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Ein Sommer in Italien - WM 1990 (2026)
Ich war in jenem Sommer 18. Wahrscheinlich habe ich nie wieder eine Weltmeisterschaft so intensiv verfolgt wie diese. Es war genau das richtige Alter, in dem Fußball plötzlich mehr ist als nur ein Spiel, und gleichzeitig lag über allem dieses schwer zu beschreibende Gefühl von Aufbruch. Nur ausgerechnet das Spiel gegen die Niederlande habe ich nie wirklich gesehen. Ich war auf Kursfahrt in Paris, zehn Tage unterwegs, und stand während des Spiels vor einem völlig überfüllten Café. Drinnen lief der Fernseher, draußen drängten sich die Leute vor den Scheiben. Man sah Fetzen, Bewegungen, Jubel oder Aufregung, aber kein klares Spiel. Vielleicht passt es ganz gut, dass gerade dieses Spiel für mich bis heute etwas Unfertiges behalten hat.

Ein Sommer in Italien trifft diesen Ton erstaunlich genau. Der Film verzichtet darauf, die WM 1990 noch einmal künstlich aufzublasen oder in eine große Heldenerzählung zu pressen. Stattdessen bleibt er nah an den Spielern, an ihren Erinnerungen und an den kleinen Momenten, die sich oft stärker einprägen als jedes Tor. Er interessiert sich weniger für das Turnier selbst als für das, was zwischen den Spielen passiert ist.

Am Anfang passiert entsprechend wenig. Comer See, Sonne, Gelächter, viel Leichtigkeit. Das wirkt stellenweise eher wie ein Urlaubsfilm als wie eine klassische Sportdokumentation. Die Spieler erzählen von Bootsfahrten, von Spaghetti, von kleinen Abenteuern, und man merkt schnell, dass es hier nicht um taktische Analysen geht, sondern um ein Lebensgefühl. Gerade diese Zurückhaltung macht den Film sympathisch, auch wenn er sich damit Zeit lässt.

Entscheidend dafür ist das alte Videomaterial. Es ist wackelig, unsauber, manchmal fast belanglos, aber genau dadurch entsteht eine Nähe, die man aus heutigen Produktionen kaum noch kennt. Man hat nicht das Gefühl, dass hier etwas inszeniert wird. Stattdessen schaut man einer Mannschaft zu, die noch nicht wusste, wie sehr diese Wochen einmal verklärt werden würden.

Der Film bleibt konsequent bei dieser Innensicht. Es gibt keine Experten, keine große Einordnung, keine Stimme, die erklärt, wie alles zu verstehen ist. Gleichzeitig merkt man aber auch, dass hier vor allem erinnert wird und weniger hinterfragt. Konflikte oder Spannungen kommen kaum vor, das Bild dieser Mannschaft wirkt sehr geschlossen.

Mit dem Fortschreiten des Turniers verändert sich der Ton. Die Leichtigkeit tritt etwas zurück, der Druck wird spürbar, und auch Franz Beckenbauer bekommt mehr Kontur. Er erscheint nicht nur als lockerer Motivator, sondern als jemand, der klare Erwartungen hatte und diese auch deutlich formulierte.

Besonders stark ist er immer dann, wenn die Erinnerung nicht nur warm, sondern auch schmerzhaft wird. Wenn über Andreas Brehme gesprochen wird, etwa, dann ist das keine inszenierte Rührung. Da bricht etwas durch. Genau in diesen Szenen verlässt der Film die reine Nostalgie und wird wirklich berührend.

Am Ende ist Ein Sommer in Italien eine sehr persönliche Erinnerung. Für jemanden, der damals 18 war, trifft der Film erstaunlich oft genau das Gefühl dieser Wochen. Und vielleicht ist das mehr, als viele durchgeplante Sportdokus überhaupt erreichen.
 
Nouvelle Vague
Der Blick auf die Entstehung von Außer Atem fühlt sich überraschend lebendig an, fast so, als würde man selbst mit am Set stehen, irgendwo zwischen Zigarettenrauch, überdrehten Ideen und dem ständigen Gefühl, dass hier gerade etwas Bedeutendes passiert, auch wenn noch niemand so genau weiß, was.

Im Zentrum steht Jean-Luc Godard, gespielt von Guillaume Marbeck, als jemand, der unbedingt einen Film machen will, und zwar nicht irgendeinen. Während seine Freunde längst angefangen haben, ihre eigenen Werke zu drehen, hängt er noch fest, irgendwo zwischen Filmkritik und Größenfantasien. Diese Mischung aus Ehrgeiz, Frust und Glauben an die eigene Vision macht ihn zu einer ebenso interessanten wie anstrengenden Figur. Man schaut ihm gerne zu, auch wenn man ihn im echten Leben wahrscheinlich nach ein paar Stunden nicht mehr ertragen würde.

Der Film nimmt sich viel Zeit für diese Widersprüche. Godard ist hier einer, der ständig redet, zitiert, provoziert und dabei manchmal selbst nicht genau zu wissen scheint, wohin das alles führen soll.

Und dann ist da dieser Dreh. Kaum etwas läuft so, wie es sollte. Kein richtiges Drehbuch, spontane Entscheidungen, ein Regisseur, der Szenen verwirft, bevor sie überhaupt richtig begonnen haben. Für die Beteiligten ist das oft schlicht Wahnsinn. Für uns Zuschauer hingegen ist es sehr unterhaltsam.

Besonders schön ist, dass der Film dabei nie in Ehrfurcht erstarrt. Er nimmt es nicht zu ernst. Immer wieder blitzt Humor auf, oft ganz beiläufig. Wenn Godard mal wieder eine seiner großen Thesen raushaut oder das Team mit einer neuen Idee überrumpelt, dann hat das etwas leicht Absurdes, und genau darin liegt der Reiz.

Auch die Nebenfiguren tragen viel dazu bei. Zoey Deutch als Jean Seberg bringt eine angenehme Erdung in das Ganze. Ihre Skepsis gegenüber diesem eigenwilligen Regisseur wirkt vollkommen nachvollziehbar. Und Aubry Dullin als Belmondo hat genau diese lässige Energie, die man mit dem späteren Star verbindet, als würde er schon ahnen, dass hier etwas Großes entsteht.

Was den Film am Ende unterhaltsam macht, ist diese Mischung aus Leichtigkeit und Leidenschaft. Er will kein Denkmal errichten, sondern eher zeigen, wie solche Denkmäler überhaupt entstehen, nämlich selten geplant, oft chaotisch und fast immer gegen Widerstände. Dass dabei einer der einflussreichsten Filme der Geschichte herauskommt, wirkt im Rückblick fast wie ein Zufall.
 
Blue Moon
Im Grunde sitzt man die meiste Zeit mit einem Mann in einer Bar und hört ihm zu. Das klingt erstmal trocken. Und ja, das ist es zwischendurch auch.

Die Handlung spielt an einem Abend im Jahr 1943, in Echtzeit. Während draußen alle den Erfolg des Musicals Oklahoma! feiern, sitzt Lorenz Hart drinnen und merkt, dass er nicht mehr dazugehört. Früher war er Teil dieses Erfolgs, jetzt ist er eher eine Randfigur. Viel mehr passiert auf der Handlungsebene eigentlich nicht.

Ethan Hawke trägt das Ganze fast allein. Er redet ununterbrochen. Ein Satz folgt auf den nächsten, oft clever, oft witzig, manchmal auch ziemlich anstrengend. Anfangs beeindruckt mich das, später wirkt es fast wie ein Zustand, aus dem es kein Entkommen gibt. Irgendwann habe ich das Gefühl, dass dieses permanente Reden weniger Souveränität zeigt als vielmehr eine Art Schutz ist. Bloß nicht still werden.

Interessant wird es für mich immer dann, wenn diese Fassade kurz brüchig wird. Wenn hinter den klugen Sätzen etwas anderes durchscheint. Dann blitzt für einen Moment so etwas wie Verletzlichkeit auf.

Ganz warm werde ich mit der Figur trotzdem nicht. Dafür ist sie mir zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Und auch der Film hält mich auf Distanz. Es bleibt für mich offen, ob hier jemand entlarvt oder doch eher bewundert wird.

Die Inszenierung ist schlicht. Kein Ortswechsel, wenig Bewegung, viele Gespräche. Das Ganze hat etwas von einem Kammerspiel.

Und es gibt diese Momente, in denen sich der Film für mich zieht. Wenn ein Gedanke noch einmal durchgekaut wird, wenn sich Gespräche im Kreis drehen, merke ich, wie ich auf die Uhr schaue.

Inhaltlich steckt einiges drin. Es geht um Kunst und Eitelkeit, um Erfolg und das Gefühl, abgehängt zu werden, um Einsamkeit und Selbsttäuschung. Vieles wird angerissen, aber nicht immer weitergeführt. Nebenfiguren tauchen auf und verschwinden wieder, oft ohne wirklich Kontur zu bekommen.

Manche Szenen finde ich richtig stark. Da greifen Dialog, Timing und Schauspiel perfekt ineinander. Andere verlieren sich etwas. Insgesamt wirkt der Film auf mich nicht ganz geschlossen, eher wie eine Reihe von Momenten, die unterschiedlich gut funktionieren.

Am Ende bleibt für mich ein Film, der intelligent und sorgfältig gemacht ist, mich emotional aber nicht immer erreicht. Es interessiert mich, ohne mich wirklich zu packen, und bewundert seine eigene Sprache vielleicht ein wenig zu sehr. Wenn man Freude an dichten Dialogen und konzentrierten Figurenstudien hat, kann das durchaus reizvoll sein. Wer hingegen mehr Bewegung, mehr Dynamik oder einfach ein stärkeres Gefühl von erzählerischem Fluss erwartet, wird sich vermutlich, so wie ich, ein Stück weit auf Distanz gehalten fühlen.
 
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