[Äußerer Rand | Mandalore-Sektor | Hyperraum zwischen Concord Dawn und Zanbar | Jai’Galaar | Trainingssektion] Ral A’kazz und Mando-Cabure
Der erste Übungsbolzen ging dicht an Rals Helm vorbei und traf die Wand hinter ihm, noch während er sich hinter die geöffnete Trennwand zurückzog und auf dem HUD verfolgte, wie die vier Markierungen im Korridor ihre Positionen veränderten. Aran Vhett hielt die rechte Seite, Keld blieb etwas zurück und gab ihm Deckung, Tavi Ordo zog nach links und Sola verschwand für einige Sekunden aus seinem unmittelbaren Sensorbereich. Sie sprachen nicht mehr jeden Schritt durch und sie drängten auch nicht länger alle auf denselben Zugang, wie sie es zu Beginn des Lehrgangs einige Male getan hatten. Der Mandalorianer hörte nur ihre Stiefel auf den Deckplatten und zweimal das kurze Klicken des internen Kanals, mit dem sie bestätigten, dass eine Bewegung verstanden worden war.
Er wartete.
Aran kam durch das rechte Schott.
Ral schoss ihm auf die Brustplatte.
Der Warnton der Trainingssensorik setzte ein, Keld packte den Vhett fast im selben Moment am Schulterstück und zog ihn zurück, während Tavi die freigewordene Seite übernahm. Sola blieb in Bewegung und zwang ihn dadurch, seine eigene Stellung aufzugeben, bevor er aus Arans Treffer einen zweiten machen konnte.
Das war besser.
Als er nach rechts auswich, zwang ihn die alte Taubheit im rechten Bein, den Fuß noch einmal neu zu setzen, bevor er das Gewicht vollständig verlagerte. Inzwischen geschah das meist ohne Nachdenken. Er kannte die Stellen, an denen sein Körper unzuverlässig geworden war, genauso gut wie die Verriegelungen seiner Beskar’gam.
Sola nutzte den Augenblick trotzdem.
Ihr erster Schlag traf seine linke Armschiene. Ral nahm ihn auf der Prothese, drehte ihre Schulter aus der Linie und verzichtete darauf, die Bewegung in einen Wurf zu verlängern, denn dafür hätte er mehr Kraft aufwenden müssen, als ihm der geringe Vorteil wert war. Sola begriff ebenso schnell, dass der erwartete Widerstand ausblieb, setzte den Fuß neu und brachte ihre Trainingswaffe wieder hoch.
Ihr Bolzen traf ihn an der Hüfte.
Seiner traf fast gleichzeitig ihre Schulter.
Während die beiden Treffer von den Rüstungen bestätigt wurden, gingen Keld und Tavi bereits weiter. Keiner versuchte, Sola aus einer Lage herauszuholen, die sie selbst verursacht hatte, und keiner wandte sich nach ihrem Ausbilder um. Tavi erreichte den Kontrollpunkt, Keld sicherte den letzten Zugang und erst dann beendete das Trainingssystem den Durchgang.
Eine Minute und siebenundvierzig Sekunden.
Elf Sekunden über der Vorgabe.
Ral ging zurück in den Korridor. Aran stand bereits wieder und weder er noch die anderen machten Anstalten, den Helm abzunehmen oder sich irgendwo anzulehnen.
„Meg banar?“ (Was ist passiert?)
Aran sah kurz auf die Stelle an seiner Brustplatte, an der der Treffer registriert worden war.
„Ni kyr’adyc.“ (Ich war tot.)
„Bal?“ (Und?)
Der Vhett schwieg einen Augenblick zu lange.
„Mhi ru’loyur.“ (Wir haben gewartet.)
Ral sah zu Keld. „At tion?“ (Auf wen?)
Jetzt antwortete keiner sofort.
Tavi war der Erste, der seinen Blick erwiderte.
„At gar.“ (Auf dich.)
„Elek.“
Er ging zu der Stelle zurück, an der Aran getroffen worden war und deutete auf den Zugang. Keld hatte sofort reagiert, daran war nichts auszusetzen gewesen. Sein Problem war ein anderes. Er zog einen Kameraden aus der Feuerlinie, bevor er sich selbst fragte, ob der Mann überhaupt noch gerettet werden musste, und in einer anderen Lage konnte aus genau diesem guten Instinkt der Fehler entstehen, mit dem er zwei weitere Männer in Gefahr brachte. Sola wiederum war schnell genug, eine Veränderung fast unmittelbar aufzunehmen, doch ihre Geschwindigkeit half der Gruppe nur dann, wenn die anderen wussten, wohin sie als Nächstes ging. Tavi hatte von allen vieren am konsequentesten am Auftrag festgehalten und dabei beinahe vergessen, dass ein Auftrag nicht von allein kämpfte.
Aran war schwieriger.
Dem Vhett fehlte es nicht an Eigeninitiative. Ral hatte ihn oft genug erlebt, um das zu wissen. Aran vertraute nur zu sehr darauf, dass eine sauber festgelegte Struktur auch dann noch galt, wenn bereits der erste Mann daraus herausgebrochen war.
„T’ad ca’nara.“ Der Alte hielt zwei Finger hoch. „T’ad. Gar cuyir Cabure. Meh gar ganar alor par cuyir gar at bid ca’nara meg banar, ni ru’ba’jurir gar morut.“ (Zwei Augenblicke. Zwei. Ihr seid Protektoren. Wenn ihr einen Alor braucht, der euch in diesen zwei Augenblicken sagt, was vor euch geschieht, habe ich euch schlecht ausgebildet.)
Keiner erwiderte etwas.
Das gefiel ihm besser als vier eilige Versicherungen, dass man verstanden hatte.
„Aran kyr’adyc. Keld hukaatir kaysh. Jate. Bal gar?“ Er sah Sola an. „Tion gar ru’loyur?“ (Aran fällt aus. Keld deckt ihn. Gut. Und du? Warum hast du gewartet?)
Sola ließ den Blick kurz durch den Korridor gehen.
„Ni ru’mirdir tion cuun plan cuyir ti Aran.“ (Ich habe gedacht, weil unser Plan Aran vorgesehen hatte.)
„Vi plan nu vaabir, gar chaabir bic. Gar nu loyur par vay pehe gar meg at vaabir.“ (Wenn der Plan nicht mehr funktioniert, ändert ihr ihn. Ihr wartet nicht darauf, dass euch jemand sagt, wie.)
Dann wandte er sich Tavi zu. „Gar ru’baatir aka. Jate. A gar nu ru’haa’taylir Sola.“ (Du bist beim Auftrag geblieben. Gut. Aber du hast Sola nicht gesehen.)
Der Ordo nickte zunächst, fing die Bewegung aber noch ab, bevor Ral etwas dazu sagen musste.
Einige der jüngeren Ausbilder hätten vielleicht gelobt, dass die Lektion bereits saß. Ihn interessierte mehr, ob sie beim nächsten Durchgang noch daran dachten.
Er trat aus ihrer Mitte.
„Tug’yc.“ (Noch einmal.)
Beim zweiten Durchgang brauchten sie eine Minute und einunddreißig Sekunden.
Diesmal erwischte der Mandalorianer Tavi, noch bevor sie den ersten Abschnitt vollständig gesichert hatten. Sola übernahm dessen Seite, Aran rückte nach hinten und Keld führte sie weiter, ohne dass jemand nach einem Befehl fragte. Sie lagen damit unter der Vorgabe, was Ral zur Kenntnis nahm und anschließend die Schotts neu stellen ließ.
Der dritte Durchgang zwang sie in zwei engere Korridore, in denen jede Bewegung einer Feuerlinie sofort die des anderen beeinflusste. Sola ging einmal zu früh vor und musste von Tavi zurückgenommen werden, Aran fing dafür Kelds offene Seite auf, ohne dass ihr Ausbilder später danach fragen musste.
Beim vierten Durchgang fiel der interne Funk aus.
Die ersten Sekunden waren entsprechend schlecht.
Keld wartete auf eine Bestätigung, die nicht mehr kommen konnte, Sola erkannte zu spät, dass er überhaupt wartete und Tavi versuchte, den fehlenden Kanal mit Handzeichen zu ersetzen, während Aran bereits zwei Schritte weiter war. Danach fanden sie sich. Die Bewegung wurde langsamer, aber sauberer, bis sie den Kontrollpunkt erreichten.
Ral schaltete den Funk wieder frei.
„Ni nu ru’haa’taylir Keld.“ (Ich konnte Keld nicht sehen.)
Sola kam ihm mit der Erklärung zuvor.
„Gar ru’haa’taylir ni. Gar shi ru’loyur par komlink.“ (Du konntest mich sehen. Du hast nur auf den Komlink gewartet.)
Sola sah Keld an, dann noch einmal zurück auf den Korridor.
„Elek.“
Ral sagte nichts dazu.
Beim fünften Durchgang lag ein Verletzter zwischen zwei Schotts.
Aran sicherte den Zugang, Sola ging hinunter und griff nach dem Mann, der im selben Moment nach ihrer Waffe fasste. Sie brachte ihn zu Boden, doch Keld zog seine Aufmerksamkeit zu lange auf sie und gab die rechte Seite frei.
Ral traf ihn.
Tavi zog Keld aus der Linie und Aran drehte sich zu ihm, anstatt weiter auf den nächsten Befehl zu warten.
Der Vhett blieb stehen.
Ral ließ ihm die Zeit.
„Ni ru’haa’taylir bic.“ (Ich habe es gesehen.)
„Bal?“ (Und?)
Arans Blick blieb auf ihm.
„Ni ru’loyur at gar.“ (Ich habe auf dich gewartet.)
Ral nickte einmal. „Jate.“
Dass ausgerechnet das Lob den Vhett kurz irritierte, war nicht zu übersehen.
„Gar ru’kar’taylir meg morut cuyir. Jii chaabir bic.“ (Du weißt, was falsch war. Jetzt änderst du es.)
Beim sechsten Durchgang wartete Aran nicht mehr.
Der vermeintlich Verletzte bekam seine Waffe nicht einmal vollständig aus dem Holster, bevor Sola ihn kontrollierte. Keld verlor auf der rechten Seite kurz den Überblick, doch Tavi fing den Bereich auf, noch bevor Ral den Winkel nutzen konnte und Aran verschob die Formation, als sich vor ihnen ein Schott schloss, ohne sich vorher nach ihm umzusehen.
Eine Minute und achtundzwanzig Sekunden.
Er ließ das Ergebnis auf der Anzeige stehen und ging zu ihnen.
Der Durchgang war nicht sauber gewesen. Keld hatte eine Feuerlinie zu früh aufgegeben, Tavi war beim zweiten Wechsel weiter von Sola weggeraten, als ihm selbst lieb sein konnte und Arans neue Stellung hatte ihm für einen Moment den Blick auf fast die Hälfte des Korridors genommen. Diesmal benannten sie die Fehler jedoch selbst.
„Keld ru’ruusaanir te tal o’r t’ad baatir.“ (Keld hat beim zweiten Wechsel seinen Bereich verloren.)
Sola nahm ihren Helm ab.
„Ni kar’taylir. Gar ru’gaanar at verda.“ (Ich weiß. Du bist dafür zu weit vorgerückt.)
Keld löste die Verriegelung seiner Trainingswaffe.
„Elek.“
Tavi deutete auf Arans letzte Stellung.
„Bal kaysh ru’choosir morut tal.“ (Und er hat eine schlechte Position gewählt.)
Aran sah noch einmal dorthin, bevor er widersprechen konnte, und ließ es dann bleiben.
Der alte Mann hörte ihnen zu, nahm schließlich den Helm ab und legte den Karabiner in die Halterung an der Wand. Unter der Rüstung hatte die Belastung ihre Spuren hinterlassen. Als er die rechte Hand öffnete, begann sie leicht zu zittern, kaum sichtbar zunächst, dann deutlicher, sobald er die Finger streckte. In Mittel-, Ring- und kleinem Finger spürte er ohnehin nichts.
Er schloss die Hand wieder und überprüfte stattdessen die Verriegelung der linken Armschiene.
Penelo hätte nach dem fünften Durchgang wahrscheinlich bereits gesehen, dass sechs genug waren, und das Ärgerlichste daran wäre gewesen, dass sie recht gehabt hätte. Inzwischen schlug sie ihn seit Jahren im Training häufiger, als ihm lieb sein konnte, was weniger an einem geheimen Nachlassen ihrer Rücksicht und mehr daran lag, dass sie schneller geblieben war, während er es nicht war. Ral hatte irgendwann aufgehört, darin eine Beleidigung zu suchen. Einen Teil ihrer Art zu kämpfen hatte er selbst mitgeformt.
Sola und Keld stritten inzwischen darüber, ob der zweite Wechsel überhaupt noch zu retten gewesen war.
Er ließ sie.
Aran setzte seinen Helm unter den Arm.
„Ni nu ven’loyur at gar tug’yc.“ (Ich werde nicht noch einmal auf dich warten.)
„Gar ven’loyur at ni vi ni cuyir alor.“ Der Mandalorianer sah ihn an. „Nu vi ni cuyir kyr’adyc.“ (Du wirst auf mich warten, wenn ich dein Alor bin. Nicht wenn ich tot bin.)
Aran verzog den Mund.
Keld lachte diesmal offen.
Ral sah zu ihm, doch der Mann hatte wenigstens genug Verstand, nicht so zu tun, als sei nichts gewesen.
„Besbe chaabir.“ (Ausrüstung wechseln.)
Die vier machten sich daran, die Trainingsmodule aus ihren Rüstungen zu nehmen und die normalen Systeme wieder zu aktivieren. Ral war gerade dabei, seinen Helm wieder aufzusetzen, als die Nachricht von der Brücke auf seiner Armschiene erschien.
Der Hyperraumaustritt stand bevor.
Das erwartete Transpondersignal war bereits im Zielbereich erfasst worden.
YT-2400.
Wild Hunt.
Er öffnete die beigefügten Daten noch einmal, obwohl sich seit dem letzten Lesen nichts geändert hatte. Ralltir wollte einen längerfristigen Vertrag und hatte genug über Schutzaufgaben, feste Verfügbarkeiten und gemeinsame Sicherheitsinteressen geschrieben, um deutlich zu machen, dass es nicht um eine einzelne Eskorte ging.
Wie viele Männer wollte man tatsächlich?
Für wie lange?
Wer gab ihnen im Einsatz Befehle?
Und wichtiger noch, was geschah, wenn die Interessen des Auftraggebers und die des Hauses A’kazz nicht mehr dasselbe verlangten?
Darüber würde man sprechen müssen. Gerade der letzte Punkt war keiner, den Ral anderen überlassen wollte, und nur weil ein Vertrag Credits auf die eine und bewaffnete Mandalorianer auf die andere Seite schrieb, bedeutete das noch lange nicht, dass der Käufer damit auch ihren Gehorsam erwarb.
Er schloss die Nachricht.
„Keld, Aran. Bereitschaftsbereich. Sola, Tavi, ti ni.“ (Keld, Aran. Bereitschaftsbereich. Sola, Tavi, mit mir.)
Die Antwort kam gleichzeitig.
„Elek.“
Die Jai’Galaar fiel aus dem Hyperraum, noch während sie den Verbindungsgang hinuntergingen. Das vertraute Brummen der Maschine veränderte sich, auf Rals HUD verschwand das Blau des Hyperraums und wenige Augenblicke später erschien die Kennung der Wild Hunt in einiger Entfernung vor ihnen.
Tavi warf einen Blick auf die Daten.
„Aru’e?“ (Feind?)
„Nayc. Aruetii.“ (Nein. Eine Außenstehende.)
Tavi ließ sich mit der Antwort offenbar nicht vollständig zufriedenstellen.
„Bal Black Sun.“
Ral sah ihn kurz an.
„Elek.“
Mehr änderte das im Augenblick nicht.
„Aruetii nu cuyir aru’e. A gar hukaatir cuun yaim bal gar nu shukur at kaysh at cuyir vod.“ (Eine Außenstehende ist kein Feind. Aber ihr sichert unser Schiff und ihr vergesst darüber nicht, dass sie keine von uns ist.)
Tavi nickte.
Diesmal störte es ihn nicht.
Die Flugkontrolle führte den Frachter an die seitliche Schleuse der Korvette und als sie dort ankamen, war das Andockmanöver bereits fast abgeschlossen. Sola und Tavi stellten sich einige Schritte hinter Ral, ihre Waffen gesichert und die Helme aufgesetzt, während Ral seinen eigenen wieder abnahm und unter den linken Arm klemmte.
Auf dem Kontrollfeld neben dem Schott wechselten die Anzeigen nacheinander.
Die Verbindung stand.
Der Druck war ausgeglichen.
Das Schott öffnete sich und wenig später war auch auf der anderen Seite Bewegung zu erkennen.
Ral wartete, bis die ihm angekündigte Chiss in der Schleuse erschien.
„Etara. Ralltir hat Ihre Ankunft angekündigt. Ral A’kazz. Willkommen an Bord der Jai’Galaar.“
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