Pressure
Anfang Juni 1944 laufen die Vorbereitungen für die Landung der Alliierten in der Normandie auf Hochtouren. Tausende Schiffe, Flugzeuge und Soldaten stehen bereit, der Termin ist festgelegt und nahezu jedes Detail wurde durchgeplant. Nur eine entscheidende Frage ist noch offen: Wird das Wetter den Angriff überhaupt zulassen? General Dwight D. Eisenhower braucht darauf möglichst schnell eine klare Antwort. Dummerweise ist ausgerechnet das Wetter der einzige Beteiligte, der sich nicht an militärische Befehle hält.
Der britische Chefmeteorologe James Stagg wird nach Southwick House beordert, wo die Militärführung den D-Day vorbereitet. Sein amerikanischer Kollege Irving Krick ist überzeugt, dass am 5. Juni die Sonne scheinen und die See ruhig bleiben werden. Stagg sieht dagegen zwei Tiefdruckgebiete über dem Atlantik, die sich zu einem schweren Sturm entwickeln könnten. Sollte er recht behalten, wäre eine Landung am geplanten Tag kaum möglich. Rät er zu einer Verschiebung und liegt falsch, könnte die streng geheime Operation auffliegen oder für Wochen verzögert werden. Einen sicheren Weg gibt es nicht.
Aus einer Wettervorhersage einen spannenden Kinofilm zu machen, gelingt
Pressure erstaunlich gut. Der Krieg wird aus der Sicht jener Männer gezeigt, die in Büros über den Einsatz unzähliger Soldaten entscheiden müssen. Karten werden ausgewertet, Luftdruckwerte verglichen und neue Meldungen telefonisch durchgegeben. Das klingt zunächst trocken, entwickelt aber schnell einen eigenen Sog.
Besonders interessant fand ich, wie anschaulich die damaligen Möglichkeiten der Meteorologie erklärt werden. Satellitenbilder und leistungsfähige Computer gab es nicht. Die Fachleute waren auf einzelne Messstationen, Wetterballons und handgezeichnete Karten angewiesen. Krick orientiert sich vor allem an ähnlichen Lagen aus früheren Jahren und vertraut auf seine bisherigen Erfolge. Stagg versucht dagegen, aus den aktuellen Daten die Entwicklung über dem Atlantik abzuleiten. Beide arbeiten mit lückenhaften Informationen und kommen zu völlig verschiedenen Ergebnissen. Hinter ihrem Streit stehen zwei gegensätzliche Vorstellungen davon, wie man mit wissenschaftlicher Unsicherheit umgehen sollte.
Andrew Scott spielt Stagg als verschlossenen und ziemlich unbequemen Mann, der wenig Talent dafür besitzt, andere für sich einzunehmen. Er verspricht keine Gewissheit, wenn es sie nicht gibt, und macht sich damit im Hauptquartier nur wenige Freunde. Während Krick selbstbewusst genau das ankündigt, was alle hören wollen, spricht sein britischer Kollege von Wahrscheinlichkeiten und möglichen Entwicklungen. Damit ist er in dieser Runde ungefähr so beliebt wie eine Regenwolke beim Gartenfest.
Scott trägt das Geschehen mit einer sehr kontrollierten Darstellung. Die Anspannung zeigt sich in Blicken, kurzen Pausen und einer zunehmend steifen Körperhaltung. Große Ausbrüche sind nicht nötig. Stagg wirkt bisweilen kühl, stur und etwas überheblich, ist sich der Tragweite seiner Worte aber jederzeit bewusst. Eine gefällige Prognose könnte im schlimmsten Fall Tausende Menschen das Leben kosten. Besonders stark ist die Szene, in der er vor der versammelten Führung von der Invasion abrät. Er steht ziemlich allein da, kennt die möglichen Folgen und bleibt trotzdem bei seiner Einschätzung.
Brendan Fraser legt Eisenhower deutlich kraftvoller an. Zunächst erscheint er als unerschütterliche Autorität, nach und nach wird jedoch sichtbar, wie sehr die Verantwortung auch ihn belastet. Erst wenige Wochen zuvor war die Generalprobe für die Invasion durch schwere Fehler in einer Katastrophe geendet. Nun muss er erneut einen Entschluss fassen, ohne eine Garantie für dessen Ausgang zu haben. Fraser ist besonders gut, wenn die entschlossene Fassade für einen Moment bröckelt und die Angst vor einem weiteren Fiasko zum Vorschein kommt.
Kerry Condon, bekannt aus
Skeleton Crew, bringt als Eisenhowers Adjutantin Kay Summersby etwas Wärme in die von militärischer Strenge geprägte Umgebung. Chris Messina gibt Krick selbstbewusst und großspurig, macht aus ihm aber keinen einfachen Bösewicht. Der Amerikaner glaubt an seine Methode und kann immerhin auf frühere Erfolge verweisen. Er übersieht lediglich, dass das wechselhafte Klima Nordeuropas anderen Regeln folgt als die stabileren Verhältnisse seiner bisherigen Einsatzgebiete. Damian Lewis tritt als Bernard Montgomery auffälliger auf als der Rest des Ensembles. Seine Darstellung kratzt gelegentlich an der Karikatur, verdeutlicht jedoch die Erwartung der Generäle. Sie wollen keine lange wissenschaftliche Abhandlung hören, sondern eine klare Ansage, am besten mit Sonnenschein zum Angriff.
Pressure ist im besten Sinne altmodisch inszeniert und gespielt. Die Handlung vertraut auf sorgfältig aufgebaute Gespräche, ein starkes Ensemble und die Spannung, die aus gegensätzlichen Überzeugungen entsteht. Wetterkarten, Telefone und große Lagepläne an den Wänden genügen vollkommen. Im Kern ist das ein packendes Kammerspiel, dessen Wortgefechten, Zweifeln und kleinen Machtkämpfen ich ausgesprochen gerne gefolgt bin.
Sehr gut funktioniert der Gegensatz zwischen Staggs düsteren Warnungen und dem strahlend blauen Himmel vor den Fenstern. Je freundlicher es draußen aussieht, desto schlechter steht er da. Als schließlich die ersten Anzeichen des angekündigten Unwetters eintreffen, fühlt sich das beinahe wie ein persönlicher Triumph an, obwohl er vermutlich lieber unter weniger dramatischen Umständen recht behalten hätte.
Der Film macht verständlich, wie stark eine der größten Militäroperationen der Geschichte von einer Entwicklung abhing, die sich damals kaum zuverlässig berechnen ließ. Im Mittelpunkt stehen dabei Menschen, die mit unvollständigen Informationen eine folgenschwere Wahl treffen müssen. Andrew Scott findet dafür genau den richtigen Ton. Sein James Stagg ist kein strahlender Held, sondern ein spröder und gewissenhafter Wissenschaftler, der unter kaum vorstellbarem Druck an seiner Überzeugung festhält.
Sehenswert.