Meine Meinung zur Disney-Ära ist insofern vielleicht weniger vorbelastet als bei anderen, weil es bei mir keinen nahtlosen Übergang zwischen EU-Ära und Disney gegeben hat, da ich das EU spätestens um die Jahrtausendwende aus Zeitgründen aus den Augen verloren hatte. Und als ich mich dann wieder eher SW zuwenden wollte, war das alles so unübersichtlich, dass ich den Faden nicht wieder aufgenommen habe.
Insofern war das Tabula Rasa unter Disney für mich die Gelegenheit, wieder einzusteigen und ich glaube tatsächlich, dass ich, wäre ich im EU bis zum Ende „drin“ gewesen, auch kritischer auf Disney gucken würde.
Der Vorwurf, dass Disney zu viel (in anderen Versionen) aus dem EU übernommen habe, kann ich aus dieser Warte nachvollziehen. Ich denke in diesem Zusammenhang zudem, dass man bei Disney unterschätzt hat, wieviel man eigentlich schon wieder festgelegt hat, alleine dadurch, dass man TCW in den Kanon genommen hat. Planeten, Völker unzählige Figuren, die immer noch da waren und die Leitplanken deutlich enger ziehen, als man das im ersten Moment glauben würde. Ebenso unterschätzt haben dürfte man die Beharrungskräfte eines Teils des Fandoms, der davon ausgeht (und fordert), dass, wenn eine Figur aufgrund von z.B. TCW oder PT noch im Kanon ist, auch der Hintergrund der Figur, der lediglich in Legends definiert (oder angedeutet) wurde, zwingend mit übernommen wurde (siehe Ki Adi Mundi).
Das vorausgeschickt dürfte auch zumindest zum Teil klar werden, warum ich der Disney-Ära deutlich weniger kritisch gegenüberstehe als viele andere.
Hilfreich mag auch sein, dass ich mit 50 nicht mehr erwarte, dass SW in mir die gleichen Emotionen wecken würde, wie damals, als ich ein Kind war. Und schon gar nicht im Rahmen einer Fernsehserie. Dieses „Wow, das ist jetzt Film-Geschichte und wird bleiben und prägen“ hatte ich seit den HDR-Filmen in diesem Jahrtausend genau 2 Mal: bei Infinity War und Endgame. Witzigerweise zwei Filme, die am Ende eines 11-Jahre-Runs standen, in dem uns Marvel/Disney 2 Filme pro Jahr um die Ohren gehauen hat. Eigentlich die totale Übersättigung und dennoch hat es gezündet wie sonstwas.
Insofern verstehe ich das „es ist zu viel“ bis zu einem gewissen Punkt, aber ich fühle es einfach nicht. Ich freue mich über neuen Stoff aus „meiner Lieblingsgalaxie“ und darüber, dass ich regelmäßig etwas habe, dass ich mit meinem Junior gemeinsam neu entdecken kann. Das ist dann MEIN Event.
Daher möchte ich bei allen verbesserungswürdigen Dingen die Disney-Ära nicht missen. Ohne Disney wäre vermutlich gar nichts mehr gekommen und SW mehr Nische als jemals zuvor (was nichts Schlechtes sein müsste, aber ich mag es so, wie es jetzt ist, mehr).
Auch bei Disney gibt es Dinge, die ich nicht mag. Die Art, wie man Han Solo rausgeschrieben hat. Die fehlenden Erklärungen in E9. Resistance hatte eine tolle Ausgangssituation und man hat es mMn vermasselt, weil man die Hauptfigur im Ton überhaupt nicht getroffen hat und wohl nicht wusste, in welche Richtung man mit der Ausgangslage eigentlich gehen wollte.
Die Mando-Folgen aus TBOBF hätten zwingend in die dritte Staffel von TM gemusst. Dir Rückeroberung Mandalores ist zwar ein logischer Plotpunkt in einer Serie über einen Mandalorianer, bedürfte aber mehr Budget, um es angemessen darzustellen.
Bei TA hätte ich mir gewünscht, dass man von Disneys Seite mehr Arsch in der Hose hat und das Ding durchzieht. Die Serie ist mMn maßlos overhated und wurde von Kulturkriegern vernichtet.
Andor ist großartig, allerdings sind die ersten drei Episoden aus Staffel zwei eigentlich nahezu überflüssig. Zudem ist es eine tolle Serie über Diktatur und Widerstand in einem SF-Setting, ist aber auch im Ton wenig Star Wars für mich.
Visions holt mich nicht ab (auch aufgrund des What IF-Settings), so dass The ninth Jedi die einzige Serie ist, die ich nicht gesehen habe (irgendwann sicherlich, aber momentan zieht es mich nicht vor den TV).
Die Figurenkonstellation in Ahsoka ist für „Nicht-Rebels-Gucker“ leider wohl etwas sperrig.
Bei OWK hatte ich bezüglich des Rematches Bedenken, finde aber im Nachhinein, dass es die Lücke schlüssig füllt und es durchaus seine Berechtigung hat, auch in Live-Action zu zeigen, wie Kenobi von Anakins Schicksla erfahren hat, und wo der Umkehrpunkt zwischen dem verzweifelten Obi-Wan aus E3 und dem entspannten Ben aus E4 war. Dass aber eine weitere Figur um Luke weiß, finde ich nicht gut gelöst.
MSL ist für mich rundum gelungen. Und TBB war für mich überraschend gut (auch wenn es mMn ungeschickt war, Kanans Origin im Vergleich zu den Comics umzuschreiben).
Und die letzten vier Folgen von TCW haben für mich nur einen Fehler: dass es kein Star-Wars-Story Live-Action-Kinofilm war.
Aber all diese Fehler können mir mein Interesse nicht verleiden, weil ich viel mehr habe, was mir gefällt. Vielleicht schlägt bei mir im Bereich SW einfach die Altersmilde durch (die Altersgereiztheit spare ich mir für andere Dinge auf).
Und ich finde, dass LF/Disney in diesen Jahren durchaus gezeigt haben, dass sie ihren Machern aller Unkenrufen zum Trotz viel Spielraum lassen: Skeleton Crew (Igitt: Kinder!), Andor (Igitt: Politik!), The Mandalorian (Igitt: Pulp!), The Acolyte (Igitt: Andere Machtnutzer außer Sith/Jedi!), Ahsoka (Igitt: Hexen! Zombies! Andere Galaxie!) sind in ihrer Ausrichtung so grundverschieden, dass man mMn anerkennen muss, dass man da schon Risiko gegangen ist. Dazu dann noch die Serien über bekannte Charaktere wie Boba Fett und Obi Wan.
In der Summe sehe ich diese Ära also positiv.