[ Innerer Rand / Manaan-Sektor / Truuine-System / Moraband / Praxeum / Luciens Zimmer ] Lucien Velcrest & NPC´s
Nachdem Mata Timone ihn allein gelassen hatte, blieb Lucien Aurelian Cassian Velcrest von Aurentis zunächst einige Minuten im Raum stehen, als müsse er sich erst daran gewöhnen, dass dieser Raum tatsächlich für die nächste Zeit sein persönlicher Rückzugsort sein sollte. Die Unterkunft war keineswegs schlecht, ganz im Gegenteil; sie war sauber, geräumig, geschmackvoll eingerichtet und für die Verhältnisse eines Verwaltungs- und Regierungssitzes sogar ausgesprochen komfortabel. Dennoch fehlte ihr jene vertraute Selbstverständlichkeit, die er aus Aurentis kannte, dieses leise Gefühl, dass jeder Stuhl, jeder Vorhang und jede Wand irgendwann Teil der eigenen Geschichte geworden war.
Langsam stellte er sein Gepäck ab und ließ den Blick durch den Raum wandern. Einige Minuten lang beschäftigte er sich damit, seine Sachen auszupacken, nicht weil es besonders viel gewesen wäre, sondern erstens weil er hier leider keine bediensteten hatten und zweitens weil selbst diese kleine Tätigkeit ihm half, nicht sofort wieder an seinen Vater zu denken. Ein Koffer wurde geöffnet, Kleidung wurde in die Schränke gelegt, persönliche Dinge fanden ihren Platz auf dem Schreibtisch, und als er schließlich das kleine Reiseetui mit dem eingeprägten Wappen des Hauses Velcrest auf eine Ablage stellte, hielt er für einen Moment inne. Aurentis war weit entfernt. Weiter, als es die Sternenkarten ausdrücken konnten.
Er atmete langsam aus und trat zum Fenster.
Unter dem Atmosphärenschild bewegten sich Transporter durch breite Straßen, Baukräne ragten über halbfertige Gebäude, Arbeiterkolonnen verschwanden zwischen Gerüsten, und in der Ferne lag das dunkle Meer hinter einem Streifen vulkanisch schwarzen Sandes. Lucien betrachtete all das einige Augenblicke lang mit verschränkten Armen und sagte sich, dass ihn diese Welt nicht interessieren musste. Er war nicht freiwillig hier. Er hatte nicht darum gebeten, in einen politischen Brennpunkt geschickt zu werden, während irgendwo da draußen sein Schwager eine Rebellion bekämpfte. Eigentlich hätte es vollkommen gereicht, sich auf das Sofa zu setzen, sich einen Caf zu mach und den Tag damit zu verbringen, über die Unverschämtheit seines Vaters nachzudenken.
Der Gedanke war angenehm. Für ungefähr drei Minuten, aber dann wurde er bereits langweilig.
Lucien schloss die Augen, fuhr sich mit einer Hand durch die dunklen Locken und wandte sich schließlich vom Fenster ab. Wenn er schon auf Truuine festsitzen musste, dann wollte er wenigstens wissen, was für ein Ort ihn gefangen hielt. Außerdem, und diesen Gedanken gestand er sich nur widerwillig ein, hatte Mata Timone ihm ja Zugang zu einigen allgemeinen Verwaltungsunterlagen, Stadtplänen und wirtschaftlichen Basisdaten gewährt. Es wäre beinahe beleidigend gewesen, diese Informationen nicht zumindest kurz anzusehen.
Bevor er jedoch den Raum verließ, trat er noch einmal vor den Spiegel.
Auch auf einer rebellionsgeplagten Polarwelt gab es Grenzen.
Lucien entschied sich für eine elegante, cremefarbene Hose, ein helles Hemd aus feinem Stoff und ein leichtes Dunkelblaues Sakko mit goldenen Knöpfen, dessen Schnitt formell genug war, um seinem Rang gerecht zu werden, aber nicht so steif wirkte, als hätte er vor, an einer Senatssitzung teilzunehmen. Dazu kamen gepflegte dunkelbraune Lederschuhe, sowie ein passender Gürtel, eine schlichte Uhr und gerade genug Sorgfalt beim Kragen, um sich selbst im Spiegel zunicken zu können. Auf Arkania hätte man diesen Aufzug vielleicht als Normal oder Standard bezeichnet. Auf Truuine, vermutete er, würde er damit vermutlich aussehen, als wäre er auf dem Weg zu einer Verhandlung oder einem Date.
„Nun gut“, murmelte er seinem Spiegelbild zu, während seine weißen Augen ihm entgegenblickten. „Wenn man schon verbannt wird, kann man wenigstens gut aussehen.“
Mit dieser halb ernst gemeinten Feststellung verließ er sein Apartment.
Das Praxeum zeigte sich im Tageslicht ganz anders als am Morgen seiner Ankunft. Während er zuvor vor allem Kälte, Müdigkeit und den etwas ernüchternden Empfang wahrgenommen hatte, konnte er nun zum ersten Mal wirklich auf das Gebäude achten. Die frisch renovierten Gänge wirkten ruhig und beinahe würdevoll, ohne dabei die Schwere imperialer Verwaltungsbauten zu besitzen. Helle Holzvertäfelungen, saubere Beschilderungen und die feinen Schiebetüren vieler Räume verliehen dem alten Bau eine eigentümliche Leichtigkeit, während die schweren Holzportale vor den Quartieren daran erinnerten, dass das Gebäude längst nicht mehr nur der Einkehr und Ausbildung diente, sondern inzwischen Residenz, Verwaltungszentrum und politischer Knotenpunkt einer jungen Welt geworden war.
Lucien schlenderte zunächst ohne klares Ziel durch die Gänge, wobei ihm sehr schnell auffiel, dass das Praxeum deutlich größer war, als es für einen Gouverneur solch einer Welt und einige Gäste notwendig gewesen wäre. Er kam an Trainingsräumen vorbei, deren aufgeräumte Strenge ihn eher an Akademien erinnerte als an eine Residenz. Auch warf er einen Blick in ein Dojo, in dem der Boden so fast makellos wirkte, als warte er nur darauf, endlich benutzt zu werden, und blieb kurz vor einer Werkstatt stehen, aus der gedämpfte Geräusche und der Geruch von Metall, Öl und erhitzten Komponenten drangen. Überall schien dieses Gebäude mehr zu sein, als es auf den ersten Blick vorgab. Es war keine Residenz, die zufällig einige Arbeitsräume besaß. Es war nicht nur ein Ort, in dem der regierende Beamte des Planeten hauste sondern auch ein Ort der darauf ausgelegt war, Menschen zu formen, auszubilden, zu versammeln und zusammenzuhalten.
Sein Weg führte ihn schließlich in den Wintergarten.
Dort blieb er tatsächlich stehen.
Hinter einer aufwendig gestalteten Eichentür öffnete sich ein Raum, der mit der eisigen Wirklichkeit außerhalb Morabands kaum etwas gemein hatte. Unter einem eigenen Atmosphäreschild wuchs dichtes Grün aus dem Boden, während grelle Sonnenlampen warmes Licht auf exotische Pflanzen warfen, deren Blätter sich über schmale Wege und um einen alten Zierbrunnen legten. Die Luft war feuchter, wärmer und etwas schwerer als im Rest des Gebäudes, und für einen kurzen Augenblick erinnerte sie Lucien beinahe an die Gewächshäuser seiner Familie in Aurentis, auch wenn hier alles kleiner, improvisierter und sehr viel stärker vom Willen geprägt war, einer feindlichen Umgebung etwas Schönes abzuringen.
Er trat langsam näher an den Brunnen heran und betrachtete die Pflanzen, die unter künstlichem Licht gediehen. Draußen lag eine Stadt im Nordpolarkreis, umgeben von Eis, Meer, Vulkanstein und einem Schild, ohne den hier niemand lange problemlos leben würde. Hier drinnen wuchsen exotische Gewächse, als hätte jemand beschlossen, dass selbst Truuine ein Recht auf Schönheit besaß. Dieser Gedanke gefiel ihm sehr. Nicht weil er besonders sentimental gewesen wäre, sondern weil er verstand, was solche Orte bedeuteten. Sie waren mehr als nur Dekoration. Sie waren ein Versprechen. Sie sagten Besuchern, Bewohnern und möglichen Investoren, dass eine Welt mehr sein konnte als ein, eine Raffinerie oder eine Ansammlung funktionaler Wohnblöcke.
Vielleicht war es genau dieser Gedanke, der ihn kurz darauf in die Bibliothek führte.
Eigentlich hatte Lucien nur einen flüchtigen Blick hineinwerfen wollen, zumindest behauptete er das vor sich selbst. Die Bibliothek des Praxeums war gut ausgestattet, deutlich besser, als er erwartet hatte, und verband alte Bestände mit modernen Terminals, Kartenarchiven und Verwaltungszugängen. Zwischen Regalen, Lesetischen und Datapad-Stationen fand er einen ruhigen Platz, bestellte sich über das interne System höflich einen Caf und begann damit, die freigegebenen Unterlagen zu öffnen.
Zunächst las er ohne besondere Begeisterung. Allgemeine Daten über Truuine, Bevölkerungszahlen, Exporte, Bauprojekte, Versorgungsstrukturen und knappe wirtschaftliche Übersichten waren nicht gerade die Art von Lektüre, mit der man einen jungen Vicomte üblicherweise für einen Vormittag begeisterte. Doch je länger Lucien zwischen Karten, Tabellen und kurzen Vermerken wechselte, desto deutlicher setzte sich vor seinem inneren Auge ein Bild zusammen, das ihm deutlich interessanter erschien als die nüchternen Berichte, die sein Vater ihm hatte zukommen lassen.
Truuine war keine fertige Welt, die lediglich verwaltet werden musste. Der Planet war eine langsam entstehende Ordnung, und genau darin lag sein Reiz. Moraband benötigte Baumaterial, Fachkräfte, Energie, Versorgung, Transportwege, Handelsrouten, Unterkünfte, medizinische Einrichtungen, Industrie, Verwaltungspersonal und vor allem Kapital.
Die Koltoraffinerie am Rand der Hauptstadt war ein offensichtlicher wirtschaftlicher Ankerpunkt, Abyston verfügte über Schiffbau und etwas Industrie, Osicia besaß einen renovierten Raumhafen und eigene Verwaltungsstrukturen, und selbst die Monde eröffneten Möglichkeiten, wenn man bereit war, nicht nur auf einfache Gewinne zu achten. Kyyne war als klassische Bergbauwelt kaum interessant, doch die Bergung alter Schiffe und die Temolak-Fabrikstation konnten verwertbare Materialströme schaffen, während Naar trotz schwieriger Bedingungen langfristig durch seine Rohstoffe Aufmerksamkeit verdiente.
Lucien lehnte sich langsam zurück und betrachtete die Karte Morabands, die als Hologramm über dem Tisch schwebte.
Eine fertige Welt war vielleicht bequem, ein unfertige Welt jedoch war oft profitabel.
Der Gedanke kam so selbstverständlich, dass er beinahe darüber lachen musste. Wo andere in Moraband vermutlich Kälte, Baustellen, militärische Präsenz und politische Unsicherheit sahen, erkannte er plötzlich Bedarf. Wohnraum, bessere Quartiere, Gastronomie, Theater, Gästehäuser, Gewächshäuser, Handelsbüros, Verkaufsstände, Fabriken und Orte, an denen Fachkräfte nicht nur arbeiteten, sondern auch leben wollten. Truuine besaß zwar schon etwas Industrie, Rohstoffe und politische Bedeutung, doch was dieser Welt fehlte, war ein ziviles Gesicht, das Individuen davon überzeugte, hier hier zu ziehen und sich niederzulassen.
Als Lucien schließlich aufsah, stellte er fest, dass deutlich mehr Zeit vergangen war, als er geplant hatte. Sein Caf war wenn überhaupt nur noch lauwarm, sein Magen begann sich mit nachdrücklicher Deutlichkeit zu melden, und auf seinem Datapad standen bereits mehr Notizen, als er eigentlich hatte anlegen wollen. Er betrachtete die Liste einige Sekunden lang, als wäre sie von jemand anderem geschrieben worden, und schnaubte leise.
„Großartig“, murmelte er und kratze sich am Kopf, „Jetzt arbeite ich schon freiwillig...Furchtbar“
Dennoch löschte er nichts.
Kurz vor Mittag verließ Lucien das Praxeum und trat hinaus in Moraband.
Die Stadt wirkte aus der Nähe vollkommen anders als vom Orbit aus. Von oben hatte sie wie ein Plan aus Boulevards, Gebäuden und Baustellen gewirkt, doch auf Straßenniveau zeigte sie sich lebendiger, widersprüchlicher und sehr viel unruhiger. Frisch errichtete Fassaden standen neben offenen Baugruben, junge Parkanlagen mit noch dünnen Bäumen lagen neben Absperrungen. Transportfahrzeuge rollten an ihm vorbei, Arbeiter riefen einander Anweisungen zu, Sicherheitskräfte beobachteten die Straßen mit wachsamen Blicken, und über all dem schimmerte der Atmosphärenschild wie eine kaum sichtbare Erinnerung daran, dass diese Hauptstadt ohne Technik nicht einmal existieren könnte.
Lucien ging ohne besonderes Ziel los und stellte sehr schnell fest, dass genau das die beste Art war, Moraband kennenzulernen. Vorallem viel ihm auf, des es vergleichsweise wenig Menschen auf diesem Planeten gab zumindest hier in Moraband.
Er blieb vor Baustellen stehen, warf Blicke auf Holoanzeigen, betrachtete neue Geschäfte, die in frisch errichtete Erdgeschosse einzogen, und hörte nebenbei Gesprächsfetzen von Beamten, Arbeitern, Händlern und Soldaten soweit er diese verstand.
Es war nicht das Flanieren durch eine alte, wohlhabende Hauptstadt, bei dem jeder Platz bereits eine Geschichte und jedes Gebäude einen Namen besaß.
Moraband war noch teils unfertig und laut, doch es besaß eine eigene Atmosphäre, die Lucien nicht ignorieren konnte.
An einem kleinen Stand zwischen zwei unfertigen Gebäuden kaufte er sich schließlich einen warmen Snack aus gewürztem Fisch, dünnem Teig und einer scharfen hellen Soße, dazu einen süßlichen Caf, der in Aurentis vermutlich zu einer langen Diskussion über Geschmack geführt hätte, in diesem Moment jedoch erstaunlich gut passte. Der Händler, ein Aqualish mit rauer Stimme und bemerkenswert geschäftstüchtigem Blick, erkannte zwar nicht sofort, wen er vor sich hatte, bemerkte jedoch sehr wohl, dass Lucien nicht wie jemand aussah, der gewöhnlich an Straßenständen aß.
Daraus entwickelte sich ein kurzes Gespräch über steigende Preise seit beginn des Krieges, Bauarbeiter, Lieferprobleme und eine leicht beunruhigte Stimmung aufgrund der aktuellen Rebellion. Lucien hörte aufmerksam zu, stellte scheinbar beiläufige Fragen und bekam innerhalb weniger Minuten mehr brauchbare Informationen über die wirtschaftliche Stimmung der Stadt als aus mehreren Seiten Verwaltungstext.
Am frühen Nachmittag kehrte Lucien schließlich zum Praxeum zurück.
Der Spaziergang hatte länger gedauert, als er ursprünglich beabsichtigt hatte, und doch hatte er nicht das Gefühl, Zeit verloren zu haben. Im Gegenteil. Als er die Stufen zum Eingang hinaufstieg und noch einmal über die Schulter auf Moraband blickte, sah er nicht mehr nur den Ort, an den sein Vater ihn geschickt hatte, um ihn aus Aurentis zu entfernen. Er sah eine Stadt, die noch nicht wusste, was sie einmal werden wollte, und vielleicht lag gerade darin die erste echte Gelegenheit, die ihm seit langer Zeit begegnet war.
In seinem Apartment legte er das Sakko und die Zugangskarte ab und aktivierte sein Datapad. Die Notizen aus der Bibliothek vermischten sich bereits mit den Eindrücken des Spaziergangs, mit den Worten des Händlers, den offenen Baugruben, den unfertigen Boulevards und dem Wintergarten des Praxeums.
Einige Sekunden lang betrachtete er die leere Überschrift über dem neuen Dokument.
Dann schrieb er langsam:
Velcrest Development Group – Truuine Department
Informations-Beschaffung Tag 1
Lucien hielt inne und betrachtete die Worte.
„Nun gut“, murmelte er leise. „Vielleicht wird diese Katastrophe doch nicht ganz so unnütz" bevor er auf dem Datenpad weiterschrieb.
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