[ Innerer Rand / Manaan-Sektor / Truuine-System / Truuine / im Orbit über Truuine / in der Velcrest Odyssee ] Lucien Velcrest
Das sanfte Signal des Navigationssystems erklang nur wenige Augenblicke, bevor die langen bläulich weißen Lichtbahnen vor den Sichtfenstern in sich zusammenfielen und sich innerhalb eines Herzschlags wieder in einzelne Sterne verwandelten. Truuine lag unmittelbar vor ihnen.
Lucien war erst vor kurzem aufgewacht und stand mit einer Tasse Caf in der Hand vor einem der breiten Sichtfenster der Velcrest Odyssee und betrachtete die weißbläuliche Welt, die inzwischen einen beträchtlichen Teil seines Sichtfeldes einnahm. Irgendwo dort unten lagen Moraband, das Praxeum und jene Räume, die man ihm bei seiner ersten Ankunft zur Verfügung gestellt hatte und die er zumindest vorerst wohl wieder sein Zuhause nennen musste. Wobei Zuhause vielleicht ein wenig großzügig formuliert war. Unterkunft traf es besser.
Eine durchaus angenehme Unterkunft selbstverständlich, Ridley hatte ihn schließlich nicht in irgendeiner Kasernenunterkunft zwischen Soldaten und schnarchenden Verwaltungsangestellten einquartiert, dennoch hatte Lucien während des Rückfluges zunehmend Gefallen an dem Gedanken gefunden, sich auf Truuine irgendwann etwas Eigenes zuzulegen.
Eine großzügige Wohnung wäre vermutlich bereits eine deutliche Verbesserung, wobei Lucien diesen Gedanken kaum zu Ende gedacht hatte, bevor daraus in seinem Kopf eine kleinere Villa geworden war. Wenn man schon über eine angemessene Unterkunft nachdachte, musste man schließlich nicht künstlich bescheiden werden. Er nahm einen Schluck Caf und nickte langsam, als hätte er gerade eine ausgesprochen schwierige politische Entscheidung getroffen. „Eine Villa…ja eine Villa wäre vermutlich ausreichend.“, stellte er schließlich fest, wobei ihm durchaus bewusst war, dass außer ihm selbst wahrscheinlich niemand diese Schlussfolgerung für besonders vernünftig halten würde.
Seit seiner ersten Ankunft auf Truuine hatte sich ohnehin erstaunlich viel verändert. Damals hatte er kaum gewusst, was er auf dieser Welt eigentlich sollte. Sein Vater hatte ihn nach Truuine geschickt, Ridley hatte ihm angeboten, zunächst im Praxeum unterzukommen, und Lucien selbst hatte sich im Grunde vorgenommen, die Situation so lange zu ertragen, bis ihm etwas Besseres einfiel. Dann hatte sein Schwager ihn nach Cona geschickt und nun kehrte Lucien von seinem ersten offiziellen und vor allem erfolgreichen Auftrag zurück.
Er hatte einen interplanetaren Handel angestoßen, einen durchaus nützlichen Kontakt in Ban’daar, der Hauptstadt Conas, gewonnen und nebenbei festgestellt, dass diplomatische Arbeit erstaunlich unterhaltsam sein konnte, solange niemand von ihm erwartete, acht Stunden täglich hinter einem Schreibtisch zu sitzen.
Eigentlich war er mit sich ausgesprochen zufrieden und Ridley hoffentlich ebenfalls, auch wenn Lucien inzwischen gerne einmal erfahren hätte, was sein Schwager langfristig überhaupt mit ihm vorhatte. Seit seiner Ankunft hatten sie erstaunlich wenig Zeit miteinander verbracht. Ridley hatte ihn empfangen, ihm beinahe unmittelbar darauf einen Auftrag gegeben und war anschließend wieder irgendwo zwischen Regierungsgeschäften, Sicherheitsfragen, militärischen Angelegenheiten und vermutlich fünfzig anderen Dingen verschwunden, die einen imperialen Gouverneur offenbar davon abhielten, sich ausreichend mit seinen wesentlich interessanteren Familienmitgliedern zu beschäftigen. Lucien konnte ihm daraus kaum einen Vorwurf machen, hielt es aber dennoch für einen Zustand, den man bei Gelegenheit korrigieren sollte.
Vor allem wusste er noch immer nicht, ob Cona lediglich eine Beschäftigung gewesen war, eine Art Prüfung oder tatsächlich der Beginn einer längerfristigen Tätigkeit für die Regierung Truuines. Zu seiner eigenen Überraschung hoffte Lucien inzwischen beinahe auf Letzteres.
Nicht auf Verwaltung, bei der Imperatorin bloß keine stupide einfache Verwaltung. Das wäre schließlich eine geradezu unverantwortliche Verschwendung seiner Person und seiner Talente, die man der Galaxis unmöglich zumuten konnte.
Aber Wirtschaft, Investitionen, Handelsbeziehungen oder Projekte, bei denen er tatsächlich etwas entwickeln und mitgestalten konnte, erschienen ihm plötzlich gar nicht mehr so abschreckend. Cona hatte ihm jedenfalls mehr Spaß gemacht, als er seinem Vater gegenüber jemals freiwillig zugegeben hätte, auch wenn es dort auch die ein oder andere Diskrepanz gegeben hatte.
Lucien nahm einen weiteren Schluck Caf und beschloss, dass beides akzeptable Möglichkeiten waren, solange keine davon mit regelmäßigen Besprechungen am frühen Morgen verbunden war.
Das leise Vibrieren seines Datenpads riss ihn schließlich aus seinen Gedanken. Lucien wandte sich vom Fenster ab, ließ sich auf die breite Sitzbank zurücksinken und nahm das Gerät vom Tisch. Noch immer war darauf das Programm der Gala der Kristallenen Klänge geöffnet, woraufhin sich beinahe augenblicklich ein zufriedenes Lächeln auf seine Lippen legte. Nun kamen sie endlich zu den wirklich wichtigen Angelegenheiten des Tages.
Die endgültige Veranstaltungsübersicht war inzwischen vollständig freigeschaltet worden und fiel noch umfangreicher aus als jene Fassung, die er während des Rückfluges gelesen hatte. Lucien überflog zunächst die einleitenden Informationen über die Gesellschaft zur Förderung der schönen Künste und imperialen Kultur, deren Galas offenbar zu den angesehensten kulturellen Veranstaltungen des Imperiums gehörten. Nur eine Handvoll davon fand jährlich statt, Bastion beherbergte traditionell die große Hauptgala, während die übrigen Austragungen bewusst zwischen ausgewählten imperialen Welten wechselten und Kunst, Architektur, Musik, Literatur, Wissenschaft, Handwerk und gesellschaftliches Leben miteinander verbinden sollten.
Das klang durchaus vielversprechend.
Die Wahl Truuines wurde mit der Absicht begründet, gerade in Zeiten großer militärischer Konflikte auch abgelegenere Welten stärker in den kulturellen Mittelpunkt des Imperiums zu rücken und damit zu zeigen, dass zivilisatorischer Fortschritt nicht ausschließlich auf den großen Kernwelten stattfand. Ein erheblicher Teil der während der Veranstaltung erwirtschafteten Einnahmen sollte anschließend auf der Gastgeberwelt verbleiben und dort Restaurierungen, Forschungsprojekte, kulturelle Einrichtungen sowie den Erhalt historischer Bauwerke und öffentlicher Anlagen finanzieren.
Lucien hielt beim Lesen kurz inne. Das wiederum war tatsächlich interessant. Im Grunde kaufte sich Truuine mit einer einzigen Großveranstaltung nicht nur Aufmerksamkeit weit über den eigenen Sektor hinaus, sondern erhielt gleichzeitig Besucher, Investitionen und Mittel für langfristige Projekte. Seien es nun Hotels, Gastronomie, Transport, Luxuswaren, neue Unternehmen oder Fabriken, Dienstleistungen und all jene Gäste, die vermutlich nicht ausschließlich auf dem Veranstaltungsgelände Geld ausgaben, dürften der Region zusätzlich einiges einbringen.
„Nicht schlecht.“, murmelte Lucien anerkennend und nahm einen Schluck Caf. „Man lockt tausende wohlhabende Menschen auf einen Gletscher, lässt sie dort ihr Geld ausgeben und nennt es anschließend Kulturförderung. Das respektiere Ich.“
Er bemerkte erst einige Augenblicke später, dass er bereits wieder begonnen hatte, über Einnahmen, Investitionen und mögliche Folgeeffekte nachzudenken, und schüttelte leicht seinen Kopf. Vor einigen Wochen hätte ihn allein diese Entwicklung vermutlich beunruhigt.
Der Veranstaltungsort selbst nahm einen erheblichen Teil der Beschreibung ein. Moraband lag eingebettet zwischen zwei gewaltigen Gletschermassiven, und in einem davon befand sich nur wenige Flugminuten von der Hauptstadt entfernt jenes weitläufige System natürlicher Höhlen und Kristallformationen, das für die Gala erschlossen worden war. Plattformen, Galerien, Brücken, Terrassen und Veranstaltungsräume verbanden die einzelnen Bereiche miteinander, ohne den ursprünglichen Charakter des Gletschers vollständig zu verdrängen. Besonders die natürlichen Kristallformationen, deren feine Strukturen beim Berühren oder Anschlagen helle, beinahe schwebende Klänge erzeugten und der Gala ihren Namen gegeben hatten, wollte Lucien unbedingt selbst erleben.
Danach folgte eine ausführliche Erklärung der verschiedenen Zugangsbereiche. Der öffentliche Bereich umfasste große Teile des Außengeländes sowie einige der äußeren Höhlen und bot Pavillons, gastronomische Angebote, kleinere Ausstellungen, Skulpturengärten und erste musikalische Darbietungen. Das klang zunächst nach einer durchaus angenehmen Möglichkeit, den Vormittag zu verbringen. Beim Geschichtsprogramm sank seine Begeisterung bereits merklich, und spätestens als darauf mehrere Einführungsvorträge und geführte kulturhistorische Rundgänge für größere Besuchergruppen folgten, verzog Lucien leicht das Gesicht.
„Meh...“, kommentierte er wenig beeindruckt und scrollte weiter. Er hatte nichts gegen Geschichte, ganz im Gegenteil, aber wenn er sich zwischen einer zweistündigen Gruppenführung und einem Glas guten Weines entscheiden musste, sollte niemand behaupten, die Entscheidung wäre besonders schwierig.
Kurz darauf stieß er auf einen zweistündigen Vortrag über traditionelle Restaurierungstechniken historischer Skulpturen. Lucien betrachtete den Eintrag einige Sekunden und stellte mit einer gewissen Bewunderung fest, dass offenbar tatsächlich jemand zwei volle Stunden Material zu diesem Thema vorbereitet hatte. „Ich bin sicher, irgendjemand hat sein gesamtes Leben auf diesen Moment hingearbeitet.“, sagte er ernst zu sich selbst, während sein Finger bereits zum nächsten Programmpunkt wanderte. „Ich möchte ihm diese Aufmerksamkeit wirklich nicht wegnehmen und werde es mit vollster Motivation verpassen.“ Dann zuckte er belustigt mit den Schultern und schüttelte leicht seinen Kopf
Der eigentliche Galabereich war dagegen wesentlich vielversprechender. Gegen Mittag sollten sich die Tore zum Inneren des Gletschers öffnen und den Zugang zu den großen Ausstellungshöhlen, Empfangsräumen, Bars und Lounges freigeben. Besonders lange blieb Lucien bei der Darstellung jener gewaltigen natürlichen Kaverne hängen, durch die sich eine breite, beinahe gläsern wirkende Eisbrücke spannte. In ihrer Mitte befand sich eine großzügige Plattform mit mehreren Bars und Begegnungsbereichen, während von dort weitere Brücken in unterschiedliche Richtungen tiefer in das Höhlensystem führten.
„Oh, das gefällt mir.“, stellte Lucien anerkennend fest und vergrößerte die Darstellung.
Von dort aus verteilten sich die einzelnen Ausstellungsbereiche über dutzende kleinere und größere Höhlen. Manche waren beinahe vollständig naturbelassen, andere durch Galerien, freitragende Plattformen oder in das Eis eingelassene Veranstaltungsräume erweitert worden. Zwischen ihnen lagen kleinere Bibliotheken, Lesesalons, Bars und ruhige Terrassen, von denen aus sich der Blick über die verschneite Landschaft Truuines öffnen sollte. Mehrere natürliche warme Quellen waren ebenfalls in die Anlage integriert worden und verfügten über eigene Umkleiden, Ruheräume und abgeschirmte Bereiche für die Galagäste.
Lucien las den entsprechenden Absatz ein zweites Mal und setzte die Quellen anschließend ohne weitere Überlegung auf seine persönliche Liste. „Warme Quellen mitten in einem Gletscher.“, murmelte er zufrieden. „Das hingegen ist Kultur, mit der ich arbeiten kann.“
Seine persönliche Planung wurde ohnehin zunehmend problematisch. Architektur und Innenraumgestaltung interessierten ihn schon von sich aus, dazu kamen Kristallkünstler, Juweliere, Instrumentenbauer, Schneider, Designer und mehrere Hersteller luxuriöser Raumyachten. Bei Letzteren verweilte Lucien verdächtig lange, erinnerte sich dann allerdings daran, dass er bereits ein ausgesprochen schönes Schiff besaß und selbst seine Definition einer vernünftigen Anschaffung irgendwo Grenzen haben musste.
Diese Erkenntnis hielt allerdings nur bis zum nächsten Eintrag.
Veyronis Motive.
Lucien seufzte leise. Die corellianische Swoop-Manufaktur hatte er bereits während des Abfluges von Cona entdeckt, und bedauerlicherweise sahen die abgebildeten Maschinen am Morgen noch genauso gut aus wie am Vorabend. Er brauchte kein neues Swoop-Bike.
„Nur ansehen.“, erklärte Lucien seinem Datenpad mit jener Ernsthaftigkeit, mit der andere Menschen vermutlich finanzielle Verpflichtungen eingingen. „Ich werde mir lediglich ansehen, was sie anbieten. Das ist schließlich noch kein Kauf.“
Technisch gesehen stimmte das sogar.
Wenige Einträge später folgte Maison Orvellan aus Adascopolis, dessen Stand selbstverständlich ebenfalls besucht werden musste und wenn eine derart renommierte Manufaktur mehrere Lichtjahre weit reiste, um ihre Arbeiten beinahe vor seiner Haustür zu präsentieren, wäre es ausgesprochen unhöflich gewesen, nicht zumindest vorbeizusehen. Lucien war schließlich vieles, aber nicht unhöflich. Zumindest nicht absichtlich und auch nicht besonders häufig.
Zwischen den weiteren Programmpunkten fanden sich Literaturveranstaltungen, historische Lesungen und philosophische Diskussionsrunden. Eine Podiumsdiskussion über die gesellschaftliche Verantwortung imperialer Kunstschaffender erschien ihm zumindest potentiell interessant, während eine dreistündige Lesung aus einem neu veröffentlichten historischen Epos seine Aufmerksamkeit deutlich weniger lange halten konnte.
Besonders gespannt war er weiterhin auf die eigentliche Klangkunst. Mehrere Künstler nutzten natürliche Kristallformationen, Resonanzkörper und kontrollierte Schwingungen, um ganze Räume zu gestalten, deren Klang sich abhängig von der Position und Bewegung der Besucher veränderte. Einige Installationen reagierten sogar auf die Anzahl der anwesenden Personen und erzeugten dadurch niemals exakt dieselbe Klangfolge zweimal. Lucien wusste nicht, ob er das am Ende tatsächlich gut finden würde, doch ungewöhnlich war es zweifellos, und ungewöhnliche Dinge waren beinahe immer zumindest einen Blick wert.
Schließlich erreichte er die Informationen zum Gesellschaftsbereich, der Mitgliedern der Gesellschaft, ihren persönlichen Gästen sowie ausgewählten Würdenträgern und hochrangigen imperialen Vertretern vorbehalten blieb. Dort befanden sich private Salons, geschlossene Empfänge, exklusive Versteigerungen und kleinere Präsentationen, die bewusst nur einem begrenzten Kreis zugänglich waren. Lucien betrachtete den Hinweis auf die Zugangsbeschränkung einen Moment lang nachdenklich.
Er war sich nicht sicher, ob seine familiäre Verbindung zum Gouverneur automatisch ausreichen würde, um dort hineinzukommen. Andererseits war er Lucien Aurelian Cassian Velcrest und Vicomte von Aurentis, und Probleme dieser Art hatten in seinem bisherigen Leben die erfreuliche Angewohnheit, sich nach einem freundlichen Gespräch überraschend häufig aufzulösen. Er würde es also einfach herausfinden.
Wesentlich unkomplizierter erschien ihm ein zusätzlicher exklusiver Bereich innerhalb des regulären Galabereichs, der nichts mit einer Mitgliedschaft in der Gesellschaft zu tun hatte. Gegen einen durchaus beachtlichen Aufpreis konnten akkreditierte Galagäste Zugang zu mehreren kleineren Salons und Veranstaltungsräumen erwerben, in denen über das Wochenende hinweg private Verkostungen, besondere Präsentationen, Modeschauen, Auktionen und verschiedene Abendveranstaltungen mit begrenzter Teilnehmerzahl stattfanden.
Der Aufpreis störte Lucien nicht. Genau genommen machte er die Sache beinahe sympathischer.
Eine geschlossene Verkostung mehrerer renommierter Wein- und Spirituosenhäuser wanderte unmittelbar auf seine Merkliste, ebenso eine kleinere Präsentation experimenteller Herrenmode, die zumindest interessant genug klang, um ihr eine Chance zu geben. Bei einer exklusiven Vorführung eines bekannten Juweliers blieb er ebenfalls hängen, während er eine geschlossene Auktion zeitgenössischer Kunst vorsichtshalber nur vormerkte. Lucien kannte sich gut genug, um zu wissen, dass Auktionen und sein Konto eine gelegentlich ausgesprochen ungesunde Beziehung zueinander pflegten.
Dann blieb sein Blick an einem Namen hängen.
VELVET HORIZON.
Lucien öffnete die Beschreibung und las sie vollständig durch. Eine spezielle Abendveranstaltung sollte Musik, Tanz, Lichtkunst und aufwendig inszenierte burlesque Darbietungen miteinander verbinden. Mehrere Acts würden sich über den Abend hinweg abwechseln, während zwischen den Darbietungen Getränke serviert sowie Speisen gereicht wurden und der Salon anschließend für einen privaten Empfang geöffnet blieb.
Lucien überprüfte die Uhrzeit, warf einen Blick auf den Preis der zusätzlichen Akkreditierung und las anschließend vorsichtshalber noch einmal den Teil über den privaten Empfang. Nichts davon schien seine Begeisterung zu mindern. Im Gegenteil breitete sich langsam ein ausgesprochen zufriedenes Grinsen auf seinem Gesicht aus.
„Nun, ich sehe hier eigentlich keine Alternative.“, stellte er fest und buchte die zusätzliche Akkreditierung unmittelbar über sein Datenpad. „Ich bin schließlich dienstlich auf Truuine. Es wäre geradezu respektlos gegenüber der lokalen Kultur, wenn ich mich nicht umfassend informiere.“
Damit war die Angelegenheit für ihn geklärt. Sollte Ridley irgendwann fragen, würde Lucien selbstverständlich genau diese Erklärung verwenden. Ob sein Schwager sie glaubte, war letztlich dessen Problem.
Das Programm für den ersten Tag füllte sich jedenfalls zunehmend. Am Vormittag konnte er zumindest einen Teil des öffentlichen Außenbereichs besuchen, gegen Mittag die großen inneren Hallen erkunden und anschließend einige der vorgemerkten Aussteller aufsuchen. Irgendwo dazwischen sollte er etwas essen, möglicherweise die warmen Quellen ausprobieren und am Abend standen Empfänge, Aufführungen und schließlich VELVET HORIZON auf dem Programm.
Außerdem musste er Ridley sprechen.
Lucien betrachtete seine persönliche Planung und stellte fest, dass dieser Punkt tatsächlich weiter unten stand als VELVET HORIZON. Das wirkte selbst für seine Verhältnisse ein wenig respektlos, weshalb er den Eintrag kurzerhand nach oben verschob. „Prioritäten muss man schließlich setzen können.“, erklärte er zufrieden, nachdem sein Schwager nun wieder einen angemessenen Platz in der Tagesplanung einnahm.
Vielleicht würde sich das Gespräch ohnehin auf der Gala ergeben. Als Gouverneur der Gastgeberwelt dürfte Ridley dort zwangsläufig erscheinen, sofern nicht wieder irgendeine Katastrophe beschloss, seine Aufmerksamkeit für sich zu beanspruchen. Lucien hoffte tatsächlich, diesmal etwas länger mit ihm sprechen zu können. Er wollte wissen, wie Ridley seinen Einsatz auf Cona bewertete, ob bereits jemand die übermittelten Daten prüfte und vor allem, was als Nächstes vorgesehen war.
Der Gedanke störte ihn überraschend wenig. Im Gegenteil gefiel ihm zunehmend die Vorstellung, einmal für etwas verantwortlich zu sein, das tatsächlich ihm gehörte und nicht bereits seit seiner Kindheit einem seiner Brüder zugedacht worden war. Natürlich würde Lucien diesen Gedanken niemals derart pathetisch gegenüber Ridley formulieren. Wahrscheinlich würde er einfach fragen, wann sein nächster Auftrag begann, und dabei so tun, als wäre es ihm vollkommen gleichgültig.
Ein Signal über die Bordlautsprecher unterbrach seine Überlegungen, ehe die Stimme des Kapitäns aus dem Kommunikationssystem erklang. „Lord Velcrest? Wir haben die Freigabe der orbitalen Kontrolle erhalten. Atmosphäreneintritt in wenigen Minuten. Voraussichtliche Landung in Moraband in dreißig Minuten.“
Lucien blickte auf und stellte seine inzwischen beinahe leere Tasse auf dem Tisch ab. „Ausgezeichnet. Danke, Captain.“, antwortete er, erhob sich und trat wieder an eines der breiten Sichtfenster.
Die Velcrest Odyssee begann kurz darauf, sich auf den vorgesehenen Eintrittskorridor auszurichten. Truuine füllte nahezu das gesamte Sichtfeld aus, ehe die ersten Ausläufer der Atmosphäre den Blick für einige Minuten hinter einem hellen Schimmer verschwinden ließen. Ein Anblick, den Lucien lächeln ließ.
Heute begann eine der bedeutendsten kulturellen Veranstaltungen des Imperiums praktisch vor seiner Haustür. Kunst, Musik, Architektur, Geschäftsleute, Adel, imperiale Würdenträger, ausgezeichnete Getränke und vermutlich eine vollkommen unverantwortliche Anzahl attraktiver Frauen warteten wenige Flugminuten entfernt auf ihn.
Vielleicht hatte sein Vater mit der Entscheidung, ihn nach Truuine zu schicken, am Ende tatsächlich etwas richtig gemacht.
Lucien verzog unmittelbar das Gesicht.
„Nein…..nein, so weit wollen wir jetzt nicht gehen.“, murmelte er und wandte seinen Blick wieder Moraband zu.
Die Velcrest Odyssee drehte langsam über dem Raumhafen ein. Unter ihnen glitten Hangars, Landefelder und abgestellte Maschinen vorbei, bis das Schiff über der zugewiesenen Plattform zum Stillstand kam und kontrolliert zu sinken begann. Wenig später berührte das Fahrwerk den Boden, ein leichtes Zittern ging durch den Rumpf und das tiefe Dröhnen der Triebwerke verlor sich nach und nach zu einem gedämpften Summen.
Zufrieden steckte Lucien das Datenpad ein und machte sich auf den Weg zur Rampe. Wenige Augenblicke später öffnete sich das Schott, die Rampe der Velcrest Odyssee senkte sich und die kalte Morgenluft Truuines strömte ihm entgegen. Lucien zog den Mantel etwas enger um sich und trat hinaus auf die Landeplattform.
Lucien blieb für einen Moment auf der Rampe stehen, atmete die kalte Luft ein und ließ seinen Blick über den morgendlichen Raumhafen wandern. Seine erste Mission war erledigt, der Tag war noch jung und für die nächsten Stunden hatte er trotz seiner inzwischen erstaunlich umfangreichen Planung nicht die geringste Ahnung, was tatsächlich passieren würde.
Ein erwartungsvolles Lächeln erschien auf seinem Gesicht.
Erfahrungsgemäß war genau das der Punkt, an dem sein Leben interessant wurde.
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