Facebook, Instagram und Co. - Haben "soziale" Medien sich überlebt?

Darth_Jango

Old ass savage
Soziale Medien hatten zu Beginn, also Mitte/Ende der 00er/Anfang der 10er-Jahre, noch so etwas herrlich Unschuldiges (zB, weil wir die eher bedenkliche Entstehungsgeschichte Facebooks noch nicht kannten.)

Beflügelt von einer nach der Wahl Barack Obamas zum US-Präsidenten zunehmenden Aufbruchstimmung erhielt die Menschheit plötzlich neue, bahnbrechende Möglichkeiten zur globalen Vernetzung, die gerade von Jugendlichen und jungen Erwachsenen begeistert genutzt wurde. Alles lief schnell, unkompliziert -- und vor allem gratis. Leute posteten die banalsten Alltagsdinge ("Guten Morgen!"), "forschten" zu ihrem Schwarm, ließen den Freundes- und Bekanntenkreis (manchmal prahlerisch) am Urlaub teilhaben, präsentierten stolz individuelle Erfolgserlebnisse und posteten Partyfotos, als gäbe es kein Morgen. Auch politische Statements wurden getätigt, dienten zunächst jedoch eher persönlicher Psychohygiene denn organisierter Hetze, mit der Klicks und Cash erzielt werden konnten. "Influencer" waren praktisch ein Fremdwort.

In den letzten Jahren hat sich das Bild sozialer Medien erheblich gewandelt. Die optimistische Stimmung verschwand angesichts der Skandale um Datenleaks, nachhaltiger Vergiftung des politischen Klimas wegen einer Abfolge an Krisensituationen (arab. Frühling, syr. Bürgerkrieg, Krim-Annexion, IS und seine zig Attentate in Europa, Flüchtlingskrise 2015, DT, Covid, Ukraine), werbefokussierten Algorithmen (die immer mehr Freundespostings wegblendeten); und einem demographischen Bruch, der die sogenannte Gen Z und (große?) Teile der Milennials als Nutzer wegfallen ließ.

Wie sind eure Erfahrungen mit diesen Plattformen, eure Erinnerungen aus der Früh-/Hochzeit von FB, MS, (studi-/mein-)VZ, IG, TT etc? Wann und warum habt ihr begonnen, diese zu nutzen? Seid ihr inzwischen wieder abgesprungen? Warum (nicht)? Sind sie eMn tatsächlich Demokratiegefährder und Populismusschleudern, oder immer noch nützlich, auch als Waffe gegen genannte Phänomene?
 
Die sozialen Medien waren seit jeher ein Kind ihrer Zeit. Ich hab Anfang/Mitte der 90er noch Zeitschriften (Aus Papier! Musste ich im Laden kaufen!) gelesen, bei denen die soziale Interaktion über Leserbriefe stattfand.

Das World Wide Web gegen Ende der 90er war noch ziemlich statisch und die erste große Revolution war da die Wikipedia. Jeder konnte mitmachen und selbst, ohne technisches Wissen über uraltes HTML und Perl-Skripte haben zu müssen, Texte auf einer Webseite hinterlassen. Zur selben Zeit hat es einen großen Umstieg von Mailinglisten (ja, E-Mails mit bestimmten Benutzern im CC-Feld sind rudimentär, aber das funktioniert auch heute noch!) zu webbasierten Foren gegeben, zu denen auch das PSW selbst gehört.

Um 2006 herum habe ich selbst den Gebrauch von Webtechnologien erlernt und somit sind die verschiedenen sozialen Medien der letzten 20 Jahre für mich stets der Ausdruck technologischer Machbarkeit gewesen. Dass man heute immer weiter und weiter und weiter nach unten scrollen kann, war der Punkt, wo es für mich kippte. Ich denke, dass es nicht gut tut, wenn "alles immer weiter geht". Ich hab es gerne, wenn ein Computerspiel klare Grenzen hat, endloses grinden finde ich ätzend. Ähnlich verhält es sich mit Web-Inhalten: Threads in Foren sind irgendwann vorbei und das Signal für mich, da nun dran anzuknüpfen, oder weiter zu ziehen. Ich kann sehen, wann er von wem begonnen wurde und wie viel Resonanz es gab. Bin noch in ein paar anderen Fachforen unterwegs.

Bei Youtube ist das total anders, da kann jeder seinen Senf dazu geben und es wird da drin herum gewichtet, automatisch editiert oder gleich ganz geblockt oder nach unten sortiert. Sehr unübersichtlich, sehr AI-gesteuert, sehr unpersönlich, sehr konfus, und sehr belanglos, wenn die Kanalbesitzer selbst überhaupt gar nicht teil nehmen.

Like-Buttons sind auch so was, was ich für hochgradig suchterzeugend halte. Sehr gefährliche soziale Mechanik. Da hat es sogar ne Orville-Folge zu gegeben: https://orville.fandom.com/de/wiki/Mehrheitsprinzip

Auch finde ich die Tendenz, den Lesezugriff auf von Usern generierte Inhalte zunehmend von einer Registrierung abhängig zu machen, gelinde gesagt, zum Kotzen. Facebook und Twitter gehören da ganz vorne mit dabei. Das unterstütze ich grundsätzlich nicht und an diese finsteren Sackgassen des Webs, mit noch kaputteren Konzern-Bossen, nehme nach meinen Möglichkeiten nicht Teil. Das selbe trifft für Apps zu, bei denen man sich schon bei Installation auf dem Smartphone nackt ausgezogen und gläsern gemacht hat. WhatsApp ist leider notwendig, im Grunde ist die Abhängigkeit von Meta aber indiskutabel.

Das ist ein riesiges Thema und es gibt da sehr viele Regelungslücken, internationalen Bullshit und echte Wilkür durch die Eigentümer von Webdiensten. Und natürlich das unmoderierte Niemandsland, Bots, AI-Crawler und von diesen erzeugter, künstlicher Content. Das Internet ist ein gefährlicher Ort und selbst dessen Untermenge des WWW ist wirklich nicht ohne. Kein Ort, um Kinder unbeaufsichtigt zu lassen.
 
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Ich denke langfristig könnte KI der Tod für Instagramm und co werden. Wenn man sich bei mittlerweile fast jedem Bild und Video die Frage stellen muss ob das nun echt oder KI generiert ist hat man irgendwann keine Lust mehr.

YouTube sehe ich da durchaus (noch) anders, da es halt nach wie vor viele Content Creator gibt die hochwertige Videos und Dokus produzieren (PBS, SciShow, Veritasium…). Diese kann man halt deutlich schlechter mit KI nachmachen. Plus dort gibt es noch Content, der meine Aufmerksamkeitsspanne nicht zerstört, so wie Tik Tok oder die Instagram Reels
 
Nein, überlebt würde ich nicht sagen, aber konsequent weiterentwickelt. Das dabei bestimmte Plattformen über kurz oder lang an Bedeutung verlieren oder komplett ausfallen liegt in der Natur dieser Schnelllebigkeit.

Und wenn sich Plattformen überleben, kommt die nächste: Von StudiVZ zu Facebook, dann zu Instagram und jetzt zu TikTok. Das Muster ist im Kern gleich geblieben: Menschen wollen sich zeigen, vergleichen, vernetzen, dazugehören, Klicks generieren und Bestätigung bekommen. Was sich ändert ist die Form bzw. wie effektiv die jeweilige Plattform unsere primitiven Gehirne stimuliert. Früher Texte, ja fast schon Blogpostings, heute Kurzvideos, früher spülte der Algorithmus harmlose "Guten Morgen"-Posts in die Timeline, heute KI generierte Reels und nächste Woche irgendein Rant über Sache X.

Die Plattformen steuern was gesehen wird und erzeugen Echokammern. Nehmen wir Twitter/X als Beispiel: Auch vor dem Kauf durch Musk gab es da rechtsextreme Bubbles, Schwurbler oder Sifftwitter. Durch die neuen Richtlinien und Mechanismen von X sind diese aber mittlerweile deutlich präsenter.

Soziale Medien waren vielleicht mal eine gute Idee, heute sind sie problematisch und gefährlich. Sie sind nicht neutral sondern auf maximale Aufmerksamkeit und somit auf höchstmöglichen Profit optimiert. Algorithmen zeigen gezielt Inhalte, die starke Emotionen auslösen (und die sind leider selten differenziert), und sprechen damit direkt unser Belohnungs- und Nervensystem an.

Ich weiß der Film hat auch einige Kritiker, fasst aber das Problem ganz gut zusammen:
Das Problem ist halt aus diesem System auszusteigen, ist wahnsinnig schwer. Smartphone, nahezu Monopole und eben der Suchteffekt.
 
Ich habe mal mit ICQ angefangen (obwohl das jetzt keine Social-Media-Plattform war), dann hatte ich mal ein StudiVZ-Konto und mySpace war glaub ich auch mal ein Thema. Bei Facebook war ich noch recht lange, habe mich dann aber abgemeldet, weil ich mit nichtssagenden Fotos und Kommentare zugebombt wurde von Personen, welche ich nur flüchtig kannte. Dann kam Twitter (als es noch gut war) und jetzt bin ich bei Instagram, da bin ich aber das nur als Infokanal zu Bands und ähnliches. Posten tu ich nichts.
 
Puh, das ist ein weites Feld...

Ich persönlich habe mich nie so richtig für Facebook und Co. interessiert. Mich hat es genervt, dass meine Mitschüler/ Kommilitonen ständig über ICQ gechattet haben und irgendwelches belangloses Zeug auf Facebook gepostet haben.
Dann ging es mit Instagram weiter und ich konnte wieder nix damit anfangen. Ich verstehe die Art der Kommunikation einfach nicht wirklich. Denn es kommt nie eine wirkliche Diskussion oder ein längeres sinnvolles Gespräch zustande.
Und so wahnsinnig interessant finde ich Urlaubsfotos, Reisestories und Hochzeitstischdeko auch nicht.

Gibt auch sehr viel Interessantes, aber ich lese einfach lieber einzelne online Artikel oder schaue mir eine Doku an.

Zu Foren bin ich als junge Mutter gekommen, weil es mir nicht gut ging und ich Austausch suchte. Neben viel Hilfsbereitschaft und Verständnis habe ich dort aber auch die Schattenseiten kennengelernt. Das kann ein sensibles Gemüt definitiv krank machen.
Deshalb bin ich auch hier eher vorsichtig unterwegs.

Es gibt aber auch positive Dinge, die über Social Media entstehen. Es entwickeln sich reale Freundschaften und Beziehungen. Man kann sich schnell und unkompliziert über Ereignisse im Ort informieren und helfen.
Oder einfach über absurden Quatsch lachen.

Man kann damit definitiv Menschen sehr stark beeinflussen, leider auch sehr negativ. Ich nehme durchaus viel Häme, Gereiztheit, Aggression und Besserwisserei wahr, die dann auch ins Real Life rüberschwappt. Ein Beispiel hierfür war/ist Corona.

Ich glaube nicht, dass das Konzept von Social Media überholt ist. Sicher wird es sich weiterentwickeln. Aber man hat hier eine beispiellose Propagandamaschinerie, die zu eigentlich jedweden Zweck erfolgreich genutzt werden kann. Leider zu oft für Gewalt, Spaltung und Machtanhäufung.


Manchmal denke ich, es wäre besser gewesen, das Internet wäre nie entwickelt worden. Es fühlt sich wie eine unkontrollierbare Welle an, die die anständigen, ruhigen, fair und differenziert denkenden Menschen einfach mit sich reißt und verschlingt.
 
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