Ebene kam, hatte sie zunächst Angst, entdeckt zu werden. Im Imperium war sie es gewohnt, öfter erkannt zu werden. Gerade auf Bastion, oder anderen militärischen Welten, hatte ihr Gesicht von unzähligen Plakaten und in Propaganda-Werbespots dazu aufgerufen, sich mustern zu lassen. Verdammt, sogar dieser Lieutenant Fremyn lief mit Pin-Up-Kalendern der ‚Wolve-Girls‘ Samin und Sakura herum. Perversling.

Doch ihre Sorge, die Ausdruck darin fand, dass sie die Kapuze noch tiefer über ihre roten Augen zog, schien unbegründet. Niemand achtete auf Samin. Niemand dachte auch nur daran, dass sie einen imperialen Flüchtling unter sich hatten, auf den inzwischen wahrscheinlich eine ordentliche Summe Kopfgeld aufgerufen war. Zumindest vermutete sie das. Was wohl auf Bastion geschehen war, nachdem sie in diesen Container stieg? War Sane davongekommen? Stand er nun vor einem imperialen Gericht? Diese Fragen vertrieben ihr die Zeit, während sie einen Fuß vor den anderen setzte, sich angestrengt an die genauen Anweisungen erinnerte und schließlich vor einer Art Appartementkomplex stand, das gar nicht so zwielichtig wirkte.

Etwas zögerlich trat die ehemalige Elite-Pilotin ein. Die Treppe nach oben, zweite Ebene, den Gang zur Rechten nehmen und dann die Tür ganz am Ende. Sie erinnerte sich an jedes Wort, als hinge ihr Leben davon ab.

Schließlich hob sie die Hand, um den Summer der Tür zu betätigen. Ein Klicken aus der Gegensprechanlage ertönte, so als hätte jemand den Kanal betätigt, sprach jedoch nicht.


„Hallo? Ich bin S...“, sie stockte. Verflucht, sie würde einen neuen Namen brauchen. Auf die Schnelle fiel ihr nichts besseres ein. „Ich bin Crash… Gongboy schickt mich.“

| The Wheel | vor Moors Appeartement |
Samin, Sana, etwa ein Dutzend weitere Kinder sowie ein gewisser Gongboy
 
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