Coruscant

[ Coruscant I Tempel-Distrikt I Tiefere Ebenen | Verkehrsschacht ]
Faith, Zweibein, Jorti und eine Swoop-Gang

Als das Echo des Blasterschusses durch den Verkehrsschacht hallte und sich zwischen das Röhren und Zischen der Fahrzeugtriebwerke mischte, biss Faith sich auf die Unterlippe. Das hätte sie verhindern sollen. Ihr Blick glitt zu Jorti, der sich mit beiden Händen an sein verletztes Bein klammerte. Sein Schrei ging ihr dabei nicht nur unangenehm unter die Haut, sie spürte seinen Schmerz auch in der Macht. Sie hatte gehofft, mit ihrem Auftreten als Jedi wenigstens genug Eindruck zu machen, um die Mitglieder der Gang zu einer Unterredung zu zwingen. Die Barabel hatte ihr nun allerdings ziemlich deutlich gezeigt, was diese Hoffnung wert gewesen war. Nun standen vier körperlich eindrucksvolle Gestalten um die Padawan herum, während die fünfte noch immer bei dem Zeltron blieb, der nun ohnehin nicht mehr davonlaufen konnte.

Faith hielt ihre Hände zunächst offen vor dem Körper und verlagerte ihr Gewicht möglichst unauffällig auf die Fußballen. Gegen den Wookiee würde sie sich auf kein Kräftemessen einlassen. Das war Wahnsinn. Auch der Gamorreaner konnte sie mit einem ordentlich platzierten Schlag sofort außer Gefecht setzen. Irgendwie musste sie aber zu Jorti gelangen und von hier verschwinden, bevor einer von ihnen auf die Idee kam, auch ihr ins Knie zu schießen.


„Sehr mutig, auf einen unbewaffneten Mann zu schießen“, kommentierte Faith, während ihre Aufmerksamkeit auf dem ausgestreckten Waffenarm des Wortführers blieb.

„Er braucht einen Heiler. Lasst mich zu ihm.“

Viel Hoffnung steckte nicht hinter der Aufforderung. Die Worte hatten viel mehr den Zweck, ihr etwas Zeit zu verschaffen, während sie ihre Sinne über die Gruppe hinaus ausbreitete. Diese Leute wussten wer sie war, und sie hatten ihr mehr verraten, als beabsichtigt gewesen sein konnte. Truuine. Das Kopfgeld. Jemand wollte an Arlen heran, aber auch an sie. Hinter den Gangmitgliedern fuhr der Verkehr durch den röhrenförmigen Schacht. Fahrzeuge aller Art schoben sich auf kreisenden Bahnen nach oben. Faith suchte nach einer Möglichkeit, das Ganze hier zu einem möglichst unblutigen Ende zu bringen. Sie schätzte die Abstände zwischen sich, Jorti und den gezogenen Waffen ab. Hinter ihrem Rücken regte sich Zweibein an seiner Halterung.

Und dann geschah alles ganz schnell. Die Macht kündigte ihr die Bewegung des Waffenarms früh genug an. Faith verstärkte die Kraft ihrer Beine, schnellte in einer unmenschlichen Geschwindigkeit voran, griff nach dem Blaster des Weequays und drückte die Mündung mit einem einzigen Ruck nach unten. Gleichzeitig schwang sie sich aus der Schusslinie, packte das Handgelenk und stieß den Unterarm gegen seine eigene Hüfte. Das Einzige, was er erwischte, war sein eigener Fuß. Zwischen dem Verkehrslärm hörte sie das erschrockene Piepen Zweibeins, der sich bereits von ihrem Rücken löste. Viel Gelegenheit, sich über den gelungenen Anfang zu freuen, blieb ihr aber nicht. Der zweite Weequay befand sich nah genug, um nach ihr zu greifen. Die Padawan zog den Kopf ein, ließ seinen Arm über ihre Schulter gleiten und trat ihm mit der Sohle ihres Stiefels gegen das Knie. Das genügte zwar, um an ihm vorbeizukommen, aber seine wild herumschwingenden Finger erwischten ihre Robe und hielten sie fest.

Sie spürte, wie der Stoff ihrer Kapuze sich um ihren Hals spannte, während sie herumgerissen wurde. Führ einen Moment japste sie nach Luft, machte aber einfach weiter, indem sie seinen Arm mit beiden Händen packte, sich in den Griff hineindrehte und die Macht ihre Bewegung unterstützen ließ. Der Weequay verlor ihre Robe aus den Händen, als sie sein Handgelenk nach außen drückte und sich unter seinem Arm hindurchduckte. Aus dem Augenwinkel erkannte sie nun, dass der Wookiee auf sie zukam.

Zweibein erkannte es auch. Der Droide sauste ihm quer vor das Gesicht und entlud einen kurzen Energieblitz aus einem seiner kleinen Arme. Dankbar für die Ablenkung stieß Faith sich mit beiden Beinen vom Boden ab und rammte den Gamorreaner, der ihr den Weg zu Jorti versperrte, gegen den zweiten Weequay. Die beiden hatten Mühe, nicht übereinander zu purzeln und versperrten dem Wookiee für einen weiteren Augenblick mit wedelnden Armen den Blick. Mehr brauchte sie nicht. Sie lief los, während die Barabel ihren Blaster bereits von Jorti auf sie herumzog.

Faith hob die linke Hand. Ihr Machtgriff erwischte den Waffenarm der Reptiloiden und zwang ihn nach außen, gerade rechtzeitig, bevor ein Bolzen an ihr vorbeifuhr. Mit schnellen, machtverstärkten Schritten überbrückte sie den restlichen Abstand und rammte auch der Echse ihre Schulter in die Brust. Der Zusammenstoß tat ihr abermals selbst weh, doch er brachte sie nahe genug heran, um das Handgelenk der Barabel festzuhalten. Derweil kam Zweibein hinter ihr angeschossen. Die Padawan durckte sich, ehe der Droide sich mit seinen Greifarmen gegen den Kopf ihrer Gegnerin warf. Nun ließ Faith sie los, verpasste ihr einen Machtstoß, der sie aus dem Gleichgewicht brachte und ging neben Jorti auf ein Knie. Ihre Schulter pochte, der Atem ging zu schnell und hinter ihr rappelten sich die Gangmitglieder bereits wieder auf.


„Das wird wehtun“, sagte sie dicht an seinem Gesicht und schob einen Arm unter sein Knie, während sie den anderen Arm um seinen Rücken legte. Sie hätte ihm gern zumindest einen Teil des Schmerzes genommen, aber dazu hätte sie sich konzentrieren müssen. Und für das, was nun kam, brauchte sie alles, was sie hatte.

Faith spannte die Beine an, ließ die gewaltigen Kräfte der Macht durch ihren Körper fließen und hob ihn hoch. Das Gewicht zog unmittelbar an ihren Armen. Sie korrigierte den Griff ein wenig, presste ihn näher an sich und wandte sich dem offenen Verkehrsschacht zu. In Windeseile machte sie einen Lastgleiter mit offener Ladefläche aus, der sich auf der ansteigenden Fahrbahn annäherte. Die Padawan lief die letzten Schritte bis zum Rand und drückte sich ab.

Diesen freien Nachmittag hatte sie sich völlig anders vorgestellt. Während sie über die wenigen Meter zwischen Rand und Fahrzeug sprang, unter denen es aber mehrere hundert Meter offen nach unten führte , ruderten ihre Beine durch die Luft. Ihr Mund verzog sich, und gerade als ihr Zweifel daran kommen wollten, ob sie diesen Sprung mit einem Zeltron auf den Armen tatsächlich schaffen konnte, landeten sie krachend zwischen niedrigen Behältern. Eine harte Kiste rammte ihr gegen die Hüfte und Jorti musste selbst seinen Kopf mit den Händen schützen, um nicht ebenfalls hart gegen etwas zu schlagen.

Hinter ihr schlug ein Blasterbolzen in die äußere Kante der Ladefläche. Während aus der Fahrerkabine wütende Rufe ertönten, tauchte Zweibein über der Bordwand auf und landete mit einem Schwall aus empörtem Binär neben ihr. Faith hielt eine Hand schützend an Jortis Schulter und schaute erst wieder über den Rand, als die Gang weit unter ihnen zurückblieb.


„Gut gemacht“, sagte sie schließlich und legte ihrem Droiden kurz eine Hand auf das Gehäuse.

Es kostete anschließend einige Erklärungen und eine nachfolgende Diskussion unter entschuldigenden Blicken, ehe der Fahrer dazu einwilligte, sie zum Jedi-Tempel zu bringen. Erst dann konnte sie ihre volle Aufmerksamkeit auf Jortis Knie lenken. Die Wunde sah schlimm aus. Faith hielt ihre Hand darüber und ließ vorsichtig heilende Energie in das Gewebe und die darunterliegenden Knochen wandern. Sie beschränkte sich auf das, was ihm die nächsten Minuten erleichtern konnte und musste von dem Versuch ablassen, sobald die Anstrengung sie übermannte. Der Einsatz der Macht hatte sie inzwischen völlig ausgelaugt. Müde sackte sie neben dem Zeltron zusammen und atmete schwer, wobei Schweißtropfen ihre Haarspitzen entlangwanderten und zwischen ihre Beine fielen. Sie zog den Holoprojektor aus ihrer Robe, ging sicher, dass er den Sprung überstanden hatte, und verstaute ihn wieder sicher.

Am Tempel benötigte Faith keinen langen Anlauf, um Hilfe zu erhalten. Sobald sie auf dem Plateau aufsetzten, kamen sofort Sicherheitskräfte und mehrere Jedi heran, die sich dort gerade zufällig aufhielten. Sie gab an, wer sie war, erklärte die Schussverletzung, bedankte sich bei dem Fahrer des Lastengleiters und blieb bei Jorti, bis er auf einer Repulsortrage lag. Erst dann merkte sie, wie sehr ihre Unterarme schmerzten. Während sie ihn zur Krankenstation begleitete, berichtete sie einer hinzugeilten Heilerin knapp, dass der Zeltron außerdem Drogen genommen hatte und sie bereits zuvor Auffälligkeiten in seinem Blut gespürt hatte. Was genau er hinter dem Müllcontainer konsumiert hatte, wusste sie nicht. Das würde Jorti ihr im Zweifel selbst erzählen müssen. Als sie schließlich Platz machen musste, damit man ihn untersuchen konnte, trat sie ein wenig widerwillig zurück und verschränkte die Arme vor der Brust, um dem Drang zu widerstehen, helfen zu wollen.


„Ich komme nachher wieder nach dir sehen“, sagte sie zu dem Zeltron, bevor sie den Behandlungsbereich verließ. „Lass dir bitte helfen.“

Draußen lehnte sie sich zunächst an eine Wand, strich sich die nassen Haare aus dem Gesicht und atmete tief durch. Ihre Schulter tat weh, an ihrer Hüfte würde vermutlich ein ordentlicher blauer Fleck entstehen und ihre Robe hatte auch schon bessere Tage gesehen. Es hätte aber auch schlimmer kommen können. Morgen würde sie dem Jedi-Orden einen ordentlichen Bericht über die Ereignisse abgeben müssen. Die Nachricht von Truuine, die unbekannte Frau und schließlich die Gang, die Faith offenbar gezielt gesucht hatte. Das war nichts mehr, was sie für sich behalten sollte. Der Orden musste davon wissen und die Angelegenheit in Hände legen, die damit mehr anfangen konnten, als eine meisterlose Padawan. Sie glaubte jedoch, in Anbetracht der Tatsache, dass viele der Jedi heute mit dem Gedenken an Ahna Rigby beschäftigt waren, dass morgen früh ein besserer Zeitpunkt dafür wäre. Arlen konnte allerdings nicht so lange warten. Bis vor wenigen Stunden hatte sie ihn nicht mit irgendwelchen Geschichten von Coruscant behelligen wollen. Aber jetzt hatte jemand einen Mann angeschossen und offensichtlich versucht, sie nach Truuine zu verschleppen. Das war eine erwähnenswerte Lage, fand sie.

In ihrem Quartier legte Faith den Holoprojektor auf den Tisch und kramte ihr Com heraus. Sie übertrug die Aufnahme, prüfte, ob sie der Nachricht beigefügt war und blieb dann einen Moment mit dem Daumen über der Schaltfläche zum Starten der Aufnahme sitzen. Noch immer war sie ziemlich verschwitzt. Wenigstens den Atem wollte sie beruhigen, um Arlen nicht unnötig zu verunsichern. Also schloss sie für einen Moment die Augen, nutzte die Jedi-Atemtechnik und fuhr ihren Körper herunter. Erst dann betätigte sie den Knopf.


„Arlen, mir geht es gut, ich bin im Jedi-Tempel“, begann sie, um direkt die Schärfe aus der Nachricht zu nehmen.

„Ein Zeltron namens Jorti Conoc, hat mir heute die beigefügte Holo-Aufnahme gebracht. Er behauptet, der Gefangene sei dein Vater und du könntest ihn auf Truuine abholen. Außerdem sollst du für irgendwelche Schäden aufkommen. Damit ist wohl der Gefangenentransport gemeint. Ich weiß nicht, was daran stimmt oder auch nicht. Geschickt wurde er nach seiner Aussage von einer blauen Frau mit Kiemen. Zweibein hat ihren Gleiter verfolgt, aber verloren.“

Faith unterbrach die Aufnahme kurz, hörte sich den Anfang noch einmal an und nahm dann den Rest auf.

„Ich bin Jorti gefolgt, weil er noch seine Bezahlung abholen wollte. Dabei sind wir an eine Swoop-Gang geraten, die meinen Namen kannte und mein Kopfgeld einsacken wollte. Einer von ihnen hat ausdrücklich Truuine genannt. Sie haben Jorti ins Knie geschossen. Ich habe ihn rausgeholt und bei den Jedi-Heilern abgegeben. Morgen werde ich über die Sache einen Bericht einreichen. Bitte sieh dir das Holo an und melde dich, sobald du kannst. Ich wollte dich nicht unnötig behelligen, aber das hier solltest du erfahren. Pass auf dich auf. Mach nichts Dummes! Ich liebe dich.“

Abermals prüfte sie, dass die Aufnahme beigefügt war und schickte die Nachricht dann ab. Anschließend blieb sie noch eine Weile sitzen, obwohl sie wusste, dass das Com dadurch nicht schneller eine Antwort erhalten würde.

Erst der Blick auf das Chrono brachte Faith dazu, aufzustehen. Die Gedenkfeier für Ahna Rigby stand kurz bevor. Also wusch sie sich und wechselte die beschädigte Robe in eine angemessene
Trauerrobe. Ihre Gedanken gingen dabei immer wieder zu dem gefesselten Aleen auf dem Holo und zu Arlen, der irgendwo weit entfernt seine eigene Mission zu erledigen hatte. Sie konnte ihm die Nachricht schicken und darauf achten, dass Jorti Hilfe annahm. Für den Moment war da nichts mehr, was sie tun konnte.

Auf dem Weg zur großen Halle wurden ihre Schritte langsamer. Sie hatte Zweibein in ihrem Quartier gelassen, er musste aufladen. Sie hatte Ahna nicht persönlich gekannt, aber wollte ihr zumindest Respekt erweisen. Bei dem Gedanken an die verstorbene Rätin mischte sich unweigerlich die Erinnerung an Chesara hinzu. Abermals an diesem Tag atmete Faith durch, ehe sie die Kapuze absetzte und in die Halle trat. Sie blieb zunächst am Rand des Eingangs stehen, um sich zu orientieren und anderen Jedi nicht den Weg zu versperren.

Die Große Halle war bereits ziemlich gut gefüllt. Zwischen den Sitzreihen standen noch kleinere Gruppen zusammen, während andere bereits ihre Plätze ausgesucht hatten und sich mit ihren Sitznachbarn unterhielten. Selbst auf den Galerien und Balkonen hatten sich Jedi versammelt. Faith ließ ihren Blick an den hohen Säulen hinaufwandern, ehe sie sich wieder den Anwesenden zuwandte. Nach dem Lärm im Verkehrsschacht empfand sie das gedämpfte Treiben an diesem Ort als angenehm. Sie musste sich trotzdem bewusst dazu bringen, sich vom Eingang zu lösen. Sie war hier im Tempel und wieder in Sicherheit. Sie brauchte nicht mehr nach einem Fluchtweg Ausschau halten.

Viele der Gesichter sagten ihr nichts. Faith kannte inzwischen natürlich mehr Jedi als früher, aber zwischen all den Leuten hier, wurde ihr bewusst, wie klein ihr Kreis an Bekanntschaften noch war. Weiter vorne erkannte sie Rat Janson. Sein Anblick rief ihr das Gespräch in Erinnerung, mit dem ihre Zeit bei der Armee begonnen hatte. Damals hatte sie gehofft, herauszufinden, wohin sie gehörte. Jetzt stand sie wieder hier, mit schmerzender Schulter, ohne Lichtschwert und mit einer ganzen Reihe von Dingen, die sie morgen dem Orden erklären musste. Immerhin war die Frage, ob sie überhaupt Jedi werden wollte, inzwischen mehr als beantwortet.

Die Padawan legte ihre Hände ineinander und setzte sich langsam in Bewegung, während ihr Blick weiter durch die Reihen wanderte. Sie erkannte Steven Crant beinahe sofort, als sie ihre Augen auf ihn legte. Er saß neben einer ihr unbekannten menschliche Frau (Elise), in deren unmittelbarer Nähe ein Gehstock lehnte und einem Chiss (Riuen). Für einen Moment musste Faith lächeln. Lianna, die Kantine, Arlen neben ihr und der Jedi-Ritter, neben dem sie damals kaum einen vernünftigen Satz rausbrachte. Sie erinnerte sich an den faden Reisbrei und ihre wenig gebildete Frage danach, was eigentlich ein Baron war. Vor allem aber erinnerte sie sich daran, wie freundlich er zu ihnen gewesen war und dass er selbst auch ein Padawan Chesaras gewesen war. Wie lange war das inzwischen her? Lange jedenfalls. Es tat irgendwie gut, zwischen all den Fremden jemanden aus ihren ersten Tagen im Orden zu erkennen. Sie nahm sich vor, ihn zu begrüßen, sobald sie näher an seine Reihe kam, und ließ ihren Blick zunächst weiter gleiten.

Bei Steven und seinen Sitznachbarn bemerkte Faith außerdem eine silberhaarige Echani, deren Gesicht sie aus den Holo-Nachrichten wiedererkannte. Das musste Brianna Kae sein, deren Name in der Berichterstattung über den Tod des Imperators immer wieder zusammen mit Eowyns gefallen war. Nach Faiths eigenem Aufeinandertreffen mit Darth Angelus fiel es ihr schwer, sich vorzustellen, was es bedeutet haben musste, einem Sith-Imperator gegenüberzustehen. Neben ihr befand sich ein großer Mann (Ganner) in dunklen Roben, den sie nicht kannte. Ihr Blick blieb kurz bei ihm hängen, ohne dass sie einen Namen oder eine Erinnerung mit seinem Gesicht verbinden konnte.

Weiter vorne saß Eowyn El’mireth selbst in einem Schwebestuhl. Faith erkannte ihr Gesicht aus der Übertragung ebenso sicher wie den dunkel gekleideten Mann an ihrer Seite: Ian Dice. Nun, da sie Eowyn tatsächlich vor sich sah, blieb ihre Aufmerksamkeit länger bei ihr hängen, als höflich gewesen wäre. Allerdings stand sie ja recht weit weg. Außerdem war sie nicht die Einzige, die immer wieder Blicke auf die beiden warf. Die Frau, deren Antworten sie im Holo-Feed so aufmerksam verfolgt hatte, war auf einmal nah genug, dass Faith einfach hätte hingehen können. Der Gedanke verursachte ein leichtes Ziehen in ihrer Magengegend. Sie hatte sich seit der Pressekonferenz bereits fest dazu entschlossen, Eowyn darum zu bitten, ihre Ausbildung zu übernehmen. Sie wollte von jemandem lernen, der schwierigen Fragen standhielt und Verantwortung für die eigenen Entscheidungen übernahm. Was sie selbst auf Kelada erlebt hatte, ließ sich einfach nicht mehr mit einer Meisterin vereinbaren, die auf alles eine Antwort wusste, die zu einfach war.

Heute war jedoch weder der richtige Ort, noch der richtige Zeitpunkt, um El‘mireth damit zu behelligen. Heute war Gedenken, Erinnerung und Trauer angesagt. Faith besaß genug Pietät, um den Anlass dieses Abends nicht zu verfremden. Also löste sie ihren Blick wieder und ging weiter an den Sitzreihen entlang. Als sie schließlich auf der Höhe von Steven angelangt war, wandte Faith sich ihm zu.


„Schön, dich wiederzusehen, Steven“, sagte sie leise, nachdem sie die anderen Gespräche abgewartet hatte. „Lange nicht gesehen.“

Sie neigte auch den anderen Anwesenden grüßend den Kopf, ohne sich aufzudrängen. Zu gern hätte sie gefragt, wo er in der Zwischenzeit gewesen war und ob wenigstens er, im Gegensatz zu allen anderen, etwas über Chesara gehört hatte. Doch auch das waren Fragen für später. Faith suchte sich einen freien Platz in der Reihe hinter ihm. Beim Hinsetzten meldete sich ihre Hüfte mit einem dumpfen Ziehen. Sie verzog kurz den Mund, zog den Saum irher Robe ordentlich über das Knie und legte die Hände darauf, bis der Schmerz verzogen war.

Von hier aus konnte sie den vorderen Teil der Halle gut sehen. Sie beobachtete erneut die Ratsmitglieder weiter vorne. Zwischen ihnen fehlte Chesara. Mit diesem Gedanken wurde ihr bewusst, wie sehr sie darauf hoffte, eines Tages wieder ihre Stimme zu hören, oder wenigstens ihr Gesicht zu sehen. Sie senkte den Blick auf ihre ineinandergelegten Hände, als die Trauerfeier begann und der Rat, den sie unter dem Namen Rornan kannte, den Anfang machte. Ihm folgten Rätin Joseline und Rat Janson. Sie alle würdigten das Leben und Schaffen von Ahna Rigby und klangen ernsthaft betroffen, als sie über sie sprachen. Eine Betroffenheit, die sich unmittelbar auch auf Faith legte, obwohl sie die Pauanerin nie persönlich gekannt hatte.


[ Coruscant I Tempel-Distrikt I Jedi-Tempel | Große Halle ]
Faith; vor ihr in der Reihe Steven, Elise und Riuen, Brianna, Ganner; weiter vorne Eowyn und Wes; und außerdem noch ganz viele andere Jedi
 
~ Coruscant ~ Jedi-Tempel ~ Große Halle ~ Steven Crant, Elise, Riuen, Faith und zahlreiche weitere Jedi ~


Steven hatte gerade seinen Blick wieder auf die vorderen Reihen gerichtet, als er zwischen dem leisen Stimmengewirr und den gedämpften Schritten der ankommenden Jedi plötzlich seinen eigenen Namen vernahm. Eine weibliche Stimme, in den Tiefen seiner Erinnerung angenehm vertraut und doch so lange nicht gehört, sodass der Baron einen kurzen Moment benötigte, um sie zuzuordnen. Überrascht wandte er den Kopf und blickte zu der jungen Menschenfrau, die neben seiner Sitzreihe stehen geblieben war. Faith Navalon. Bei der Macht!

Steven hob die Augenbrauen, während sich auf seinem Gesicht beinahe augenblicklich ein erfreutes Lächeln ausbreitete. Es war tatsächlich
Faith. Die junge Padawan, die er vor vielen Jahren auf Lianna in der Kantine der Jedi-Basis kennengelernt hatte. Damals hatte sie mit ihrem ebenfalls noch unerfahrenen rothäutigen Mitpadawan (Arlen) an seinem Tisch gesessen und ihn mit einer ausgesprochen unschuldigen Frage überrascht: Was war eigentlich ein Baron? Steven erinnerte sich noch erstaunlich gut an diese Begegnung: An den gewöhnungsbedürftigen Charbotewurzel-Eintopf, den wesentlich besseren Nachtisch und die verlegene junge Frau, die ihre Fragen teilweise mit vollem Mund gestellt hatte. Vor allem aber daran, dass beide gerade erst ihre Ausbildung bei Chesara begonnen hatten. Seiner eigenen ehemaligen Meisterin.

Wie lange mochte das inzwischen her sein? Wenn Steven
Faith nun betrachtete, wurde ihm erst bewusst, wie viel Zeit tatsächlich vergangen war. Aus dem dunkelblonden, niedlichen, etwas unsicheren Mädchen war eine erwachsene, durchaus attraktive junge Frau geworden, deren Gesicht ihm zwar noch vertraut vorkam, aber deutlich reifere Züge angenommen hatte. Sie wirkte ruhiger, erfahrener und ihr hellbraunes, im warmen Licht Coruscants beinahe kastanienfarben schimmerndes Haar war zu einem sorgfältig gebundenen Knoten zusammengesteckt, von welchem ein langes schwarzes Band in ihren Rücken fiel.

„Faith!?“ erwiderte Steven leise, aber mit deutlich hörbarer Freude in seiner Stimme. „Wie schön dich wiederzusehen!“

Ein kurzes, charmantes Schmunzeln folgte, ehe der Baron ihr respektvoll zunickte. Aus dem Augenwinkel bemerkte er, dass sie sich in der Reihe unmittelbar hinter ihm niederließ und dabei für einen flüchtigen Moment das Gesicht verzog. Ob sie sich verletzt hatte? Vielleicht waren die vergangenen Jahre auch für sie nicht gerade einfach verlaufen. Schmerz war der größte Lehrmeister für Erfahrung.

„Wir sollten uns nach der Feier unbedingt unterhalten, wenn du etwas Zeit hast.“ fügte er mit gedämpfter Stimme hinzu. „Es gibt sicherlich einiges zu erzählen.“

Und einiges zu fragen, Chesara beispielsweise. Der Gedanke an ihre gemeinsame ehemalige Meisterin ließ Stevens Lächeln für einen kurzen Moment schwächer werden. Faith hatte damals so voller Neugier und Begeisterung von ihrer Ausbildung gesprochen, ein Gefühl das Steven damals und heute sehr gut nachempfinden konnte. Chesara war nicht nur eine weise Jedi, sondern eine ausgesprochen geduldige Lehrmeisterin. Vielleicht hatte Faith etwas von ihr gehört? Oder war auch sie inzwischen auf der Suche nach jener Frau, die so vielen Jedi ihren Weg gezeigt hatte?

Aber das waren Fragen für später und Steven wandte sich wieder nach vorne. Der Anstand gebietet es, denn die Situation war für ein freudiges Schwelgen in Erinnerungen sicher nicht angebracht. Für einen Moment glaubte Steven die Blicke von irgendeiner strengen Oberlehrer-Jedi zu spüren, die jedes bisherige Wort von ihm und Faith mit größter Missgunst strafte. Kurz darauf begann die Zeremonie.

Steven richtete sich etwas gerader auf und legte die Hände locker ineinander. Vorne erhob
Rornan das Wort, dem zunächst Rätin Joseline und anschließend Wes Janson folgten. Ihre Stimmen trugen weit durch den ehrwürdigen Saal, während sie das lange Leben und die Verdienste der verstorbenen Rätin Ahna Rigby würdigten. Steven hörte aufmerksam zu, auch wenn er die Pau'anerin nie persönlich kennengelernt hatte, waren ihm ihre diplomatischen Leistungen wohl bekannt. Sein Blick glitt für einen flüchtigen Moment zu den vielen versammelten Jedi und anschließend zu Faith hinter ihm. Die gemeinsame Erinnerung an die kleine Kantine auf Lianna, an Arlen und vor allem an Chesara hatte ihn unverhofft eingeholt.

Damals war Faith noch eine neugierige Anfängerin gewesen und Steven hatte sich bereits für einen ausgesprochen erfahrenen Jedi-Ritter gehalten. Nun ja, wenigstens einer von ihnen hatte sich seitdem sicherlich weiterentwickelt.



~ Coruscant ~ Jedi-Tempel ~ Große Halle ~ Steven Crant neben Elise und Riuen, Faith hinter ihm sowie zahlreiche weitere Jedi ~
 
Coruscant - Jedi-Tempel - Große Halle; mit Ian, weiter weg auch Brianna, Ganner, Wes, diverse NPCs und andere Jedi

Ians Kontakt zu Riuen war also schon einige Tage her. Natürlich verstand Eowyn, dass der Chiss mit Elise andere Dinge im Kopf hatte als ihren Verlobten, aber... er war dennoch sein Freund. Elise war wach. Waren da nicht einmal ein paar Minuten, um nach ihm zu sehen? Riuen war sein Freund, vielleicht der einzige, den er hier hatte. War ihm nicht klar, was das alles bedeutete? Im Weltraum, zwischen Bastion und Kast, hatte er noch getönt, dass es ein Unding war, jemanden so traumatisiertes wie Ian auf die nächste Mission zu schicken. Ihm musste also klar sein, wie es Ian ging, erst recht nach seinen zwei Herzinfarkten. Warum war er nicht auch hier? Warum unterstützte er ihn nicht? Sie hatte mittlerweile eine bessere Sicht auf den Padawan, auf jeden Fall, aber das... enttäuschte sie doch. Natürlich ging es Elise schlecht, und natürlich war auch er in Sorge... aber war es nicht auch eine Möglichkeit, dass die beiden sich gegenseitig ihre Sorgen klagten? So aber kämpfte jeder für sich...

Sie schwieg einen Moment.
Das ist... bedauerlich, antwortete sie schließlich. Was sollte sie sonst sagen? Ian brauchte dringend andere Personen, mit denen er in Kontakt treten konnte, aber es war zu viel, es war einfach alles zu viel, dass sie sich noch darum kümmerte, obwohl es so wichtig war. So verdammt wichtig. Aber wer sollte da noch sein? Ihr fiel einfach niemand ein... Elise selbst riss sie aus ihren Gedanken, als sie plötzlich vor ihr stand. Elise! Eowyn lächelte der blassen Frau zu und erwiderte die überraschende Umarmung leicht. Ich war mir nicht sicher, ob du es schaffen würdest... Sie hatte also die Pressekonferenz gesehen. Eowyns Gesicht blieb undurchdringlich, als Elise ihr Kompliment aussprach. Großartig... Nun ja. Wäre sie großartig gewesen, dann sähe die Lage der Republik und der Jedi mittlerweile anders aus, aber immerhin hatte sie alles nicht noch verschlimmert.
Selbst Riuen umarmte sie, was Eowyn noch mehr überraschte als die Geste von Elise, und sie brauchte einen Moment, um die Umarmung vorsichtig und kurz zu erwidern. Hatte sie Riuen überhaupt schon jemals umarmt oder so nahegestanden, abgesehen von Situationen wie auf Bastion, wo es nicht anders gegangen war? Aber das waren absolut unnötige Gedanken... Riuen jedenfalls hatte sich die Konferenz also nicht gegeben, was Eowyn ein leichtes Heben ihrer Brauen entlockte. Interessante Entscheidung, immerhin war es auf dieser Konferenz auch um sein Schicksal und seine Taten gegangen, aber vielleicht hatte er sich wirklich komplett in Elises Rettung vergraben? Das gefiel ihr nicht – nicht, weil die Ritterin diese Rettung nicht nötig haben würde, sondern weil die Gefahr bestand, dass er sich verrannte, Fehler machte, Probleme heraufschwor.
Vielleicht aber irrte sie und es gab andere Gründe. Nein,
ganz sicher irrte sie und es gab andere Gründe. Sie hatte früher viel zu viel angenommen, interpretiert, geraten. Das würde sie nicht mehr tun, und es ging sie nichts an. Nicht wirklich. Auch, wenn Elise ihre Freundin war, Riuen Ians bester Freund und sie selbst nun den Rang einer Rätin bekleidete...

Die beiden waren schnell wieder weg, suchten sich vermutlich Plätze weiter hinten, und Eowyn vermied wieder jeglichen Blickkontakt außerhalb ihrer kleinen Blase. Es dauerte nicht lang und Rornan trat vor die Versammlung. Die letzten Gespräche erstarben, die allermeisten suchten sich Plätze. Eowyn konzentrierte sich ganz auf die Worte des Quermianers, die voller Lob waren und doch so wenig sagten. Joseline fuhr fort, erzählte Dinge, die auch Eowyn neu waren, und anschließend folgte Wes. Er ging auf Ahnas Leben ein, ganz im Allgemeinen, und seine Worte stachen Eowyn. Der ultimative Preis für das größere Wohl... und für
ihr Leben und das Briannas. Was Ahna noch alles hätte leisten können! Und auf was der Orden nun alles verzichten musste... diese geniale Strategin, hervorragende Lichtschwertkämpferin, aufopferungsvolle Jedi und einfach nur perfekte Schatten war ein Verlust, ganz vom persönlichen abgesehen, welcher der Orden eigentlich gar nicht verarbeiten konnte, und beinahe niemand wusste es...

Murrrar folgte dann mit seinen Worten über Ahnas konkrete diplomatische Karriere, erwähnte über Z5 ihre größten Erfolge, aber auch die kleineren, und ließ durchklingen, dass auch die kleinen Einsätze genauso wichtig gewesen war. Niemand wusste, welche Auswirkungen welcher Konflikt jemals haben konnte. Beinahe niemand... denn Ahnas legendäre Bruchpunktgabe, von der ebenfalls kaum jemand gewusst hatte, hatte ihr so häufig einen Wink gegeben, wo entweder
ihr Einsatz oder der anderer Schatten besonders hilfreich sein konnte. Wie sollte sie selbst, sollte sie das Amt übernehmen, nur in diese Fußstapfen treten? Wie sollte es überhaupt jemand tun?!

Man hatte ihr gesagt, dass jedes anwesende Ratsmitglied etwas sagen würde, was dazu führte, dass Eowyn eine Entscheidung hatte treffen müssen. Entweder sich erneut einem Publikum stellen, sich der Erinnerung an Ahna stellen, von der Pau'anerin reden, als wäre sie nicht in den Sekunden ihres Todes bei ihr gewesen, oder aber negativ auffallen, da sie die einzige Rätin sein würde, die nichts sagen würde, was aktuell eine fatale Entscheidung sein konnte. Sie hatte also nicht wirklich eine Wahl, erneut, auch wenn sie vieles gegeben hätte, um jetzt nicht gleich dieses Podium befahren zu müssen.

Murrrar war fertig und verließ den Platz hinter dem Podium. Das war ihr Einsatzzeichen... Wie ferngesteuert löste Eowyn ihre Bremse und fuhr nach vorne, stellte sich neben das Podium, da sie keinerlei Ambitionen hatte, das Ding nun irgendwie auf die richtige Höhe einzustellen. Sie starrte vor sich auf den Boden. Ganz grob hatte sie überlegt, was sie sagen wollte oder würde, aber das war nun irgendwie alles fort, und ohnehin... nichts, was sie hier sagen würde, konnte Ahna gerecht werden.
Sie musste allerdings irgendetwas sagen, also holte sie Luft, sah nach oben, blickte über die Masse hinweg. So viele Jedi. So viele... und nur ein Bruchteil von ihnen, ihre Schattenkollegen, wussten, um wen genau sie trauerten.
Zu ihnen wollte...
musste sie sprechen. Irgendwie.

Ahna Rigby war eine wahre Kämpferin, begann Eowyn schließlich, verstärkte ihre noch immer kratzige Stimme mit Hilfe der Macht, ließ sie durch die Große Halle wabern. Sie kämpfte mit ihren Worten, mit ihrer Seele, mit ihrem Herzen. Sie traf all ihre Entscheidungen wohlbedacht, ließ dabei ihre persönlichen Empfindungen immer außen vor. Das mag manchen hart erscheinen, doch für sie war es der einzige gangbare Weg, um all die schwierigen Dinge zu entscheiden, die täglich auf sie warteten, und dies tat sie mit einer Brillanz die ihresgleichen sucht. Als Rätin hatte sie es nicht leicht, denn was auch immer sie tat, hatte jeden Tag Konsequenzen für die gesamte Galaxis. So viel mehr, als die allermeisten hier ahnten... Dabei war sie dennoch immer in der Lage, die Jedi, denen sie Aufgaben übertrug, persönlich zu kennen und ihre Einsätze gewissenhaft zu verfolgen, ja, diese Jedi manchmal sogar noch zu fördern. Ich weiß nicht, wann Ahna sich jemals ausruhte oder etwas für sich selbst tat, denn sie war einfach immer da, gab niemals auf, kämpfte bis zum Schluss und traf die Entscheidungen, die in dieser Galaxis manchmal getroffen werden müssen.
Ich habe Ahna bei weitem nicht so gut gekannt, wie sie es verdient gehabt hätte. Wie Wes bereits sagte, sie lebte für die Jedi und ließ nur äußerst selten, vielleicht sogar nie, jemanden hinter ihre Fassade blicken. Nur ein einziges Mal ist es mir, bei meinem letzten Gespräch mit ihr, vielleicht ein kleines bisschen gelungen, und ich hoffe, sie verzeiht mir, wo auch immer sie ist, dass ich davon nun so offen spreche, denn ich denke, sie hat es verdient, dass ihr alle auch diese Seite von ihr kennt.
Eowyn schloss kurz die Augen, sah den Thronsaal vor sich. Die Trümmer, der zerbrochene Thron, und Ahna, wie sie dastand und absorbierte, immer mehr diese Energie absorbierte, die sie sonst alle töten würde... Sie sagte mir, dass sie stolz war. Eowyn öffnete die Augen wieder, gab sich Mühe, dass ihre Stimme nicht brach, versuchte, die Schatten unter den Jedi auszumachen. Jeg. Marrev. Brianna. Alexander. Und all jene, von denen sie wusste, und das waren gewiss dennoch nicht alle. Sie versuchte, sie auszumachen, sie kurz anzublicken, ihnen klarzumachen, wem diese Worte galten, auch wenn sie alle nicht die Umstände kannten, unter denen sie gefallen waren. Vielleicht ahnten sie es, wenigstens ein paar von ihnen, aber das spielte keine Rolle. Niemandem würde auffallen, wenn sie ihren Blick so schweifen ließ, aber die um die es ging... sie würden es wissen.
Sie sagte mir, dass sie stolz war, und alleine das ist schon eine Erwähnung wert. Sie sagte aber auch, sollte sie jemals gehen müssen, dass sie uns vermissen würde. Das hier... es war von der Situation her ein wenig gelogen, aber es war eine Notlüge. Wie sonst sollte sie von Ahnas letzten Worten berichten ohne zuzugeben, dass es genau jene gewesen waren? Uns alle. Für Ahna waren das recht emotionale Worte, eine solche Emotionalität gestand sie sich ansonsten bedauerlicherweise nicht zu, vielleicht hat sie etwas geahnt.

Ich weiß, bin mir absolut sicher, dass sie ohne zu zögern ihr Leben gegeben hätte, für mich, für euch, für alle da draußen; so, wie sie es letztendlich auch getan hat; ohne, dass jemand von den genauen Umständen erfahren konnte oder wohl jemals wird. Ich konnte Ahna kaum näher kennenlernen, seit ich zur Rätin berufen wurde, und ich bedauere das zutiefst, denn ich weiß, wie außergewöhnlich sie gewesen ist und wie viel ich von ihr hätte lernen können. Es wird schlicht unmöglich, sie im Rat zu ersetzen. Aber ich verspreche, dass ich alles daran setzen werde, ihr Vermächtnis zu bewahren.
Diesmal wanderte ihr Blick zum Rat und ganz besonders zu Rornan. Sie hatte nicht vorgehabt, eine solche Ansage zu machen, ausgerechnet heute, ausgerechnet hier, ganz im Gegenteil, hatte sie Wes doch noch gesagt, dass sie nicht kämpfen würde um Ahnas Nachfolge. Aber während sie sprach... alles andere wäre ihr falsch vorgekommen. Brianna hatte recht. Sollte ausgerechnet Alexander Ahnas Erbe fortführen?! Sie selbst mochte ungeeignet sein... Alexander aber war es noch mehr. Vielleicht würde der Rat es als Affront sehen. Doch sie hatte Wes gesagt, wen sie sich da in den Rat holten, sie würden damit klarkommen müssen.

Sie blickte dann nach links, zu dem maßstabsgetreuen Hologram der Pau'anerin, und nickte ihr sanft zu.
Ich hoffe, du hast jetzt etwas Zeit für dich, sagte Eowyn, ohne, dass ihre Stimme noch verstärkt wurde. Danke für einfach alles, Ahna. Ruhe in Frieden.

Eowyn verließ das Podium.

Coruscant - Jedi-Tempel - Große Halle; mit Ian, weiter weg auch Brianna, Ganner, Wes, Elise, Riuen, Steven, Faith, diverse NPCs und andere Jedi
 
Coruscant - Jedi-Tempel - Große Halle; mit Eowyn, Ian, weiter weg auch Brianna, Ganner, Wes, Elise, Riuen, Steven, Faith, diverse NPCs und andere Jedi

Wie sehr hatte sie Null vermisst! Schon als sie ihre Heimat immer näher kommen sah, hatte Tenia geweint, so sehr berührte sie das satte Grün der Wälder. Als sie Null das erste Mal verlassen hatte, war sie überglücklich gewesen, es endlich hinter sich zu lassen und mit ihm all das, was sie unbedingt dort lassen wollen. Jetzt hingegen war genau das Gegenteil der Fall. Das Schiff hatte nicht schnell genug landen können und Tenia sog alles, was sie sah, was sie fühlte, in sich auf. Schon auf dem Schiff hatte sie sich umgezogen, die Robe gegen eines ihrer Kleider getauscht, die Schuhe natürlich auf dem Schiff gelassen. Sie wollte den Boden spüren, das Moos, die Pflanzen, die Natur, das ganze Leben. Und sie rannte. Sie rannte, wie sie zuletzt als kleines Kind gerannt war, durch die verschlungenen Pfade, die sie blind hätte gehen können und die sich kaum verändert hatten. Die Luft war so anders, so befreiend und für einen langen, beinahe ewig währenden Augenblick konnte Tenia vergessen. Was war, was sein konnte. Da war einfach Null. Null in seiner vollen Schönheit. Das satte grün, das dazu einlud darin zu verweilen, es genau zu betrachten, die unterschiedlichsten Nuancen zu erkennen. Moosgrün, Blattgrün, dunkelgrün. Helles Grün. Es gab so, so viele unterschiedliche Grüntöne! Ein bisschen kam es ihr vor wie im Märchen und natürlich, ja, jaaaa, natürlich sie romantisierte all das, aber genau das war es, was Tenia gerade brauchte. Ein bisschen Abstand vor dem, was sie war – und diesmal nicht, weil sie bedauerte, wer das war. Sondern weil eine Jedi hier gerade nicht gebraucht wurde. Niemand benötigte Hilfe, der schwelende Konflikt, der längst zu einem Krieg geworden war – es schien hier und jetzt für einen Moment einfach ganz, ganz weit weg. Ewig weit weg.
Sie fiel ihren Eltern in die Arme, sie weinten gemeinsam, freuten sich gemeinsam und erst im Kontakt mit ihnen, holte die Realität sie natürlich wieder ein.

Warum sie sich so viel Zeit mit einem Besuch gelassen hatte. Wie es ihr als Jedi ging, ob sie noch immer eine Jedi sein wollte. Ob sie nun endlich (!) jemanden kennengelernt hatte, vielleicht sogar einen stattlichen Nullianer und ob sie nicht doch Jägerin werden wollte, ob sie nun doch endlich entschied, alles zu essen, nicht nur Pflanzen. Dass sie auch wieder Fremden Null zeigen könnte, bis ihre Mutter dem ganzen endlich Einhalt gebot. Dann sprachen sie über den Krieg und Tenia sah sich einem neuen Sturmfeuer aus Fragen ausgesetzt. Ob Eowyn El’mierth wirklich den Imperator ermordet hatte. Ob sie Eowyn persönlich kannte. Und diesen Ian (ich hoffe doch nicht!). Ob sie sich auch in einen Sith verliebt hatte. Ob das, was über das Virus gesagt worden war stimmte, denn auf Null sei niemand erkrankt. Wie es sein konnte, dass man nicht auf ein Urteil gewartet hatte und überhaupt, was sie von der ganzen Sache hielt, wie sie sich positionierte und weshalb.
Als das Gespräch endlich zu Ende gewesen war, hatte Tenia sich so erschöpft gefühlt, wie nach der ganzen Mission auf Ketaris und sie war heilfroh gewesen, endlich wieder nach draußen in die Natur zu können. Aber ihre kleine heile Welt, die sie bis eben noch so romantisiert hatte, bekam jetzt die ersten Risse. Da ein totes Tier auf dem Boden, dort zurückgelassener Müll. Und natürlich kehrte alles zurück, weil es nie fort gewesen war. Die Galaxis befand sich im Krieg und es war nur eine Frage der Zeit, bis sich Planeten anschlossen und für oder gegen die Republik kämpften. Ein Thema, das ihre Eltern vehement abgestritten hatten. Null sei schon immer neutral gewesen und Null sei kein interessanter Planet für irgendwen, außer für Nullianer und solche, die Natur so sehr schätzen wie sie. Es musste neutrale Planeten geben, weil das der Lauf der Natur sei. Natur passte sich an, setzte sich durch. Natur sei ‚slektionsneutral‘ und so sei eben auch Null. Hier würde kein Krieg stattfinden und auch kein Krieg beeinflusst werden. Irgendwann hatte sie aufgegeben.

Der war der Abend hereingebrochen und Tenia hatte ihre Nachrichten auf dem Comm gelesen, einen Hilferuf von Riuen und Elise beantwortet. Elise! Wie lange hatte Tenia die damalige Padawan nicht gesehen, die nun in Lebensgefahr steckte, nachdem die sie sich auf Thearterra einen Virus eingefangen hatte. Natürlich würde sie helfen – immerhin war sie damals auch dort gewesen. Sie sicherte beiden in einer Nachricht ihre Hilfe zu und musste nicht lange überlegen, wen sie noch darum bitten konnte, ebenfalls zu helfen. Steven. Steven, den sie schon einmal um Hilfe gebeten hatte auf Ketaris. Der ihr tatsächlich aus der Patsche geholfen hatte und der, nachdem sie sich offenbart, ihm von Jafan erzählt hatte, kein einziges Lebenszeichen mehr von sich gegeben hatte. Wieder hallte der Satz in ihrem Kopf nach: ‚Vielleicht bin ich schon damals seit Mon Calamari in dich verliebt, Tenia‘.
Schon wieder spürte Tenia Tränen, diesmal lag es nicht an Null, sondern an etwas anderem, für das sie etwas mehr Zeit brauchte, um es beim Namen zu nennen. Enttäuschung. Hatte Jafan nicht auch gesagt, dass er verliebt in sie war? Und hatte er sich nicht noch in der Nacht, als sie einander so nahegekommen waren, wie man sich nur nahekommen konnte, einfach ohne ein Wort weggeschlichen?
Sie würde ihn dennoch um Hilfe bitte. Einfach weil … Sie ihn vermisste. Und weil es vielleicht eine Erklärung gab, dafür, dass er nicht mehr geschrieben hatte, denn lavierten sie nicht beide die ganze Zeit um etwas sehr Offensichtliches herum? Aus Angst davor, dass das, was sie hatten kaputtgehen konnte. Tat das vor allem nicht sie?
Sie wollte ihm schreiben, das Comm in der Hand. Dann ein Rascheln, danach eine Unachtsamkeit und ihr Commgerät stürzte die Klippe hinab, die sie vorhin mit Mühe hinauf geklettert war und unten angekommen gab es nicht mehr viel, mit dem sie hätte antworten können.
‚Höhere Mächte‘, hätten ihre Eltern gesagt. ‚Ein Zeichen‘ und so sehr Tenia nicht an so etwas glauben wollte, so wenig konnte sie sich dagegen wehren, dass doch etwas davon sie berührte.
Sie sammelte die Einzelteile ein, wünschte sich Brassos Fähigkeiten und begab sich zurück zu ihrem Elternhaus um früh, am nächsten Morgen – viel zu früh und warum, konnte all das nicht bitte warten – wieder nach Coruscant zu fliegen.

*****

Coruscant hatte Tenia nicht vermisst und nach Null noch weniger. Es war das absolute Gegenteil von Null und trotzdem fühlte sie sich im Orden zu Hause. Kaum dort angekommen, überschlugen sich schon wieder die Ereignisse. Rätin Ahna Rigby war ums Leben gekommen und es hatte eine Einladung via Comm gegeben, die Tenia natürlich nicht mehr gelesen hatte.
Dennoch war sie rechtzeitig genug zurückgekehrt, um der Trauerfeier beiwohnen zu können. Als Tenia sich, ein schwarzes, langes Kleid tragend, in die große Halle begab, war diese schon sehr gut gefüllt und die Nullianerin froh, einen Platz weit hinten zu ergattern. Sie setzte sich und dann begann es auch schon, Trauerreden wurden gehalten. Es war das erste Mal, das Tenia einer solchen Rede beiwohnte, zumindest außerhalb von Null. Das, was gesagt wurde und alles unterschied sich sehr von Null und doch berührten gerade die Worte Eowyns die Nullianerin sehr.


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// CORUSCANT – UNTERE EBENEN – VESPAR-PASSAGE – VANTA
Nerro Dragijic Vorna, Tarek Sorn, NPCs

Als der Privatgleiter schließlich auf der Landeplattform des Vanta aufsetzte, hatte Nerro bereits zum dritten Mal denselben Titel abspielen lassen. EMPEROR 1313 verstand eben etwas von seinem Handwerk. Mit einem letzten, zufriedenen Kopfnicken ließ der Hutt die Musik verstummen und wartete darauf, dass sein Chauffeurdroide die seitliche Einstiegsluke öffnete. Draußen war die Vespar-Passage längst zu ihrem geschäftigen Alltag übergegangen. Händler boten ihre Waren an, zwielichtige Gestalten bevölkerten die Straßen und zahllose Reklametafeln rangen um die Aufmerksamkeit potenzieller Kunden. Ohne natürliches Sonnenlicht und bei einem Nachtleben, das niemals vollständig zum Erliegen kam, hatte der Begriff Morgen hier unten ohnehin eine etwas andere Bedeutung.

Gemächlich schlängelte sich Nerro aus dem geräumigen Gleiter. Zwei Sicherheitskräfte, die sich gerade mit einem Lieferanten unterhalten hatten, richteten sich bei seinem Anblick augenblicklich auf und grüßten respektvoll. Der Hutt erwiderte die Geste mit einem großzügigen Nicken. Ausgesprochen anständige Kerle. Zumindest solange sie wussten, wer ihre Rechnungen bezahlte.

Nur wenige Augenblicke später stieß auch sein persönlicher Leibwächter Killa Vasko dazu. Der breitschultrige Mensch überragte die meisten Passanten um einen guten Kopf und machte mit seinen muskulösen Armen und der offen getragenen Blasterpistole auch keinerlei Anstalten, besonders unauffällig zu wirken. Nerro schätzte diese Eigenschaft außerordentlich. Ein Leibwächter, dessen Anwesenheit niemand bemerkte, erfüllte schließlich nur die Hälfte seiner Aufgaben. Der Mensch gehörte zwar nicht zum engeren Kreis der Familie, begleitete den Hutten jedoch seit geraumer Zeit bei dessen Ausflügen durch die Vespar-Passage. Er kannte die Gegend, wusste mit unangenehmen Zeitgenossen umzugehen und besaß vor allem die angenehme Eigenschaft, keine überflüssigen Fragen zu stellen.

Gemeinsam näherten sie sich dem Eingang des Vanta. Zwei Sicherheitskräfte, die sich gerade mit einem Lieferanten unterhalten hatten, richteten sich bei Nerros Anblick augenblicklich auf und grüßten respektvoll. Der Hutt erwiderte die Geste mit einem großzügigen Nicken, während Vasko einen prüfenden Blick über die Umgebung schweifen ließ. Ausgesprochen anständige Kerle. Zumindest solange sie wussten, wer ihre Rechnungen bezahlte.

Das Vanta gehörte gewiss nicht zu den exklusivsten Adressen Coruscants, hob sich aber doch deutlich von den schäbigen Vergnügungslokalen der umliegenden Straßenzüge ab. Dunkle Einrichtung, violette Beleuchtung, eine ordentlich ausgestattete Bar und ein Publikum, das gewöhnlich über genügend Credits verfügte, um diese auch auszugeben. Nerro war ausgesprochen stolz auf den Laden. Dass er streng genommen nur fünfunddreißig Prozent davon besaß, spielte in seiner persönlichen Betrachtung eine eher untergeordnete Rolle. Die übrigen Anteile gehörten schließlich Tarek. Und Tarek gehörte gewissermaßen zur Familie und damit ihm.

Im Inneren herrschte noch vergleichsweise wenig Betrieb. Einige Angestellte bereiteten die Räumlichkeiten für den Abend vor, während ein Reinigungsdroide unermüdlich den Boden bearbeitet und ein paar einzelne Tänzerinnen ein kleines Publikum unterhielten, begleitet von der hier charakteristischen musikalischen Untermalung. Nerro ließ seinen Blick zufrieden über die Räumlichkeiten wandern, bevor er sich zum Turbolift begab, der in die oberen Geschäftsräume führte.

Dort wartete bereits sein Unterboss.

Tarek Sorn war ein achtundvierzigjähriger Mensch, der mit seinem dunklen Anzug, den sorgfältig zurückgekämmten Haaren und seinem stets kontrollierten Auftreten eher an einen erfolgreichen Geschäftsmann als an einen Kriminellen erinnerte. Tatsächlich hatte er den Großteil seines Erwachsenenlebens in der Coruscanter Unterwelt verbracht. Er kannte ihre ungeschriebenen Gesetze, ihre Geschäftsleute und vor allem jene zahlreichen kleinen Gefälligkeiten, von denen die kriminelle Wirtschaft der Metropole zusammengehalten wurde. Tarek verstand es, Probleme zu lösen, bevor sie zu ernsthaften Schwierigkeiten heranwuchsen. Seine ruhige, beinahe nüchterne Art bildete dabei einen bemerkenswerten Gegensatz zum temperamentvollen Wesen seines Vorgesetzten.

Als Nerro das Büro betrat, erhob sich der Mensch von seinem Schreibtisch und begrüßte ihn mit einem respektvollen Lächeln.

"Ah, Tarek! Mein lieber Freund!"


Der Hutt breitete die kurzen Arme aus, als hätte er seinen Unterboss seit Monaten nicht mehr gesehen. Tatsächlich lag ihre letzte Begegnung kaum einen Tag zurück.

"Guten Morgen, Boss. Ich hoffe, du hattest eine angenehme Fahrt."

"Ausgezeichnet sogar! Ein wunderschöner Morgen, mein Freund."


Tarek erwiderte die Begeisterung mit einem zurückhaltenden Lächeln und wartete, bis Nerro auf seiner eigens angefertigten Sitzfläche Platz genommen hatte. Eine Angestellte erschien beinahe augenblicklich mit einem Getränk, das der Hutt mit sichtlicher Zufriedenheit entgegennahm. Anschließend ließ er sich die neuesten Geschäftszahlen vortragen.

Die Einnahmen des Clubs entwickelten sich erfreulich, die Spieltische liefen ordentlich und auch die anderen Unternehmungen hatten überwiegend zufriedenstellende Ergebnisse geliefert. Nerro kommentierte die Zahlen gelegentlich mit einem wohlwollenden Schmatzen. Solche Nachrichten hörte er ausgesprochen gerne. Gewinne ohne nennenswerte Anstrengung waren ohnehin die angenehmste Art von Gewinnen.

Erst als Tarek erwähnte, dass Varek Noll um eine persönliche Unterredung gebeten hatte, veränderte sich Nerros Miene jedoch leicht.

"Nein"


Tarek hielt kurz inne.

"Es scheint ihm wichtig zu sein. Er hat ausdrücklich nach dir gefragt"

"Und mir ist wichtig, dass wir uns an unsere Abmachungen halten, Tarek"


Seine Stimme hatte nichts von ihrer gewohnten Geschmeidigkeit verloren, doch sein Blick war ernst geworden.

"Ich möchte nicht mit den Captains über das Business sprechen. Nicht hier, nicht in meinem Apartment und nur im Notfall an wechselnden Orten. Dafür gibt es dich."


Tarek nickte verständnisvoll, gab allerdings zu bedenken, dass die technischen Sicherheitsmaßnahmen des Vanta erst kürzlich überprüft worden waren. Das Büro verfügte über eine ausgezeichnete Abschirmung, sämtliche Kommunikationsanlagen waren gesichert und die Räumlichkeiten wurden regelmäßig auf unerwünschte Überwachungstechnik untersucht. Alles in allem war die Wahrscheinlichkeit eines erfolgreichen Lauschangriffs ausgesprochen gering.

Nerro zeigte sich davon wenig beeindruckt.

"Ja, ja! Ausgezeichnete Sicherheitsvorkehrungen! Aber glaubst du wirklich, dass uns das vor allem schützt? Irgendein Ermittler braucht nur ein einziges brauchbares Gespräch mitzuschneiden. Ein einziges! Und plötzlich haben wir eine Menge unangenehmer Fragen zu beantworten."


Der Hutt ließ seine Nickhaut langsam über die silbergrauen Augen gleiten. Schon der Gedanke daran war ihm ausgesprochen zuwider. Er hatte schließlich nicht die Absicht, irgendwann wegen eines übereifrigen Captains in einer republikanischen Arrestzelle zu landen. Sein eigenes Geschäftsmodell beruhte zu einem nicht unerheblichen Teil darauf, dass andere Wesen die strafrechtlich besonders interessanten Tätigkeiten übernahmen.

"Du sprichst mit den Captains. Die Captains sprechen mit ihren Leuten. Und ich spreche mit dir. So haben wir es im letzten Jahr vereinbart und so bleibt es. Keine unnötigen Gespräche, keine persönlichen Anweisungen und keine karking Aufzeichnungen, die uns irgendwann um die Ohren fliegen. Ist das klar?"


Tarek nickte ernst. Es kam nicht oft vor, dass sein Boss Huttisch in seinen alltäglichen Sprachgebrauch fließen ließ und wenn, dann nur, wenn er zumindest leicht verstimmt war Anders als mancher Außenstehende vielleicht vermutet hätte, hielt er diese Vorsicht keineswegs für übertrieben. Er hatte lange genug in der Unterwelt gearbeitet, um zu wissen, dass schon wesentlich größere Organisationen an vermeintlich unbedeutenden Fehlern gescheitert waren.

"Selbstverständlich, Boss. Ich werde mit Varek sprechen. Die Captains kennen die Regeln."

"Hervorragend! Und sie sollen sich gefälligst daran halten"


Damit war die Angelegenheit für den Hutten zunächst erledigt.

Tarek gehörte zu den wenigen Personen, denen Nerro ein nennenswertes Maß an Vertrauen entgegenbrachte. Was allerdings weniger mit persönlicher Zuneigung als mit der ausgesprochen lästigen Tatsache zusammenhing, dass er den Menschen schlichtweg brauchte. Tarek war zuverlässig, kompetent und verstand es, die Geschäfte am Laufen zu halten, ohne seinen Vorgesetzten mit jeder verdammten Kleinigkeit zu belästigen. Dass er dabei gelegentlich die Frechheit besaß, ihm zu widersprechen, nahm Nerro zähneknirschend in Kauf. Schließlich war gute Hilfe schwer zu finden. Selbstverständlich wäre er auch ohne Tarek zurechtgekommen. Irgendwie vermutlich. Besonders ärgerlich fand der Hutt allerdings, dass selbst Prinz Pompom seinem Unterboss bisweilen mehr Zuneigung entgegenzubringen schien als ihm selbst. Eine geradezu unerhörte Undankbarkeit, wenn man bedachte, wer hier eigentlich für alles aufkam! Dennoch wusste Nerro die Fähigkeiten seines Stellvertreters zu schätzen. Während die vier Captains ihre Geschäfte weitgehend eigenständig führten und ihrem Boss mit gebührendem Respekt begegneten, genoss Tarek eine Sonderstellung. Er durfte sich Freiheiten erlauben, die Nerro bei anderen kaum geduldet hätte. An der Rangordnung änderte das selbstverständlich nichts. Am Ende war es schließlich seine Familie, sein Geld und vor allem sein Verdienst, dass dieser ganze Laden überhaupt existierte.

Die anschließenden geschäftlichen Besprechungen verliefen weitgehend ereignislos. Einige ausstehende Zahlungen mussten überprüft werden, die Abgaben der Captains entwickelten sich zufriedenstellend und eine kleinere Auseinandersetzung zwischen zwei Geschäftspartnern hatte Tarek bereits ausgeräumt. Nerro hörte aufmerksam zu, traf einige Entscheidungen und zeigte sich mit der Arbeit des Unterbosses überwiegend zufrieden.

Schließlich wandte sich Tarek einem anderen Thema zu. Wie er beiläufig erwähnte, hatte sich über einen seiner älteren Kontakte bei der örtlichen Baugewerkschaft eine interessante Gelegenheit ergeben. Ein privates Konsortium plante die Sanierung eines größeren Versorgungskomplexes unweit der Vespar-Passage. Das Bauvorhaben sollte über mehrere Monate laufen und versprach zahlreiche Aufträge für kleinere Subunternehmen.

Nerro zeigte sich augenblicklich interessiert. Die Baubranche gehörte zweifellos zu jenen ausgesprochen angenehmen Wirtschaftszweigen, in denen sich eine Menge Credits verdienen ließen, sofern man die richtigen Leute kannte. Und Tarek kannte glücklicherweise einige davon.

Dieser erläuterte, dass die Gewerkschaft bei der Vergabe bestimmter Beschäftigungsverhältnisse ein gewichtiges Wort mitzureden hatte. Einige ihrer Vertreter seien durchaus bereit, mit vertrauenswürdigen Geschäftspartnern zusammenzuarbeiten.

Was damit gemeint war, musste Tarek seinem Vorgesetzten kaum erklären. Gut bezahlte Anstellungen, deren Inhaber auf der betreffenden Baustelle bestenfalls gelegentlich vorbeischauten, waren schließlich keine sonderlich neue Erfindung. Sogenannte No-Show-Jobs. Auf dem Papier völlig gewöhnliche Beschäftigungsverhältnisse, in der Praxis dagegen eine ausgesprochen bequeme Einkommensquelle.

Nerro schürzte zufrieden die Lippen.

"Sehr gut, mein Freund. Und du bist sicher, dass diese Leute zuverlässig sind?"


Tarek bejahte dies, schränkte allerdings ein, dass er zunächst persönlich mit seinem Kontakt sprechen wollte. Noch sei schließlich nichts vereinbart. Nerro stimmte zu und gab ihm die Erlaubnis, die Angelegenheit weiterzuverfolgen. Sofern sich daraus ein lohnendes Geschäft entwickeln ließ, hatte er selbstverständlich nichts dagegen einzuwenden.

Für den Mittag hatten die beiden ohnehin bereits einen Tisch in einem gehobenen Restaurant auf den mittleren Ebenen reserviert, wie es an diesem Tag der Woche ihre Gewohnheit war. Bis dahin blieb noch genügend Zeit, einige weitere Angelegenheiten zu erledigen.

Der Hutt nahm einen letzten Schluck aus seinem Glas und betrachtete seinen Unterboss mit einem breiten, zufriedenen Lächeln.

"Siehst du, mein Freund? Andere reden ständig davon, Arbeitsplätze zu schaffen. Wir tun tatsächlich etwas dafür!"


Er lachte vergnügt über seinen eigenen Scherz. Ein guter Tag, wahrlich.

// CORUSCANT – VESPAR-PASSAGE – VANTA – BÜRO

Nerro Dragijic Vorna, Tarek Sorn
 
[Coruscant, Jedi-Tempel, in einem der Gärten] - mit Tari Haako, Nikis Gios und Sarina Thorne

Als Tari von seiner misslungenen Selbstmotivationsrede auf dem Klo wieder zurückkam, sah er Nikis und Sarina wieder sitzend in dem Garten. Die Übung schien zuende - oder zumindest unterbrochen - zu sein. Oder hatte Nikis es vielleicht schon geschafft und sie waren nun schon im nächsten Schritt?

Das wäre ein derber Schlag für den jungen Neimoidianer - umso mehr, da es völlig an ihm selbst liegen würde.
Als er wieder in Konversationsreichweite war, begegnete ihm die Jedi mit einem schiefen Grinsen. Kurz flackerte in
Tari die Frage auf, ob dieses Grinsen versteckte Häme für sein Versagen war.

Sofort rügte er sich selbst, dass so eine Reaktion nicht von einem Jedi kommen könne. Sie sind doch gerecht und gütig.
Also verscheuchte er diesen rebellischen Gedanken und hörte auf
Sarinas neue Anweisungen. Oder besser: Auf ihre neuen alten Anweisungen. Denn die Übung war keineswegs vorbei. Es gab tatsächlich eine zweite Runde.


"Ich würde vorschlagen, ihr legt euch beide gleich hin und macht die Augen zu...", begann diese mit dem für Trainer und Ausbilder wohl typischen Grenzgang von 'Ich hab's doch gleich gesagt' und 'Vertraut mir doch endlich bitte, ich habe die Erfahrung'.
Und auch das nagte am Selbstbewusstsein von
Tari. Er war stolz auf sich, dass er seit Jahren keinen wirklichen Mentor mehr brauchte und es beim Training nur um die Feinheiten und Details ging. Denn inzwischen war er ja eine ernstzunehmende Maschine im Ringkampf... gewesen. Wie er sich mit etwas bitterem Beigeschmack innerlich korrigierte.

Schließlich hatte er diese Stellung mit Aussicht auf eine planetare Karriere ja eigenhändig in den Dreck getreten, um Jedi zu werden. Und vielleicht bedeutete das, dass er eben wieder von ganz unten anfangen musste. Dass er wieder echte Mentoren brauchte.
Das war absolut richtig und er wusste darum - und dennoch blieb ihm ein leises Flüstern des Frustes, dass er nun wieder sehr weit unten und auf andere angewiesen war.

"Genug! Du hast dir diesen Weg selbst ausgesucht und jetzt geh ihn auch zielstrebig, du Schwachmaier. Enttäusch Pap nicht und gib deinen Freunden und Feinden keine Munition, indem du unnötig und viel zu verfrüht abklopfst", maßregelte
Tari sich erneut innerlich. Und legte sich mit verkrampftem Kiefer nieder. Aus dem Augenwinkel sah er, dass Nikis es ihm gleichtat; auch wenn dieser entspannter aussah als sich Tari fühlte.
Und dann zwang er sich, zumindest seine Muskeln zu entspannen. Das war der erste Schritt. Wenn sein Körper verspannt war, würde er vermutlich nicht innerlich entspannen können.


Sarinas Stimme und ihre ruhige Betonung halfen dabei. Auch wenn ihr Beispiel, sie sollten das Lernen des Erfühlens der Macht ansehen wie das Laufenlernen kleinster Kinder wieder nicht bei ihm anschloss. Er war alles andere als ein kleines Kind, das noch nichts konnte. Und auch wenn ihm klar war, dass das eine Metapher war und ermutigen sollte, traf es ihn dennoch spitz.
Er musste schnell lernen - und hatte noch schneller erfahren - dass Selbstständigkeit und Können in der Suburbia nicht langsam, entspannt, entfaltet werden sollten, sondern dass sie sich schnellstmöglich draufzuschaffen waren. Wenn man überleben oder zumindest kein Opfer werden wollte.
Er faltete seine Hände hinter dem Kopf und schuf sich so ein provisorisches Kissen. Achtete nicht mehr deutlich auf die Worte der Jedi-Ritterin und konzentrierte sich stattdessen auf die Geräusche der Natur, das Kitzeln des Grases und die Wärme der Sonne. Sowie auf den angenehmen Stimmklang von
Sarina. Es gelang ihm tatsächlich, sich zu entspannen und wieder intensiver wahrzunehmen.
Und so hörte er auch wieder gelassener der Ausführungen und Leitung der Jedi zu.
Einatmen. Ausatmen. Einatmen. Ausatmen.


"Die Pflanzen... Die Bäume... Die Käfer... all die kleinen Tierchen... Ihr. Ich... Überall ist Leben... Ihr seid umgeben von Leben... und von Licht...", drang die Stimme immer leiser werdend und doch deutlich zu ihm durch.
Und ja, ihm war bewusst, dass Leben um ihn herum war. Dass er auf Leben lag. Und dass er selbst lebendig war. Und das war großartig und faszinierend. ... Aber war das die Macht? War das die Macht, mit der er seinen Vater aus einer Gefahrenzone stoßen konnte, ohne ihn zu berühren?

Tari versuchte sich daran zu erinnern, wie es sich angefühlt hatte, als er die Macht das erste Mal genutzt hatte. Das war nicht so friedlich und entspannt gewesen wie jetzt - oder doch? Er konnte das tatsächlich nicht mehr nachvollziehen.

Das war so ein gedrängter und unmöglicher Moment gewesen, dass er sich nur noch daran erinnerte, die Hand ausgestreckt zu haben - und wie sein Vater davonflog. Bevor unnatürlich langsam und laut die Ziegel an der Stelle zerschellte, wo kurz vorher sein Vater gestanden hatte.
Vom Geschehenen waren der Ablauf und die Geräuschkulisse da. Aber wie er sich in diesem Moment fühlte? Oder besser: Wie die Macht sich anfühlte? Da hatte er keine Ahnung mehr. Hatte er in diesem Moment überhaupt gefühlt?
Und so war
Tari wieder einmal entspannt, doch seine Gedanken rasten dafür umso schneller. Wollten Erkenntnisse und Erfolge, die nicht kamen.
Diese Spürübung selbst wollte ihn scheinbar verspotten. So nah am Ziel - eigentlich ja sogar schon über der Ziellinie - und doch noch nicht gewonnen. Das war unfair!

Also verharrte der Neimoidianer so gut es ging, entspannte sich und versuchte, zu fühlen. Auch wenn ihm mehr und mehr entglitt, wie er das natürlicherweise tun könnte. Er rang mit sich und gab sein Bestes - wusste aber im Herzen schon, dass er diese Übung nicht mehr schaffen würde. Zumindest heute nicht mehr.
So war es für
Tari schließlich eine Erlösung, als Sarina die Übung beendete und die drei sich wieder zum Gespräch aufsetzten. Frust und Zweifel blieben dennoch.

[Coruscant, Jedi-Tempel, in einem der Gärten] - mit Tari Haako, Nikis Gios und Sarina Thorne
 
Coruscant – Jedi-Tempel – Große Halle – Trauerfeier für Ahna Rigby – mit Riuen, Brianna, Ganner, Eowyn, Ian, Wes und zahlreichen Jedi

Als Elise schließlich Platz nahm, war sie froh, den Stock neben sich abstellen zu können. Der Weg durch den Tempel hatte länger gedauert, als sie es gewohnt war, und ihre Beine quittierten die zurückgelegte Strecke mit einem unangenehmen Ziehen. Immerhin war die Besserung gegenüber dem gestrigen Tag unverkennbar. Sie hatte wieder einen halbwegs sicheren Gang, konnte längere Zeit stehen und ihre Gedanken gehörten weitgehend ihr selbst. Der dumpfe Druck hinter ihrer Stirn war geblieben, ebenso jene schwer zu beschreibende Müdigkeit, die sich selbst nach ausreichend Schlaf kaum vertreiben ließ. Der Parasit verhielt sich ruhig, und solange das so blieb, würde sie ihm keine weitere Aufmerksamkeit schenken. Jedenfalls nahm sie sich das vor.

Dass Riuen ihre Fortschritte weniger optimistisch beurteilte, war ihr auf dem Weg hierher kaum entgangen. Sie hatte die Verzögerungen bemerkt, mit denen er ihre Schritte unauffällig zu bremsen versucht hatte, ebenso wie seine gelegentlichen Blicke auf den Stock. Der Chiss kannte sie inzwischen gut genug, um auch ihre weniger überzeugenden Vorstellungen von körperlicher Unversehrtheit zu durchschauen. Doch er musste sich wohl damit abfinden, dass sie in ihrem jetzigen Zustand nach Thearterra mitkommen würde. Sie kannte den Planeten, hatte den Ursprung ihrer Erkrankung dort erlebt und wollte selbst herausfinden, was sich hinter dem Parasiten verbarg. Darüber hinaus hatte sie wenig Interesse daran, die kommenden Wochen in einem Krankenbett zu verbringen, während andere ihr Schicksal in die Hand nahmen. Natürlich würde sie vernünftig bleiben müssen, doch das war eine Angelegenheit, über die sich gegebenenfalls noch verhandeln ließ.

Elise rückte ein wenig auf ihrem Sitz zurecht und ließ den Blick über die Große Halle schweifen. Der Raum war inzwischen beinahe vollständig gefüllt. Auf den oberen Galerien standen weitere Jedi, deren Gestalten zwischen den mächtigen Säulen nur gelegentlich zu erkennen waren, während das Licht der hohen Fenster stellenweise goldene Streifen über den polierten Boden zog. Einige verspätete Besucher suchten noch ihre Plätze, wurden mit einem Nicken begrüßt oder mussten sich an den Knien bereits Sitzender vorbeischieben. Trotz der vielen Anwesenden hatte die Halle etwas eigentümlich Ruhiges. Nach den vergangenen Tagen war sie ausgesprochen froh, wieder unter Menschen zu sein.

Die Begegnung mit Brianna lag erst wenige Minuten zurück. Elise hatte sich ehrlich über das Wiedersehen gefreut, zumal die Echani offenbar trotz der gegenwärtigen politischen Lage noch genügend Gelassenheit aufbrachte, um sich über ihre Gehhilfe zu amüsieren, für das sie ein klares "Klappe!"" bekam, bevor der Stock mit einem leichten Stoß, begleitet von einem verspielten Lächeln gegen das Schienbein der Echani stieß. "Wir haben sicher noch einen Platz im Club Gehhilfe." Der Kommentar hatte sie an ihre erste Begegnung mit Eowyn nach dem Erwachen erinnert, als sie selbst noch auf dem Boden der Krankenstation gesessen und über die Gründung eines Clubs für Versehrte nachgedacht hatte. Mittlerweile hätte sie vermutlich eine beachtliche Zahl an Mitgliedern dafür gewinnen können. Bei dem Gedanken verzogen sich ihre Lippen zu einem flüchtigen Lächeln. Briannas Begleiter hatte sich als Ganner Fel vorgestellt, und Elise hatte seinen freundlichen Gruß ebenso erwidert wie zuvor die vorsichtige Umarmung der Echani. Dass der Mann ihr genügend Platz gemacht hatte, war ihr durchaus aufgefallen. Sie hatte es mit einem dankbaren Nicken quittiert, obwohl es sie in Wirklichkeit furchtbar aufregte, bevor sie und Riuen weitergegangen waren.

Besonders gefreut hatte sie sich über Eowyn und Ian, die im vorderen Teil der Halle saßen. Eowyn schien zumindest etwas von ihrer Kraft zurückgewonnen zu haben, und auch Ian hatte die beiden herzlich begrüßt. Als Elise an das kurze Gespräch auf dem Weg hierher zurückdachte, musste sie unwillkürlich schmunzeln. Riuens Bemerkung, Ian sei es mehr wert, gemocht zu werden als er selbst, ging ihr noch immer durch den Kopf. Sie betrachtete ihren Schüler von der Seite, während ihr Blick kurz darauf zu Ian in den vorderen Reihen wanderte. Sie konnte inzwischen gut verstehen, weshalb die beiden miteinander befreundet waren, und dennoch hätte sie Riuen für seine wenig schmeichelhafte Einschätzung der eigenen Person gerne widersprochen. Sie wandte sich ihm ein Stück zu, holte bereits Luft und zögerte dann, als ihr bewusst wurde, was sie ihm eigentlich sagen wollte.

"Verzeiht, wenn ich störe."

Elise hob den Kopf. Neben ihrer Sitzreihe war ein fremder Jedi stehen geblieben, der höflich auf den freien Platz neben ihr deutete. Sie sah noch einmal kurz zu Riuen hinüber, ehe sie sich dem Neuankömmling zuwandte.

"Selbstverständlich. Bitte. Ich hoffe es ist okay, wenn ich nicht aufstehe."

Während der Fremde Platz nahm, richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf ihn. Der eben noch gefasste Gedanke blieb unausgesprochen.

Sie betrachtete den Mann einen Augenblick, wobei ihr zunächst die ungewöhnlich sorgfältige Kleidung auffiel. Die Robe besaß eine Eleganz, die sie eher mit einem diplomatischen Empfang oder einer gehobenen gesellschaftlichen Veranstaltung verbunden hätte. Selbst das Lichtschwert an seinem Gürtel schien mit einer gewissen Bedachtsamkeit getragen zu werden. Jedenfalls machte der Fremde den Eindruck, als habe er sich vor dem Verlassen seines Quartiers mehr Gedanken über seine Garderobe gemacht als die meisten Jedi, denen sie gewöhnlich begegnete.

Er rückte sein Lichtschwert zurecht und achtete darauf, ihr genügend Platz zu lassen. Elise beobachtete ihn aus dem Augenwinkel, ehe sie sich ihm ein wenig zuwandte.

"Eure Erscheinung ist ... bemerkenswert."

Ihre Stimme war freundlich, doch aus ihrem Gesicht ließ sich kaum herauslesen, ob sie diese Feststellung als Kompliment verstanden wissen wollte. Ein kleiner, neugieriger Zug lag um ihre Mundwinkel.

"Elise Benett.", stellte sie sich vor und deutete mit einer Bewegung des Kopfes zu ihrem Begleiter. "Und das ist Riuen, mein Schüler. Ich glaube, wir sind uns bisher noch nicht begegnet."

Sie ließ ihren Blick kurz über seine Robe wandern.

"Seid Ihr schon länger hier im Tempel?"

Bevor sich daraus ein längeres Gespräch entwickeln konnte, näherte sich eine junge Frau ihrer Sitzreihe. Sie begrüßte den Fremden mit einer Vertrautheit, die erkennen ließ, dass die beiden sich bereits länger kannten. Elise wandte sich der Neuankömmlingin zu, als diese auch ihr und Riuen einen Gruß zunickte, und erwiderte die Geste mit einem freundlichen Lächeln. Die junge Frau wirkte erschöpft, auch wenn sie sich um eine aufrechte Haltung bemühte. Elise bemerkte, wie sie beim Hinsetzen in der Reihe hinter ihnen kurz das Gesicht verzog, und warf einen beiläufigen Blick zu ihrer eigenen Gehhilfe. Offenbar war sie heute nicht die Einzige, die ihre körperliche Verfassung etwas großzügiger auslegte, als es vermutlich ratsam gewesen wäre.

Sie hörte den Namen Steven und begriff, dass sich die beiden tatsächlich von früher kannten. Das erfreute Wiedersehen war angesichts des Anlasses angenehm zurückhaltend, und Elise ließ die beiden gewähren. Sie würde später sicher Gelegenheit haben, den Fremden näher kennenzulernen. Seine Erscheinung hatte sie jedenfalls neugierig gemacht.

Als die letzten Gespräche verstummten, wandte sie sich nach vorne.

Rornan hatte das Podium betreten. Die gewaltige Halle wurde allmählich still, und Elise bemerkte, wie sich die Aufmerksamkeit der vielen Anwesenden auf den Quermianer richtete. Auch sie richtete sich etwas auf, legte die Hände in ihren Schoß und lauschte.

Die Worte des Rates erinnerten daran, weshalb sie alle hier waren. Ahna Rigby, die dienstälteste Rätin des Ordens, war während der Ereignisse um die C-Virus-Krise ums Leben gekommen. Stellvertretend für all jene, die der Seuche zum Opfer gefallen waren oder bei ihrer Bekämpfung ihr Leben gelassen hatten, sollte ihrer heute gedacht werden.

Elise kannte die Pau'anerin nur aus ihrer gemeinsamen Mission. Die Rätin hatte ihr Leben für eine Sache gegeben, deren ganze Tragweite vermutlich nur wenige der hier Anwesenden ermessen konnten. Als Rornan davon sprach, dass Ahna vielleicht besser auf ihren eigenen Tod vorbereitet gewesen war als jene, die nun um sie trauerten, betrachtete Elise das Hologramm der Verstorbenen mit besonderer Aufmerksamkeit.

Sie erinnerte sich an die Ereignisse auf Bastion, an den Thronsaal und jene verhängnisvollen Augenblicke während des Anschlags auf den Imperator. An die Anspannung, die Ungewissheit und daran, wie schnell sich die Ereignisse überschlagen hatten. Der offizielle Bericht über Ahnas Tod erzählte eine andere Geschichte. Eine Geschichte über Unruhen in den Unteren Ebenen Coruscants und eine Rätin, die bei dem Versuch, zwischen verfeindeten Gruppen zu vermitteln, ums Leben gekommen war.

Elise wusste es besser. Riuen ebenso.

Sie ließ ihren Blick kurz zu ihrem Schüler wandern. Auch er hatte die tatsächlichen Ereignisse miterlebt, und sie fragte sich, welche Erinnerungen die Worte der Räte gerade in ihm wachriefen. Es gab gute Gründe dafür, dass die Wahrheit nicht öffentlich werden durfte. Dennoch empfand sie es als eigentümlich, einer Trauerfeier beizuwohnen, auf der die Umstände des Todes einer Frau verschwiegen wurden, deren Andenken man zugleich mit so viel Aufrichtigkeit ehrte.

Joseline berichtete anschließend aus dem frühen Leben der Verstorbenen. Elise hörte von einer Zeit, in der der Orden noch vollkommen anders gewesen war, von Meistern, deren Namen ihr kaum etwas sagten, und von einem Leben, das sich über mehr als zweieinhalb Jahrhunderte erstreckt hatte. Für eine kurze Weile versuchte sie sich vorzustellen, wie Ahna diesen Tempel als Kind erlebt haben mochte, lange bevor das Imperium seine Schatten über die Republik geworfen hatte.

Als Wes Janson das Wort ergriff, verlagerte Elise vorsichtig ihr Gewicht. Ihre Beine waren inzwischen etwas steif geworden, und sie streckte eines unter dem Sitz ein wenig aus, während sie der Rede folgte.

Wes sprach über Ahnas lange Zugehörigkeit zum Rat, ihre Hingabe an den Orden und darüber, dass 270 Jahre für eine Pau'anerin noch keineswegs das Ende eines erfüllten Lebens bedeuten mussten. Elise hatte sich zuvor kaum mit Ahnas Alter beschäftigt, doch die Vorstellung, dass diese Frau noch Jahrhunderte hätte leben können, verlieh ihrem Tod eine besondere Tragik. Als Wes schließlich davon sprach, dass sie für das größere Wohl alles gegeben und den höchsten Preis bezahlt hatte, senkte Elise kurz den Blick.

Worte, deren Bedeutung sie besser verstand, als sie offenbaren durfte.

Neben ihr bewegte sich Riuen. Elise hatte bereits mehrfach bemerkt, wie seine Aufmerksamkeit vom Podium zu den versammelten Jedi wanderte, gelegentlich an einzelnen Gesichtern hängen blieb und anschließend weiterzog. Sie folgte seinem Blick und betrachtete die dicht besetzten Reihen. Erfahrene Ritter, junge Padawane, vertraute Gesichter und eine erstaunliche Anzahl von Menschen, denen sie noch nie begegnet war. Manche trugen die Spuren der vergangenen Wochen recht offensichtlich mit sich herum, andere schienen zumindest äußerlich unversehrt geblieben zu sein. Wie viele unterschiedliche Schicksale sich wohl gerade in dieser Halle versammelten?

"Eine bemerkenswerte Versammlung, findest du nicht?", flüsterte sie und neigte sich etwas zu ihm. "Ich glaube, ich habe den Orden noch nie so voll versammelt erlebt. Und trotzdem kennen wir vermutlich kaum einen Bruchteil der Leute hier."

Sie ließ den Blick weiterwandern, bis er bei einer Gruppe von Jedi hängen blieb, die etwas abseits saßen. Unter den Anwesenden mochten sich durchaus einige finden, deren Erfahrungen ihnen auf Thearterra weiterhelfen konnten. Doch heute waren sie alle aus demselben Grund gekommen, und Elise empfand es als richtig, dass selbst jene, die Ahna kaum gekannt hatten, ihr die letzte Ehre erwiesen.

"Ich frage mich, wie viele von ihnen während der vergangenen Wochen jemanden verloren haben.", sagte sie nach einer Weile leise. "Wir haben auf Bastion so viel erlebt, und dabei bekommt man kaum mit, was anderswo geschieht. Vielleicht sollten wir uns wieder häufiger Zeit nehmen, mit den anderen zu sprechen."

Sie betrachtete die Reihen noch einen Moment, ehe ihr Blick auf Ian fiel, der neben Eowyn saß. Der Heiler wirkte erschöpft, und sie erinnerte sich daran, was Riuen ihr über dessen gesundheitliche Probleme erzählt hatte.

"Sag mal, hast du Ian in den letzten Tagen eigentlich noch einmal richtig gesprochen?", fragte sie schließlich, während sie den Blick auf die vorderen Reihen gerichtet hielt. "Ich meine, abgesehen von seiner Begegnung mit meinem Hausbesetzer."

Sie wandte den Kopf ein wenig zu Riuen, ohne darüber nachzudenken, wie laut sie eigentlich sprach.

"Er sieht ziemlich mitgenommen aus. Wie geht es ihm?"

Elise betrachtete Ian, dessen Aufmerksamkeit weiterhin nach vorne gerichtet war. Sie wusste, wie viel der Heiler während der vergangenen Wochen durchgemacht hatte und dass er trotz seines eigenen Zustands versucht hatte, ihr zu helfen.

Als Murrrar inzwischen das Wort ergriff, lehnte sich Elise vorsichtig zurück und wandte ihre Aufmerksamkeit wieder dem Podium zu.

Murrrar berichtete von Ahnas diplomatischen Leistungen, darunter dem Vertrag von Umbara und zahlreichen kleineren Einsätzen, deren Bedeutung sich oft erst viel später gezeigt hatte. Gerade die Erwähnung jener vermeintlich unbedeutenden Konflikte gefiel Elise. Sie dachte an die Menschen, die Ahna während ihrer langen Laufbahn geholfen hatte, und daran, wie viele Entscheidungen dieser Frau vermutlich in Erinnerung bleiben würden, ohne dass jemals jemand von ihnen erfuhr. Es war seltsam, wie gut diese Erkenntnis zu den tatsächlichen Umständen ihres Todes passte.

Als Murrrar schließlich seinen Platz verließ und Eowyn sich mit ihrem Schwebestuhl in Richtung Podium bewegte, richtete Elise ihre Aufmerksamkeit vollständig nach vorne.

Sie erinnerte sich an Eowyns Besuch auf der Krankenstation. Die Rätin hatte unvermittelt in ihrem Zimmer gestanden, offenbar in der Erwartung, eine bewusstlose Patientin vorzufinden, und stattdessen eine Elise entdeckt, die sich gerade mit ihrer eigenen Standfestigkeit auseinandersetzte. Es war eine ziemlich absurde Begegnung gewesen, die schließlich in einer Unterhaltung auf dem Fußbeoden geendet hatte, bei der beide Frauen für eine Weile die Unannehmlichkeiten ihrer jeweiligen Lage vergessen konnten, nachdem sie sie in aller epischer Breite vor sich ausgebreitet hatten. Elise hatte Eowyn damals gebeten zu bleiben, und die Rätin hatte sich tatsächlich die Zeit genommen. Seit dem waren sie Freundinnen. Zumindest was Elise anging. Es kümmerte sie, wie es der Rätin ging. Ebenso wie es sie freute, dass sie sich so gut bei der PK geschlagen hatte.

Nun beobachtete sie Eowyn, die sich neben dem Podium positionierte. Ihre Stimme klang noch immer rau, doch mit Unterstützung der Macht trug sie weit durch die Halle.

Als Eowyn erwähnte, dass es ihr bei ihrem letzten Gespräch vielleicht gelungen war, einen Blick hinter Ahnas Fassade zu werfen, wurde Elise besonders aufmerksam. Sie erinnerte sich an die Ereignisse im Thronsaal, an die gewaltigen Kräfte, die dort aufeinandergetroffen waren, und an die Anspannung jener letzten Augenblicke. Die Rätin wirkte bewegt, und Elise ahnte, wie viel Überwindung es sie kosten musste, vor all diesen Menschen über Ahna zu sprechen. Elise senkte kurz den Blick. Sie wusste, wie viel eine solche Äußerung bedeuten konnte, besonders von jemandem, der sich offenbar selten dazu hatte hinreißen lassen. Eowyn sprach weiter, und als sie erzählte, Ahna habe gesagt, dass sie die Jedi vermissen würde, hob Elise langsam wieder den Kopf.

Eine Träne löste sich aus ihrem Auge und rann über ihre Wange.

Sie bemerkte es erst, als die Feuchtigkeit ihre Haut erreichte. Die schlichte Vorstellung, dass eine Frau, die ihr Leben über Jahrhunderte in den Dienst des Ordens gestellt hatte, am Ende vor allem jene vermissen würde, denen sie so viel gegeben hatte, traf Elise tief.

Ihr Blick blieb auf der Rätin gerichtet, deren Stimme trotz aller Anstrengung weiter durch die Halle trug.

Als Eowyn schließlich versprach, Ahnas Vermächtnis zu bewahren, empfand Elise eine aufrichtige Bewunderung für sie. Sie hatte Eowyn schon auf Bastion schätzen gelernt, doch dieser Moment berührte sie besonders. Eowyn wandte sich schließlich dem Hologramm der Verstorbenen zu. Als sie Ahna wünschte, endlich einmal Zeit für sich selbst zu haben, musste Elise trotz ihrer Tränen schwach lächeln.

"Möge die Macht mit dir sein, Rätin.", flüsterte sie kaum hörbar.

Sie betrachtete das Hologramm noch eine Weile, nachdem Eowyn das Podium verlassen hatte. Später würde sie ihr gerne sagen, wie sehr ihre Worte sie berührt hatten. Vielleicht gab es Dinge, über die sie beide irgendwann sprechen konnten, ohne dass die Ohren einer ganzen Halle mithörten.

Elise rückte ein wenig auf ihrem Sitz zurecht und atmete langsam aus. Ihre Beine meldeten sich inzwischen mit einem dumpfen Ziehen, doch vorerst konnte sie gut damit leben. Vorerst aber blieb sie still sitzen und ließ die Worte der Räte nachklingen.

Coruscant – Jedi-Tempel – Große Halle – Trauerfeier für Ahna Rigby – mit Riuen, Steven, Faith, Brianna, Ganner, Eowyn, Ian, Wes und zahlreichen Jedi
 
::: Coruscant :: Raumhafen der Jedi :: Tenias Schiff: Brasso Nunkai und Tenia Lumiran :::
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Behutsam nahm Brasso Nunkai das dünne Flimsi mit Tenias Commnummer zwischen zwei Fingern entgegen und betrachtete es einen Moment länger, als es das unscheinbare Stück Material eigentlich verdient hätte, ehe er es sorgfältig zwischen zwei Seiten seines kleinen Notizbuches schob, dorthin, wo es nicht zerknicken und auch nicht zwischen Werkzeugen verschwinden konnte. Es war eine eigenartige Form des Abschieds, dachte er, eine Nummer auf einem Stück Material, die versprach, dass eine Begegnung nicht zwangsläufig dort endete, wo zwei Wege sich trennten, und vielleicht lag gerade darin etwas, an das er sich erst noch gewöhnen musste. In seinem bisherigen Leben waren Menschen gekommen und gegangen wie Frachter an abgelegenen Umschlagplätzen, manche mit Namen, viele ohne, und nur selten hatte jemand ausdrücklich eine Möglichkeit zurückgelassen, wiedergefunden zu werden.

„Passt auf Euch auf“, sagte er deshalb lediglich, weil ihm alles Ausführlichere in diesem Augenblick unangemessen vorkam, und nach einem kurzen Zögern fügte er hinzu: „Und danke.“

Es waren zwei kleine Worte für einiges, was auf Ketaris geschehen war, für einen geretteten Markt, einen festgesetzten Kubaz, den Weg bis zu diesem Schiff und vor allem für die unangenehme Möglichkeit, dass sein Leben vielleicht doch nicht ganz so erklärt war, wie er bislang geglaubt hatte. Brasso aber hatte nie besonders viel Vertrauen in große Worte besessen. Die meisten Dinge bewiesen ihren Wert ohnehin erst, wenn man sie belastete.

Dann senkte sich die Rampe und Coruscant lag vor ihm. Vor ihm lag kein gewöhnlicher Raumhafen mit einer Reihe von Hangars, Tankstellen und Lagerhäusern, wie
Brasso sie von anderen Welten kannte. Seine Augen erblickten einen in den Jedi-Tempel und seine unmittelbare Infrastruktur eingebetteter Ankunftsbereich, von dessen offenen Plattformen aus die Stadt sichtbar wurde, als hätte jemand die Wand einer Welt herausgeschnitten. Hinter den Begrenzungsfeldern begann die Architektur einer in einer Machtdemonstration gegossenen Durastahlverkleidung.
Türme erhoben sich dicht an dicht, manche breit wie ganze Industriebezirke, andere schlank und fast zerbrechlich wirkend, obwohl ihre Spitzen in Höhen ragten, die
Brasso auf Bracca nur von Schiffsrümpfen kannte. Dazwischen zogen sich Luftverkehrsadern durch mehrere Ebenen, in denen Gleiter, Fähren, Transporter, Kuriermaschinen und militärische Fahrzeuge in scheinbar halsbrecherischer Geschwindigkeit aneinander vorbeiströmten und dennoch so geordnet wirkten, als folgten sie einem Takt, der für alle selbstverständlich war, nur nicht für ihn.
Brasso blieb am Ende der Rampe stehen und hätte beinahe gewankt, der Anblick traf ihn fast körperlich. Ketaris Prime war geschäftig gewesen, laut, voller Waren, Stimmen, Gerüche und kleiner Revierkämpfe um Platz. Coruscant war etwas anderes. Coruscant war keine Stadt, die einfach nur einen Planeten bedeckte. Coruscant war der Planet, der irgendwann beschlossen hatte, selbst Stadt zu werden. Tiefes Repulsorbrummen, das aus der Ferne wie dauerhafter Donner klang, Das helle Jaulen kleinerer Gleiter, die an den Tempelanlagen vorbeizogen, unterbrochen von Durchsagen aus dem Ankunftsbereich. Das metallische Rollen von Transportplattformen sowie Droidenstimmen. Befehle. Gespräche. Schritte auf Stein und Durastahl. Irgendwo kreischte kurz eine hydraulische Kupplung, ehe sie sich mit einem dumpfen Schlag verriegelte. Dazwischen das kaum wahrnehmbare aber unaufhörliche Grundrauschen einer Ecumenopolis, Milliarden Wesen in Bewegung, übereinandergestapelt in Ebenen, die Brasso nicht einmal zu zählen versuchte.

Er hob langsam den Kopf. Der nächste Turm hörte nicht dort auf, wo sein Blick es erwartet hatte.


„Bei allen Zahnrädern“, murmelte er. Jemand hinter ihm sagte trocken: „Weitergehen!“

Brasso drehte sich halb um. Zwei Tempelbedienstete schoben eine Repulsorpalette aus dem Schiff, einer von ihnen ein Caskadag mittleren Alters, der ihn lediglich mit jener höflichen Ungeduld ansah, die offenbar auf Coruscant dieselbe Funktion erfüllte wie ein Warnsignal an einer Maschine. Der Abednedo trat leicht beschämtzur Seite.

„Entschuldigung.“

„Schon gut.“


Der Mann war bereits an ihm vorbei. Eine Twi’lek in Arbeitskleidung kreuzte unmittelbar darauf seinen Weg, ohne merklich langsamer zu werden, ein kleiner Servicedroide schlüpfte zwischen ihnen hindurch, und ein junger Soldat wich
Brasso mit einer Selbstverständlichkeit aus, die verriet, dass er täglich mit Wesen zu tun hatte, die noch nicht verstanden hatten, dass auf Coruscant selbst das Stehenbleiben offenbar Regeln besaß.
Brasso beobachtete das Treiben mit wachsender Faszination. Niemand rempelte absichtlich. Niemand entschuldigte sich länger als nötig. Wer wusste, wohin er wollte, ging dorthin. Wer es nicht wusste, sollte gefälligst am Rand darüber nachdenken.
Coruscant, stellte
Brasso fest, behandelte Unsicherheit wie eine Verkehrsbehinderung. Er bemerkte die Miraluka erst, als sie bereits vor ihm stand oder besser gesagt, als er begriff, dass sie offenbar auf ihn gewartet hatte. Sie war von mittlerer Größe und trug helle, schlichte Gewänder, die zwischen Mechanikern, Soldaten und ankommenden Jedi beinahe unwirklich ruhig wirkten. Eine fein gearbeitete Binde lag über der Stelle, an der bei anderen Humanoiden die Augen saßen, und obwohl Brasso auf seinen Reisen Vertretende dieser Spezies kennengelernt hatte und daher wusste, dass Miraluka ohne sichtbare Augen lebten, irritierte ihn für einen kurzen Moment, mit welcher Genauigkeit sie ihm das Gesicht zuzuwenden schien. Ihre Haltung hatte etwas Entrücktes, doch nichts Kühles, eher wirkte sie wie jemand, der einen Raum nicht ansehen musste, um vollständig in ihm anwesend zu sein.

„Brasso Nunkai?“


Ihre Stimme war sanft genug, dass sie eigentlich im Lärm hätte untergehen müssen, tat sie aber nicht.


Brasso nickte zunächst und hielt dann inne.

„Ja“, sagte er vorsichtshalber. Ein kaum merkliches Lächeln erschien auf ihrem Gesicht.

„Miran Du. Ritterin Lumiran hat mir gesagt, dass Ihr mit ihr ankommen würdet.“

Brasso warf unter der Krempes eines breiten Huts noch einmal einen Blick zurück zum Schiff, hinter dessen geöffneter Rampe Tenias weiterer Weg bereits wartete, dann wieder hinaus auf Coruscant.

„Sie hat nicht erwähnt, dass das hier so groß ist.“

Miran legte den Kopf leicht schief.

„Der Tempel?“

Brasso sah an ihr vorbei, auf die Stadt.

„Alles.“

Diesmal wurde ihr Lächeln deutlicher.

„Das ist bei der ersten Ankunft eine häufige Reaktion.“

„Es gibt also Wesen, denen das hier normal vorkommt?“

„Mehr, als Ihr glauben würdet.“

Brasso betrachtete einen Verkehrsfluss, der sich mehrere Kilometer entfernt zwischen zwei Türmen kreuzte.

„Das beruhigt mich nicht.“ entgegnete der Abednedo kopfschüttelnd.

Miran lachte leise und setzte sich in Bewegung. Sie mussten keinen öffentlichen Raumhafen verlassen, keinen Speeder nehmen und sich nicht erst durch mehrere Bezirke bis zum Tempel kämpfen. Der Raumhafen der Jedi war Teil jener gewaltigen Anlage, die
Brasso bislang nur aus Holobildern kannte, und je weiter sie durch die gesicherten Zugänge gingen, desto deutlicher trat die eigentliche Gestalt des Tempels hervor. Von den Landeflächen aus waren zunächst nur einzelne Mauern und Türme sichtbar gewesen; nun öffnete sich vor ihm die gesamte monumentale Geometrie der Anlage, die breite pyramidenartige Basis, darüber die fünf charakteristischen Türme, deren Silhouette selbst auf Bracca jedem vertraut gewesen wäre, der gelegentlich Nachrichten gesehen hatte.
Aus der Nähe verlor das Bild jedoch jede Glätte. Der Jedi Tempel war beschädigt. An mehreren Außenflächen zogen sich dunkle Brandspuren entlang des Steins, als hätte Feuer selbst versucht, sich dort festzukrallen. Manche Fassadenabschnitte waren bereits erneuert, andere von Gerüsten bedeckt, an denen Droiden und Arbeiter Platten austauschten oder Leitungen neu verlegten. Transportplattformen schwebten langsam über breite Innenhöfe. Soldaten halfen beim Bewegen schwerer Bauteile. Zwischen ihnen gingen Jedi verschiedenster Spezies ihren Aufgaben nach, manche in einfachen Roben, andere in praktischerer Kleidung, einige mit Lichtschwertern sichtbar am Gürtel, andere ohne.


Brasso verlangsamte seinen Schritt. Sein Blick wanderte über die Übergänge zwischen altem und neuem Material, über helle Ersatzplatten in geschwärzten Wandflächen, über provisorische Leitungen, die dort verliefen, wo Verkleidungen noch fehlten, und über Stellen, an denen Schäden nicht kaschiert worden waren. Eine sauber verschweißte Naht konnte eine Reparatur zeigen, ohne so zu tun, als sei das Material niemals gebrochen gewesen. Das Prinzip des Echos. Zerstörung hinterließ Spuren und manchmal war es töricht, sie zu verstecken.

Im Inneren wurde der Gegensatz noch deutlicher. Der Tempel besaß jene gewaltige, beinahe einschüchternde Monumentalität, die
Brasso von den Holobildern erwartet hatte, doch gleichzeitig erinnerte manches an eine Baustelle, die sich weigerte, ihre Würde zu verlieren. Breite Hallen führten an abgesperrten Seitengängen vorbei, an einigen Wänden fehlten Schmuckelemente, an anderen zeichneten sich helle Stellen ab, wo einst Statuen, Reliefs oder Kunstwerke gestanden haben mussten. Militärangehörige schoben Materialwagen über den Stein, Reparaturdroiden verschwanden in geöffneten Versorgungsschächten, und aus einem Seitentrakt roch Brasso tatsächlich Caf, heißes Getreide und etwas Frittiertes.

„Ich dachte, der Jedi Tempel wäre…“ Miran wandte sich ihm zu. Brasso suchte nach dem Wort. „Vollständiger.“

„Das war er einmal.“

In ihrer Stimme lag keine Bitterkeit, nur eine leise Sachlichkeit. Während sie weitergingen, erzählte sie ihm, dass der Tempel seit Jahrtausenden an diesem Ort stand, dass seine heutige Gestalt älter war als ganze Staaten, die Brasso kannte, und dass unter den gewaltigen Mauern ein Berg verborgen lag, ein heiliger Ort, der schon lange vor der späteren Bebauung eine besondere Verbindung zur Macht besessen hatte. Brasso blieb tatsächlich stehen.

„Ein Berg?“

Sein Blick wanderte zum Boden unter ihm, dann zu den Mauern, zurück zu Miran.

„Der ist da noch drin?“

„Im Wesentlichen.“


„Ihr habt einen Berg umbaut.“

„Der Orden, ja.“

Brasso zog die Stirn kraus und für einen Moment herrschte Schweigen, bevor die Miraluka lachte. Es war ein heller, unerwarteter Laut, und Brasso musste ebenfalls lächeln, obwohl seine Rippen ihm unmittelbar mitteilten, dass Humor eine körperlich überschätzte Tätigkeit war. Sie führte ihn tiefer in den Tempel, vorbei an einem Zugang zur großen Bibliothek, deren Betrieb offenbar wieder aufgenommen worden war, wenngleich Miran erklärte, dass viele wertvolle Bestände weiterhin auf Lianna lagerten, und schließlich durch einen Bereich, in dem die Spuren der Verwüstung deutlich schwächer wurden. Hinter breiten Fenstern lagen Meditationsgärten, überraschend lebendig, fast wild, als hätten Pflanzen und Wasserläufe während der Jahre der Vernachlässigung beschlossen, ihre eigenen Vorstellungen davon zu entwickeln, wie ein Jedi Garten auszusehen hatte.
Brasso blieb einen Augenblick stehen. Zwischen all dem Stein, Metall und Verkehr wirkte das Grün beinahe unpassend. Schließlich erreichten sie einen ruhigeren Korridor nahe der medizinischen Abteilung, einen jener Bereiche, die früh wieder vollständig instandgesetzt worden waren. Hier war das Licht weicher, die Geräuschkulisse gedämpfter, und zum ersten Mal seit der Landung fühlte Brasso nicht mehr, als müsse er gleichzeitig in acht Richtungen sehen, um nicht von der Welt überrollt zu werden. Miran blieb stehen.

„Ritterin Lumiran hat mir erzählt, weshalb Ihr hier seid.“


Brasso sah sie an.

„Erzählte Sie viel von mir?“

„Nur das Nötige.“

„Das behaupten Menschen meistens, kurz bevor sie zu viel erzählen.“

Ein angedeutetes Lächeln spielte um Mirans Lippen.

„Dann formuliere ich es anders. Ich weiß, dass Ihr medizinische Hilfe braucht und dass sie bei Euch eine Sensibilität für die Macht vermutet.“

Brasso antwortete zunächst nicht. Hinter einer Wand arbeitete irgendein medizinisches Aggregat mit einem gleichmäßigen, fast beruhigenden Takt. Durch die hohen Fenster lag Coruscant weiterhin draußen, dieser endlose künstliche Horizont, der ihm noch immer das Gefühl gab, auf einer Maschine zu stehen, deren wahre Größe kein einzelnes Wesen begreifen konnte.

„Sie hat mir auch gesagt, dass ich frei bin, wieder zu gehen.“

„Das seid Ihr.“

„Und dass niemand entscheidet, was ich daraus machen muss.“

„Auch das stimmt.“

Brasso musterte ihr verbundenes Gesicht und stellte fest, dass es eigenartig leicht war, mit jemandem zu sprechen, dessen Augen er nicht lesen konnte.

„Dann will ich zuerst verstehen.“

Miran neigte leicht den Kopf.

„Die Macht?“

Brasso sah kurz zurück in Richtung der riesigen Hallen, der beschädigten Mauern, der Arbeiter und des Stadtplaneten jenseits davon.

„Alles“, sagte er schließlich. „Die Macht. Diesen Ort. Was Ihr hier eigentlich macht. Und weshalb Ritterin Lumiran glaubt, dass ich dazugehören könnte.“

Eine kleine Pause entstand.


„Das klingt nach vielen Fragen.“


Brasso schnaubte leise.

„Sie hat ausdrücklich gesagt, jede sei erlaubt.“

„Dann hat Ritterin Lumiran Euch bereits einen sehr guten Rat gegeben.“


Miran deutete auf den Korridor vor ihnen und setzte sich wieder in Bewegung.

„Kommt. Wir kümmern uns zuerst darum, dass Ihr offiziell angekommen seid. Danach sehen wir weiter.“


Brasso folgte ihr, ein wenig langsamer als zuvor, während draußen unzählige Gleiter durch die Luftströme Coruscants jagten und über ihnen die fünf Türme des Tempels in einen Himmel ragten, der beinahe vollständig aus Stadt bestand. Zum ersten Mal seit langer Zeit wusste er nicht, was hinter der nächsten Tür lag und zu seiner eigenen Überraschung empfand er das nicht nur als Bedrohung.

::: Hyperraum :: Jedi Tempel :: Gänge :: Brasso Nunkai, Miran Du [NPC] und Jedi :::​
 
// CORUSCANT – UNTERE EBENEN – VESPAR-PASSAGE – VANTA – LOUNGE
Nerro Dragijic Vorna, NPCs

Bis zu ihrer allwöchentlichen Mittagsverabredung blieb noch etwas Zeit. Tarek hatte einige Angelegenheiten zu erledigen, und Nerro sah keinen besonderen Anlass, ihm dabei Gesellschaft zu leisten. Stattdessen hatte er es sich auf einer großzügig gepolsterten Sitzfläche im oberen Loungebereich des Vanta bequem gemacht, von wo aus er einen ausgezeichneten Blick auf das Treiben unter sich genoss. Sein Leibwächter hielt sich einige Schritte entfernt auf, während vor dem Hutten ein kostspieliges Getränk und eine kleine Auswahl an Knabbereien bereitstanden.

Um diese Tageszeit präsentierte sich der Club von seiner ruhigeren Seite. Die eigentliche Tanzfläche war weitgehend verlassen, während an der Bar einige Gäste saßen, die entweder ausgesprochen früh oder bemerkenswert spät unterwegs waren. Zwischen ihnen bewegten sich Kellner, Bedienungsdroiden und das übrige Personal, das bereits Vorbereitungen für den Abend traf. Leise Musik erfüllte die Räumlichkeiten, deren violette Beleuchtung selbst zur Mittagszeit für jene Atmosphäre sorgte, die Nerro so außerordentlich schätzte.

Er beobachtete das Geschehen mit einem gewissen Wohlwollen. Ein ausgesprochen angenehmer Anblick, all diese Leute, die ihr Geld in einem Lokal ausgaben, an dem er beteiligt war. Selbst wenn sie gerade nichts bestellten, bestand immerhin die Möglichkeit, dass sie es bald tun würden.

Für einen Augenblick blieb Nerros Blick an einem jungen Menschen hängen, der sich mit bemerkenswerter Leichtigkeit zwischen den Gästen bewegte. Groß, breitschultrig, tadellos gekleidet und mit jenem selbstverständlichen Selbstbewusstsein ausgestattet, das offenbar keine sonderlichen Anstrengungen erforderte. Zwei überaus attraktive Frauen schenkten ihm im Vorbeigehen ein Lächeln.

Der Hutt beobachtete das Schauspiel schweigend. Es musste ausgesprochen angenehm sein, sich derart mühelos bewegen zu können. Einfach aufzustehen, durch einen Raum zu schreiten und dabei sämtliche Blicke auf sich zu ziehen.

Sein breites Maul verzog sich.

Andererseits: Was hatte dieser aufgeblasene Trottel schon vorzuweisen? Einen hübschen humanoiden Körper und vermutlich nicht genügend Credits, um sich einen anständigen Gleiter und eine Bleibe in den mittleren Ebenen leisten zu können. Lächerlich. In wenigen Jahrzehnten wäre er alt und unansehnlich, während Nerro noch immer in der Blüte seines Lebens stehen würde. Wohlhabend, einflussreich und allerseits respektiert, bewundert und gefürchtet.

Dieser Gedanke heiterte ihn beträchtlich auf.

"Pah!"


Er griff nach seinem Getränk und nahm einen großzügigen Schluck. Was für eine absurde Vorstellung, einen solchen Menschen um irgendetwas zu beneiden! Die Angehörigen dieser kurzlebigen Spezies waren schließlich geradezu bemitleidenswert. Kaum hatten sie sich etwas aufgebaut, begannen ihre Körper bereits zu verfallen. Ein Hutt hingegen hatte Jahrhunderte vor sich, um Vermögen anzuhäufen, Einfluss zu gewinnen und seinen rechtmäßigen Platz an der Spitze der gesellschaftlichen Ordnung einzunehmen.

Und was die Damen betraf, so würde er sich gewiss nicht hinter irgendeinem dahergelaufenen Schönling verstecken müssen. Nerro war schließlich ein ausgesprochen stattlicher Vertreter seiner Spezies. Jung, wohlhabend, gepflegt und darüber hinaus mit einem tadellosen Geschmack gesegnet. Welche vernünftige Frau sollte da schon widerstehen können?

Dass die beiden Frauen dem Menschen inzwischen an einen Tisch gefolgt waren, quittierte er mit einem verächtlichen Schmatzen.

Nerro ließ sich etwas tiefer in seine Polster sinken, während sein Blick über die Räumlichkeiten wanderte. Immerhin hatte er sich ein hübsches kleines Reich geschaffen. Vielleicht noch nicht ganz das Reich, das ihm vorschwebte, aber die Dinge entwickelten sich zweifellos in die richtige Richtung. Jetzt, wo dieser verdammte Virus gestoppt war und Coruscant wieder florierte, würde ihm diese Welt bald schon nach seiner Pfeife tanzen.

Als einer der Kellner vorbeikam, winkte er ihn zu sich.

"Noch einen von diesen ausgezeichneten Drinks, mein Lieber. Und mach die Musik ein wenig lauter!"


Zumindest verstand man hier etwas von guter Unterhaltung.

// CORUSCANT – VESPAR-PASSAGE – VANTA – LOUNGE
Nerro Dragijic Vorna, NPCs
 
::: Hyperraum :: Jedi Tempel :: Gänge :: Brasso Nunkai, Miran Du [NPC] und Jedi :::​

Brasso folgte Miran Du tiefer in den Tempel hinein, wobei jeder weitere Schritt etwas von jener gewaltigen Fremdheit verlor, die Coruscant ihm bei der Landung wie einen zu engen Helm über den Kopf gestülpt hatte, ohne dass die Welt dadurch auch nur einen Deut kleiner geworden wäre. Hinter den hohen Fenstern glitten weiterhin Verkehrsströme durch den Himmel, Hunderte Gleiter in mehreren Ebenen übereinander, so dicht und schnell, dass sein Instinkt noch immer bei jedem scheinbar kreuzenden Kurs nach einer drohenden Kollision suchte, während im Inneren des Tempels eine völlig andere Bewegung herrschte, langsamer, beinahe bedächtiger und dennoch nicht weniger geschäftig. Jedi in Roben kreuzten Soldaten, Arbeiter schoben Repulsorplattformen mit Baumaterial an geöffneten Seitengängen vorbei, Reparaturdroiden verschwanden bis zur Hüfte in aufgebrochenen Versorgungsschächten, und immer wieder stieß Brasso auf jene eigentümliche Mischung aus Jahrtausende altem Stein und provisorischen Lösungen, die ihm den Ort zunehmend sympathischer machte. Der Tempel war kein makelloses Monument. Er war ein beschädigtes System, das weiterarbeitete, während man es reparierte.Darin lag etwas Vertrautes.

Sein Blick wanderte automatisch über Leitungen, Anschlusskästen und die Stellen, an denen neue Wandverkleidungen auf ältere trafen, wobei er jedes Mal etwas langsamer wurde, wenn eine Reparatur besonders improvisiert aussah. Einmal blieb er beinahe stehen, weil ein Wartungspaneel einige Millimeter schief in der Wand saß und die darunter verlaufende Dichtung sichtbar neuer war als der Rest, doch Mirans gleichmäßiger Schritt erinnerte ihn daran, dass er nicht hierhergekommen war, um den Tempel auseinanderzunehmen. Zumindest nicht heute.
Sein eigener Körper sorgte außerdem mit wachsender Deutlichkeit dafür, dass er bei der Sache blieb.
Die Erschöpfung, die er auf dem Schiff noch hatte wegreden können, saß inzwischen wie zusätzliches Gewicht auf seinen Schultern. Unter dem Poncho klebte die Kleidung unangenehm auf der Haut, die Rippen meldeten sich bei jeder etwas zu tiefen Bewegung, und tief in seiner Brust lag jener schwere Widerstand, den er seit Jahren kannte und den er ebenso lange behandelt hatte wie ein schlecht zugängliches Bauteil, dessen Reparatur man verschob, solange die Maschine noch irgendwie anlief. Nur dass diesmal niemand mehr bereit schien, ihm diese Ausrede durchgehen zu lassen.

Miran führte ihn durch einen breiteren Korridor, dessen Boden und Wände deutlich weniger Spuren der jüngsten Verwüstungen trugen. Die Übergänge wurden sauberer, die Beleuchtung gleichmäßiger, und
Brasso nahm noch vor dem ersten Hinweisschild wahr, dass sie sich der medizinischen Abteilung näherten. Nicht weil er die Beschriftung lesen musste, sondern wegen des Geruchs. Ein kaum wahrnehmbarer metallischer Unterton, der von Instrumenten und Medizintechnik stammte. Brasso verzog leicht das Gesicht.

„Ich mag Krankenstationen nicht.“

Miran wandte den Kopf zu ihm, ohne stehen zu bleiben.

„Das sagen erstaunlich viele Patienten.“

„Dann sollte vielleicht jemand untersuchen, woran das liegt.“

Ihr leises Lachen begleitete sie noch einige Schritte. Die Türen glitten auf, bevor sie sie erreichten, und Brasso trat in einen Bereich, der in auffälligem Gegensatz zu fast allem stand, was er zuvor vom Tempel gesehen hatte. Hier wirkte nichts provisorisch. Die medizinische Abteilung gehörte offensichtlich zu den Teilen des Gebäudes, die man nicht auf irgendwann hatte verschieben können. Helle Wandflächen, saubere Böden, abgeschirmte Behandlungsnischen und eine Reihe medizinischer Droiden bildeten eine Umgebung, die Brasso beinahe ebenso fremd vorkam wie die Stadt draußen. Geräte standen nicht übereinandergestapelt. Keine Leitung war mit Draht befestigt. Niemand hatte einen Gehäusedeckel durch ein Stück ausgeschlachtete Panzerplatte ersetzt. Es wirkte verschwenderisch zuverlässig. Ein Medidroide rollte an ihnen vorbei und warf Brasso einen kurzen optischen Scan zu, dessen Linse einen Augenblick länger auf seiner Brust verweilte, als ihm gefiel.

„Der hat mich angesehen.“

„Er hat Euch gescannt.“

„Das ist nicht besser.“

Miran blieb schließlich an einer freien Behandlungseinheit stehen und bedeutete ihm, Platz zu nehmen. Brasso sah die Liege an und es graute ihm davor dort ausgeliefert zu sein, obwohl er sich unter den Jedi bisher zu keinem Zeitpunkt ausgeliefert gefühlt hatte. Krankenstationen hatten diesen Effekt auf den Abednedo, das konnte er einfach nicht verneinen.

„Ich kann stehen.“
Fast im selben Augenblick antwortete sein Körper mit einem kurzen, rauen Husten, der tief aus der Brust kam und ihn zwang, eine Hand gegen die Seite zu pressen. Es war kein dramatischer Anfall, nichts im Vergleich zu Ketaris, doch ausreichend, um den Satz innerhalb weniger Sekunden unglaubwürdig werden zu lassen. Miran sagte nichts, was es schlimmer machte, doch Brasso setzte sich.
Das Polster gab unter seinem Gewicht nach, viel weicher als alles, worauf er in den vergangenen Jahren freiwillig geschlafen hatte, und für einen Moment wusste er nicht, wohin mit den Händen. Schließlich legte er sie auf seine Knie und betrachtete die medizinischen Geräte neben sich mit jener Mischung aus Interesse und Misstrauen, die ihn gewöhnlich dazu brachte, Werkzeuge anderer Leute erst einmal selbst zu überprüfen. Ein Scannerarm schwenkte aus einer Wandhalterung, ein holographisches Display erwachte über der Konsole, und mehrere grünliche Linien erschienen, begleitet von Werten, die
Brasso zwar nicht vollständig verstand, deren Bedeutung ihm aber schon deshalb nicht gefiel, weil einige davon orange markiert waren. Das Prinzip des Scanners. Analysiere deine Umgebung. Erkenne, was Gefahr bedeutet. Brasso betrachtete die Anzeige.

„Ich nehme an, Orange ist schlecht.“

„Es ist kein Lob“, antwortete Miran.

Ein medizinischer Droide trat nun direkt an ihn heran und bat ihn mit vollkommen emotionsloser Höflichkeit, Poncho und Teile seiner improvisierten Brustpanzerung abzulegen. Brasso sah an sich hinunter. Die Rüstung bestand aus Dingen, die auf Bracca einmal andere Aufgaben gehabt hatten. Ein Segment hatte zu einem Protokolldroiden gehört, ein anderes zu einer Wartungseinheit, mehrere Schutzplatten waren aus unterschiedlichsten Legierungen geschnitten und später so lange angepasst worden, bis sie gemeinsam funktioniert hatten. Sie war schwer, abgenutzt, an manchen Stellen hässlich, doch sie war seine. Er begann, die Verschlüsse zu lösen.
Stück für Stück legte er jene Schicht ab, hinter der er sein Leben lang gearbeitet hatte, und mit jedem entfernten Teil wurde deutlicher sichtbar, was der Markt, die Jahre auf Bracca und Jahrzehnte schlechte Luft mit ihm gemacht hatten. Alte Narben zogen sich über Brust und Schultern, Druckstellen lagen dort, wo Gurte zu lange auf derselben Stelle gesessen hatten, und unter der linken Seite zeichnete sich noch immer eine dunklere Verfärbung von Ketaris ab.

Der Droide begann zu scannen.
Brasso sah demonstrativ nicht auf die Ergebnisse, stattdessen wanderte sein Blick durch die Krankenstation, über fremde Wesen in benachbarten Behandlungsbereichen, einen jungen Menschen mit bandagiertem Arm, einen Ithorianer, dessen Atemsystem von einer Heilerin geprüft wurde, und schließlich zurück zu Miran. Er dachte an die Worte der Jedi Ritterin, verbunden mit der Hoffnung, dass die Jedi ihm bei beidem helfen können. Er wusste noch immer nicht, was ihn von beidem mehr beunruhigte.

„Ihr habt gesagt, wir kümmern uns zuerst darum, dass ich angekommen bin“, sagte er schließlich, während der Scanner mit einem leisen Summen über seinen Brustkorb fuhr. „Ich vermute, das hier zählt dazu.“

„Mehr, als Euch lieb ist.“ antwortete die Miraluka mit einem sanften Lächeln.

Brasso schnaubte leise, hielt jedoch sofort inne, als seine Rippen protestierten, und ließ sich ein Stück weiter gegen die Rückenlehne sinken. Das war vielleicht der unangenehmste Teil an all dem. Nicht die Geräte. Nicht die Diagnose, die irgendwo hinter den kalten Lichtzeichen auf ihn wartete. Es war das Nichtstun, das Aushalten, dass andere nun etwas untersuchten, das er selbst jahrelang mit Arbeit, Improvisation und schierer Hartnäckigkeit zusammengehalten hatte. Das Prinzip des Schrottes sagte, dass nichts wertlos war, solange man verstand, was sich daraus noch machen ließ. Er schloss für einen Moment die Augen, hörte das entfernte Summen des Tempels, das Surren der medizinischen Geräte und irgendwo weit jenseits der Mauern das niemals verstummende Rauschen Coruscants. Dann öffnete er sie wieder.

„Na schön“, murmelte er in Richtung des Droiden. „Dann sehen wir mal, was alles kaputt ist.“

Der Tech-Nomade war zum ersten Mal seit langer Zeit nicht derjenige, der mit ölverschmierten Fingern über einem offenen Gehäuse hing und entschied, was noch zu retten war. Nun war er selbst das beschädigte System, lag unter fremden Sensoren und musste aushalten, dass andere den Blick dorthin richteten, wo er jahrelang nur Warnlampen abgeklebt hatte. Der Gedanke gefiel ihm nicht, doch während das Licht des Scanners über seine Brust wanderte, blieb er sitzen und ließ die Untersuchung geschehen. Reparatur bedeutete schließlich nicht nur, etwas mit den eigenen Händen wieder zusammenzusetzen. Manchmal bestand sie auch darin, die Hände stillzuhalten und jemand anderen arbeiten zu lassen.

::: Hyperraum :: Jedi Tempel :: Krankenstation :: Brasso Nunkai, Miran Du [NPC], Medizindroiden und Jedi :::​
 
[Coruscant - Distrikt des Fa'lesi Plaza - einige Ebenen weiter unten in einem Vergnügungsdistrikt - Seitengasse] Palakwi Rha (P-Wee)

Palakwi Rha hatte ihr Datapad schon oft verloren – und anschließend wiedergefunden – aber noch nie auf diese Weise oder unter ähnlichen Umständen. Sie lehnte sich ein wenig aus ihrem Versteck hinter einigen halbbefüllten Mülltonnen in einer Seitengasse hervor und drückte einen Knopf an ihrem Handchronometer, woraufhin ein rhythmisches, leises Piepen ertönte. Wie oft hatte sie ihr Pad in irgendeiner unzugänglichen Ecke eines Wartungszugangs auf der ‚Jolly Nomad‘ verloren? Wie oft hatte sie es beim Basteln an ihrer Werkbank aus einer Kiste mit Kabeln, Platinen und Anschlüssen herausgezogen. Aber noch nie war sie dem Trackingsignal, das sie am Datapad genau aus diesem Grund verbaut hatte, kilometerweit durch eine Stadt gefolgt. Dabei hätte sie, angesichts der Tatsache, dass sie ihren Lebensunterhalt selbst mit Diebstählen verdient hatte, eigentlich damit rechnen können, dass sie dem Signal vielleicht eines Tages selbst hinterherrennen würde, um ihr Eigentum wiederzubekommen. P-Wee schaute zum gegenüberliegenden Gebäude auf, oder zumindest zu den Stockwerken des Wolkenkratzers, die auf dieser Ebene zugänglich waren: eine recht schäbige Cantina mit Sabacc-Wettbewerben, die sich über drei oder vier Stockwerke zu ziehen schien. Das Annäherungssignal piepte immer noch im gleich bleibenden Rhythmus, ohne dass die Audiosignale mit größeren oder kleineren Intervallen zwischen den Tönen eine Bewegung ihrer Tasche, beziehungsweise des Datapads, andeutete. Es blieb nur zu hoffen, dass der ebenso schöne, wie rätselhafte Jedi-Kubus ebenfalls noch in ihrer Gürteltasche war.

Es war eine wilde Jagd gewesen, mit dem sie dem Signal durch Coruscant gefolgt war. Oft genug war sie kurz davor gewesen die Fährte zu verlieren, weil sie sich am Rande der Sensorreichweite bewegt hatte. Einmal hatte sie die Spur sogar für mehrere Minuten verloren, bevor sie durch pures Glück wieder in Reichweite gelaufen war. Den Dieb hatte sie dabei lediglich auf dem letzten Stück des Weges gesehen, ehe er vorbei an den zwei erstaunlich bulligen Türstehern, einem breiten Zabrak und einem vernarbten Mirialaner, in die Bar gelaufen war. Nur Minuten danach war das Signal stetig geworden, was wohl bedeutete, dass die Beute irgendwo in den Hinterräumen der Cantina abgelegt worden war. Der Kerl, der sie beraubt hatte, war wiederum nicht mehr herausgekommen. Palakwi hatte sich auf die Lauer gelegt, um mehr über ihr Ziel herauszufinden und einen Plan zu formulieren. Die Cantina hieß ‚Bexx‘ Fine Card Games & Ale‘ und schien über einen steten, wenn auch ausgewählten Kundenstamm zu verfügen. Die Einlasskontrolle war für eine kleine Cantina erstaunlich streng und viele der Personen, die ein und ausgingen, sahen eher wie die Türsteher und nicht Gäste aus. Palakwi zuckte leicht mit den Schultern, während sie noch einmal ihren Einstiegsplan in Form von Klettermöglichkeiten durchging. Es wäre nicht die erste Sabacc-Höhle mit einem verruchteren Nebenerwerb, wie zum Beispiel einem Hehler oder einem Versteck eines lokalen Verbrechersyndikats. Genau genommen war sie oft genug selbst in solchen Orten mit möglichen Auftraggebern in Kontakt gekommen oder hatte gestohlene Sammlergüter verkauft.

Die einsetzende Dunkelheit würde ihr helfen, denn sie bezweifelte, dass sie ohne lokales Straßenwissen in Form von Passwörtern oder das Erwähnen der richtigen Namen durch den Vordereingang hineinkommen würde. Zwar war die Promenade vor der Bar durch Neonreklamen und Straßenbeleuchtung mehr als nur hell ausgeleuchtet, aber die ranzige kleine Seitengasse, in der sie sich befand, hatte lediglich einige bewegungsgesteuerte, schummrige Funzeln. Viel wichtiger als diese waren aber eine Reihe an Lüftungsausgängen, Rohrsträngen und Vorsprünge, über die sie in die richtige Höhe kommen würde, um das eine offene Fenster im obersten Stock der Cantina zu erreichen. Wenn sie eines in ihrem Job gelernt hatte, dann das die meisten Passanten so in ihre eigenen Probleme und Gedanken vertieft waren, dass sie kaum mehr als das sahen, was direkt vor ihnen war – aber nicht unbedingt, was oberhalb von ihnen war. Droiden waren selbstverständlich eine andere Angelegenheit, aber sie hatte in der Zeit, in der sie die Kaschemme vor sich beobachtet hatte, lediglich einmal eine Patrouille der Coruscanter Sicherheitskräfte aus zwei Polizeikräften und drei Sicherheitsdroiden zu Fuß gesehen. Eine derartige Gruppe an Einsatzkräften deutete in der Regel an, dass man sich in einem Gebiet bewegte, in dem es genug kriminelle Aktivitäten gab, um eine derartige Ballung von Personal zu rechtfertigen. Gleichzeitig hatte offensichtlich nicht einmal die Polizei auf dem Kernplaneten der Galaxis genügend Kräfte, um in einer eher schäbigen Umgebung wie dieser dauerhaft und vor allem regelmäßig zu patrouillieren.

Ihre Lekku zuckten ungeduldig, während sie ihren Seesack zur Hand nahm und die Friction Grip-Handschuhe herausnahm. Nicht das allermodernste Modell der Firma, sicherlich. Sie hatte Konkurrenten mit den modernsten Exemplaren der Kletterausrüstung glatte Stahlwände hinaufklettern sehen, ähnlich wie Lassa-Geckos an Transpariglasscheiben daheim. Mit ihrem Modell würde sie immer noch an der metallenen Außenverkleidung abrutschen, aber sie gaben ihr erheblich mit Griff. Hätte sie an so etwas wie Ehre unter Dieben geglaubt, dann wäre sie vielleicht einfach in den Jedi-Tempel gegangen, hätte den Diebstahl gemeldet und gehofft, dass man sie trotzdem ausbilden würde. Aber angesichts der Tatsache, dass sie von einem Jedi-Ermittler in flagranti bei einem Diebstahl erwischt wurde und dieser trotzdem ihren Vorstrafenkatalog gelöscht hatte, um ihr einen Neustart zu ermöglichen, würde sie nicht einfach klein beigeben. Der Jedi wollte das ‚Holocron‘ und sie würde es ihm übergeben. Sie wollte absolut sichergehen, dass man ihr glaubte, dass der versprochene Neustart, die Ausbildung zur Jedi, all das ihr nicht verwehrt bleiben würde. Noch dazu nagte es an ihrem professionellen Selbstverständnis einfach so ‚ihre‘ Beute an einen anderen abzugeben. P-Wee schwang sich ihren Seesack wieder auf den Rücken, schnallte den dazugehörigen Gurt enger, sodass ihre Habseligkeiten sicher auf ihrem Rücken saßen und ging ein gutes Stück die Gasse ins Halbdunkel hinunter.

Sie atmete ein letztes Mal tief durch, bevor sie Anlauf nahm und lossprintete. Nach knapp zwanzig Meter hatte sie die nötige Geschwindigkeit erreicht, sprang leichtfüßig vom Boden ab, bis ihr linker Fuß die Wand unter ihren Stiefeln fühlte. Sie machte zwei blitzschnelle, kleine Schritte an der Wand, bevor sie die Schwerkraft hinunterziehen konnte und stieß sich dann kräftig und mit ausgestreckten Armen ab. Ihre Finger krallten sich in den Rahmen und Gitter einer ersten Lüftungsbox auf knapp zwei Meter fünfzig Höhe in der Gasse, an denen sie sich und behände hochzog. Nur Augenblicke später hockte Palakwi auf dem Kasten und setzte zum nächsten Sprung an, bereit ihre Hände selbstständig einen Weg nach oben finden zu lassen.

[Coruscant - Distrikt des Fa'lesi Plaza - einige Ebenen weiter unten in einem Vergnügungsdistrikt - Seitengasse] Palakwi Rha (P-Wee)
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Coruscant – Jedi-Tempel – Große Halle, Ahnas Trauerfeier – viele Jedi, Ganner und Brianna

Natürlich war der Ganner ein Ex-Militär. So eine Ausbildung hinterließ Spuren und ein Echani-Auge war da nicht leicht zu täuschen. Vielleicht hatte er bei der Marineinfanterie sich auch eine gewisse Ignoranz für alles Nichtmilitärische angeeignet, pflegten manche dieser Leute alle Außenstehenden, selbst die Jedi, herablassend als ‚Zivilisten‘ zu betrachten. Doof nur, dass die republikanische Marineinfanterie es nie und nimmer in Allegious' Thronsaal in seiner Festung auf Kast geschafft hätte und die Schatten eben schon. Andererseits hatten sie den Erfolg natürlich Ahnas Genie zu verdanken, auf das sie seitdem leider verzichten mussten. Abgesehen davon zeigte die Padawanschaft des Menschen, dass er wohl nicht ganz so ignorant sein konnte. Scheinbar hatte er doch die letzten Wochen unter einem Stein gelebt – und sie musste wohl ein ernstes Gespräch mit Rat Elliundi führen, warum er diese Pressekonferenz ohne sie abgehalten hatte. Im Imperium war es ja ganz anders gewesen: auch als Vin Venture verkleidet hatte sie ständig das Gefühl gehabt, dass aller Augen auf sie ruhten, weil sie offenbar allen Leuten irgendwie bekannt vorkam. Nur Ganner nicht… und so jemand redete dann von ‚Höflichkeit‘. So ganz hatte sie nicht verstanden, was er da in seinen Bart gemurmelt hatte, aber die Echani war nicht im Jedi-Orden, um ein Wohlfühlprogramm für Padawane aufzulegen oder motivierende Liedchen zu singen wie ein Ly'fe Jør das tat.

„Und was hat dich bewegt, die Marineinfanterie zu verlassen und ein Jedi zu werden?“

Fragte Brianna neugierig. Warum sollte sie sich über den Typen groß aufregen? Sie kannte ihn ja praktisch gar nicht, aber Mensch, Kerl, Kämpfertyp, die waren doch alle gleich mit ihrer toxischen Männlichkeit. Sahen auf Frauen in jeder Hinsicht so herab wie er auf sie aufgrund der unterschiedlichen Körpergröße. Dumm nur, dass sie nicht auf männliche Bestätigung angewiesen war, um sich bedeutsam oder stark zu fühlen. Es gab andere Frauen wie sie. Elise zum Beispiel, die auch am Krückstock gestützt noch Unbeugsamkeit und Haltung ausstrahlte. Im Gegensatz zu Riuen konnte die Menschin auch über ihren kleinen Scherz lachen und ihre Reaktion ließ auch Brianna lächeln. Da durfte das Schienbein dann auch mal kurz schmerzen – eine der wenigen Stellen am Körper der Echani, die nicht vor schützenden Muskeln strotzte.

Als die 28jährige Ganners Wissenlücke beseitigte, die darin bestanden hatte, nicht zu wissen wer sie war, stellte er sich im Gegenzug ein zweites Mal vor. Sie wusste doch schon wie er hieß! Einen Moment lang sah sie ihn mitleidig an, denn plötzlich ergab alles einen Sinn. Kein Wunder, dass er etwas pikiert gewirkt hatte, als die Ritterin ihm Unterwürfigkeit unterstellt hatte. Er hatte schlicht vergessen, dass er sich bereits entschuldig hatte, und jetzt mit der Vorstellung ebenso! Sicher war eine heftige Kopfverletzung aus seiner Zeit bei der Marineinfanterie schuld, das waren harte Mädels (und auch Jungs) auf gefährlichen Einsätzen. Briannas Kopfholokino ging an. Sofort stellte sie sich eine spannende und dramatische Landungsoperation vor, sicher noch im letzten Krieg gegen das Imperium. Im Truppentransporter im Anflug auf Coronet City, der Himmel voll von Jägern und Abwehrfeuer. Ein Flak-Treffer, oder ein Trümmerstück eines TIEs. Das Schiff gerät in's Trudeln. Die Pilotin gibt ihr bestes, um zwischen den Häuserschluchten und dem Kampfgewirr durch zu navigieren. Trotzdem wird es eine sehr harte Landung. Trotz seiner blutenden Kopfverletzung und obwohl Sturmtruppen angreifen, gelingt es Ganner, die Pilotin aus dem völlig zerstörten Cockpit zu befreien. Er war – sorry, sie war halt eine Echani und konnte gar nicht anders, als sich das auszumalen – ein Held. Wegen der von der Verletzung zurückbleibenden Hirnschaden wird er trotzdem ausgemustert. Irgendwie wird dadurch eine bis dahin latente Machtsensitivität aktiviert und Ganner tut, was ein Held eben tun muss: er setzt den Kampf auf die Weise fort, auf die er es noch kann: mit seinen neugewonnenen Machtfähigkeiten. So schlecht war der Typ vielleicht gar nicht… sie würde tunlichst für sich behalten, dass sie von seinem Problem wusste. Machen konnte sie ja samt ihrer Heilfähigkeiten ohnehin nichts, warum also Salz in die Wunde streuen? Die Verletzung war geheilt und das Hirn hatte sich neu organisiert. Da war kein Ki mehr im Ungleichgewicht und sie konnte ebenso wenig was dran ändern wie sie eine Dumme klug heilen konnte. Aber wissen, wie es tatsächlich gewesen war, wollte sie trotzdem. Interessiert fragte sie:


„Warst du in vielen Schlachten?“

Da sie nun beide ihre Plätze eingenommen hatten und warteten, bis die Reden begannen hatte Brianna wenig zu tun. Sie beobachtete, welche ihrer vielen Bekanntschaften im Orden ebenfalls gekommen waren. Natürlich hatten sie da Zeit, sich zu unterhalten. Ganner konnte sich durchaus vorstellen, bei Janus' Austausch mitzuwirken, wechselte aber das Thema hin zu Ahna, weil der Anlass unpassend war, eine künftige Mission zu diskutieren. Die Silberhaarige warf ihm einen wohlwollenden Blick zu, zeigte das aber nur sehr subtil. Die verdammten Menschen sollten endlich mal Körpersprache lesen lernen! Oder Kampfkunst! Aber Pietät war sicher nicht die schlechteste Eigenschaft, die ein Jedi besitzen konnte, als öffnete Brianna sich ihm ein wenig:

„Ja, ich kannte Rätin Rigby persönlich. Sie sandte mich vor einer Weile auf Mission nach Alderaan. Ich werde zwar garantiert nie in ihre Fußstapfen als Diplomatin treten, aber sie hat sich stets für mich eingesetzt und war in einer sehr schwierigen Phase für mich da. Für eine gewisse Zeit war sie beinahe so etwas wie eine Ersatz-Meisterin und half mir, meine Jedi-Fähigkeiten zu entwickeln und zu verbessern. Das rechne ich ihr hoch an. Ich denke ich sage nicht zuviel, wenn ich behaupte, dass ich ohne sie nicht die Jedi wäre, die ich heute bin.«

In Gedanken ergänzte Brianna: ‚sondern eine ziemlich tote Jedi‘. Sie durfte nicht vergessen, dass Ahna sich geopfert hatte, damit Eowyn und sie weiterleben und den Kampf gegen das Böse fortsetzen konnte. Es gab keinen größeren Akt der Selbstlosigkeit als das. Jemand anderes hätte womöglich abgewogen und wohlweißlich ihres immensen Wertes für den Jedi-Orden sich guten Gewissens dafür entschieden, dass es für das größere Wohl wäre, diesen Wert zu erhalten. Niemand hätte ihr das verübeln können, aber wer wusste schon, was Ahna in diesen Momenten mit der Bruchpunkttechnik gesehen hatte?

Diese Fähigkeit hatten sie beide gemeinsam und Brianna empfand eine gewisse Schuld, die Lücke, die Ahna hinterließ, schließen zu helfen. Als begnadete Lichtschwertduelistin gab es ja noch Eowyn und als charismatische Anführerin der Schatten. Aber die Bruchpunkttechnik beherrschte außer der Pau'anerin nur die Echani. Unglücklich, dass sie nun keine Lehrmeisterin mehr hatte, diese Fähigkeit auf das nötige Niveau zu entwickeln, aber sie musste es versuchen, Ahna zuliebe. Immerhin hatte sie entschieden, dass ihr Eowyns und Briannas Leben wichtiger war als ihr eigenes und damit war es ihre Pflicht, alles zu tun, um dem gerecht zu werden.

Bald darauf begannen die Reden. Elliundi leitete ein, Joseline berichtete von Ahnas langer Vergangenheit als Jedi, Janson steuerte Anekdoten von früher bei und Murrrar listete die beachtliche Menge an Erfolgen, welche die Verstorbene unter ihrer Tarn-Berufung als Diplomatin erzielt hatte. Niemand würde von Ahnas eigentlichem Lebenswerk berichten, das war schade und fühlte sich falsch an. Es fühlte sich falsch, an, diese Trauerfeier mit allen zu teilen, verdammt! Der Moment des Gedenkens sollte jenen gehören, die sie wirklich gekannt hatten und das nicht nur glaubten!

Nun war Eowyn an der Reihe. Gebannt lauschte Brianna ihren Worten jener, die die wahre Ahna sicherlich noch viel besser gekannt hatte als sie, die Jungschatten. Die blonde Menschenfrau schaffte es, die Rede zu halten die fehlte, jedenfalls für die Eingeweihten. Sie erzählte von der wahren Ahna, aber so, dass es Außenstehende nicht verstanden. Wie konnte es da noch Zweifel an ihrer Eignung als Rätin geben? Das hier war die oberste Schatten und niemand anders! Sicher nicht Alexander! Brianna fühlte sich so sehr angesprochen, als Eowyn davon sprach, wie Ahna ihre Schatten alle persönlich kannte und manche von ihnen noch zu fördern. Sie war da gemeint! Nur zu lebhaft erinnerte sie sich an die Tage des Privattrainings auf der Ilum, vor dem Abflug nach Alderaan. Die Echani spürte, wie ihr erst die Tränen in die Augen stiegen und sie diese schließlich nicht mehr halten konnte. Mist! Wieso verstand Eowyn es dermaßen, ihr Innerstes so sehr anzurühren? So wollte sie nicht öffentlich gesehen werden… verletzlich, ja verwundet vom viel zu frühen Tod ihrer letzten Mentorin. Schon gar nicht sollte Ganner es sehen! So beiläufig wie möglich wischte sie sich die Tropfen von den alabasterweißen Wangen.

Aber es half nichts, es kamen einfach wieder neue. Auch für Brianna hatte es dieses letzte Gespräch gegeben, auf der ‚Nightmare‘, vor Kast. Ahna hatte davon gesprochen, wie die Echani dabei war zu wachsen, dass Ruhm und Publicity nicht mehr der Mittelpunkt ihres Lebens sein würde. Daran musste sie immer wieder denken. Ihre Holonetkarriere war praktisch vorüber, und sie bereute es nur mehr ein bisschen. Es war für eine größere Sache gewesen. Als Eowyn von Ahnas letzten Worten sprach, musste sie flunkern. Natürlich konnte sie nicht offenbaren, was die Pau'anerin auf Kast wirklich gesagt hatte, aber Brianna versetzte es eine Gänsehaut, daran zu denken. Dass die vermeintliche Kälte, die Hartherzigkeit ein Schutzmechanismus gewesen war, damit sie die Entscheidungen hatte treffen können, die getroffen werden mussten. Auch wenn sie durch die Bruchpunkttechnik in manchen Fällen gewusst haben musste, zu welchem Ende das führte. Womöglich hatte Ahna auch damals, bei ihrem letzten Gespräch, schon gewusst, dass das ihr Vermächtnis an sie, Brianna sein würde. Weil sie gesehen hatte, dass sie Kast nicht überleben würde.

Mehr Tränen, die niemand sehen durfte. Die Echani dachte einen Augenblick daran, ihre Heilfähigkeiten einzusetzen, um sie zu unterbinden, aber es hätte sich wie ein Verrat an Ahna angefühlt. Nur wollte sie nicht so gesehen werden! Sie saß hier auf dem Präsentierteller! Standen Marrev und Jeg deshalb so weit abseits? Damit niemand sehen konnte, wie nahe ihnen dieser Abschied ging? Dieses Gedenken so öffentlich zu halten war eine Tortur, die reinste Folter, bis zum Ende. Dann plötzlich gab es Hoffnung: Eowyn gab ihnen (und nur ihnen, den Eingeweihten) zu verstehen, dass sie Ahnas Nachfolge als oberste Schatten antreten würde.


Coruscant – Jedi-Tempel – Große Halle, Ahnas Trauerfeier – viele Jedi, Ganner und Brianna
 
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// CORUSCANT – MITTLERE EBENEN – RESTAURANT VELORIAN – PRIVATSALON
Nerro Dragijic Vorna, Tarek Sorn, NPCs

Einmal in der Woche gönnten sich Nerro und sein Unterboss ein gemeinsames Mittagessen im Velorian, einem gehobenen Restaurant in den mittleren Ebenen Coruscants. Die Küche war ausgezeichnet, der Service tadellos und die Preise derart unverschämt, dass sich Nerro beinahe persönlich davon angesprochen fühlte. Ein Etablissement ganz nach seinem Geschmack. Doch es gab noch einen anderen Grund, weshalb die beiden ausgerechnet hier regelmäßig einkehrten. Das Velorian genoss unter Geschäftsleuten, einflussreichen Persönlichkeiten und allerlei zwielichtigen Zeitgenossen einen ausgezeichneten Ruf für seine Diskretion. Die privaten Speisesäle verfügten über aufwendige technische Abschirmungen, die unerwünschte Abhörversuche weitgehend unterbinden sollten. Nerro hatte sich seinerzeit persönlich von deren Qualität überzeugen lassen. Mehr oder weniger jedenfalls. Tarek hatte jemanden damit beauftragt, und dessen Urteil fiel ausgesprochen positiv aus.

Nach der Ankunft hatten sie sich durch einen separaten Eingang in ihren gewohnten Privatsalon führen lassen. Nerros Leibwächter blieb im angrenzenden Vorraum zurück. Die Einrichtung des Salons bestand aus dunklen, glänzenden Oberflächen, dezenten goldenen Verzierungen und einer indirekten Beleuchtung, die den Raum in ein angenehm warmes Licht tauchte. Ein großzügig bemessener Tisch stand zwischen zwei unterschiedlichen Sitzgelegenheiten. Während Tarek auf einem gewöhnlichen Polstersessel Platz nahm, ließ sich Nerro auf einer eigens für seine Anatomie angepassten Liege nieder. Der Hutt betrachtete die bereits eingedeckte Tafel mit sichtlichem Wohlgefallen.

“Hach, Tarek! Ich sage dir, mein Freund, hier versteht man etwas von Gastfreundschaft!”


“Bei den Preisen sollten sie das auch”

Nerro lachte vergnügt, während ein Kellner ihnen die Speisekarten überreichte. Sein Unterboss hatte wie üblich einen dunklen, maßgeschneiderten Anzug gewählt. Das sorgfältig zurückgekämmte Haar glänzte beinahe ebenso sehr wie die polierten Schuhe, und auf seinem Gesicht lag jener eigentümlich ernste Ausdruck, der selbst harmlose Bemerkungen gelegentlich wie eine schlechte Nachricht erscheinen ließ. Mit seinen achtundvierzig Jahren hatte Tarek längst gelernt, dass man in der Unterwelt nicht unbedingt am lautesten sprechen musste, um gehört zu werden. Meistens genügte es, im richtigen Augenblick den Mund aufzumachen.

Nachdem die Bestellung aufgegeben worden war, widmeten sich die beiden zunächst einigen belanglosen Themen. Nerro schwärmte von einem neuen Musikstück, das er am Morgen entdeckt hatte und beklagte sich anschließend über die bedauerliche Geschmacklosigkeit gewisser Gäste des Vanta. Tarek hörte aufmerksam zu, steuerte gelegentlich eine trockene Bemerkung bei und ließ seinen Vorgesetzten ansonsten gewähren. Er wusste, dass Nerro solche Gespräche genoss. Vor allem dann, wenn sie sich überwiegend um Nerro drehten.

Erst als der erste Gang serviert und der Kellner den Raum wieder verlassen hatte, wandte sich Tarek den geschäftlichen Angelegenheiten zu.

“Ich habe übrigens mit unserem Kontakt wegen des Bauprojekts gesprochen”

Nerro hob interessiert den Kopf.

“Ach ja? Und?”


Tarek ließ sich mit seiner Antwort einen Augenblick Zeit. Er faltete die Serviette sorgfältig neben seinem Teller zusammen, strich mit zwei Fingern über sein Kinn und erklärte schließlich, dass die Angelegenheit durchaus vielversprechend aussah. Das zuständige Konsortium suchte nach weiteren Partnern, und innerhalb der örtlichen Baugewerkschaft gab es einige Personen, die neuen Geschäftsbeziehungen grundsätzlich aufgeschlossen gegenüberstünden. Allerdings sei die Sache noch nicht in trockenen Tüchern.

“Was soll das heißen, nicht in trockenen Tüchern?”


“Es heißt, dass wir noch nicht drin sind, Boss.”

Der Mensch betrachtete seinen Vorgesetzten über den Rand seines Glases hinweg. Seine Stirn legte sich dabei in einige tiefe Falten.

“Die Leute sind interessiert. Aber interessiert sind sie alle, solange sie noch nicht wissen, was sie dafür tun müssen. Ich möchte erst sehen, mit wem wir es wirklich zu tun haben.”

Nerro schmatzte nachdenklich. Er hatte sich bereits ausgemalt, wie ein halbes Dutzend ausgesprochen gut bezahlter Beschäftigungsverhältnisse künftig zusätzliche monatliche Credits in seine Kassen spülen würden. Beschäftigungsverhältnisse, deren Inhaber sich glücklicherweise nicht allzu sehr mit tatsächlicher Arbeit belasten mussten. Eine herrliche Erfindung, diese No-Show-Jobs.

Tarek erläuterte, dass der Einstieg zunächst bescheiden ausfallen würde. Ein paar Stellen und möglicherweise eine Beteiligung an kleineren Aufträgen. Mehr sei bei einer Organisation ihrer Größe vorerst kaum realistisch.

“Bescheiden, bescheiden! Immer diese verdammte Bescheidenheit!”


Der Hutt verzog unzufrieden sein breites Maul.

“Wir haben genügend Credits, mein Freund. Warum sollten wir uns mit ein paar lächerlichen Stellen zufriedengeben?”


Tarek senkte langsam sein Besteck.

“Weil die Leute, die dort bereits ihre Finger drin haben, ein bisschen größer sind als wir.”

“Noch!”


Tarek nickte mit ernster Miene. Dann beugte er sich etwas vor.

“Aber bis sich daran etwas ändert, würde ich ungern einen Streit anfangen, den wir nicht gewinnen können. Wir steigen klein ein, verdienen unsere Credits und sehen, was sich daraus entwickelt. Wenn das Geschäft läuft, reden wir weiter.”

Nerro betrachtete ihn einige Augenblicke lang. Wie so oft verdarb der Mensch ihm mit seiner übertriebenen Nüchternheit die schönsten Vorstellungen. Andererseits war kaum von der Hand zu weisen, dass Tarek mit solchen Dingen gewöhnlich recht behielt. Es wäre ausgesprochen unangenehm, sich wegen irgendeines Bauprojekts mit einem wesentlich mächtigeren Syndikat anzulegen. Zumindest solange man selbst noch nicht über die notwendigen Mittel verfügte, um dieses Problem endgültig aus der Welt zu schaffen.

“Also schön. Aber ich erwarte, dass du die Sache im Auge behältst. Ich will nicht, dass wir uns die besten Gelegenheiten von irgendwelchen dahergelaufenen Geschäftemachern wegschnappen lassen.”


“Darauf kannst du dich verlassen.”

Damit war die Entscheidung gefallen. Tarek wandte sich wieder seinem Essen zu, während Nerro zufrieden einen großzügigen Bissen von seinem Teller nahm.

Nach einigen Minuten kam das Gespräch auf die Captains. Varek Noll hatte offenbar weiterhin Schwierigkeiten mit einem seiner Geschäftspartner, während die anderen drei ihre jeweiligen Abgaben pünktlich entrichtet hatten. Nerro hörte sich die Ausführungen an, ließ sich einige Zahlen nennen und erkundigte sich nach den allgemeinen Verhältnissen in der Passage. Hier im Velorian konnten sie über solche Dinge etwas offener sprechen als im Vanta. Vollkommen sorglos war allerdings keiner der beiden. Man wusste schließlich nie, wie viel Vertrauen man technischen Sicherheitsvorkehrungen tatsächlich schenken durfte.

Tarek berichtete, dass Varek sich in letzter Zeit zunehmend eigenmächtig verhalte. Nichts wirklich Besorgniserregendes, aber doch genug, um gelegentlich unangenehm aufzufallen.

“Dieser verdammte Varek.”


Nerro schüttelte den Kopf.

“Ich hoffe, du hast ihm klargemacht, dass ich solche Eskapaden nicht dulde”


“Natürlich. Er weiß, woran er ist.”

Tarek hielt einen Augenblick inne und verzog dann etwas das Gesicht.

“Aber bei allem Respekt, Boss: Der Mann verdient uns gutes Geld. Er ist manchmal ein Hitzkopf, keine Frage. Trotzdem sollten wir ihm nicht wegen jeder Kleinigkeit auf die Finger hauen.”

Nerro verzog leicht die Lippen. Er mochte es nicht sonderlich, wenn Tarek die Captains in Schutz nahm. Schließlich waren es seine Captains, seine Leute und vor allem seine Einnahmen, um die es hier ging. Dass diese Herren gelegentlich vergaßen, wem sie ihre Stellung verdankten, erschien ihm ohnehin als eine der großen Ungerechtigkeiten des Geschäftslebens.

“Solange er weiß, wer hier der Boss ist”


“Das weiß er”

Tareks Antwort erfolgte ohne jedes Zögern.

“Und wenn er es mal vergessen sollte, erinnere ich ihn daran”

Nerro lächelte zufrieden. Genau deshalb war Tarek sein Unterboss. Der Mensch wusste, wie man solche Dinge regelte, ohne aus jeder Unstimmigkeit ein galaktisches Drama zu machen. Seine bemerkenswerte Geduld war dabei beinahe ebenso wertvoll wie sein Geschäftssinn.

Während des Hauptgangs sprachen sie noch über die wirtschaftliche Erholung Coruscants. Seit der Viruskrise überwunden war, kehrte allmählich wieder Leben in die Geschäftswelt zurück. Das Vanta verzeichnete steigende Besucherzahlen, die Nachfrage nach kurzfristigen Krediten blieb erfreulich hoch und selbst die kleineren Beteiligungen entwickelten sich überwiegend zufriedenstellend.

Tarek mahnte dennoch zur Vorsicht. Besonders die Aussicht auf einen erneuten großen Krieg zwischen Republik und Imperium könne unangenehme Folgen haben. Steigende Kosten, unsichere Lieferketten, zurückhaltende Investoren. All das bereite ihm Sorgen.

Nerro hingegen betrachtete die Sache etwas optimistischer.

“Ach, Tarek! Du siehst immer nur die Probleme. Wo Kriege geführt werden, gibt es schließlich auch Geschäfte!”


“Sicher. Man muss nur aufpassen, dass man selbst nicht plötzlich im Krieg steckt”

Der Mensch hob vielsagend die Augenbrauen und nahm einen weiteren Schluck von seinem Getränk. Nerro musste unwillkürlich lachen.

“Hah! Du bist ein verdammter Pessimist, mein Freund!”


Wieder grinste der Hutt. Tatsächlich konnte er seinem Unterboss in dieser Hinsicht aber kaum widersprechen. Tarek war teuer, gelegentlich eigensinnig und von geradezu unerträglicher Vernunft. Aber er war gut in seinem Geschäft. Verdammt gut sogar.

Gegen Ende des Essens ließ Nerro seinen Blick zufrieden über die mittlerweile weitgehend geleerten Teller gleiten. Ein ausgezeichnetes Mahl. Der Küchenchef verstand sein Handwerk, die Bedienung war aufmerksam gewesen und Tarek hatte trotz seiner gelegentlichen Schwarzmalerei überwiegend erfreuliche Neuigkeiten mitgebracht.

“Weißt du, mein Freund, irgendwann sollten wir uns selbst so ein Restaurant zulegen”


Tarek hob langsam den Blick.

“Noch ein Restaurant?”

“Warum denn nicht? Ein prächtiges Lokal! Mit ausgezeichnetem Essen, einer wunderbaren Aussicht und einer eigenen privaten Etage. Nur für uns und unsere wichtigsten Gäste.”


Tarek betrachtete seinen Vorgesetzten mit jener undurchdringlichen Miene, die er immer dann aufsetzte, wenn dieser einen seiner besonders ambitionierten Einfälle präsentierte.

“Vielleicht sollten wir vorher das Bauprojekt abschließen”

“Ach, immer diese Kleinigkeiten!”


Nerro winkte ab und betrachtete gedankenverloren die goldenen Verzierungen des Salons. Er konnte sich sein eigenes Restaurant bereits lebhaft vorstellen. Das Beste vom Besten, versteht sich. Mit seinem Namen über dem Eingang, einer eigens angefertigten Speisekarte und natürlich einer persönlichen Stammliege.

Tarek hingegen widmete sich der Rechnung.

// CORUSCANT – MITTLERE EBENEN – RESTAURANT VELORIAN – PRIVATSALON

Nerro Dragijic Vorna, Tarek Sorn
 
Coruscant – Jedi-Tempel – Große Halle – Trauerfeier für Ahna Rigby – mit Elise, Steven, Faith, Brianna, Ganner, Eowyn, Ian, Wes, Tenia und zahlreichen Jedi

Eowyn hob leicht die Braue, als Riuen erklärte, die Pressekonferenz nicht gesehen zu haben. Andere Zeit, anderer Ort und der Chiss hätte das kommentiert. So aber ignorierte er diese winzige Geste gänzlich. Die folgenden Worte an Elise brachten die Ohren der Blauhaut zum Rauschen. Sie war nicht sicher gewesen, ob Elise es schaffen würde.
Ja, verdammt. Sie meinte das ganz anders, als Riuen es hörte, und doch traf ihn dieser Satz bis ins Mark. Denn auch er wusste nicht, ob und wie lange es Elise
schaffen würde. Während Eowyn kaum das gemeint hatte, was da in Riuens Echokammer auftauchte, suchte er nach einer Ablenkung und Brianna war da ein gefundenes Fressen, ihr ach so scherzhafter Kommentar ein Konterfei seiner Wut. Begriff eigentlich irgendjemand, außer ihm, dass Elises Zustand keine Scherze erlaubte? Klar, war der Chiss großer Fan von dummen Sprüchen und flapsigen Antworten. Aber hier ging es nicht um ein Wehwehchen, sondern um ein Virus, das auf sehr spezielle Art vernichtend war und für das es kein Gegenmittel gab. Ein Parasit in einem Menschen, der sich in diesem ausbreiten wollte, ihn kontrollierte und ihn mutierte. Da durfte der Stock in Elises Hand also gerne und vor allem sehr viel lieber in Riuens Allerwertesten stecken.

Was war er froh, als die Trauerfeier endlich begann und sie sich setzen konnten! Den Blick starr nach vorne gerichtet, wollte Riuen alles einfach schnell über die Bühne bringen. Edel war das nicht, angemessen auch nicht. Aber Tote waren bereits tot, da gab es nichts mehr zu retten und der Chiss hatte das Gefühl, heiße Kohlen in seinen Stiefeln zu haben.
Noch ein paar Zwischengespräche, ein seltsamer Kommentar gen Steven von Elise und dann begann Rornan zu sprechen. Dabei hielt er sich vage, als er nicht auf die Details ihres Todes einging. Im Grunde vermied er damit, alle im Saal weiter zu belügen, denn Ahna war nicht auf Coruscant gestorben, nicht für Trinkwasser und was sonst da behauptet worden war. Sie war gestorben, um die anderen zu retten und es missfiel Riuen gewaltig, dass Rornan behauptete, dass Ahna sich hätte zurückhalten können. Nein. Nein, sie hätte sich nicht zurückhalten können und Riuen spürte, was er auf Kast gespürt hatte. Die Welle der Dunkelheit die über sie alle hereinbrechen wollte. Die Welle, die jedem, der dort gewesen hatte, in Angst und Schrecken versetzt hatte, die dafür gesorgt hatte, dass sie alle gegen ihre Instinkte hatten ankämpfen müssen. Wäre Ahna nicht gewesen, wären sie alle gestorben. Alle. Brianna, Eowyn, er, die elenden Sith und er selbst. Was die Sith in ihrem Wahn nicht aufgehalten hatte. Den Doppelsith nicht, Sturn nicht und den ganzen widerlichen Rest der Truppe auch nicht. Er hatte sich auf Elise geworfen, um sie schützen, als nach der Welle alles in Trümmer zerfiel. Da war Leere gewesen, eine ekelhafte Leere, zeitlose Minuten, oder Stunden in denen kaum etwas wahrnehmbar gewesen war – dann die Geräusche der Überlebenden. Ihm wurde heiß. Zu heiß und am liebsten hätte er an seiner Robe gezogen.
Konzentration. Atmen. Joseline zuhören. Wes zuhören, der so viel bessere Worte fand. Für das größere Wohl hatte Ahna alles gegeben und den ultimativen Preis bezahlt. Riuen nickte stumm.

Dann neigte Elise sich zu ihm. Eine bemerkenswerte Versammlung war das in der Tat, der Chiss hatte noch nie so viele Jedi auf einen Haufen gesehen, daher nickte er. Die Frage, die Elise durch den Kopf ging, wollte der Chiss sich dabei nicht stellen. Das Virus hatte mit Sicherheit sehr viele Opfer gefordert und sah man sich mal um, sah man mehr als das Virus, die ganzen Schlachten, dann gab es kaum einen Tag, an dem niemand jemanden verlor. Leben. Tod. Leben. Tod. Ein Kreislauf.

„Wir sollten erst mal dafür sorgen, dich nicht zu verlieren, dann können wir mit anderen sprechen“, raunte Riuen Elise zu und wollte dieses und weitere Gespräche allgemein sehr gerne auf später verschieben, doch Elise brauchte die kleinen Pausen, in denen die Redner:innen wechselten wohl.
Ob er mit

Ian gesprochen hatte. Wie es ihm ging. Sprach da Eowyn aus ihr?
Riuen drehte sich nun weiter zu Elise.
„Bisschen unpassender Moment, für so ein Gespräch. Können wir das später besprechen?“ Riuen wusste, dass Ian mitgenommen aussah, er sah ihn ja schließlich selbst, aber wann glaubte Elise denn, dass da Zeit gewesen war? Ihr Zusammenbruch, seine Recherche. Seine Angst. Sein Versuch, ein Team aufzustellen. Nichts davon machte sich von selbst und da war kein Team, das ihm half. Aber ja, er konnte liebend gerne lange Pressekonferenzen sehen, Ian nach seinem Wohlbefinden fragen, Eowyn und Brianna am besten auch und sich danach darum kümmern, dass Elise vielleicht, aber nur vielleicht überlebte. Sollte man ihm vorwerfen, was man wollte. Manchmal gab es Prioritäten und manchmal konnte man nicht für andere da sein – weil man gerade alles brauchte, um einen anderen zu retten und dabei selbst nicht unter zu gehen. Danke der Nachfrage, danke, liebe Freunde. Mir geht’s auch scheiße, aber ist okay. Lass deinen Ballast bei mir. Die Scheiße steht mir bis zum Hals, aber mit Scheiße fressen kenn ich mich ja aus. Danke!

Zum Glück trat Murrrar auf die Bühne, um dann von Eowyn abgelöst zu werden. Ihre Worte berührten ihn und Riuens Mund verzog sich zu einem dünnen Strich. Ahna hatte sie ohne zu zögern gerettet. Fakt. Und hätte Ahna vermutlich selbst schon vorher darum gebeten, alles geheim zu halten, was da geschah – und der Chiss war sicher, dass sie das hatte – hätte er am liebsten in den Saal geschrien, dass sie gestorben war, um alle anderen der Mission zu retten.
„Ruhe in Frieden“, wiederholte auch er und hatte keine Ahnung, ob er es flüsterte oder laut gesagt hatte.
Aus den Augenwinkeln nahm er wahr, wie Elise sich unruhig zu bewegen begann und als er zu ihr sah, erkannte er Tränen und Schmerz. Diese scheiß Angst, die hochkam, dass diese Halle auch für sie hätte gefüllt sein können, schnürte ihm augenblicklich die Kehle zu.

„Möchtest du lieber aufstehen?“, fragte er sie zu besorgt, zu heiser, aber das war doch sehr passend, zur Gesamtsituation, oder etwa nicht?


Coruscant – Jedi-Tempel – Große Halle – Trauerfeier für Ahna Rigby – mit Elise, Steven, Faith, Brianna, Ganner, Eowyn, Ian, Wes, Tenia und zahlreichen Jedi
 
(Mya mit Voye)​

Coruscant – Jedi-Tempel – große Halle, Ahnas Trauerfeier – u.a. Voye und Mya

Hinterher! Voye war auf schnurstracks auf dem Weg zu Janson, um ihn mit ihren weiblichen Reizen zu umgarnen, mit dem eindeutigen Ziel, seine Padawan zu werden. Was nicht gut ausgehen würde, weil der taanabische Jedi-Rat in einer festen Beziehung mit Firedevs stand. Die Epicanthix-Padawan schien sich dabei nicht im mindesten daran zu stören, dass die Räte alle schön aufgereiht da vorne wie auf einem Präsentierteller saßen. Oder sie checkte gar nicht mal, dass sie es vor aller Augen tun würde. Die Peinlichkeit wollte Mya sich lieber nicht vorstellen. Im Laufschritt holte sie die hochgewachsene Humanoidin ein.

»Voye, was machst du? Deine künftige Meisterin steht da drüben! Nicht da vorne auf dem Podium!«

»Ich, ich… naja, es sieht so aus als wäre sie gerade auf ihren künftigen Padawan gestoßen.«


›Gestoßen‹ war eine interessante Formulierung in Anbetracht des Zusammenpralls von eben. Sicherlich war das Wortspiel keine Absicht gewesen, für Voye war das zu kompliziert gedacht.

»Ganner Fel? Nein, den wird sie jetzt erst mal ordentlich zusammenfalten und dann in die Wüste schicken,«

Winkte Mya ab, bereute die Formulierung aber fast augenblicklich. Sicherlich dachte die Padawan jetzt, Kae würde ihn jetzt in ein sehr kleines Päckchen packen und ihn per GalactiSend nach Tatooine verbringen. Die Twi'lek konnte fast sehen, wie es in der jungen Frau ratterte. Schließlich meinte sie:

»Ich glaube nicht, dass ich die Padawan von so jemandem sein möchte. Rat Janson staucht niemanden so zusammen. Ich probiere mein Glück nochmal bei ihm,«

Meinte Voye und machte Anstalten, sich wieder in Bewegung zu setzen.

»Nein! Das halte ich für gar keine gute Idee!«

Rief Mya aus und ergriff den Arm der Padawan. Ganz sicher würde sie nicht zulassen, dass die Frau ihren Plan umsetzte und Janson, Firedevs und sich selbst mit einer einzigen blöden Idee bloßstellte.

»Warum nicht?«

»Weil… weil die Reden gleich beginnen. Auf einer Trauerfeier kann man nicht einfach rumrennen, wie es einem passt. Das ist ja keine Cocktailparty! Komm, da sind ein paar freie Stühle, da setzen wir uns jetzt beide hin und hören zu.«


Zum Glück ließ die Padawan sich darauf ein und setzte sich. Das verschaffte der Ritterin ein wenig Zeit, sich eine neue Taktik zu überlegen. Was trieb Kae eigentlich gerade? Redete immer noch mit Ganner… Oha, nicht, dass Voye womöglich recht hatte. Schwer zu glauben, aber im Moment sah es fast ein wenig danach aus.

Die Reden begannen und Mya fragte sich, ob nur sie es seltsam fand, dass die überaus streitbare Rätin Rigby nach ihrem Tode plötzlich Everybody's Darling geworden war. Natürlich redete man nicht schlecht über Tote, aber es war einfach zu auffällig. Aber irgendeine Andeutung vielleicht? Gut, Mya wusste durch ihre Position als Jansons rechte Hand, dass Ahna die oberste Schatten gewesen war, was man natürlich nicht offenbaren konnte und wollte. Das musste man ja auch nicht, aber man tat den Toten doch keinen Gefallen, wenn man leugnete wer sie waren.

Eowyns Rede schließlich war besonders. Viele Details wusste Mya nicht, aber einige Dinge ergaben im Nachhinein Sinn. Diese Geheimmission war also jene nach Bastion gewesen, wo man die Virusproben gefunden hatte, und Ahna war dort gestorben. Das konnte man nicht offenbaren ohne erklären zu wollen, was eine Diplomatin dort zu suchen hatte. Zwar suchte das Imperium nur Eowyn und Kae wegen der angeblichen ›Ermordung‹ des Imperators, aber es gab mehrere Möglichkeiten, dies zu erklären. Vielleicht bekam sie aus Jeg etwas heraus, falls dieser überhaupt etwas darüber wusste. Aber unter diesen Gegebenheiten klang Eowyns Ansprache so, als hätte Ahna den Angriff auf den Imperator beschlossen und auch angeführt. Vermutlich war sie bei diesem um's Leben gekommen – weshalb das Imperium sie nicht mehr zu suchen brauchte. Aber ganz genau würden sie es wohl nie erfahren. Ruhe in Frieden. Ja, ruhe in Frieden, Ahna Rigby, dachte Mya

Nach Eowyns Ansprache herrschte eine Totenstille im Saal. Voye neben ihr trocknete sich gerade die Tränen an ihrem Robenärmel. Mya vermutete, dass die Padawan nicht die einzige war. Nach einer Weile, die ihr wie eine Ewigkeit vorkam, trat Rätin Eleonore, Myas frühere Meisterin, an's Podium und hielt ihren Teil der Rede:


»Ahna starb im Zusammenhang mit der C-Krise, welche jetzt endlich, nach all dieser Zeit, hinter uns liegt. Aber wir müssen dennoch zurückschauen auf Unmengen an Leid und Trauer. Viele in der Bevölkerung verloren ihr Leben, noch mehr stehen vor existenziellem Ruin. Heute soll es nicht um die Ursachen dieser Krise gehen, sondern um das, was sie ausgelöst hat. Auch unseren Orden traf dieses Virus hart. Wir alle kämpften auf die eine oder andere Art und Weise. Die einen in der direkten Konfrontation mit dem Virus auf der Krankenstation, andere, indem sie jene mit allen möglichen Dingen unterstützten. Der Rest fing auf, was ansonsten anfiel und durch unsere gebundenen Leute hier auf Coruscant wesentlich schwieriger auszuführen war. Die letzten Monate und Jahre waren hart, in vielerlei Hinsicht, und ich bin froh und dankbar, dass wir sie überstanden haben. Dafür möchte ich danken. Euch allen, die Ihr dazubeigetragen habt, dass dieser Orden noch steht; sowohl dieses Gebäude, als auch unsere Existenz.

Und ich möchte auch trauern um all jene, die diesen Tag heute nicht mehr erleben. Nicht nur Ahna verlor ihr Leben. Ein paar sind bis heute verschollen, von anderen wissen wir, dass sie entweder im Zusammenhang mit dem Virus oder aber durch direkten Kontakt umkamen. Wir trauern heute nicht nur um eine Rätin, sondern auch für jeden einzelnen, jede einzelne von uns, die heute nicht mehr unter uns sein kann.

Meister Nackl?«

Eleonore trat ab und ›Meister‹ Nackl, der eigentlich jetzt ›Rat Nackl‹ heißen musste, trat hervor. Ein Padawan huschte heran, und stellte einen Schemel bereit, den der Sullustaner erklimmen konnte, um überhaupt über das Podium hinwegsehen zu können. Ganz der Archivar, tat er nun genau das, was Mya von ihm erwartet hatte. Er verlas die Namen der übrigen Toten.

»Wer kann, darf sich erheben...,«

Begann er, woraufhin Mya und Voye genauso wie fast der gesamte Rest des Saales aufstand. Einige der Namen, die er nun vorlas, sagten der Ritterin etwas. Ihre Tode lagen zum Teil schon länger zurück, aber der Zeitpunkt, dass alle anwesenden Jedi sich an sie erinnerten, war sicherlich günstig.

»Wir gedenken heute:

Ritterin Vyna Ordes. Ritter Mar Cyone. Padawan Jallo Dystra. Meister Cienon Tha'rik. Anwärterin Eelynn Halstad. Ritter Ph'tadeun Baas. Padawan Juddoppaa Brin. Anwärter Iyad T'var. Padawan...«


Da machte Voye Anstalten auszubüxen. Mya fing sie gerade noch ein.

»Was machst du denn? Du kannst doch jetzt nicht einfach verschwinden!«

»Ob ich hier stehe oder da vorne ist doch egal. Ich gehe nach vorne zu Rat Janson, bevor ich zum Ende der Reden im Gedränge nicht mehr durchkomme. Ich bin es leid, im Tempel zu sitzen und zu warten, bis ein Meister auf mich zukommt. Außerdem hab' ich jetzt genug von dir. Du kannst nicht immer für ihn entscheiden.«


Meister Nackl verlas immer noch weitere Namen von Jedi, die während der C-Virus-Krise gefallen waren. Voye entwand sich Myas Griff und der blieb gar nichts anderes übrig, als ihr nachzulaufen. So ein Mist! Wenn es hart auf hart kam konnte sie natürlich nix machen, aber irgendwas musste sie sich einfallen lassen.

»Rat Janson steht nicht auf so große Frauen. Er wird dich schon deshalb abblitzen lassen,«

Behauptete sie.

»Du bist doch selber groß! Du brauchst mir nichts vormachen, ich merke doch, wie er dich ansieht. Seine andere Schülerin, diese Aulona, ist auch groß für eine Menschenfrau.«

»Nicht so groß wie du, du kommst ja nicht mal durch seine Quartiertür durch, ohne den Kopf einzuziehen… außerdem hat er bereits wieder einen Padawan, Eriu. Willst du ihm wirklich seinen Platz wegnehmen? Angenommen du schaffst es, Rat Janson den Kopf zu verdrehen, wäre das fair ihm gegenüber?«


Erwiderte Mya. So leicht gab sie sich nicht geschlagen. Vielleicht konnte sie ihr irgendwie eine Brücke bauen?

»Hör' mal, ich weiß, nur im Tempel zu sitzen bei den Anwärterbespaßungsgruppen ist fad, das weiß ich. Aber wie wär's, wenn ich dich auf Mission mitnehme? Es gibt einen Alarm auf Ilum und jemand muss dort nach dem Rechten sehen. Irgendwelche Kristalldiebe oder Plünderer wahrscheinlich. Du bist groß und kräftig und ich weiß, dass du mit einem Lichtschwert umgehen kannst. Das passt also. Sobald alles geklärt ist, helfe ich dir, einen Kristall zu finden, für dein eigenes Lichtschwert. Du wirst sehen, das macht Spaß. Wenn wir wieder zurück sind, helf' ich dir auch, einen Meister zu finden – nur nicht Rat Janson. Okay?«

»Versprochen?«

»Versprochen.«


»Hmm… okay.«

Puh, das war ja gerade nochmal gut gegangen. Wenn sie sich jetzt von Voye auf Ilum in den Wahnsinn treiben lassen musste, war Firedevs ihr aber gehörig was schuldig. Inzwischen hatte Rat Nackl aufgehört mit dem Verlesen der Namen. Damit war der offizielle Teil fertig. Der Rangers-Transporter war vermutlich auch bald startklar. Zeit zu gehen.

Coruscant – Jedi-Tempel – große Halle, Ahnas Trauerfeier – u.a. Voye und Mya
 
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