Zuletzt gekaufter/gesehener Film - Allgemeiner Filmthread

Ein Sommer in Italien - WM 1990 (2026)
Ich war in jenem Sommer 18. Wahrscheinlich habe ich nie wieder eine Weltmeisterschaft so intensiv verfolgt wie diese. Es war genau das richtige Alter, in dem Fußball plötzlich mehr ist als nur ein Spiel, und gleichzeitig lag über allem dieses schwer zu beschreibende Gefühl von Aufbruch. Nur ausgerechnet das Spiel gegen die Niederlande habe ich nie wirklich gesehen. Ich war auf Kursfahrt in Paris, zehn Tage unterwegs, und stand während des Spiels vor einem völlig überfüllten Café. Drinnen lief der Fernseher, draußen drängten sich die Leute vor den Scheiben. Man sah Fetzen, Bewegungen, Jubel oder Aufregung, aber kein klares Spiel. Vielleicht passt es ganz gut, dass gerade dieses Spiel für mich bis heute etwas Unfertiges behalten hat.

Ein Sommer in Italien trifft diesen Ton erstaunlich genau. Der Film verzichtet darauf, die WM 1990 noch einmal künstlich aufzublasen oder in eine große Heldenerzählung zu pressen. Stattdessen bleibt er nah an den Spielern, an ihren Erinnerungen und an den kleinen Momenten, die sich oft stärker einprägen als jedes Tor. Er interessiert sich weniger für das Turnier selbst als für das, was zwischen den Spielen passiert ist.

Am Anfang passiert entsprechend wenig. Comer See, Sonne, Gelächter, viel Leichtigkeit. Das wirkt stellenweise eher wie ein Urlaubsfilm als wie eine klassische Sportdokumentation. Die Spieler erzählen von Bootsfahrten, von Spaghetti, von kleinen Abenteuern, und man merkt schnell, dass es hier nicht um taktische Analysen geht, sondern um ein Lebensgefühl. Gerade diese Zurückhaltung macht den Film sympathisch, auch wenn er sich damit Zeit lässt.

Entscheidend dafür ist das alte Videomaterial. Es ist wackelig, unsauber, manchmal fast belanglos, aber genau dadurch entsteht eine Nähe, die man aus heutigen Produktionen kaum noch kennt. Man hat nicht das Gefühl, dass hier etwas inszeniert wird. Stattdessen schaut man einer Mannschaft zu, die noch nicht wusste, wie sehr diese Wochen einmal verklärt werden würden.

Der Film bleibt konsequent bei dieser Innensicht. Es gibt keine Experten, keine große Einordnung, keine Stimme, die erklärt, wie alles zu verstehen ist. Gleichzeitig merkt man aber auch, dass hier vor allem erinnert wird und weniger hinterfragt. Konflikte oder Spannungen kommen kaum vor, das Bild dieser Mannschaft wirkt sehr geschlossen.

Mit dem Fortschreiten des Turniers verändert sich der Ton. Die Leichtigkeit tritt etwas zurück, der Druck wird spürbar, und auch Franz Beckenbauer bekommt mehr Kontur. Er erscheint nicht nur als lockerer Motivator, sondern als jemand, der klare Erwartungen hatte und diese auch deutlich formulierte.

Besonders stark ist er immer dann, wenn die Erinnerung nicht nur warm, sondern auch schmerzhaft wird. Wenn über Andreas Brehme gesprochen wird, etwa, dann ist das keine inszenierte Rührung. Da bricht etwas durch. Genau in diesen Szenen verlässt der Film die reine Nostalgie und wird wirklich berührend.

Am Ende ist Ein Sommer in Italien eine sehr persönliche Erinnerung. Für jemanden, der damals 18 war, trifft der Film erstaunlich oft genau das Gefühl dieser Wochen. Und vielleicht ist das mehr, als viele durchgeplante Sportdokus überhaupt erreichen.
 
Nouvelle Vague
Der Blick auf die Entstehung von Außer Atem fühlt sich überraschend lebendig an, fast so, als würde man selbst mit am Set stehen, irgendwo zwischen Zigarettenrauch, überdrehten Ideen und dem ständigen Gefühl, dass hier gerade etwas Bedeutendes passiert, auch wenn noch niemand so genau weiß, was.

Im Zentrum steht Jean-Luc Godard, gespielt von Guillaume Marbeck, als jemand, der unbedingt einen Film machen will, und zwar nicht irgendeinen. Während seine Freunde längst angefangen haben, ihre eigenen Werke zu drehen, hängt er noch fest, irgendwo zwischen Filmkritik und Größenfantasien. Diese Mischung aus Ehrgeiz, Frust und Glauben an die eigene Vision macht ihn zu einer ebenso interessanten wie anstrengenden Figur. Man schaut ihm gerne zu, auch wenn man ihn im echten Leben wahrscheinlich nach ein paar Stunden nicht mehr ertragen würde.

Der Film nimmt sich viel Zeit für diese Widersprüche. Godard ist hier einer, der ständig redet, zitiert, provoziert und dabei manchmal selbst nicht genau zu wissen scheint, wohin das alles führen soll.

Und dann ist da dieser Dreh. Kaum etwas läuft so, wie es sollte. Kein richtiges Drehbuch, spontane Entscheidungen, ein Regisseur, der Szenen verwirft, bevor sie überhaupt richtig begonnen haben. Für die Beteiligten ist das oft schlicht Wahnsinn. Für uns Zuschauer hingegen ist es sehr unterhaltsam.

Besonders schön ist, dass der Film dabei nie in Ehrfurcht erstarrt. Er nimmt es nicht zu ernst. Immer wieder blitzt Humor auf, oft ganz beiläufig. Wenn Godard mal wieder eine seiner großen Thesen raushaut oder das Team mit einer neuen Idee überrumpelt, dann hat das etwas leicht Absurdes, und genau darin liegt der Reiz.

Auch die Nebenfiguren tragen viel dazu bei. Zoey Deutch als Jean Seberg bringt eine angenehme Erdung in das Ganze. Ihre Skepsis gegenüber diesem eigenwilligen Regisseur wirkt vollkommen nachvollziehbar. Und Aubry Dullin als Belmondo hat genau diese lässige Energie, die man mit dem späteren Star verbindet, als würde er schon ahnen, dass hier etwas Großes entsteht.

Was den Film am Ende unterhaltsam macht, ist diese Mischung aus Leichtigkeit und Leidenschaft. Er will kein Denkmal errichten, sondern eher zeigen, wie solche Denkmäler überhaupt entstehen, nämlich selten geplant, oft chaotisch und fast immer gegen Widerstände. Dass dabei einer der einflussreichsten Filme der Geschichte herauskommt, wirkt im Rückblick fast wie ein Zufall.
 
Blue Moon
Im Grunde sitzt man die meiste Zeit mit einem Mann in einer Bar und hört ihm zu. Das klingt erstmal trocken. Und ja, das ist es zwischendurch auch.

Die Handlung spielt an einem Abend im Jahr 1943, in Echtzeit. Während draußen alle den Erfolg des Musicals Oklahoma! feiern, sitzt Lorenz Hart drinnen und merkt, dass er nicht mehr dazugehört. Früher war er Teil dieses Erfolgs, jetzt ist er eher eine Randfigur. Viel mehr passiert auf der Handlungsebene eigentlich nicht.

Ethan Hawke trägt das Ganze fast allein. Er redet ununterbrochen. Ein Satz folgt auf den nächsten, oft clever, oft witzig, manchmal auch ziemlich anstrengend. Anfangs beeindruckt mich das, später wirkt es fast wie ein Zustand, aus dem es kein Entkommen gibt. Irgendwann habe ich das Gefühl, dass dieses permanente Reden weniger Souveränität zeigt als vielmehr eine Art Schutz ist. Bloß nicht still werden.

Interessant wird es für mich immer dann, wenn diese Fassade kurz brüchig wird. Wenn hinter den klugen Sätzen etwas anderes durchscheint. Dann blitzt für einen Moment so etwas wie Verletzlichkeit auf.

Ganz warm werde ich mit der Figur trotzdem nicht. Dafür ist sie mir zu sehr mit sich selbst beschäftigt. Und auch der Film hält mich auf Distanz. Es bleibt für mich offen, ob hier jemand entlarvt oder doch eher bewundert wird.

Die Inszenierung ist schlicht. Kein Ortswechsel, wenig Bewegung, viele Gespräche. Das Ganze hat etwas von einem Kammerspiel.

Und es gibt diese Momente, in denen sich der Film für mich zieht. Wenn ein Gedanke noch einmal durchgekaut wird, wenn sich Gespräche im Kreis drehen, merke ich, wie ich auf die Uhr schaue.

Inhaltlich steckt einiges drin. Es geht um Kunst und Eitelkeit, um Erfolg und das Gefühl, abgehängt zu werden, um Einsamkeit und Selbsttäuschung. Vieles wird angerissen, aber nicht immer weitergeführt. Nebenfiguren tauchen auf und verschwinden wieder, oft ohne wirklich Kontur zu bekommen.

Manche Szenen finde ich richtig stark. Da greifen Dialog, Timing und Schauspiel perfekt ineinander. Andere verlieren sich etwas. Insgesamt wirkt der Film auf mich nicht ganz geschlossen, eher wie eine Reihe von Momenten, die unterschiedlich gut funktionieren.

Am Ende bleibt für mich ein Film, der intelligent und sorgfältig gemacht ist, mich emotional aber nicht immer erreicht. Es interessiert mich, ohne mich wirklich zu packen, und bewundert seine eigene Sprache vielleicht ein wenig zu sehr. Wenn man Freude an dichten Dialogen und konzentrierten Figurenstudien hat, kann das durchaus reizvoll sein. Wer hingegen mehr Bewegung, mehr Dynamik oder einfach ein stärkeres Gefühl von erzählerischem Fluss erwartet, wird sich vermutlich, so wie ich, ein Stück weit auf Distanz gehalten fühlen.
 
The Creator (2023)

Fantastische Bilder und eine sehr überzeugende Ästhetik machen diesen Film aus. Man sieht zwar viele Anleihen an zb Akira oder Vietnam-Kriegsfilme. Trotzdem macht der Film visuell großen Spaß und bleibt durch die straffe Handlung auch spannend.

Leider wiegen die negativen Punkte schwerer. Das Thema KI vs. Mensch wurde bereits zig mal filmisch bearbeitet und oftmals emotional und philosophisch besser durchdekliniert. Statt einer wirklichen intellektuellen und konsequenten Auseinandersetzung mit dem Thema, beschränkt sich Gareth Edwards auf klischeehafte Tränenszenen, die nichts für den Film tun.

Dadurch gerät die gesamte Handlung, auch die Motivation der einzelnen Figuren oft in Schieflage und man hat Mühe, emotional dranzubleiben.
Oberflächlich hat man das so und ähnlich schon mehrmals irgendwo gesehen, gelesen, gehört.

Richtig starke Momente gibt es, aber das sind nur sekundenlange Szenen, die leider schnell wieder von Geballer überdeckt werden. Das ist schade, denn die Atmosphäre und Tiefe leidet darunter.

Alles in allem also eher enttäuschend oder zumindest mittelmäßig.
 
Mich hat The Creator emotional auch nicht so gepackt, wie es der Film beabsichtigt.

Für mich liegt das vor allem an der Beziehung zwischen Joshua und dem Kind. Das soll ja klar das Herz des Films sein, aber das wird nicht wirklich aufgebaut, sondern einfach vorausgesetzt. Man merkt sofort, was man fühlen soll, aber es entwickelt sich nicht richtig.

Die beiden treffen sich, und ziemlich schnell ist Joshua der Beschützer. Aber dazwischen fehlt einfach etwas. Keine richtigen Momente, in denen sich das langsam entwickelt. Kein Zögern, kein echtes Kennenlernen, kaum Reibung. Stattdessen geht es immer direkt weiter: nächste Flucht, nächste Action. Dadurch wirkt das Ganze eher wie ein Mittel zum Zweck und nicht wie eine Beziehung, die wirklich gewachsen ist.

Edwards hat ein starkes Gespür für Bilder und Atmosphäre, aber bei der Figurenentwicklung zeigen seine Filme Schwächen.
 
Ich habe The Creator inzwischen 2 mal gesehen und meine Meinung hat sich nicht wirklich verändert:

Gareth Edwards hat einfach Rogue One nochmal gemacht und meine grössten Kritikpunkte an Rogue One in The Creator entschärft. Weshalb ich dem Film auch Einiges abgewinnen kann.
 
Ich habe The Creator inzwischen 2 mal gesehen und meine Meinung hat sich nicht wirklich verändert:

Gareth Edwards hat einfach Rogue One nochmal gemacht und meine grössten Kritikpunkte an Rogue One in The Creator entschärft. Weshalb ich dem Film auch Einiges abgewinnen kann.
Ich fand ihn in einigen Einstellungen auch sehr ähnlich zu Rouge One. Da finde ich zb die emotionale Komponente zwischen Jyn und ihrem Vater Galen besser dargestellt.
Und Mads Mikkelsen und Ben Mendelssohn sind halt auch zwei Schwergewichte, das muss man erstmal mit einem anderen Cast gleichwertig hinkriegen. Da mangelt es mir bei The Creator im Vergleich doch sehr.

Was sind deine Kritikpunkte an Rouge One, bzw wie fandest du The Creator? Kannst auch deinen Beitrag nochmal verlinken. :)
 
Alatriste (2006)

Im 17. Jahrhundert steht das Königreich Spanien auf dem absoluten Zenit seiner Macht: nicht nur erweiterte es sein Territorium in ungeheurem Ausmaß durch die einst von Kolumbus angestoßenen Entdeckungsfahrten, auch ist es durch die (zeitweilige) Personalunion mit dem benachbarten Portugal ebenso Herr über dessen Kolonien, was für ein nie zuvor gesehenes Reservoir an Reichtum und Ressourcen sorgt.

Von diesen sagenumwobenen Schätzen sieht die breite Masse der Bevölkerung allerdings wenig. Nur einer davon ist Soldat Diego Alatriste (Viggo Mortensen), der sich von Schlachtfeld zu Schlachtfeld begeben muss, um sein Auskommen zu finden. Männer wie er sind gefragt -- insbesondere im fernen Flandern, wo sich die protestantischen Niederlande gegen Spanien erhoben haben. Als dort sein Freund und Kampfgefährte fällt, adoptiert Alatriste dessen Sohn Íñigo. Darum bemüht, nicht in politische Wirren und höfische Intrigen verwickelt zu werden, gerät der Veteran ins Visier der Inquisition, nachdem er den Auftragsmord an einem Fremden - dem, was er nicht weiß, englischen Thronfolger - aufgrund reinen Bauchgefühls kurz vor erfolgreichem Vollzug doch verweigert....

Alatriste gehört bis heute zu den teuersten spanischen Produktionen. Regisseur Agustín Díaz Yanes verfilmte hier die gleichnamige Reihe historischer Romane von Arturo Pérez-Reverte.

Das (für damalige Verhältnisse) enorme Budget merkt man in erster Linie am Produktionsdesign: das Historiendrama ist ein von opulenten Kostümen und Räumlichkeiten nur so strotzendes Fest für die Augen. Auch die Kameraarbeit bzw. gelungene Beleuchtung lässt viele Figuren (ja, ganze Kompositionen) wie aus Gemälden gesprungen wirken, sodass ich mitunter sogar kurz an Barry Lyndon denken musste. Das "goldene Jahrhundert" Spaniens wirkt so greifbar und doch unnahbar zugleich, weil wir der Geschichte stets als Zuschauer, der über die Schulter Alatristes lugt, folgen, der mit all diesem Pomp nichts anfangen kann und dessen nachlässiges, ungepflegtes Äußeres in krassem Kontrast zu seinen adeligen Gesprächspartnern steht -- am deutlichsten illustriert wohl in jener Szene, da er mit alten, zerrissenen Stiefeln einen wichtigen Termin beim Minister des Königs wahrnimmt.

Diego Alatriste ist ein ob der eigenen Stellung und Möglichkeiten desillusionierter, fast zynischer Mann, den die vielen Kämpfe seines Lebens gezeichnet haben, was von Viggo Mortensen hervorragend gespielt wird. Er kennt die Regeln der von de facto unverrückbaren sozialen Schranken geprägten Gesellschaft seiner Zeit, die ihn nicht nur immer wieder zwingen, sich abseits des schlecht besoldeten Kriegsdienstes als Killer anzubieten, sondern denen er letztlich die Liebe zur Schauspielerin Maria opfern muss, als der König sie zur Mätresse nimmt. Die von ihm an den Tag gelegte Todesverachtung im Feld und Ablehnung für Etikette am Hof sind in Wirklichkeit Ausdrücke eines inneren Konflikts, dem unverarbeitete persönliche Traumata zugrunde liegen.

In Alatristes bescheidenem Auftreten, seiner ruhigen Art, liegt eine natürliche, unaufdringliche Würde. Er ist selten emotional und ein vorzüglicher Soldat, dem die Tugenden seines Standes längst in Fleisch und Blut übergegangen sind. Er spricht leise, was seiner Autorität keinerlei Abbruch tut. Nur ein einziges Mal erhebt er die Stimme; als es nämlich darum geht, das Leben seines der (angeblichen) Spionage für Frankreich wegen zur Galeere verurteilten Ziehsohns zu retten. In der auf Prunk und Pomp bedachten Welt des Adels ist er absolut fehl am Platz, aber ebenso im zivilen, oft von Armut geprägten Leben des durchschnittlichen Spaniers. Anpassung gelingt ihm - anders als im Fall seines Rivalen Gualtiero Malatesta (Enrico Lo Verso) - nicht. Damit steht er, spätestens seit dem Konflikt mit der omnipräsenten, militanten Kirche (deren langer Arm einen seiner Freunde das Leben kostet), in einer sozialen Grauzone; Diego Alatriste kennt nichts anderes, kann nichts anderes und will nichts anderes als Krieg. Und so ist es nur konsequent, dass seine Geschichte dort endet, wo man ihm erstmals begegnet: mitten im Krieg.

Die große Schwäche des Films liegt im Drehbuch: dadurch, dass Story-Elemente gleich mehrerer Romane in eine Geschichte gequetscht wurden, fehlt erzählerischer Tiefgang, eigentlich sogar ein roter Faden. Außer dem Protagonisten kommt fast keine andere Figur richtig zur Geltung. Am Ende bleibt kaum mehr im Gedächtnis als eine Abfolge prächtiger Bilder.

Vielleicht wäre eine Neuauflage als Mini-Serie wünschenswert. Ich bin mir sicher, dass Viggo Mortensen immer noch abliefern würde.

6/10 leider umsonst gekauften Schmuckstücken eines Verehrers
 
They Will Kill You
They Will Kill You beginnt wie ein klassischer Horrorfilm. Eine junge Frau nimmt einen Job als Reinigungskraft in einem luxuriösen Hotel an, doch schnell wird klar, dass sie nicht zufällig dort ist. Hinter der schicken Fassade lauert ein satanistischer Kult, und kaum hat man sich orientiert, kippt die Situation in offene Gewalt. Was nach vertrautem Genrekino klingt, bleibt es aber nur für kurze Zeit.

Regisseur Kirill Sokolov hat offensichtlich wenig Interesse daran, Spannung langsam aufzubauen. Stattdessen drückt er früh aufs Gaspedal und bleibt dann auch dort. Die Geschichte erfüllt ihren Zweck, mehr nicht. Sie verbindet die Szenen, gibt grob die Richtung vor und tritt dann wieder in den Hintergrund. Wer hier große Figurenentwicklung oder raffinierte Wendungen sucht, wird eher enttäuscht sein.

Dafür funktioniert der Film auf einer ganz anderen Ebene erstaunlich gut.

Das Hotel selbst ist mehr als nur Schauplatz. Es wirkt wie eine Spielwiese für visuelle Ideen. Jeder Gang, jedes Zimmer, jede noch so schräge Ecke scheint bewusst gestaltet. Man merkt, dass hier jemand Freude daran hatte, Räume nicht nur zu zeigen, sondern sie wirklich zu inszenieren.

Auch die Kameraarbeit fällt sofort auf. Sie bleiben im Kopf. Dazu kommt ein Schnitt, der ein gutes Gefühl für Timing hat. Manche Szenen wirken fast wie kleine Choreografien, in denen Bild, Bewegung und Musik ineinandergreifen. Das ist laut, manchmal völlig drüber, aber selten beliebig.

Im Zentrum steht Zazie Beetz. Der Film verlässt sich stark auf ihre Präsenz, und das trägt ihn. Sie spielt die Rolle mit genug Energie, um das Geschehen zusammenzuhalten. Die Nebenfiguren sind dagegen bewusst überzeichnet. Das passt zum Ton. Hier versucht niemand, mehr Ernsthaftigkeit hineinzuinterpretieren, als nötig ist.

Die Gewaltdarstellung ist deutlich, aber nie unangenehm im Sinne von realistisch oder quälend. Es geht um Übertreibung. Um den Effekt. Körper werden zerlegt, Blut spritzt in Mengen, und trotzdem wirkt das Ganze eher grotesk als abschreckend.

Auch der Humor ist ein wichtiger Bestandteil. Er entsteht weniger durch Dialoge als durch Situationen und visuelle Einfälle. Er ist nicht besonders clever, will es aber auch gar nicht sein. Und genau deshalb funktioniert er häufig besser, als man erwarten würde.

Am Ende ist They Will Kill You ein Film, der ziemlich genau weiß, was er kann. Und was nicht. Er will nicht tiefgründig sein, nicht besonders klug, nicht subtil. Er will Tempo, Bilder, Energie.

Und das bekommt man auch. Und wenn man das mag, dann ist der Film ein kurzweiliger Spaß.
 
Das erste Kinoquartal des Jahres 2026 liegt bereits hinter uns, und es war für mich eine ausgesprochen vergnügliche Zeit. Das Programm hat mich in den meisten Fällen gut unterhalten, überrascht und stellenweise sogar begeistert.

Im Folgenden mein ganz persönliches Ranking, nicht nach objektiven Maßstäben oder cineastischer Kanonbildung, sondern einzig und allein gemessen an jenem schwer greifbaren, doch entscheidenden Kriterium des reinen persönlichen Unterhaltungswerts.

1. Marty Supreme
2. No Other Choice
3. 28 Years Later: The Bone Temple
4. Der Astronaut - Project Hail Mary
5. They will Kill You
6. Ach, diese Lücke, diese entsetzliche Lücke
7. Good Luck, Have Fun, Don’t Die
8. Song Sung Blue
9. Nouvelle Vague
10. Rental Family
11. Hamnet
12. Scream 7
13. Dust Bunny
14. Blue Moon
15. Extrawurst
16. Die progressiven Nostalgiker

Außer Konkurrenz: Ein Sommer in Italien - WM 1990 (2026)
 
Der Magier im Kreml
Olivier Assayas geht in Der Magier im Kreml nicht den Weg, genau aufzudröseln, wer wann was getan hat. Ihn interessiert vielmehr das System hinter der Macht. Deshalb stellt er eine Figur ins Zentrum, die selbst selten im Rampenlicht steht, aber genau weiß, wie man dieses Licht erzeugt und gezielt auf andere lenkt. Gemeint ist Wadim Baranow, gespielt von Paul Dano, ein stiller, hochintelligenter politischer Berater, der vom Theater und Medienmilieu bis in die unmittelbare Nähe Putins aufsteigt. Der Film begleitet ihn dabei, wie er Macht mitgestaltet.

Genau darin liegt auch der Reiz. Der Magier im Kreml erzählt Politik nicht als Abfolge großer Reden und historischer Wegmarken, sondern als Mischung aus Inszenierung, Opportunismus und Medienstrategie. Baranow ist jemand, der Menschen genau einschätzen kann und oft früher als andere versteht, was als Nächstes passieren wird. Dano spielt das zurückgenommen. Kein lauter Strippenzieher und keine demonstrative Bedrohlichkeit, sondern ein höflicher, ruhiger Mann, der fast nebenbei Einfluss nimmt. In seinem Spiel liegt ständig das Gefühl, dass dieser Mann mehr weiß, als er sagt. Und vor allem, dass er sehr genau weiß, wann es besser ist, nichts zu sagen.

Der Film besteht über weite Strecken aus Gesprächen, Erklärungen und Rückblicken. Dennoch entwickelt sich eine erstaunliche Sogwirkung. Trotz der Länge und einer eher einfachen Erzählweise hört man dem Film gern zu. Man will wissen, wie diese Figur weitermacht, wen sie als Nächstes beeinflusst, welche Bühne sie wieder aufbaut und welche Wahrheit dabei entsteht. Die Spannung entsteht eher aus der Faszination für politische Mechanismen. Der Film zeigt sehr anschaulich, wie Macht hergestellt wird, wie Öffentlichkeit gelenkt wird und wie flexibel Ideologien werden können, wenn es letztlich um Kontrolle geht.

Wichtig ist, den Film nicht als saubere historische Nacherzählung zu verstehen. Er arbeitet zwar mit realen Vorbildern und bekannten politischen Entwicklungen, will aber keine dokumentarische Genauigkeit liefern. Stattdessen entwirft er ein mögliches Bild davon, wie ein solches System funktioniert und vermutlich in vielem auch funktioniert hat. Genau darin liegt seine Stärke, aber auch ein gewisses Risiko. Man fragt sich beim Zuschauen immer wieder, was davon historisch belegt ist und was eher Verdichtung oder Zuspitzung. Eine eindeutige Antwort gibt der Film nicht. Ihn interessiert mehr die Wahrheit des Mechanismus.

Jude Law spielt Putin nicht als Karikatur, sondern stellt ihn kontrolliert, ruhig dar. Sein Putin wirkt wie jemand, der schnell erkennt, wer ihm nützlich sein kann. Besonders in den Szenen mit Dano wird das spannend. Zwei Männer, die beide Macht verstehen, aber sehr unterschiedlich mit ihr umgehen. Der eine verkörpert sie, der andere entwirft sie.

Der Film hat außerdem einen trockenen Humor. Er ist nicht offen satirisch und auch nicht dauerhaft bissig, aber immer wieder gibt es Momente, in denen dieser politische Apparat plötzlich wie ein etwas absurder, fast lächerlicher Zirkus wirkt. Gerade dann funktioniert der Film besonders gut. Wenn hinter der Fassade Improvisation, Eitelkeit oder bloße Inszenierung sichtbar wird, zeigt sich, wie brüchig solche Machtbilder eigentlich sind. Es wird deutlich, dass solche Systeme nicht nur aus klarer Strategie entstehen, sondern aus einer Mischung aus Kalkül, Chaos und medialem Geschick.

Ganz rund ist das trotzdem nicht. Vor allem Baranows Aufstieg geht stellenweise etwas zu schnell. Der Film will sehr viel abdecken, von den Umbrüchen der 90er bis zur Festigung des Machtapparats, und kürzt dabei manches so stark, dass Übergänge eher behauptet als wirklich entwickelt wirken. Man versteht zwar, wo die Figur am Ende landet und welche Rolle sie spielt, aber nicht immer ganz, wie sie dorthin gekommen ist. Auch bei den Nebenfiguren merkt man, dass Assayas sich vor allem für die politische Konstruktion interessiert. Alles andere bleibt eher angedeutet.

Trotzdem ist Der Magier im Kreml ein sehenswerter Film. Er ist stark gespielt und über lange Strecken fesselnd. Er zeigt, wie eng Politik, Medien und Inszenierung miteinander verwoben sind. Er zeigt wie Macht funktioniert. Wie sie Bilder erzeugt, Widersprüche nutzt und aus Unsicherheit Kontrolle gewinnt.
 
How to Make a Killing
Ein junger Mann aus eher bescheidenen Verhältnissen merkt, dass zwischen ihm und einem riesigen Familienvermögen nur eine Reihe reicher Verwandter steht. Also beschließt er, diese Verwandten nach und nach aus dem Weg zu räumen. Das ist natürlich moralisch komplett verwerflich, aber als Ausgangspunkt für eine schwarze Komödie durchaus vergnüglich. Der Film weiß das auch und versucht gar nicht erst, seinen Helden tiefgründiger zu machen, als er ist.

Der Film orientiert sich deutlich an dem britischen Klassiker Adel verpflichtet, der bis heute als einer der großen Filme seiner Art gilt. Dort spielte Alec Guinness gleich acht Mitglieder einer dekadenten Adelsfamilie, die alle nach und nach ins Gras beißen mussten. Diese Idee, eine ganze Sippe in verschiedenen Gestalten von einem einzigen Darsteller verkörpern zu lassen, war damals nicht nur ein Gag, sondern ein ziemlich bissiger Kommentar auf Klasse, Erbe und die Austauschbarkeit von Macht. Gerade deshalb hat dieser ältere Film bis heute einen so guten Ruf.

How to Make a Killing übernimmt die Grundidee, geht aber einen anderen Weg. Statt dieses fast schon theaterhafte Spiel mit Masken und Rollen konzentriert sich der Film ganz auf seinen Protagonisten. Das macht ihn zugänglicher, aber auch ein gutes Stück konventioneller. Wo das Original seine Figuren fast genüsslich ausstellt und vorführt, bleibt die Neuinterpretation näher an einer klassischen Erzählweise.

Das Beste an dem Film ist ganz klar Glen Powell. Er hat genug Charme, um eine Figur zu spielen, die eigentlich ziemlich furchtbar ist, ohne dass man die ganze Zeit innerlich aussteigt. Gerade das macht den Reiz aus. Dieser Typ ist nicht einfach nur gierig oder irre, sondern überzeugt sich selbst mit einer solchen Selbstverständlichkeit davon, im Recht zu sein, dass es fast schon wieder komisch wird. Powell spielt das mit einer Leichtigkeit, die den Film über weite Strecken zusammenhält. Man schaut ihm einfach gern zu, selbst dann, wenn er Dinge tut, für die man ihn eigentlich verachten müsste.

Am Anfang funktioniert das alles erstaunlich gut. Der Film hat Tempo, er hat Witz, und er hat ein gutes Gefühl dafür, wann er eine Szene knapp halten muss. Die Rückblendenkonstruktion trägt dazu bei, dass die Geschichte locker erzählt werden kann, ohne ständig zu erklären, was man ohnehin längst verstanden hat. Vieles wirkt wie eine Abfolge von Etappen. Ein Verwandter, ein Plan, ein Problem, die nächste Eskalation. Das gibt dem Film einen fast spielerischen Rhythmus, der wirklich Spaß macht.

Besonders gut ist How to Make a Killing, wenn er sich ganz auf seine böse Grundidee verlässt. Dann ist das eine ziemlich vergnügliche Satire auf Geld, Herkunft und den völligen Irrsinn, mit dem Menschen ihren eigenen Ehrgeiz bemänteln. Der Film hat durchaus verstanden, dass schwarze Komik am besten funktioniert, wenn die Hauptfigur ihre eigenen Abgründe gar nicht als solche wahrnimmt.

Ganz so bissig, wie er gerne wäre, ist der Film am Ende aber nicht. Er ist witzig, ja. Er ist auch makaber und oft ziemlich unterhaltsam. Aber er traut sich nicht oft genug, wirklich gemein zu sein. Man merkt immer wieder, dass da noch mehr drin gewesen wäre. Mehr Wahnsinn, mehr Lust an der Bosheit. Stattdessen bleibt vieles auf einem Niveau, das nett ist, aber selten richtig wehtut.

Dazu kommt, dass der Film irgendwann ein wenig seinen Schwung verliert. In der ersten Hälfte läuft das alles sehr rund, später will er stellenweise ernster werden und dem Ganzen etwas mehr Gewicht geben. Es nimmt der Geschichte genau das, was sie vorher so angenehm gemacht hat. Diese Leichtigkeit, dieses flotte Vorwärtsdrängen, dieses leicht Überdrehte. Man spürt dann, dass der Film kurz glaubt, mehr sein zu müssen als eine böse, elegante Unterhaltung. Und genau in diesen Momenten wird er etwas zäher.

Trotzdem ist das kein Film, über den man sich groß ärgern müsste. Dafür ist er zu unterhaltsam und zu flott gespielt. Er hat genug gute Einfälle, genug makabren Humor und vor allem einen Hauptdarsteller, der genau weiß, wie man so eine Figur zwischen Wahnsinn und Sympathie balanciert.
 
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