Agriworld-2079 | Neue Republik | Mittler Rand – M'Shinni Sektor | Orbit – ISD-II „Authority“ | Hangar, an Bord des VT-49 Decimators | Darel Cor (inkognito als Sith-Schüler Rel), KX-Droiden und gefangenes Forschungspersonal (NSCs)
Darel wusste nicht, wie lange er schließlich an der Wand der Kapitänskabine sitzen geblieben war. Das Bombardement von Agriworld-2079 dauerte noch immer an, und mit ihm rissen auch jene gewaltigen Wellen aus Angst, Schmerz und Verzweiflung nicht ab, die seit der ersten Salve durch seine Wahrnehmung schlugen. Sie hatten nichts von ihrer eigentlichen Wucht verloren. Verändert hatte sich lediglich Darels Umgang damit.
Was ihn zu Beginn beinahe hilflos überrollt und innerhalb weniger Augenblicke an die Grenzen seines Körpers gebracht hatte, traf ihn weiterhin mit jeder neuen Welle, doch inzwischen besaß er zumindest etwas, woran er sich festhalten konnte. Seine Wut hielt die fremden Empfindungen auf Abstand, ohne sie wirklich fernzuhalten, und erlaubte ihm gerade genug Kontrolle, um in diesem Sturm nicht erneut vollständig unterzugehen.
Gut ging es ihm deshalb noch lange nicht. Sein Untergewand klebte schweißnass am Körper, feuchte Haarsträhnen lagen an seiner Stirn und in seinem Mund hing weiterhin der unangenehme, säuerliche Geschmack vom Würgen und Spucken. Sein Schädel fühlte sich heiß und gleichzeitig schwer an, während ein dumpfer Druck hinter den Augen saß und jede Bewegung eine leichte Benommenheit nach sich zog. Die Muskeln schmerzten, als hätte er stundenlang trainiert, und gelegentlich zog sich sein Magen noch immer so unangenehm zusammen, dass Darel für einige Sekunden einfach sitzen blieb und darauf wartete, bis die Übelkeit wieder auf ein erträgliches Maß zurückging.
Trotzdem hatte sich etwas Entscheidendes verändert. Darel musste nicht mehr bei jeder neuen Welle darum kämpfen, überhaupt zu begreifen, was mit ihm geschah. Er erkannte inzwischen das Muster darin und wusste, wie er reagieren musste, sobald die fremden Emotionen wieder zu stark wurden. Dann konzentrierte er sich auf die Wut, ließ sie bewusst in sich aufsteigen und gab ihr gerade so viel Raum, dass sie ihm Halt verschaffte. Die Angst der Sterbenden blieb spürbar, ebenso deren Schmerz und Verzweiflung, doch sie vermischten sich nicht mehr vollkommen mit seinen eigenen Empfindungen. Es kostete ihn weiterhin enorme Kraft, diese Trennung aufrechtzuerhalten, und Darel spürte deutlich, wie sehr ihn jeder weitere Einschlag auslaugte, aber die Situation war inzwischen beherrschbar geworden.
Noch immer fühlte sich die Macht während des Bombardements wesentlich unmittelbarer an als bei jeder bisherigen Übung, beinahe so, als wäre die Distanz zwischen ihm und der Dunklen Seite auf ein Minimum zusammengeschrumpft. Das Gefühl war weder angenehm noch kontrollierbar, doch Darel hatte inzwischen aufgehört, sich davor zurückzuziehen. Stattdessen versuchte er, darin zu bestehen und sich an jene innere Spannung zu gewöhnen, die zwischen fremder Angst, eigener Wut und der allgegenwärtigen Schwere der Macht entstanden war.
Auch jene vertraute dunkle Präsenz, die er innerhalb dieses gewaltigen Sturms wahrgenommen hatte, blieb weiterhin irgendwo am Rand seiner Wahrnehmung. Darel konnte keineswegs sicher sagen, dass sie zu Sedros gehörte. Seine Machtsinne waren für derartige Unterscheidungen noch viel zu unausgereift und in unmittelbarer Nähe befanden sich schließlich noch weitere Sith. Trotzdem hatte sich diese Präsenz anders angefühlt als die übrigen Strömungen, schwerer und zugleich seltsam vertraut, ähnlich jener Dunkelheit, die sein Meister in der Vergangenheit bereits mehrmals hatte durchscheinen lassen. Für eine Weile war sie immer stärker geworden, beinahe so, als würde etwas Gewaltiges seine Begrenzungen verlieren und sich ungehemmt ausbreiten, bevor sie plötzlich und entschieden zurückgewichen war.
Darel wusste nicht, was genau dort geschehen war, und nahm sich vor, Sedros später danach zu fragen. Zunächst musste er jedoch irgendwie dafür sorgen, dass sein eigener Körper wieder halbwegs mitspielte. Als er schließlich versuchte aufzustehen, meldete sich die Erschöpfung sofort mit solcher Deutlichkeit zurück, dass er eine Hand gegen die Wand legen musste. Der Boden schien für einen Moment leicht nachzugeben, obwohl er genau wusste, dass sich der Decimator keinen Millimeter bewegt hatte. Darel blieb stehen, atmete langsam durch und wartete, bis der Schwindel wieder nachließ.
Die nächste Welle aus der Macht traf ihn noch währenddessen. Für einen Moment zog sich sein Magen erneut zusammen und kalter Schweiß lief ihm über den Rücken, doch diesmal zwang ihn die Empfindung nicht zurück auf die Knie. Darel schloss kurz die Augen, ließ die Wut über seine eigene Schwäche wieder aufsteigen und hielt sich an ihr fest, bis der Druck in seinem Kopf etwas nachließ. Das Echo war damit keineswegs verschwunden, doch er hatte es wieder unter Kontrolle gebracht.
Sedros hätte vermutlich genug Fehler gefunden, die er ihm vorhalten konnte, und Darel selbst fiel ebenfalls einiges ein, das er beim nächsten Mal besser machen wollte. Dennoch hatte er die Verbindung nicht abgebrochen und inzwischen einen Weg gefunden, dem Echo standzuhalten, obwohl es weiterhin durch ihn hindurchströmte. Seine Wut hatte ihm dabei geholfen, als Ruhe, Analyse und bewusste Selbstkontrolle nicht mehr ausgereicht hatten.
Darel hatte seine Gefühle bisher vor allem dann als kontrolliert betrachtet, wenn sie seine Entscheidungen möglichst wenig beeinflussten. Während des Bombardements hatte gerade dieser Ansatz versagt. Erst nachdem er die Wut über seine eigene Schwäche zugelassen hatte, war wieder etwas in ihm entstanden, das den fremden Emotionen ein eigenes Gegengewicht entgegensetzte. Was genau daraus langfristig werden sollte, wusste er noch nicht, doch er war sich ziemlich sicher, dass er diese Erfahrung weiter untersuchen wollte.
Als sein Blick schließlich durch die Kabine wanderte und auf die wenigen Spuren seiner körperlichen Reaktion fiel, erinnerte er sich wieder an Sedros' Bemerkung über die Reinigung. Trotz seiner Erschöpfung musste Darel kurz schmunzeln.
„Sehr witzig.“, murmelte er leise vor sich hin und begann damit, die kleine Sauerei zu beseitigen, bevor sein Meister Gelegenheit bekam, ihn daran zu erinnern.
Glücklicherweise war es beim Würgen und Spucken geblieben, sodass die angekündigte Generalreinigung ausblieb. Nachdem die Kabine wieder halbwegs ordentlich aussah, führte ihn sein Weg durch die Tür.
Die beiden KX-Droiden standen weiterhin bei den Gefangenen, genau wie er es ihnen aufgetragen hatte. Die Wissenschaftler selbst wirkten allerdings weniger entspannt, und Darel brauchte nur wenige Schritte in den Frachtraum hineinzugehen, um zu bemerken, dass mehrere Blicke auf ihm lagen. Einer der Techniker wandte die Augen beinahe sofort wieder ab, während eine der wissenschaftlichen Assistentinnen ihn etwas länger musterte. Auch der Ithorianer sah zu ihm herüber, und Darel fragte sich unwillkürlich, was genau sie während seiner Meditation mitbekommen hatten.
Die Wände des Decimators waren solide, jedoch keineswegs vollkommen schalldicht. Sein eigener Ausbruch war ihm noch deutlich in Erinnerung geblieben, und insbesondere das zweite, wesentlich lautere
„Nein!“ dürfte wahrscheinlich außerhalb der Kapitänskabine angekommen sein. Vielleicht hatten sie auch seine Schläge gegen den Boden gehört oder zumindest genug davon mitbekommen, um zu wissen, dass dort drinnen etwas deutlich weniger Ruhiges vor sich gegangen war als gewöhnliche Meditation.
Darel blieb stehen und ließ den Blick hinter seinem schwarzen Visier langsam über die Gruppe wandern.
„Gibt es irgendetwas Interessantes zu sehen!?“
Seine Stimme klang durch den Modulator kälter und schärfer als gewöhnlich. Mehrere Blicke verschwanden augenblicklich, während der Ithorianer seinen einen Moment länger hielt.
Darel trat einen halben Schritt näher.
„Nein!?“, fragte er ruhig und ließ eine kurze Pause folgen.
„Dann würde ich vorschlagen, dass Sie aufhören, mich anzustarren!“
Eine ernsthafte Drohung lag darin kaum, und Darel hatte gewiss nicht vor, jemanden wegen eines Blickes zu bestrafen. Trotzdem gefiel ihm die unmittelbare Wirkung. Die ohnehin verunsicherten Gefangenen schienen plötzlich sehr beschäftigt damit, ihre Aufmerksamkeit überallhin zu richten, nur nicht auf ihn. Ein leises Schnauben entwich Darel unter seinem Helm, bevor er sich den KX-Droiden zuwandte, sich bestätigen ließ, dass es während seiner Abwesenheit keine Zwischenfälle gegeben hatte, und anschließend noch einmal selbst die Fesseln der Gefangenen sowie die gesicherten Proben und Datenträger überprüfte.
Nachdem alles in Ordnung war, blieb ihm lediglich, auf Sedros zu warten.
Doch zuerst begab er sich in die Nasszelle. Darel legte Helm und Rüstung ab, zog das vollkommen durchgeschwitzte Untergewand aus und stellte sich unter die Dusche. Das warme Wasser fühlte sich zunächst beinahe zu heiß auf seiner Haut an, doch nach einigen Sekunden begann sich die verkrampfte Muskulatur langsam zu lösen. Er stützte sich mit beiden Händen gegen die Wand und ließ das Wasser über Kopf und Gesicht laufen, während die Ereignisse des Tages noch einmal durch seine Gedanken zogen.
Seine erste Feuertaufe, die Männer, die durch sein Lichtschwert und ihre zurückgelenkten Blasterbolzen gestorben waren, sowie das Lob seines Meisters lagen erst kurze Zeit zurück. Trotzdem hatte die Meditation einen mindestens ebenso starken Eindruck hinterlassen. Während des Kampfes hatte Darel klare Möglichkeiten gehabt, auf das Geschehen zu reagieren. Er konnte ausweichen, parieren, angreifen und seine Bewegungen anpassen. Das Echo des Bombardements hatte ihm diese vertrauten Werkzeuge vollständig genommen und ihn mit etwas konfrontiert, das sich weder mit Muskelkraft noch mit einer Lichtschwertform lösen ließ.
Gerade diese Hilflosigkeit störte ihn im Nachhinein am meisten. Übelkeit und Schwindel waren unangenehm gewesen, doch sie würden vergehen. Die Erinnerung daran, für einige Augenblicke keinerlei vernünftigen Zugriff auf sich selbst gehabt zu haben, saß tiefer. Beim nächsten Mal wollte Darel besser vorbereitet sein und früher begreifen, welche Möglichkeiten ihm seine eigenen Emotionen boten.
Diese Überlegung brachte eine ruhigere Form von Entschlossenheit mit sich, die ihm inzwischen besser gefiel als die wilde Wut während der Meditation. Er stellte das Wasser ab, trocknete sich ab und zog frische Kleidung an, bevor er seine Rüstung wieder Stück für Stück anlegte. Zuletzt setzte er den Helm auf und ließ die Gesichtsplatte einrasten. Als er die Nasszelle verließ, war er noch immer erschöpft, wirkte aber zumindest wieder präsentabel und bewegte sich deutlich sicherer als unmittelbar nach der Meditation.
Darel ging zurück in Richtung Cockpit und ließ sich auf dem Sitz des Co-Piloten nieder. Aus Gewohnheit überprüfte er einige Anzeigen, obwohl der Decimator sicher im Hangar der Authority stand, und nutzte die Beschäftigung vor allem dazu, die Zeit zu überbrücken. Gelegentlich wanderte sein Blick zu den Außenkameras, die ihm Teile des geschäftigen Hangars zeigten, in dem Techniker zwischen abgestellten Maschinen arbeiteten, Soldaten ihren Aufgaben nachgingen und zurückgekehrte Landungsschiffe überprüft oder neu versorgt wurden.
Für einen Moment spielte Darel mit dem Gedanken, das Schiff zu verlassen und selbst nachzusehen, weshalb Sedros noch nicht zurückgekehrt war. Er verwarf die Idee allerdings schnell. Sein Meister hatte ihm ausdrücklich befohlen, an Bord zu bleiben, und solange dieser Befehl galt, gab es keinen vernünftigen Grund, auf eigene Faust durch die Authority zu laufen.
Von den Ereignissen auf der Brücke wusste Darel nichts. Weder der Zwischenfall mit dem Offizier noch Commodore Mentels Reaktion oder die angeordnete Begleitung der beiden Sith waren bis zu ihm vorgedrungen. Er wusste lediglich, dass Sedros irgendwann zurückkehren würde und dass er seinem Meister einiges zu berichten hatte. Besonders die Meditation beschäftigte ihn weiterhin, denn Darel wollte wissen, ob seine Reaktion für einen Sith-Schüler ungewöhnlich gewesen war, ob jene vertraute Präsenz tatsächlich zu Sedros gehört hatte und ob seine Beobachtung bezüglich der eigenen Wut mehr gewesen war als eine zufällige Reaktion eines überforderten Körpers.
Sedros würde ihm darauf wahrscheinlich keine einfachen Antworten schenken. Sein Meister stellte lieber Gegenfragen, zwang ihn dazu, eigene Schlüsse zu ziehen, und ließ ihn häufig länger über Dinge nachdenken, als Darel lieb war. Diesmal störte ihn diese Aussicht kaum. Seine zweite Mission war erfolgreich gewesen, seine erste Feuertaufe lag hinter ihm und kurz darauf hatte er eine Form der Dunklen Seite erlebt, von der er zuvor kaum mehr als theoretische Vorstellungen besessen hatte. Für einen einzigen Tag war das bereits eine beträchtliche Menge neuer Erfahrungen.
Darel hatte kaum Gelegenheit, diese Gedanken weiter zu ordnen, als sich die Luftschleuse des Decimators öffnete und wenig später die Schritte seines Meisters im Inneren des Schiffes zu hören waren. Die Dusche und die kurze Ruhephase hatten zwar das Äußerste beseitigt, doch Sedros würde vermutlich trotzdem kaum entgehen, wie erschöpft sein Schüler noch war.
Darel richtete sich deshalb etwas gerader auf, als sein Meister zu ihm trat und ihn aufforderte, sich zu sammeln und von seiner Erfahrung zu berichten.
Für einen Moment ließ er sich Zeit, atmete langsam durch und versuchte, all das, was während des Bombardements auf ihn eingeströmt war, in eine Form zu bringen, die sich überhaupt sinnvoll erklären ließ.
„Es war größer und wesentlich stärker, als ich es irgendwie erwartet hatte, Meister.“
Darel sprach ruhig, auch wenn seiner Stimme die Erschöpfung noch anzuhören war. Sein Blick blieb auf Sedros gerichtet, während er versuchte, die Entwicklung seiner Erfahrung einigermaßen nachvollziehbar wiederzugeben.
„Am Anfang habe ich kaum etwas gespürt. Ich dachte bereits, ich würde wieder zu sehr versuchen, etwas zu erzwingen, und dann kam es praktisch ohne Übergang. Ich konnte keine einzelnen Menschen wahrnehmen und auch nicht unterscheiden, woher etwas kam. Es war eher wie eine einzige gewaltige Masse aus Angst, Schmerz, Panik und Verzweiflung, die plötzlich da war und mit jedem Augenblick stärker wurde.“
Während er darüber sprach, kehrte für einen Moment die Erinnerung an jenen ersten überwältigenden Eindruck zurück. Darel zog leicht die Brauen zusammen und suchte nach Worten für etwas, das sich während der Meditation wesentlich unmittelbarer angefühlt hatte, als es sich jetzt beschreiben ließ.
„Irgendwann wusste ich kaum noch, welche Empfindungen überhaupt meine eigenen waren. Mir wurde schwindlig, mein Magen hat sich umgedreht und ich konnte mich kaum noch konzentrieren. Mein erster Impuls war, mich davon abzuschirmen, und für einen kurzen Moment hat das sogar funktioniert.“
Sein Blick fiel kurz auf seine rechte Hand. Die Knöchel waren noch immer leicht gereizt, auch wenn Handschuh und Rüstung davon inzwischen kaum etwas erkennen ließen.
„Dann habe ich mich daran erinnert, dass Ihr mir ausdrücklich gesagt habt, ich solle es zulassen. Also habe ich die Abschirmung wieder gelöst.“
Ein schwaches, beinahe selbstironisches Lächeln erschien unter seinem Helm.
„Das hat meinen Zustand zunächst nicht unbedingt verbessert.“
Der trockene Humor verschwand schnell wieder, als Darel zu jenem Teil seiner Erfahrung kam, der ihn seitdem am meisten beschäftigte.
„Irgendwann wurde ich wütend. Auf mich selbst, weil ich wusste, dass etwas kommen würde, Ihr mich sogar ausdrücklich gewarnt hattet und ich trotzdem kaum damit umgehen konnte. Diese Hilflosigkeit hat mich wahnsinnig gemacht. Vor allem die Tatsache, dass ich für einige Augenblicke praktisch keine Kontrolle mehr über mich selbst hatte.“
Je länger Darel darüber sprach, desto deutlicher wurde ihm erneut, weshalb gerade dieser Moment so entscheidend gewesen war. Seine Wut hatte das Echo keineswegs beendet und auch die körperlichen Reaktionen waren nicht einfach verschwunden, doch sie hatte ihm etwas Eigenes zurückgegeben, an dem er sich festhalten konnte.
„Als ich aufgehört habe, diese Wut zurückzuhalten, wurde es erträglicher. Das Echo war weiterhin da und mir ging es körperlich noch immer beschissen, aber ich hatte wieder einen festen Punkt. Solange ich nur versucht habe, ruhig zu bleiben und alles auszuhalten, hat mich diese Masse aus fremden Empfindungen immer weiter mitgerissen. Mit der Wut konnte ich plötzlich wieder besser auseinanderhalten, was zu mir gehörte und was von außen auf mich eingeströmt ist.“
Darel ließ den Gedanken einen Moment wirken, bevor er weiterredete.
„Ich glaube, ich habe heute zum ersten Mal wirklich verstanden, was Ihr damit meintet, Emotionen nicht einfach zu unterdrücken. Bisher habe ich Kontrolle immer damit verbunden, sie möglichst klein zu halten oder zumindest darauf zu achten, dass sie meine Entscheidungen nicht bestimmen. Heute hat das alleine nicht gereicht.“
Er atmete langsam aus und lehnte sich ein wenig zurück.
„Die Wut hat mir geholfen, mich wieder zu sammeln, und danach hat sich auch die Macht anders angefühlt. Sie war näher als sonst, fast so, als wäre etwas zwischen mir und ihr dünner geworden. Ich konnte dadurch nichts plötzlich besser benutzen und verstanden habe ich sie deswegen auch nicht, aber ich hatte für einige Zeit das Gefühl, wesentlich unmittelbarer darin zu stehen.“
Darel hatte noch immer Schwierigkeiten, diesen Eindruck genauer zu beschreiben. Es war keine neue Fähigkeit gewesen und auch kein plötzlicher Zuwachs an Kontrolle, doch die Distanz, die er während vieler seiner bisherigen Übungen empfunden hatte, war für einige Zeit beinahe verschwunden.
„Irgendwann wollte ich diese Verbindung auch nicht mehr lösen. Mir war vollkommen klar, wodurch dieses Echo entstand und dass ich die Angst und den Schmerz von Menschen wahrnahm, die in diesem Augenblick starben. Trotzdem wollte ich weiter herausfinden, wie weit dieses Gefühl reichte und was ich daraus lernen konnte.“
Diese Erkenntnis beunruhigte Darel inzwischen erstaunlich wenig. Viel stärker beschäftigte ihn eine andere Wahrnehmung, bei der ihm deutlich mehr Unsicherheit anzumerken war.
„Da war außerdem etwas innerhalb dieses ganzen Chaos, das sich von den übrigen Eindrücken unterschieden hat. Ich konnte es kaum greifen und schon gar nicht wirklich zuordnen, dafür reichen meine Machtsinne noch lange nicht aus. Eine der dunklen Präsenzen kam mir allerdings vertraut vor.“
Darel hielt Sedros' Blick und formulierte seine Vermutung bewusst vorsichtig.
„Ich glaube, Ihr wart das.“
Er ließ seinem Meister einen Augenblick, bevor er erklärte, weshalb er überhaupt zu diesem Schluss gekommen war.
„Diese Präsenz wurde während des Bombardements immer stärker und war irgendwann selbst zwischen allem anderen kaum noch zu übersehen. Dann zog sie sich plötzlich wieder zurück, wesentlich schneller als das übrige Echo. Falls Ihr es tatsächlich wart, war das vermutlich das erste Mal, dass ich wenigstens ansatzweise wahrgenommen habe, wie groß der Unterschied zwischen dem ist, was ich gerade lerne, und dem, was Ihr bereits könnt.“
Es lag keine Selbstabwertung in seiner Stimme. Darel stellte lediglich eine Tatsache fest, die ihn eher anspornte, als dass sie ihn entmutigte. Gerade die Vorstellung, irgendwann selbst in der Lage zu sein, sich innerhalb eines solchen Sturms in der Macht zu bewegen, ohne beinahe daran zu zerbrechen, übte inzwischen eine erhebliche Faszination auf ihn aus.
Er senkte den Blick kurz und dachte noch einmal über Sedros' eigentliche Frage nach. Dass eine sterbende Welt ein gewaltiges Echo in der Macht hinterlassen konnte und seine eigenen Machtsinne noch lange nicht ausreichten, ein solches Ereignis wirklich zu erfassen, hatte dieser Tag ihm unmissverständlich gezeigt. Die wesentlich wichtigere Erkenntnis lag für Darel jedoch darin, wie er es überhaupt geschafft hatte, diesem Echo standzuhalten.
„Ich glaube, ich habe vor allem gelernt, dass Kontrolle nicht unbedingt bedeutet, alles in mir zum Schweigen zu bringen. Vielleicht geht es vielmehr darum, zu erkennen, welche Emotion mir in einem bestimmten Moment hilft und wie ich sie nutzen kann. Meine Wut hätte mich genauso gut vollkommen aus der Fassung bringen können, doch heute hat sie mir Halt gegeben.“
Darel hob den Blick erneut zu seinem Meister. In seiner Stimme lag jene nüchterne Entschlossenheit, mit der er gewöhnlich auf etwas reagierte, das er noch nicht ausreichend verstand und deshalb weiter untersuchen wollte.
„Ich möchte lernen, das bewusst zu tun. Wenn sich diese Wirkung wiederholen lässt, will ich meine Emotionen einsetzen können, bevor ich erst an einen Punkt komme, an dem ich beinahe die Kontrolle verliere.“
Nachdem er die Erfahrung nun ausgesprochen hatte, fühlte sie sich zumindest etwas geordneter an, auch wenn die körperliche Erschöpfung dadurch keineswegs verschwunden war. Darel ließ sich ein wenig weiter zurücksinken und konnte sich einen letzten trockenen Kommentar nicht verkneifen.
„Und beim nächsten Mal würde ich es bevorzugen, dabei nicht beinahe Eure Kabine vollzukotzen.“
Ein schwaches Lächeln lag für einen Augenblick in seiner Stimme, ehe er wieder ernster wurde.
„Aber ich würde es wieder tun.“
Diese Antwort kam ohne Zögern. Darel kannte nun zumindest einen kleinen Teil dessen, was ihn bei einer vergleichbaren Erfahrung erwarten konnte, und wusste zugleich, wie deutlich ein solches Echo seine derzeitigen Grenzen sichtbar machte. Gerade deshalb reizte ihn die Vorstellung, eines Tages damit umgehen zu können, ohne zunächst derart überwältigt zu werden.
Das Leid einer sterbenden Welt blieb etwas Gewaltiges und Fremdes, doch innerhalb dieses Echos hatte Darel eine Seite der Macht erlebt, die ihm bisher verschlossen geblieben war. Seine eigenen Emotionen hatten darauf reagiert, und für einige Augenblicke hatte er verstanden, dass sich darin Möglichkeiten verbargen, die weit über seine bisherigen Übungen hinausgingen.
Genau diese Möglichkeiten wollte er weiter erforschen.
Agriworld-2079 | Neue Republik | Mittler Rand – M'Shinni Sektor | Hangar des ISD-II „Authority“ | Sedros Xyrtademus (inkognito als Darth Naver), Darel Cor (inkognito als Sith-Schüler Rel), beide an Bord ihres VT-49 Decimators