[ Innerer Rand / Manaan-Sektor / Truuine-System / Truuine / Norpolarkreis / Moraband / Praxeum ] Ridley und Lucien
Ein dezentes Signal aus dem in die Wand eingelassenen Kommunikationselement ließ Lucien den Blick von seinem Datenpad lösen.
Neben dem Eingang leuchtete noch immer das Symbol einer internen Besuchsanfrage. Lucien berührte das entsprechende Feld auf seinem Datenpad, woraufhin die mit dunklem Holz verkleideten Türsegmente nahezu lautlos in der Wand verschwanden und einem Bediensteten des Praxeums den Eintritt ermöglichte. Der Mann trat einige Schritte in die Suite, neigte respektvoll den Kopf und wartete, bis Lucien ihm seine Aufmerksamkeit schenkte.
„Werter Vicomte, Gouverneur Solaris ist vor wenigen Minuten nach Moraband zurückgekehrt und bittet Euch, sofern es Euch recht ist, in die Bibliothek des Praxeums.“
Lucien hob leicht die Augenbrauen. Obwohl er zwar gehofft hatte, Ridley bald zu begegnen, überraschte ihn die Geschwindigkeit, mit der der Gouverneur zurückgekehrt war. Auch dass er offenbar so schnell bereit war, sich dieser familiären Angelegenheit anzunehmen.
„Vielen Dank“, erwiderte er schließlich und richtete sich etwas auf. „Ich mache mich umgehend auf dem Weg.“
Der Bedienstete verbeugte sich erneut und verließ das Zimmer. Lucien blieb noch einen Augenblick am Schreibtisch sitzen, während sein Blick gedankenverloren durch den Raum wanderte und sein Verstand bereits damit begann, die möglichen Gründe für diese überraschend rasche Einladung gegeneinander abzuwägen.
Eigentlich hatte er angenommen, Ridley Solaris würde sich nach seiner Rückkehr zunächst einige Stunden Ruhe gönnen. Immerhin hatte der Gouverneur den Vormittag nicht bei einer gemütlichen Sitzung im Regierungspalast verbracht, sondern persönlich an einem militärischen Angriff teilgenommen, dessen Ausgang für die Zukunft Truuines von erheblicher Bedeutung sein konnte.
Selbst wenn die Berichte über seinen Schwager nur zur Hälfte zutrafen, mussten nach einer solchen Operation zahllose Entscheidungen getroffen, Einsatzberichte ausgewertet und weitere Maßnahmen mit den Sicherheitskräften abgestimmt werden. Dass Ridley ihn dennoch beinahe unmittelbar nach seiner Rückkehr zu sich rufen ließ, konnte reine Höflichkeit sein, ebenso gut jedoch familiäre Verpflichtung oder der verständliche Wunsch, sich möglichst schnell ein eigenes Bild von jenem jungen Mann zu machen, den das Haus Velcrest offenbar ohne größere Vorwarnung in seine Obhut gegeben hatte.
Unwillkürlich fragte Lucien sich, wie viel sein Vater dem Gouverneur erzählt hatte.
Vielleicht hatte er lediglich ein förmliches Empfehlungsschreiben übermittelt, in dem von wirtschaftlicher Zusammenarbeit, familiärer Unterstützung und einer möglichen Vertretung des Hauses Velcrest auf Truuine die Rede war. Ebenso gut konnte er jedoch mehrere Seiten damit gefüllt haben, sämtliche Verfehlungen seines jüngsten Sohnes aufzulisten und Ridley eindringlich davor zu warnen, sich von seinem freundlichen Lächeln und einigen wohlgewählten Worten nicht täuschen zu lassen.
Wahrscheinlich lag die Wahrheit irgendwo dazwischen.
Sein Vater hatte selten etwas dem Zufall überlassen, weshalb es töricht gewesen wäre anzunehmen, dass Ridley Solaris ihm vollkommen unvoreingenommen begegnen würde. Die eigentliche Frage bestand daher weniger darin, ob der Gouverneur bereits eine Meinung über ihn besaß, sondern vielmehr darin, wie diese aussah, auf welchen Informationen sie beruhte und wie viel Gelegenheit Lucien erhalten würde, sie durch einen eigenen Eindruck zu ergänzen.
Mit diesem Gedanken erhob er sich schließlich und trat vor den großen Spiegel an der gegenüberliegenden Wand. Sein Vater hätte vermutlich behauptet, dass er sich wieder einmal viel zu sehr mit seinem Äußeren beschäftigte, doch Lucien betrachtete eine angemessene Erscheinung keineswegs als oberflächliche Nebensächlichkeit. Kleidung vermittelte Haltung, Herkunft und Respekt, lange bevor das erste Wort gesprochen wurde, und gerade bei einer Begegnung, die möglicherweise über seine kommenden Monate oder sogar Jahre entscheiden konnte, wollte er nichts dem Zufall überlassen.
Beinahe automatisch strich er die Ärmel seines dunkelblauen Jacketts glatt, richtete den Kragen des hellen Hemdes und überprüfte den Sitz der feinen Manschetten, bevor er die Hände kurz in die Taschen seiner elegant geschnittenen Hose gleiten ließ. Die dunklen Locken saßen noch immer ordentlich, ohne übermäßig streng zu wirken, während die dunkle Haut seiner aurentischen Abstammung einen auffälligen Kontrast zu den vollständig weißen Augen bildete, die ihn trotz seines ungewöhnlichen Erscheinungsbildes unverkennbar als Arkanier auswiesen.
Der junge Mann im Spiegel wirkte selbstbewusst, gepflegt und deutlich gelassener, als Lucien sich tatsächlich fühlte. Ein wenig jugendliche Neugier lag in seinem Blick, begleitet von jener kaum zu verbergenden Überzeugung, dass er sich zumindest äußerlich kaum besser hätte präsentieren können.
„Na schön“, murmelte er leise und neigte prüfend den Kopf. „Versuchen wir, keinen katastrophalen ersten Eindruck zu hinterlassen.“
Ein flüchtiges Grinsen erschien auf seinen Lippen, ehe er nach kurzem Überlegen ergänzte: „Oder zumindest keinen bleibenden.“
Mit dieser durchaus beruhigenden Einschätzung verließ Lucien sein Apartment und machte sich auf den Weg durch die weitläufigen Gänge des Praxeums. Inzwischen fiel ihm die Orientierung deutlich leichter als noch am Morgen. Die zahlreichen Übersichtskarten und dezenten Wegmarkierungen hatten ihm geholfen, sich einen groben Eindruck von der Struktur des alten Gebäudes zu verschaffen, und obwohl er noch immer gelegentlich an Abzweigungen vorbeikam, deren Ziel ihm unbekannt war, bewegte er sich längst nicht mehr wie ein Gast, der hinter jeder Ecke damit rechnen musste, sich vollständig zu verlaufen.
Bedienstete grüßten ihn höflich, vereinzelt begegneten ihm Verwaltungsangestellte mit Datenpads unter den Armen und Sicherheitskräfte, die vermutlich erst vor Kurzem von ihren Einsätzen zurückgekehrt waren. Durch einige der hohen Fenster drangen die gedämpften Geräusche Morabands in das Gebäude. Das entfernte Summen von Repulsortransportern vermischte sich mit dem Lärm der Baustellen, während über den jungen Parkanlagen und den noch unfertigen Straßenzügen jener stetige Rhythmus lag, der Lucien bereits während seines Rundgangs aufgefallen war. Diese Hauptstadt schien niemals vollständig zur Ruhe zu kommen, weil überall gleichzeitig etwas errichtet, erweitert oder verändert wurde.
Je näher er der Bibliothek kam, desto stiller wurden die Gänge. Die geschäftigen Stimmen der Verwaltung verklangen allmählich, Begegnungen wurden seltener und selbst das ferne Treiben der Stadt schien hinter den dicken Mauern des ehemaligen Jedi-Praxeums zurückzubleiben. Lucien verlangsamte unbewusst seine Schritte, während er sich noch einmal vor Augen führte, welche Haltung er in dem bevorstehenden Gespräch einnehmen wollte.
Er würde Ridley nicht als beleidigter Sohn begegnen, der gegen seinen Willen von Arkania fortgeschickt worden war, auch wenn ein großer Teil von ihm noch immer genau so empfand. Ebenso wenig wollte er als verbannter Adeliger auftreten, der darauf wartete, dass andere seine Probleme lösten, und schon gar nicht als verwöhnter Jüngling, als den sein Vater ihn möglicherweise beschrieben hatte auch wenn er vielleicht damit nicht ganz unrecht hatte. Ridley Solaris sollte einen gebildeten Vertreter des Hauses Velcrest kennenlernen, der bereit war, sich mit Truuine auseinanderzusetzen, wirtschaftliche Möglichkeiten zu prüfen und seinen Platz auf dieser Welt selbst zu finden.
Dass Lucien noch nicht wusste, ob er diesem Bild überhaupt entsprach, musste vorerst niemand erfahren.
Als er schließlich vor dem großen und breiten, mit dunklem Holz verkleideten Eingang der Bibliothek stehen blieb, richtete er beinahe unbewusst noch einmal die Manschette seines Hemdes und legte anschließend zwei Finger auf das kleine, in den Türrahmen eingelassene Bedienfeld. Ein gedämpfter Signalton bestätigte seine Anmeldung und wurde wenige Augenblicke später von einem leisen „Herein“ aus dem Inneren beantwortet. Gleichzeitig glitten die schweren, mit kunstvoll gearbeitetem Holz verkleideten Türsegmente nahezu lautlos auseinander und gaben den Blick auf die weitläufige Bibliothek frei.
Lucien straffte unmerklich die Schultern und trat mit ruhigen, gemessenen Schritten ein.
Die Bibliothek des Praxeums wirkte trotz ihrer beachtlichen Größe erstaunlich warm. Hohe Regale aus hellem Holz zogen sich entlang der Wände bis beinahe unter die Decke, während dazwischen breite Lesetische, moderne Datenterminals und mehrere ruhige Sitzbereiche angeordnet waren. Vereinzelte Bücher und Datenpads lagen ordentlich aufgeschlagen auf den Tischflächen, und durch die hohen Fenster fiel gedämpftes Tageslicht in den Raum, das den alten Beständen und der sorgfältig restaurierten Holzvertäfelung eine beinahe friedliche Atmosphäre verlieh. Nur wenige Stunden zuvor hatte Lucien selbst noch an einem der weiter hinten gelegenen Plätze gesessen und versucht, sich einen Überblick über Truuines Wirtschaft zu verschaffen. Nun sollte ausgerechnet hier die erste Begegnung mit seinem Schwager stattfinden.
Sein Blick fand den Gouverneur beinahe augenblicklich.
Ridley Solaris kam ihm bereits entgegen, das Gesicht von einem breiten Lächeln erfüllt und die Arme leicht geöffnet, als würde er keinen unbekannten Verwandten, sondern einen lange erwarteten Freund begrüßen. Lucien hatte kaum Gelegenheit, die angedeutete Verbeugung zu vollenden, mit der er seinem Gastgeber ursprünglich begegnen wollte, als Ridley ihn bereits standesgemäß mit einem Kuss auf beide Wangen willkommen hieß.
Für einen kurzen Augenblick überraschte ihn die unerwartete Herzlichkeit tatsächlich. Innerhalb des arkanischen Adels war eine solche Begrüßung keineswegs ungewöhnlich, dennoch hatte Lucien angesichts der Umstände eher mit höflicher Distanz, einigen förmlichen Worten und einer gewissen Zurückhaltung gerechnet. Immerhin kannten sie einander wenig bis kaum, und unabhängig von ihrer familiären Verbindung war Ridley der amtierende Gouverneur einer Welt, während Lucien erst wenige Stunden zuvor beinahe unangekündigt in dessen Residenz eingetroffen war.
Seine Überraschung blieb jedoch kaum länger als zwei Sekunden sichtbar. Dennoch hörten die Überraschungen hier nicht auf, auch die Augen seines Gegenüber waren ungewöhnlicherweise menschlich und in Grau gehalten, was Lucien´s Stirn kurz in ein paar nachdenkliche Falten legte.
Noch während er die Begrüßung erwiderte, legte sich ein freundliches Lächeln auf Lucien´s Gesicht, das ausreichend Wärme vermittelte, ohne eine Vertrautheit vorzutäuschen, die zwischen ihnen bislang nicht existierte.
„Die Freude ist ganz meinerseits Ridley“, erwiderte Lucien und ließ einen kurzen, beinahe schelmischen Ausdruck über sein Gesicht ziehen. „Ich muss gestehen, dass ich mich ebenfalls mehr als einmal gefragt habe, wann wir uns wohl persönlich begegnen würden. Allerdings hatte ich mir den Anlass etwas weniger plötzlich und meine Ankunft vermutlich unter anderen Umständen vorgestellt.”
Der letzte Teil wurde von einem leichten Schmunzeln begleitet, das offen genug war, um eine gewisse kleine Selbstironie erkennen zu lassen, ohne bereits mehr über die tatsächlichen Gründe seiner Reise preiszugeben, als Ridley möglicherweise wusste. Lucien wollte weder lügen noch die Entscheidung seines Vaters vor einem Mann beklagen, den er gerade erst kennenlernte. Sollte der Gouverneur bereits über alles informiert sein, würde er die Anspielung verstehen. Falls nicht, bestand vorerst kein Grund, ihm die gesamte Geschichte zu erzählen.
Als Ridley anschließend Zoëlla erwähnte und mit sichtbarer Betrübnis erklärte, wie leid es ihm tat, dass er Luciens Halbschwester nicht besser hatte beschützen können, verschwand das Lächeln langsam aus dessen Gesicht.
Die Veränderung war weder übertrieben noch bewusst inszeniert. Allein der Name genügte, um Erinnerungen hervorzurufen, die seit ihrem Tod immer wieder unerwartet an die Oberfläche traten. Zoëlla war seiner Meinung nach vernünftiger, zielstrebiger und in vielerlei Hinsicht genau jene Art von Arkanierin gewesen, die innerhalb des Hauses Velcrest Anerkennung fand, ohne ständig darum kämpfen zu müssen. Trotz ihrer Unterschiede hatte sie Lucien jedoch niemals das Gefühl gegeben, weniger wert zu sein, nur weil seine Interessen immer wieder wechselten oder sein Leben nicht jenem geradlinigen Weg folgte, den ihr Vater für seine Kinder vorgesehen hatte.
Für einen Moment senkte er den Blick, während seine Finger sich beinahe unmerklich hinter seinem Rücken ineinanderlegten. Er erinnerte sich an Gespräche, an gemeinsame Familienfeiern und an jene ruhige Geduld, mit der Zoëlla manche seiner Eskapaden kommentiert hatte, ohne ihn dabei jemals bloßzustellen. Die Trauer war nicht verschwunden, auch wenn Lucien gelernt hatte, sie hinter Humor, Ablenkung, einem diplomatischen Lächeln und der täglichen Geschäftigkeit seines Lebens zu verbergen.
„Danke für deine Anteilnahme", antwortete er schließlich, wobei seine Stimme deutlich ruhiger klang als noch wenige Augenblicke zuvor. „Ihr Tod hat unsere Familie getroffen und Vater vermutlich mehr, als er jemals offen zugeben würde.“
Langsam hob Lucien den Blick wieder und begegnete den Augen seines Schwagers. Obwohl er Ridleys Worte aufmerksam aufgenommen hatte, wusste er nicht, wie viel davon aufrichtig empfunden und wie viel durch jene politische Gewohnheit geprägt war, die einen Gouverneur dazu brachte, selbst unangenehme Gespräche mit einem passenden Gesichtsausdruck zu führen. Vielleicht war die Betrübnis vollkommen ehrlich. Vielleicht hatte Ridley diese Worte bereits viele Male ausgesprochen. Lucien kannte ihn nicht gut genug, um darüber ein Urteil zu fällen, und war klug genug, seine Unsicherheit nicht mit vorschnellen Misstrauen zu verwechseln. Alles in allem hatten diese Gedanken jetzt gerade hier sowieso keinen Platz und Lucien entschied sich, die Gedanken für einen anderen Zeitpunkt aufzuschieben.
„Nach allem, was ich über die damaligen Ereignisse erfahren habe, tragt Ihr keine Schuld an ihrem Tod“, fuhr er nach einer kurzen Pause fort. „Das Schicksal entscheidet leider nur selten danach, was gerecht wäre, und manche Dinge liegen außerhalb unserer Möglichkeiten, ganz gleich, wie sehr wir uns im Nachhinein wünschen, anders gehandelt zu haben, ändern wird sich schlussendlich daran nichts.“
Während er sprach, beobachtete Lucien seinen Schwager aufmerksam, ohne seinen Blick aufdringlich auf dessen Gesicht ruhen zu lassen. Sein Vater hatte erstaunlich wenig über Ridley erzählt und sich meist auf das Nötigste beschränkt. Erfolgreicher Gouverneur, fähiger Verwalter, einflussreicher Politiker und Ehemann seiner verstorbenen Halbschwester. Mehr wusste Lucien kaum, weshalb er sich unwillkürlich fragte, ob Ridley gerade dasselbe tat wie er selbst und hinter den höflichen Worten nach Hinweisen darauf suchte, welche Art von Person ihm gegenüberstand.
Vor allem deshalb wollte Lucien herausfinden, wie viel sein Vater bereits über ihn berichtet hatte.
Wusste Ridley von dem Ball, den Auseinandersetzungen und der Entscheidung des Hauses Velcrest? Hatte er erfahren, dass Luciens Aufenthalt auf Truuine weniger freiwillig war, als es die offizielle Darstellung vermuten ließ? Oder hatte sein Vater lediglich von wirtschaftlichen Interessen und dem Wunsch gesprochen, seinem jüngsten Sohn eine Aufgabe innerhalb der familiären Unternehmungen zu übertragen?
Lucien würde nicht danach fragen, zumindest noch nicht.
Es erschien ihm wesentlich klüger, aufmerksam zuzuhören und Ridley selbst entscheiden zu lassen, welche Informationen er offenlegen wollte. Wahrscheinlich würde bereits die Art, wie der Gouverneur über seine Ankunft sprach, mehr verraten als jede direkte Antwort.
Als Ridley schließlich nach seiner Reise fragte, kehrte langsam ein freundliches Lächeln in Luciens Gesicht zurück.
„Angenehm wäre vermutlich nicht das erste Wort, das mir dazu einfallen würde“, antwortete er mit einem leichten Schmunzeln. „Ausgesprochen komfortabel war die Reise allerdings. Die Velcrest Odyssee hat mich zuverlässig und ohne größere Zwischenfälle nach Truuine gebracht, womit sie bereits erfolgreicher war als manche meiner früheren Reisepläne.“
Seine weißen Augen wanderten für einen kurzen Moment durch die Bibliothek und blieben schließlich an jenem Bereich hängen, in dem er wenige Stunden zuvor noch die ersten Berichte über Truuine ausgewertet hatte.
„Außerdem hatte ich während des Fluges ausreichend Gelegenheit, mich mit Eurer Welt zu beschäftigen. Mein Vater hat großen Wert darauf gelegt, dass ich nicht vollkommen unvorbereitet hier eintreffe, weshalb ich mich durch Wirtschaftsanalysen, politische Berichte und mehr Statistiken gearbeitet habe, als ich während einer Reise eigentlich für vertretbar halte.“
Ein leises Lachen begleitete seine Worte, ehe er sich wieder Ridley zuwandte.
„Nachdem ich heute Vormittag einen Teil Morabands gesehen und einige weitere Unterlagen hier in der Bibliothek durchgearbeitet habe, muss ich allerdings zugeben, dass Truuine deutlich interessanter ist, als ich zunächst erwartet hatte. Eure Hauptstadt ist noch jung, an vielen Stellen unfertig und vermutlich mit mehr Herausforderungen beschäftigt, als sich aus einem offiziellen Bericht herauslesen lässt. Gerade darin liegen jedoch Möglichkeiten, die eine bereits vollständig entwickelte Welt kaum noch bieten könnte.“
Während Lucien sprach, trat zunehmend jene Begeisterung in seinen Blick, die sich bereits während seiner Arbeit am Vormittag gezeigt hatte. Er bemühte sich nicht darum, besonders klug oder geschäftstüchtig zu wirken, denn wirtschaftliche Zusammenhänge gehörten zu den wenigen Themen, bei denen er nicht lange darüber nachdenken musste, welchen Eindruck er vermittelte. Zahlen, Entwicklungen und Möglichkeiten ergaben für ihn ein Bild, lange bevor andere überhaupt bemerkten, dass einzelne Bestandteile miteinander verbunden waren.
„Ich hätte ehrlich gesagt nicht erwartet, innerhalb weniger Stunden bereits so viele interessante Ansätze zu entdecken“, erklärte er und ließ die Hände locker hinter dem Rücken ruhen. „Moraband wächst, die Bevölkerung benötigt Wohnraum und Versorgung, neue Unternehmen brauchen Kapital, Fachkräfte benötigen Gründe, dauerhaft hierzubleiben, und zwischen Kolto, Schiffbau, Handel sowie den zahlreichen noch offenen Bauprojekten scheint es mehr als genug Möglichkeiten zu geben, wirtschaftliche Strukturen aufzubauen, die über einzelne Investitionen hinausgehen.“
Für einen kurzen Augenblick wurde sein Lächeln etwas breiter, wobei sich in seinem Ausdruck jener jugendliche Eifer und eine Selbstsicherheit zeigte, die Lucien selbst in ernsten Situationen nie vollständig verbergen konnte.
„Ich fürchte sogar, Euer Planet hat bereits begonnen, meine berufliche Neugier zu wecken. Das dürfte meinem Vater vermutlich deutlich besser gefallen als mir, denn sollte er jemals erfahren, dass ich mich freiwillig mehrere Stunden mit Verwaltungsdaten und Investitionsmöglichkeiten beschäftigt habe, wird er sich vermutlich für den Rest seines Lebens einbilden, mit dieser Reise von Anfang an recht gehabt zu haben, was ich ihm unters nicht gerne vor die Nase halten möchte…wenn Ihr versteht.“ Diesmal war das leise Lachen vollkommen aufrichtig.
Nun begann Lucien aber das Gespräch etwas von sich weg zu lenken. “Aber genug von mir und meinen Einblicken zu Truuine, ich hoffe, es geht euch gut soweit? Wie ich höre und sehe, machst du eine hervorragende Arbeit auf Truuine, wenn man die Berichte seit deiner Ernennung durchliest hat sich auf jedenfall einiges getan.” Er hoffte mit diesem kleinen positiven Satz dem Gouverneur ein höfliches, aber nicht zu direktes Lob auszusprechen, in der Hoffnung, dass er dies nicht als Schleimerei verstand.
Während er auf die Antwort Ridley wartete, blieb Lucien innerlich aufmerksam. Noch wusste er nicht, ob Ridley Solaris ihm als Familienmitglied begegnete, als Gouverneur, als Politiker oder lediglich als Person, der versuchte, eine unerwartete Verpflichtung möglichst höflich in seinen ohnehin überfüllten Alltag einzuordnen. Vielleicht war dessen Freundlichkeit ehrlich. Vielleicht gehörte sie ebenso sehr zu seinem Amt wie die Uniformen der Sicherheitskräfte oder die Banner im Regierungspalast.
Lucien würde sich kein vorschnelles Urteil erlauben. Er würde aufmerksam zuhören, die kleinen Reaktionen seines Gegenübers beobachten und genau darauf achten, welche Fragen gestellt und welche Themen bewusst vermieden wurden. Ob der Gouverneur ihm dieses Bild glaubte oder hinter dem höflichen Lächeln längst den Grund seiner Reise erkannt hatte, würde sich vermutlich schneller zeigen, als Lucien lieb war.
Fürs erste war wichtig das sie sich gegenseitig verstanden und das Lucien mit der Analyse und Arbeit beginnen konnte um seinen Vater fürs erste zufrieden zustellen.
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