Was haben wir gelacht
Im Mittelpunkt stehen Maren Kroymann, Hella von Sinnen, Gaby Köster, Esther Schweins und Bettina Böttinger. Fünf Frauen, die auf sehr unterschiedliche Weise ihren Platz im deutschen Fernsehen gefunden haben und dabei in einer Welt bestehen mussten, die noch sehr viel stärker von Männern geprägt war als heute. Frauen waren zwar im Fernsehen präsent, häufig aber als Assistentinnen, schmückendes Beiwerk oder als Zielscheibe für anzügliche Pointen. Dass Frauen selbst bestimmten, worüber gelacht wurde, war keineswegs selbstverständlich.
Gerade das Archivmaterial ist teilweise erstaunlich. Vieles hatte ich durchaus noch als typisch für die damalige Zeit in Erinnerung, aber in dieser geballten Form wirkt manches erheblich befremdlicher. Besonders Thomas Gottschalk fällt dabei auf. Wie selbstverständlich er weibliche Gäste anfasst, ihnen ans Knie fasst, sie umarmt oder ihr Aussehen kommentiert, wirkt heute geradezu grotesk. Natürlich wusste man auch damals, dass Gottschalk sehr körperlich mit seinen Gästen umging. Wenn aber Szene auf Szene folgt, bekommt das Ganze eine andere Wirkung.
Wichtig ist mir allerdings ein Punkt, der in der Dokumentation untergeht: Man sollte nicht den Eindruck erwecken, all das sei damals vollkommen widerspruchslos hingenommen worden und werde erst mit den moralischen Maßstäben unserer Gegenwart problematisiert. Schon zu ihrer aktiven Zeit wurde über Thomas Gottschalks Umgang mit Frauen kontrovers diskutiert. Auch Harald Schmidts gezielte Grenzüberschreitungen und Provokationen waren keineswegs unumstritten, ebenso wenig Stefan Raabs teilweise ausgesprochen rücksichtsloser Humor auf Kosten anderer Menschen. Die gesellschaftliche Sensibilität war eine andere und die Kritik hatte längst nicht die Durchschlagskraft, die sie heute vermutlich hätte. Aber es gab sie. Gerade deshalb wäre es zu einfach, sämtliche problematischen Auswüchse des damaligen Fernsehens mit einem pauschalen „Das waren eben andere Zeiten“ abzuhaken.
Besonders unangenehm sind für mich einige Ausschnitte mit Harald Schmidt. Sein Witz über Bettina Böttinger, die angeblich wie bestimmte Gegenstände von keinem Mann angefasst werden wolle, ist nicht nur geschmacklos, sondern schlicht verletzend. Bemerkenswert ist Böttingers Reaktion darauf. Sie geht später in seine Sendung, erklärt ihm vor laufender Kamera, dass sie der Witz verletzt habe, und verlässt anschließend das Studio. Das gehört für mich zu den stärksten Momenten der Dokumentation. Vor allem macht die Szene deutlich, wie bequem es sich derjenige machen kann, der die Lacher auf seiner Seite hat. Der Betroffene steht dagegen vor einem Dilemma: Lacht er mit, legitimiert er die eigene Demütigung ein Stück weit. Wehrt er sich, droht sofort der Vorwurf, keinen Humor zu haben.
Dabei macht es sich
Was haben wir gelacht erfreulicherweise nicht ganz so einfach, wie man zunächst denken könnte. Besonders interessant fand ich die Momente, in denen die Frauen selbst auf ihre Vergangenheit schauen und nicht automatisch alles verteidigen, was sie damals gemacht haben. Maren Kroymann etwa betrachtet einige eigene Witze über Verona Feldbusch heute deutlich kritischer. Gerade hier wird der Film für mich besonders spannend. Denn plötzlich geht es nicht mehr nur darum, wie Männer Frauen behandelt haben, sondern auch darum, wie stark alle Beteiligten von bestimmten gesellschaftlichen Vorstellungen geprägt waren.
Überhaupt sind die fünf Frauen das große Plus des Films. Hella von Sinnen kann sich noch heute über Erlebnisse aus ihrer Anfangszeit im Karneval aufregen. Kroymann analysiert vieles ausgesprochen präzise und bringt einige der interessantesten Gedanken des Films auf den Punkt. Esther Schweins wirkt bei manchen alten Aufnahmen geradezu körperlich unwohl. Gaby Köster geht gewohnt direkt mit ihrer Vergangenheit um und Bettina Böttinger lässt erkennen, dass manche Verletzungen eben nicht einfach verschwinden, nur weil inzwischen dreißig Jahre vergangen sind.
Sehr gelungen ist auch die Montage. Die Frauen wurden einzeln interviewt, trotzdem wirken ihre Aussagen immer wieder wie ein gemeinsames Gespräch. Eine erzählt etwas, eine andere reagiert auf einen Ausschnitt oder ergänzt aus ihrer eigenen Erfahrung. Dadurch bleibt der Film trotz seines recht einfachen Aufbaus erstaunlich lebendig.
Ganz unproblematisch finde ich ihn allerdings nicht. Mir fehlt stellenweise etwas die historische Einordnung. Es reicht letztlich nicht, nur festzustellen, dass bestimmte Dinge damals verbreitet waren und heute anders bewertet werden. Mich hätte stärker interessiert, warum dieser Humor damals so gut funktioniert hat. Schließlich saßen nicht nur Männer vor dem Fernseher. Millionen Frauen haben „Wetten, dass..?“, Harald Schmidt oder andere Unterhaltungssendungen ebenfalls gesehen. Welche gesellschaftlichen Vorstellungen standen dahinter? Warum setzte sich Kritik nur langsam durch? Und welchen Anteil hatte wiederum das Fernsehen daran, bestimmte Vorstellungen und Verhaltensweisen immer weiter zu reproduzieren? Gerade weil es bereits damals Widerspruch gab, wäre es interessant gewesen zu untersuchen, weshalb dieser so wenig verändern konnte.
Trotz dieser Einwände finde ich
Was haben wir gelacht sehr interessant. Die Dokumentation funktioniert als Zeitreise, als Stück Fernsehgeschichte und als Rückblick auf einen gesellschaftlichen Wandel. Vor allem aber macht sie deutlich, dass Humor niemals völlig harmlos ist. Wer bestimmt, worüber gelacht wird, besitzt auch ein Stück Macht. Und wer ständig selbst die Pointe ist, wird irgendwann zwangsläufig anders über Humor denken als derjenige, der die Pointen setzt.
Dieser Gedanke dürfte übrigens auch vielen Schülerinnen und Schülern sehr vertraut sein, selbst wenn sie ihn vielleicht nie so formulieren würden. Auf nahezu jedem Schulhof und in vielen Klassen gibt es die vermeintlich lustigen Bemerkungen über Aussehen, Kleidung, Herkunft, Stimme, Körper oder irgendwelche persönlichen Eigenheiten. Solange die Klasse lacht, kann sich derjenige, der den Spruch gemacht hat, darauf zurückziehen, es sei doch nur Spaß gewesen. Für den Menschen, über den jeden Tag gelacht wird, ist es irgendwann keiner mehr. Aus einem einzelnen Witz kann eine Gruppendynamik entstehen, in der sich einer auf Kosten eines anderen Anerkennung verschafft. Gerade solche Mechanismen können enormes Leid verursachen. In diesem Punkt erzählt
Was haben wir gelacht deshalb keineswegs nur von einer vergangenen Fernsehlandschaft. Die Frage, wer über wen lachen darf, wer die Lacher auf seiner Seite hat und wer sich gegen einen vermeintlichen Spaß kaum wehren kann, ohne anschließend als humorlos dazustehen, ist nach wie vor aktuell.
Nach dem Film sieht man manche Ikonen des damaligen Fernsehens tatsächlich mit anderen Augen. Dabei muss man nicht so tun, als hätten wir erst heute entdeckt, dass bestimmte Formen von Humor verletzend sein können. Vieles wurde schon damals kritisiert. Geändert hat sich vor allem, dass Betroffene heute eher Gehör finden und der Satz
War doch nur Spaß nicht mehr automatisch jede Grenzüberschreitung entschuldigt.
Was haben wir gelacht ist für mich deshalb keine bloße Abrechnung mit einer vergangenen Fernsehgeneration, sondern vor allem ein interessanter Blick darauf, wie sich gesellschaftliche Maßstäbe verändern und wie lange es dauern kann, bis vorhandene Kritik tatsächlich etwas bewirkt. Ein paar analytische Schritte weiter hätte der Film ruhig gehen dürfen. Sehenswert ist er trotzdem unbedingt.