~ Coruscant ~ Jedi-Tempel ~ Große Halle ~ Steven, Elise, Riuen, Faith, Eowyn, Wes, Brianna, Ian, Ganner, Tenia weiter hinten und zahlreiche Jedi ~
Man konnte durchaus behaupten, dass der Baron von Cirrus mit den Umgangsformen des gehobenen Adels vertraut war. Er wusste, wann man sich erhob, wie tief eine Verbeugung auszufallen hatte, in welcher Reihenfolge man einen Herzog, einen Senator und einen republikanischen Flottenadmiral begrüßte und weshalb man bei einem offiziellen Empfang niemals den Fehler begehen sollte, einen rangniedrigeren Gast vor einem ranghöheren anzusprechen. All diese Dinge hatte Steven bereits als junger Mensch gelernt, lange bevor die Jedi und die Macht eine größere Rolle in seinem Leben gespielt hatten. Umso bemerkenswerter war es, dass ausgerechnet eine ihm vollkommen unbekannte Jedi-Ritterin ihn innerhalb weniger Minuten mehrfach fast aus dem Konzept bringen konnte. Steven hatte Elise gerade erst kennengelernt und schon musste er feststellen, dass ihre ruhige und zugleich leicht spöttische Art eine ausgesprochen angenehme Abwechslung im Orden der Jedi darstellte. Als sie ihn fragte, was ihn eigentlich in den Tempel führte und ob er eigens für die Trauerfeier angereist war, verzogen sich die Lippen des Barons zu einem kleinen, fast entschuldigenden Lächeln.
„Nicht ganz, Ritterin Benett. Ich fürchte, meine Anwesenheit verdanke ich einer kurzfristig angeordneten Missionsauswertung.“
Er rückte ein wenig auf seinem Sitz zurecht und deutete mit einer kleinen Bewegung seiner Hand in Richtung des Podiums, wo das lebensgroße Hologramm der verstorbenen Rätin weiterhin in einem blassen, leicht flackernden Blau erstrahlte.
„Dass die Trauerfeier heute stattfindet, habe ich erst erfahren, nachdem ich bereits im Tempel angekommen war.“
Sein Blick wanderte einen Moment über die noch immer zahlreichen Anwesenden. Es war ein eigenartiger Kontrast, während die ersten Jedi bereits miteinander sprachen und ein Teil der Besucher sich erhob, standen andere noch vollkommen regungslos vor ihren Sitzplätzen. Eine ältere Mirialanerin mit dunklen, sorgfältig geflochtenen Haaren hatte beide Hände fest ineinandergelegt und starrte schweigend auf das Hologramm der Pau'anerin. Einige Reihen dahinter legte ein hochgewachsener menschlicher Jedi einem wesentlich kleineren Rodianer die Hand auf die Schulter. Steven konnte nicht hören, was die beiden miteinander besprachen, doch der Rodianer nickte mehrfach und senkte anschließend den Kopf.
Es waren diese kleinen Gesten, die dem Baron an solchen Veranstaltungen auffielen. Dinge, die keine großen Reden benötigten. Ein Blick oder eine leichte Berührung konnten manchmal mehr vermitteln als stundenlange Ansprachen. Eine Erkenntnis, die für einen Mann, dessen diplomatisches Talent sich insbesondere durch seine Redekunst auszeichnete, beinahe beleidigend sein musste. Steven schmunzelte kurz über diesen Gedanken, ehe er seine ganze Aufmerksamkeit wieder Elise schenkte.
„Aber Ihr habt vollkommen recht, hier verändert sich gerade einiges. So wie in jedem Winkel der Galaxis derzeit. “
Er hatte mit dem Gedanken gespielt, noch etwas über Meister Varos und das äußerst "interessante" Gespräch über seine eigene Zukunft hinzuzufügen, entschied sich jedoch dagegen. Die junge Frau wirkte nicht nur ausgesprochen neugierig, sondern auch zunehmend erschöpft, selbst wenn sie sich große Mühe gab, diese Tatsache nicht allzu offensichtlich werden zu lassen. Dass ihr Padawan das offensichtlich ebenfalls bemerkte, entging Steven nicht. Der Baron von Cirrus mochte es zwar durchaus über seine Abenteuer und sein Können zu sprechen, doch in Anbetracht der Gesamtumstände war dies wenig angebracht. Als Elise schließlich nach ihrem Gehstock griff und sich vorsichtig erhob, war der Baron beinahe versucht, ihr seine Hand anzubieten. Die Bewegung fiel ihr erkennbar schwer und für einen kurzen Moment schien sie mit ihrem Gleichgewicht zu kämpfen. Doch noch bevor Steven etwas unternehmen konnte, richtete sich die Frau bereits eigenständig auf und versicherte ihrem Schüler vorsorglich, dass alles in Ordnung sei. Steven glaubte einen Hauch von Ablehnung in den Worten von Elise gehört zu haben. War ihr nur die Hilfe zu viel? War sie zu stolz um es zuzulassen oder war ihr Padawan in einer besonders freundlichen Art übergriffig? Auch der Baron von Cirrus beließ es schlussendlich dabei, denn er hatte schon genug eigenwillige Jedi kennengelernt, um zu wissen, dass ungefragte Hilfe nicht immer als Freundlichkeit verstanden wurde. Elise wandte sich nun erneut an ihn und verabschiedete sich mit dem freundlichen Wunsch, ihr Gespräch bei einer anderen Gelegenheit fortsetzen zu können. Der Baron erhob sich ebenfalls, nicht übertrieben förmlich, aber doch mit jener selbstverständlichen Eleganz, die ihm seit seiner Jugend anerzogen worden war. Gelernt war eben gelernt.
„Das Vergnügen war ganz meinerseits, Elise Benett.“
Er neigte respektvoll den Kopf, während sich erneut ein charmantes Lächeln auf seinem Gesicht ausbreitete.
„Und ich würde mich sehr freuen, wenn wir unser Gespräch bei Gelegenheit fortsetzen könnten. Das Mysterium um meine bemerkenswerte Erscheinung soll nicht ungelöst bleiben.“
Sein Blick wanderte zu dem blauhäutigen Chiss, dessen auffallend rote Augen Steven noch immer eine gewisse Skepsis abverlangten. Das kurze Unbehagen beim Anblick dieser ungewöhnlichen Augenfarbe ließ einen Schauer über des Barons Rücken laufen. Brrr. Dennoch, Riuen schien ausgesprochen aufmerksam darauf zu achten, dass seine Meisterin den Weg zum Ausgang ohne weitere Schwierigkeiten bewältigen konnte. Fürsorge? Nächstenliebe? Oder vielleicht doch nur ein übergriffiges Helfersyndrom?
„Und Euch wünsche ich ebenfalls noch einen angenehmen Abend, Padawan Riuen. Möge die Macht mit Euch sein.“
Der Baron nickte dem Padawan freundlich zu, während er bewusst die Betonung auf den Rang legte. Ein Padawan sollte, bei aller Sorge um seinen Meister, am Ende wissen wann es genug war. Anschließend trat er einen kleinen Schritt zur Seite, um Elise und ihrem Schüler genügend Platz zu lassen. Sein Blick folgte den beiden noch einen Moment, während sie sich zwischen den mittlerweile deutlich gelichteten Sitzreihen hindurchbewegten. Der Gehstock berührte in regelmäßigen Abständen den polierten Steinboden, und auch wenn die Geräusche in der riesigen Halle beinahe vollständig vom Stimmengewirr verschluckt wurden, konnte Steven sie gelegentlich noch hören.
Eine durchaus interessante Frau. Und offenbar eine ziemlich entschlossene. Er fragte sich unwillkürlich, was ihr widerfahren sein mochte. Vielleicht war es eine Verletzung aus einer Mission, möglicherweise sogar eine Folge der schrecklichen C-Virus-Krise. Darüber hinaus wollte er jedoch nicht spekulieren. Wenn die Macht es wollte, würden sie sich eines Tages wieder begegnen und dann ergab sich vielleicht die Gelegenheit, mehr über sie und ihren blauhäutigen Padawan zu erfahren. Der Baron von Cirrus hoffte die Macht war ihm hierbei gnädig. Obwohl Steven auf Letzteres nun wirklich nicht besonders erpicht war. Doch das lag selbstverständlich ausschließlich an den schlechten Erfahrungen mit einigen Angehörigen der Chiss-Spezies. Selbstverständlich..
Einige Schritte entfernt verabschiedete sich inzwischen Brianna Kae von dem großen menschlichen Jedi, mit dem sie während der Trauerfeier immer wieder gesprochen hatte. Ganner Fel, wenn Steven den Namen richtig verstanden hatte. Der ehemalige Soldat hatte sich zuvor auch an dem Gespräch über ChesaraSyonette beteiligt und sein aufrichtiges Mitgefühl zum Ausdruck gebracht. Steven hatte die freundliche Geste durchaus zur Kenntnis genommen, auch wenn er in dem Moment gedanklich zu sehr mit seiner verschollenen Meisterin und dem Gespräch mit Faith beschäftigt gewesen war, um ausführlicher darauf einzugehen. Wieder zwei ausgesprochen interessante und entschlossene weibliche Jedi. Doch nun traf sein Blick den von Ganner und Steven nickte ihm noch einmal respektvoll zu.
„Vielen Dank für Eure freundlichen Worte vorhin, Ganner.“ Ein schlichtes Lächeln folgte. „Die Ungewissheit ist manchmal das Schlimmste. Aber wir geben die Hoffnung nicht auf und Vertrauen auf die Macht.“
Mehr musste er dazu nicht sagen. Der Mann hatte sich ohnehin bereits wieder Brianna zugewandt und schien in ein Gespräch mit ihr vertieft zu sein und Steven wollte sich nicht ungefragt einmischen. Die Echani hatte er seinerseits schon bei seiner Ankunft begrüßt und auch wenn ihn die Ereignisse um Darth Allegious brennend interessierten, war es vollkommen unangebracht, sie ausgerechnet heute mit neugierigen Fragen zu überfallen. Er kannte Brianna von früheren Missionen und die Echani war wirklich niemand mit dem man(n) es sich verscherzen wollte. Vielleicht würden sie ein anderes Mal sprechen, vielleicht auch nicht. Steven hatte gelernt darauf zu vertrauen, dass manche Informationen seine Ohren zur rechten Zeit erreichen würden.
Er blickte wieder zur Reihe hinter sich und zu Faith. Noch immer musste er unwillkürlich schmunzeln, wenn er an das junge Mädchen von damals dachte. Ihre Frage danach, was eigentlich ein Baron war, hatte sich erstaunlich tief in sein Gedächtnis eingeprägt. Vielleicht gerade deshalb, weil sie so vollkommen unbefangen und unschuldig gewesen war. Faith hatte damals keine Vorstellung davon gehabt, welche gesellschaftliche Bedeutung ein Adelstitel besitzen konnte, und Steven hatte ihr vermutlich eine wesentlich ausführlichere Erklärung geliefert, als sie ursprünglich erwartet hatte.
Vielleicht erinnerte sie sich ja auch noch daran, Steven hoffte dies zumindest, denn schließlich hatte er sich bei der Beantwortung durchaus Mühe gegeben. Wichtiger war ihm gerade allerdings ihre gemeinsame Vergangenheit bei ChesaraSyonette. Die Trauerfeier hatte ihn bereits mit den Erinnerungen an seine ehemaligen Meister konfrontiert und Faiths plötzliches Auftauchen hatte diesen Gedanken noch einmal eine ganz andere Bedeutung verliehen. Er wusste nicht, ob sie inzwischen eine neue Meisterin gefunden hatte, welche Erfahrungen sie gesammelt hatte oder ob sie weiterhin mit dem rothäutigen Arlen unterwegs war. Doch gerade diese Fragen wollte er nicht innerhalb weniger Minuten zwischen den letzten Gästen einer Gedenkfeier abhandeln. Der Baron wandte sich dennoch halb zu ihr.
„Faith , ich würde mich wirklich freuen, wenn wir uns später noch etwas Zeit füreinander nehmen könnten. Vielleicht in einer der Kantinen des Tempels?“
Er lächelte.
„Ich bin mir sicher, dass die Küchen auf Coruscant etwas Besseres zu bieten haben als den Eintopf auf Lianna.“
Der Gedanke an den wenig appetitlichen Brei ließ ihn für einen kurzen Moment die Nase rümpfen.
„Und vielleicht finden wir bis dahin auch jemanden, der uns etwas über Chesara sagen kann.“
Sein Blick wurde für einen Moment ernster. Schließlich war es keine vollkommen belanglose Angelegenheit. Faith konnte zumindest sicher sein, dass er ihre Sorge teilte, er würde seine Meisterin nicht einfach vergessen, sobald eine weitere diplomatische Verpflichtung auf ihn wartete. Zumindest nahm Steven sich das fest vor. Was seine Vorsätze wert waren, wenn der Jedi-Orden eine neue Mission für ihn vorsah, hatte er in den vergangenen Wochen schließlich mehrfach unter Beweis gestellt.. Ein durchaus unangenehmer Gedanke. Und wie so häufig führte ihn dieser Gedanke wieder zu einer ganz bestimmten Person. Tenia Lumiran.
Steven spürte, wie seine rechte Hand beinahe automatisch zum Kommunikator an seinem Gürtel wanderte. Er hielt inne, bevor seine Finger das kleine Gerät erreichten. Es war inzwischen beinahe lächerlich geworden. beinahe? Ziemlich lächerlich. Mehrfach hatte er in den vergangenen Tagen beschlossen, der Nullianerin zu schreiben. Mehrfach hatte er einen geeigneten Zeitpunkt gesucht und jedes Mal einen vollkommen vernünftigen Grund gefunden, weshalb gerade jetzt nicht der richtige Augenblick war. Da war Pflicht, die nächste Mission, die Auswertung im Tempel, ein Zwischenfall auf Planet X, ein Konflikt auf Mond Y. Es gab viele Gründe die er vorschieben konnte, doch dahinter steckte eine unangenehme Wahrheit, die der Baron nur höchst ungern zugeben wollte: Angst. Keine Angst vor Tenia selbst. Bei der Macht! Er hatte Sith gegenübergestanden, war in diplomatischen Auseinandersetzungen mit wesentlich mächtigeren Wesen aneinandergeraten, hatte sich schon mehr als einmal in eine Situation gebracht, in der jeder vernünftige Mensch schleunigst die Flucht ergriffen hätte und hatte sogar einen mehr als dickköpfigen Padawan erfolgreich zu einem Jedi-Ritter ausgebildet. Aber mit Tenia war es anders.
Bei ihr war er nicht einfach ein Jedi-Ritter, dessen Urteil respektiert wurde und dessen Fähigkeiten über viele hinausragte, oder der Baron von Cirrus, der sich auf die gesellschaftliche Stellung seiner Familie verlassen konnte. Sie kannte seine schlechten Seiten, seine Fehler und jene pragmatischen Überzeugungen, die ihm beinahe schon zur zweiten Natur geworden waren. Sie kannte seine Vergangenheit, seine Gegenwart und manchmal glaubte Steven, sie hatte sogar die Fähigkeit einen Teil seiner Zukunft zu sehen. Und sie gehörte zu den wenigen Wesen in der Galaxis, bei denen Steven tatsächlich fürchtete, durch eine falsche Entscheidung etwas unwiederbringlich zu zerstören. Vielleicht war das der Grund, weshalb er sich seit Ketaris nicht mehr gemeldet hatte. Vielleicht war die Schuld seit Thyferra immer wieder gekommen. Vielleicht war es aber auch einfach Feigheit? Feigheit vor dem was war, vor dem was ist und vor allem vor dem was sein wird. Feigheit! Ein ausgesprochen unangenehmes Wort. Steven verzog leicht das Gesicht. Er. Jedi-Ritter. Meister des Michael Aeren. Baron von Cirrus. Feige? Pff.
Dann erinnerte er sich an die kleine Gestalt im schwarzen Kleid, die er vor wenigen Augenblicken in den hinteren Sitzreihen zu erkennen geglaubt hatte. Sein Blick wanderte erneut durch die Große Halle. Die feierliche Atmosphäre hatte sich inzwischen merklich verändert. Während sich vor Beginn der Zeremonie beinahe sämtliche Sitzplätze gefüllt hatten, waren nun zahlreiche Reihen bereits verlassen. Zwischen den schweren, sandfarbenen Säulen bewegten sich kleinere Gruppen von Jedi auf die breiten Ausgänge zu. Einige unterhielten sich noch gedämpft miteinander, andere gingen schweigend nebeneinander her. Über ihnen zeichneten sich die hohen Galerien gegen das warme Licht des beginnenden Abends ab. Der Planet Coruscant lag jenseits der breiten Fensterfronten in einem goldenen, beinahe kupferfarbenen Schimmer, während die ersten unzähligen Lichter der Stadt zwischen den gigantischen Hochhäusern aufleuchteten. Fast wie auf Cirrus.
Das Hologramm Ahna Rigbys befand sich weiterhin an seinem Platz. Steven sah noch einmal zu der verstorbenen Rätin hinüber. Es war eigenartig.. Sie hatte ein derart langes Leben geführt und sich dennoch kaum Zeit für sich selbst genommen. Jedenfalls hatte Rätin Eowyn El'mireth das berichtet. Steven fragte sich, ob die Pau'anerin jemals etwas bereut hatte? Vielleicht eine Entscheidung, die sie nicht getroffen hatte, ein Gespräch, das sie zu lange aufgeschoben hatte oder eine Nachricht die sie am Ende doch nicht abgeshcickt hatte. Vielleicht war das auch eine ziemlich unangebrachte Unterstellung. Aber eines war sicher: Sein eigenes Leben würde ebenfalls nicht unbegrenzt dauern. Die Trauerfeier hatte ihn daran deutlicher erinnert, als ihm lieb war.
Steven betrachtete noch einen Augenblick die hellblau schimmernde Gestalt, bevor er sich für einen kurzen Moment von Faith verabschiedete uind sich schließlich von seinem Platz entfernte. Nicht hastig und schon gar nicht so, als würde er jemanden suchen. Er war schließlich der Baron von Cirrus und ein angesehener Jedi-Ritter. Ein Mann seines Standes rannte nicht planlos zwischen Sitzreihen umher, nur weil er glaubte, eine bestimmte Frau gesehen zu haben. Er ging selbstverständlich ganz ruhig und blickte dabei vollkommen unauffällig zwischen den noch verbliebenen Besuchern hindurch.
Einige Schritte weiter blieb er kurz stehen, um einer kleinen Gruppe junger Padawane Platz zu machen. Eine dunkelhäutige menschliche Frau mit streng zurückgebundenem Haar führte sie durch einen der schmaleren Gänge zwischen den Sitzreihen. Einer der Schüler, ein kleiner grünhäutiger Rodianer mit auffallend großen schwarzen Augen, warf Steven einen neugierigen Blick zu. Der Baron lächelte freundlich und erwiderte den Gruß, ehe er sich wieder dem hinteren Teil der Halle zuwandte. Die kleine Gestalt war verschwunden! Natürlich.. Steven blieb stehen.
Die hinteren Reihen waren deutlich leerer geworden. Die Geräusche der Gespräche hallten nun etwas stärker durch die gewaltige Halle, weil immer weniger Körper und Kleidungsstücke den Schall schluckten. Aus einem der angrenzenden Korridore drang das tiefe Summen eines vorbeifahrenden Servicedroiden. Dann sah er sie wieder und diesmal nicht nur für einen flüchtigen Augenblick. Zwischen zwei der hinteren Sitzreihen befand sich eine kleinere, schlanke Frau in einem langen, schwarzen Kleid. Der Stoff fiel in schlichten, dunklen Bahnen an ihrem Körper herab und wirkte gegenüber den schweren Jedi-Roben der übrigen Anwesenden beinahe ungewöhnlich elegant. Sie war etwas kleiner als viele der Wesen um sie herum und dennoch besaß ihre Haltung etwas Vertrautes, das Steven sofort wiedererkannte.
Der Baron verlangsamte seinen Schritt. Sein Herz schlug plötzlich schneller. Lächerlich! Er war doch kein verliebter Padawan mehr. Sondern ein verliebter Ritter!? Er bleibt stehen und brauchte noch einen Moment, ehe er ihr Gesicht tatsächlich erkennen konnte. Ein hochgewachsener Jedi ging zwischen ihnen hindurch, anschließend eine ältere Togruta. Dann gab die Bewegung der Menge für einen Augenblick den Blick frei.
Die Gesichtszüge, die Augen, die Farbe des Haares und die vertraute Linie ihres Mundes. Tenia. Der Baron schluckte für einen Moment. Es war tatsächlich Tenia Lumiran. Für einen kurzen Moment wusste er nicht, was er tun sollte. Eine ausgesprochen ungewöhnliche Situation für jemanden, der gewöhnlich bei jeder Gelegenheit eine passende Bemerkung auf den Lippen hatte oder einen PLan für die verzwickteste Situation. Er hatte sich in den vergangenen Wochen mehrfach ausgemalt, wie ein Wiedersehen zwischen ihnen verlaufen könnte. Er hatte sich vorgestellt, ihr zu schreiben, sie vielleicht auf ein Abendessen einzuladen oder ihr von seiner letzten Mission zu erzählen. Vielleicht hätte er sie sogar auf der Stern von Cirrus empfangen können. Allein der Gedanke an ihre Reaktion auf diesen Namen brachte ihn beinahe zum Schmunzeln.
Doch nun stand sie tatsächlich vor ihm. Und keine seiner sorgfältig zurechtgelegten Vorstellungen erschien ihm plötzlich besonders brauchbar. Kein Plan A war genug, kein Plan B ausreichend für diese Begegnung. Steven dachte an Ketaris. An die kleine, alte Marktstraße und die Begegnung mit Brasso Nunkai. An das Abendessen auf seiner Yacht und ihren Abschied. An jene wenigen Augenblicke, in denen er ihr beinahe gesagt hätte, was er für sie empfand. Stattdessen hatte er ihr auf die Stirn geküsst und versprochen, zumindest gehofft, sie bald wiederzusehen. Bald. Wochen später saß er noch immer vor einem leeren Nachrichtenfeld. Bald. Ein ausgesprochen dehnbarer Begriff. Und jetzt? Jetzt hatte er nicht einmal mehr die Möglichkeit, sich hinter seinem Kommunikator oder einer wichtigen Mission zu verstecken.
Steven atmete langsam ein. Seine erste Regung war beinahe übermütige Freude gewesen: Die Erleichterung darüber, sie gesund und offenbar wohlbehalten wiederzusehen, war beträchtlich. Doch unmittelbar darauf meldete sich ein anderer Gedanke. Was, wenn Tenia ihn gar nicht sehen wollte? Sie hatte sich schließlich ebenfalls nicht gemeldet. Vielleicht hatte sie ihre Gründe dafür. Vielleicht genauso "gute" wie der Baron von Cirrus selbst? Vielleicht hatte sie inzwischen beschlossen, dass er ihr nicht guttat. Dass ihre unterschiedlichen Auffassungen von Verantwortung, Wahrheit, der Macht und Diplomatie auf Dauer einfach nicht miteinander vereinbar waren. Er hatte ihr auf Ketaris schließlich selbst gezeigt, wie schnell er bereit war, zu pragmatischen Lösungen zu greifen, wenn jemand, der ihm wichtig war, in Schwierigkeiten steckte. Aber er hatte auch gezeigt, dass er andere Wege bereit war zu gehen. Und dann war er gegangen. Einen Weg auf dem er sich nicht mehr gemeldet hatte. Steven presste für einen kurzen Moment die Lippen aufeinander. Doch er hatte ihr damals immerhin auch versprochen, ehrlich zu sein. Nicht alles mit einer geschickten Formulierung oder einem charmanten Lächeln aus der Welt schaffen zu wollen. Vielleicht war jetzt die Gelegenheit, zumindest damit anzufangen.
Der Baron straffte unwillkürlich die Schultern. Eine vollkommen unnötige Bewegung, die vermutlich auf irgendeinen Teil seiner höfischen Erziehung zurückzuführen war, dann setzte er sich wieder in Bewegung und näherte sich der Nullianerin. Er ging nicht besonders schnell, seine Bewegungen strahlten noch ausreichend die gewohnte Eleganz eines adligen Jedi aus. Als er nur noch wenige Schritte von ihr entfernt war, hielt Steven schließlich inne. Sein Blick ruhte auf Tenia. Für einen Augenblick erschien ihm alles andere ziemlich unwichtig. Der Orden, die politische Lage zwischen Republik und Imperium, die Umbenennung seiner Yacht und selbst die Tatsache, dass sein Vater vermutlich bereits wieder irgendeine ausgesprochen dringliche Nachricht für ihn vorbereitet hatte. Er wollte einfach nur wissen, wie es ihr ergangen war, wie es ihr jetzt ging, ob sie ihn vermisst hatte oder ob sie ihm sein Schweigen übelnahm. Bei Letzterem musste er vermutlich nicht besonders lange überlegen.
Steven lächelte vorsichtig.
„Ini!?“
Seine Stimme war leiser geworden, als er beabsichtigt hatte. Nicht unsicher, aber ungewohnt zurückhaltend. Er suchte ihren Blick, ohne näherzutreten.
„Gala-Pools, Ausnüchterungszellen, Gefängnisse und Beerdigungsfeiern. Wir sollten wirklich mal darüber sprechen, ob wir uns nicht lieber woanders begegnen wollen.“
Der Baron versuchte seine Anspannung durch einen lockeren Spruch zu lösen. Ein unsicheres Lächeln zeichnete sich auf seinem Gesicht ab bis jenes einem kleinen, ehrlichen Lächeln wich.
„Es ist schön, dich zu sehen! Geht es dir gut!?“
Und während Steven auf ihre Reaktion wartete, stellte er fest, dass er diese wenigen Worte vermutlich ehrlicher gemeint hatte als so manche diplomatische Erklärung, die er in den vergangenen Jahren abgegeben hatte.
„Und.. vielleicht hab ich dich schon viel zu oft darum gebeten, aber.. bitte entschuldige.“
Steven musste den Satz gar nicht aussprechen. Sie beide würden wissen worum es geht. Er hatte gesagt er meldet sich. Er hat sich nicht gemeldet. Pflichtgefühl, Unsicherheit, Angst. Vielleicht nahm Tenia die Entschuldigung an, vielleicht aber würde sie es dem Baron nicht so leicht und die Situation deutlich unangenehmer machen und nach den Gründen fragen. Dann würde sich zeigen, ob der Baron von Cirrus sein Versprechen halten würde und ihr die Wahrheit sagt. Angst vor dem was kommt.
~ Coruscant ~ Jedi-Tempel ~ Große Halle ~ Steven & Tenia; Faith, Ganner etwas weiter weg und weitere Jedi in der Halle ~