Truuine

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Kurz darauf wurde eine übermannshohe Kiste in den Laderaum der „Sternenschweif“ gebracht. Ein älterer Kage in schlichten Gewändern überwachte aufmerksam die Raumhafenarbeiter, die den Hubwagen bedienten. Kanto, der gerade aus seinem privaten Abteil der Fähre kam, trat an den Künstler heran und begrüßte ihn förmlich.

„Sie müssen Zarek Nyr sein. Korin Vesh hat mir bereits von Ihnen erzählt. Ich bin sehr erfreut, dass wir einen so renommierten Künstler für die Gala gewinnen konnten. Wir werden zweieinhalb Tage nach Truuine unterwegs sein. Falls Sie also irgendetwas benötigen, können Sie sich gerne an Frau Nival wenden."

Jetzt, wo alle an Bord waren, begab sich Kanto ins Cockpit und wohnte dem Abflug vom Raumhafen bei. Beim Anblick der grauen Wirbel von Quarzites Atmosphäre, von der sie sich nun immer schneller entfernten, spürte der Kuati, wie ein prickelndes Gefühl der Vorfreude ihn aufstieg. Vorfreude nicht nur auf die Gala, auf intellektuelle Gespräche und eine stilvolle Party. Sondern auch, die Erleichterung, für einige Tage diesem finsteren, steinigen Planeten zu entkommen, der immer nur neue Aufgaben und Schwierigkeiten für ihn bereithielt. Klar, er hatte sich die letzten Monate mit seiner Verantwortung abgefunden und manche Dinge machten sogar Spaß. Vor allem seine eher privaten Projekte, wie zum Beispiel die Vermarktung der „Quarzite Essenz“, von der er ein paar Kisten mit an Bord hatte, um sie auf der Gala unter die Leute zu bringen. Auch der Fortschritt der wirtschaftlichen Projekte waren manchmal befriedigend, aber doch viel zu oft von lästigen Verzögerungen oder gar Sabotage geprägt. Und nun diesen grauen Ball voller Sorgen und Pflichten durch die Transparistahl-Scheiben der „Sternenschweif“ immer kleiner werden zu sehen, ließ sein Herz leichter werden, wo er gar nicht gespürt hatte, was die letzten Wochen auf ihm gelastet hatte.

Ein breites Lächeln stahl sich auf sein Gesicht. Zeit also, etwas Spaß zu haben! Aber ganz so weit war es noch nicht. Er würde die Reise nicht nur nutzen, um seine Schlafreserven aufzufüllen, sondern auch um an seinem privaten Projekt mit der Logistik-Flotte zu arbeiten. Auf der Gala würde auch Gouverneur Theranos Zesh anwesend sein und es würde sich sicher Gelegenheit bieten, ihm von seinen Plänen für dieses gemeinsame Investment zu überzeugen…




~ Zweieinhalb Standardtage später ~​



Die Reisetage auf der „Sternenstaub“ vergingen ereignislos. Kanto hatte genügend Zeit, sich in das Logistik-Projekt einzuarbeiten, gemütlich auszuschlafen und ein zwei Holos zu schauen. Leider waren die übrigen Mitreisenden für Unterhaltung nicht besonders geeignet. Außer ein paar Partien Dejarik mit Mellis Nival gelang es ihm nicht, irgendjemanden zu einem geselligen Zeitvertreib zu verleiten.

Wahrscheinlich lag es daran, dass er Gouverneur und alle anderen an Bord seine Untergebenen waren. Wobei der Kage, Zarek Nyr, so ungesprächig wie seine Kristallskulpturen war und auch Thalia Sassameer, die Ingenieurin von Kuat, hatte offensichtlich keine Lust, sich mehr als nötig mit ihm zu unterhalten.

Kanto seufzte, als er sich von seinem Schreibtisch erhob. Das war wohl das Los, an der Spitze zu stehen. Zumindest an der Spitze des Planeten Quarzite. Aber schon sehr bald würde er sich unter Seinesgleichen mischen können. Er schob den Datenchip mit Unterlagen in die Innentasche seiner Gouverneursuniform und begab sich ins Cockpit, um den Anflug auf Truuine zu beobachten.

Der Planet war eine azurblaue Kugel dekoriert mit weißen Wolkenwirbeln und glitzerndem Eis. In jedem Fall ein schönerer Anblick, als das Grau-in-Grau von Quarzites stürmischer Atmosphäre. Er wusste, dass die interessanten Orte Truuines, allen voran die Hauptstadt Moraband, auf die sie nun Kurs nahmen, sich auf kleinen Inseln befanden, die vom Weltraum aus kaum zu sehen waren. Winzig und weit hinter dem Planeten im All hängend, glitzerte ein Mond. Das musste der Eismond Kyyne sein, auf dem ausgediente Großschiffe ausgeschlachtet wurden. Ein Teil des dort recycelten Phrik wurde im Weltraumaufzug auf Quarzite verbaut. Und über ihnen, viel näher und dadurch größer als Truuine wirkend, prangte der zweite Mond unheilvoll und schlammigrot über ihnen. Naar.

Hinter ihm kündigte das Zischen des Schotts eine weiter Person an, die ins Cockpit trat. Ein unauffälliger Seitenblick offenbarte Thalia Sassameer, die sich wohl auch den Anflug ansehen wollte. Auch sie betrachtete still den Mond Naar, als die „Sternenstaub“ unter ihm vorbei flog.

Kanto drehte den Kopf leicht in ihre Richtung, ohne den Blick von der krankhaft gemusterten Oberfläche des Mondes zu nehmen.
„Das muss der Salzmond Naar sein. Ihr neuer Einsatzort. Sieht spannend aus.“

Die Ingenieurin warf ihm einen „Was Sie nicht sagen“-Blick zu und schwieg. Kanto runzelte missmutig seine Stirn. Das Verhalten dieser Frau war manchmal so abweisend, dass er versucht war, sie disziplinieren zu lassen. Es entstand ein unangenehmes Schweigen, nur durchbrochen von der leisen Kommunikation zwischen den Piloten. Schließlich schien sie sich doch zu einer Antwort durchzuringen.

„Wie Sie sicher wissen, bin ich auf dem Ring aufgewachsen. Meine Ansprüche an natürliche Schönheit sind dementsprechend gering. Naar ist mit Sicherheit nicht der hässlichste Himmelskörper, den ich je gesehen habe.“

Kanto verzog ob des unverhohlenen Sarkasmus unmerklich das Gesicht. Mit „Ring“ war der orbitale Werftkomplex um Kuat gemeint. Nur Familien der Oberschicht Kuats residierten auf der Planetenoberfläche selbst, während der Großteil der Bevölkerung auf dem Ring lebte. Kuati der Mittel- und Unterschicht wie Sassameer war es zwar erlaubt, die Oberfläche zu besuchen und auch die berauschende Schönheit der Natur zu genießen, aber sie konnten sich dort keine Wohnung oder gar Häuser kaufen.
Kanto unterdrücke ein Seufzen. Offensichtlich trug sie ihm ihre Versetzung nach Truuine weiterhin nach. Naja, nicht sein Problem.

Wenige Minuten später befanden sie sich im Landeanflug. Moraband lag in einer breiten Kerbe zwischen zwei vergletscherten Berggipfeln, die eine Insel im Meer bildeten. Man konnte noch nicht von einer großen Stadt sprechen, aber die Pläne von Gouverneur Solaris waren zu erahnen. Ein großer Bereich des Tals und der Bergflanken bis zum Meer hinab hob sich nicht nur durch die vielen Baustellen ab, sondern auch durch das unpassende Grün von Vegetation. Kanto wusste, dass Atmosphäregeneratoren für ein angenehmes Klima in der Stadt sorgten und Pflanzenwachstum überhaupt erst möglich machten.

Beim Anflug auf den Raumhafen erhielten sie eine aufgezeichnete Begrüßungsnachricht von Gouverneur Solaris. Er entschuldigte sich, derzeit noch nicht für einen persönlichen Empfang zu Verfügung zu stehen, hieß sie herzlich auf Truuine und zur Gala willkommen und übermittelte die Details zu ihrer Unterbringung. Kanto war etwas enttäuscht, mit einer Holonachricht abgespeist zu werden. Aber natürlich waren sie bei weitem nicht die wichtigsten Gäste und der Gouverneur hatte sicher gerade alle Hände voll zu tun.

Auf dem Landefeld wurden sie von einem hochrangigen Beamten begrüßt, dessen Namen Kanto sich nicht merken konnte. Er begleitete sie zu einem kleinen, nagelneuen Luxushotel, das so aussah, als wäre es gerade rechtzeitig zur Gala fertig geworden. Es war am Rande des Regierungsviertels und unmittelbar neben dem Landefeld gelegen, von wo aus die Shuttles zu den Gletscherhöhlen der Gala abflogen. Für alle quarziter Gäste war hier ein Flügel reserviert und Kantos Suite ließ tatsächlich nichts zu wünschen übrig. Also begab er sich in Begleitung seiner Kammerdienerin und des Kage Künstlers noch einmal zur „Sternenstaub“ um die Skulptur zu den Kristallhöhlen zu bringen und dort zu installieren. Er wollte die Gelegenheit nutzen, sich vorab einen Überblick über die Lokalität zu verschaffen und vielleicht schon das ein oder andere Gespräch zu führen. Und natürlich wollte er sein privates Interesse daran zeigen, dass die quarziter Kunst auch angemessen präsentiert wurde.



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