Ich bin ja weder junger Vater noch Pädagoge
Ich bin junger Vater und Pädagoge und halte davon prinzipiell erstmal sehr viel. Die entscheidende Frage ist aus meiner Sicht auch gar nicht mehr, ob Social Media in seiner aktuellen Form schädlich ist, die Datenlage und die Beobachtungen im Alltag sprechen hier eine ziemlich klare Sprache*. Die eigentliche Frage ist vielmehr, ob ein Verbot a) sinnvoll und konsequent durchgesetzt werden kann und b) ob ein Verbot nicht genau den gegenteiligen Effekt erzeugt und die Nutzung noch attraktiver macht.
Wenn Punkt a) tatsächlich strikt und konsequent umgesetzt wird, relativiert sich Punkt b) erheblich. Je höher und realer die Hürden sind, desto weniger präsent und normal ist die Nutzung im Alltag. Verhalten entsteht stark über Verfügbarkeit und soziale Norm. Wenn es schwer zugänglich ist, verliert es an Bedeutung. Problematisch wird es dann, wenn ein Verbot zwar existiert, aber in der PRaxis leicht zu umgehen ist oder nur halbherzig kontrolliert wird, ähnlich wie man es bei Alkohol, Tabak oder Altersfreigaben bei Spielen kennt. In solchen Fällen bleibt die Nutzung sozial präsent, und genau das verstärkt den Konformitätsdruck.
Ein Verbot wäre weniger als Bestrafung, sondern eher Schutzmaßnahme in einer Entwicklungsphase, in der junge MEnschen Unterstützung brauchen. Wir akzeptieren in vielen anderen Bereichen ebenfalls (mehr oder weniger) Einschränkungen für Minderjährige, nicht wegen Misstrauen, sondern weil wir ihre Entwicklung schützen wollen, wie z.B. bei Drogen und Medieninhalten.
Deswegen denke ich, dass man ein Verbot auch nicht isoliert betrachten sollte, denn das Zauberwort ist hier tatsächlich auch Medienkompetenz. Aufklärung, Vorbildverhalten von Erwachsenen und alternative soziale Erfahrungsräume müssen dann nämlich auch finanziert und angeboten werden. Ein (billiges) Verbot allein löst das Problem nicht, kann aber Rahmenbedingungen schaffen. Aufklärung muss dann auch vor allem für (junge) Eltern folgen. Ein Klein(st)kind morgens direkt mit Fernseher und Tablet beschallen ist halt wenig förderlich für die Entwicklung.
Am Ende geht es mir da auch gar nicht um die Verteufelung von Technologie, sondern um die Frage, ob wir akzeptieren, dass gewinnorientierte Systeme gezielt (!) die Aufmerksamkeit und emotionale Verwundbarkeit von Kindern und Jugendlichen ausnutzen (Eyes on you TikTok und alle westlichen Medienkonzerne die nachgezogen haben) oder ob wir als Gesellschaft Grenzen setzen, so wie wir es in anderen Bereichen auch tun.
*Kinder und Jugendliche verfügen z.B. entwicklungsbedingt noch nicht über die volle Fähigkeit zur Selbstregulation. Social-Media-Plattformen sind gezielt so gestaltet, dass sie maximale Aufmerksamkeit binden. Endlos-Scroll, algorithmische Verstärkung, soziale Rückmeldung, Glücksspielanalogien, etc. Hier trifft ein unfertiges Selbstkontrollsystem und fehlende digitale Kompetenz auf hochoptimierte Aufmerksamkeitshascherei. Das ist einfach schädlich. Auch für erwachsene Gehirne. Und in der Praxis habe ich mittlerweile 4-5 Jährige die TikTok gucken.